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Max-Brauer-Gesamtschule Hamburg
Eine pädagogische Erfinderwerkstatt

Von Hilde Frye

Es begann mit einem Traum

Mehr als vier Jahre war an der Max-Brauer-Schule in Hamburg zunächst geträumt und dann geplant worden. Einige  Pädagogen hatten eine „Traumgruppe“ gegründet mit dem Ziel, sich, losgelöst vom schulischen Alltag, Gedanken darüber zu machen, wie denn die Schule der Zukunft aussehen könnte. Es wurde diskutiert und phantasiert. Man besuchte Schulen im In- und Ausland, auf der Suche nach Modellen, die dem Ideal der Gruppe nahe kamen. Neue Wege wurden gesucht, wie Unterricht noch besser den Schüler erreichen könnte. Und als die „Traumgruppe“ schließlich ihre Arbeit beendet und das Konzept dem Kollegium vorstellte, mußte keine lange Überzeugungsarbeit geleistet werden. „Die Mehrheit war sofort dafür“, sagt Lehrer Karlheinz Goetsch. Schulleiterin Barbara Riekmann erklärt diese Offenheit gegenüber Neuem damit,  dass es in der Tradition der Schule läge, sich immer wieder mit anderen Formen des Lernens zu beschäftigen. So orientiere sich der Unterricht der Grundschüler der Max-Brauer Gesamtschule seit 20 Jahren an den Prinzipien der aus Frankreich stammenden Freinet-Pädagogik: Freie Entfaltung der Persönlichkeit, kritische Auseinandersetzung mit der Umwelt und Selbstverantwortlichkeit des Kindes. Und seit 15 Jahren wählen die Schüler in der gymnasialen „Profil-Oberstufe“ nicht mehr nur einzelne Kurse sondern Fächerpakete. Auch das fördere ihre  Eigenständigkeit und gewährleiste eine bessere Vorbereitung auf Studium und Berufsausbildung.

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Karlheinz Goetsch und Schulleiterin Barbara Riekmann

Die Bestätigung dafür, dass diese Schule in Hamburg-Altona mit rund 1200 Schülern und über 90 Lehrkräften auf dem richtigen Weg ist, kam im letzten Dezember: Die Max-Brauer Gesamtschule wurde mit dem Deutschen Schulpreis 2006 ausgezeichnet. In der Laudatio wurde sie als eine „pädagogische Erfinderwerkstatt“ charakterisiert.


Keine Fächer mehr

„Wir sind nicht Ganztagsschule geworden um nur Ganztagsschule zu sein,“ sagt Barbara Riekmann pragmatisch, „sondern auch um Lernprozesse neu zu rythmisieren.“
Im Jahre 2005 begann man mit der Umsetzung der Planungen des Kollegiums. Dies war gleichzeitig der Schritt zum Ganztag, der ab der Jahrgangsstufe 5 für die kommenden Jahre aufwachsend als gebundene Form konzipiert ist. 45-Minuten–Stunden gibt es nicht mehr. Die Unterrichtseinheiten dauern zwischen 90 Minuten und 2 1/4 Stunden. Und gelernt wird nicht mehr in Fächern sondern in fächerübergreifenden Zusammenhängen. Deshalb finden sich auf dem Stundenplan dieser Klassen auch keine Begriffe mehr wie Deutsch, Bio oder Musik. Der Unterricht an der „Neuen MBS“  steht auf drei Säulen: Das „Lernbüro“ mit 11 Stunden pro Woche. Hier wird eigenständiges Lernen gefordert. Im „Projektlernen“ mit 12 Stunden wird handlungs- und ergebnisorientiert gearbeitet. In den „Werkstätten“ mit 8 Stunden pro Woche steht schließlich das interessegeleitete Lernen in Kunst, Musik und Sport im Vordergrund. Jeder Schultag beginnt mit einer sogeannten E-Phase. In dieser Eingangs-Phase haben die Schüler Zeit anzukommen. In einem Morgenkreis besprechen sie, was anliegt für den Tag, ob es Probleme gibt. Am Ende einer jeden Woche steht auf dem Stundenplan die  Abschlußphase. In dieser letzten Stunde am Freitag wird nochmal Bilanz gezogen: Was ist erreicht worden in der Woche? Was war gut? Was nicht? 

Lernbüro: Mit Navigationsgerät durch den Lehrplan  

Hinter dem Begriff Lernbüro verbergen sich die Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch. Der Unterricht verläuft in verschiedenen Phasen. Zur Einführung eines neuen Themas steht der Lehrer im Mittelpunkt. Doch dann übernimmt er eher eine beratende Funktion. Um die Schüler zu selbstständigem Lernen zu motivieren, werden sie von Anfang an in die Planung des Unterrichts mit einbezogen. Ihr Navigationsgerät ist das sogenannte Kompetenzraster. Darin sind die Fähigkeiten – abgeleitet von den Bildungsplänen – die ein Schüler im Laufe einer Woche, eines Monats,  eines Halbjahres erlangen sollte, gestaffelt und klar beschrieben. Im Fach Englisch geht das zum Beispiel von: „Ich kann kurze, einfache Sätze schreiben“ bis „Ich kann klar, flüssig und stilistisch dem jeweiligen Zweck angemessen schreiben.“

Die Schüler machen sich selber am Anfang eines jeden Tages und am Anfang einer jeden Woche einen Arbeitsplan für das Lernbüro. Dafür führen sie ein Lerntagebuch, in das sie ihre Aufgaben eintragen und am Ende der Woche gucken sich das der Lehrer und auch die Eltern an.  Ausserdem achtet der Lehrer darauf, dass in allen Fächern gearbeitet wird. Um zu überprüfen, wie weit der Stoff verstanden wurde, bekommt der Schüler Checklisten, mit denen er sich selber testen kann und mit deren Hilfe er die nächsten Kompetenzstufen mit seinem Lehrer bespricht. Hat er einen Lernschritt aus dem Kompetenzraster erfolgreich absolviert, darf er sich dafür einen grünen Punkt einkleben. Beherrscht er eine ganze Einheit, gibt es einen roten Punkt.  Hat sich ein Schüler zum Beispiel für die Kompetenz „Ich kann Brüche multiplizieren“ einen grünen Punkt gegeben, dann muss er das auch mit einem Test nachweisen. Ausserdem kann er im Laufe eines Schuljahres zusätzliche Scheine (Zertifikate)  sammeln. Die gibt es für Referate, selbst gefertigte Mappen und kleine Präsentationen.

Freude statt Noten

„Wie schafft Ihr das, dass schon ein Fünftklässler eigenständig für Deutsch, Mathematik und Englisch lernt?“ Fragen wie diese hören Barbara Riekmann und ihr Kollegium oft von Besuchern, die sich für das neue Konzept der Schule interessieren. Lehrer Karlheinz Goetsch antwortet mit einem Beispiel aus dem Kompetenzraster: „Da steht: `Ich kann mich im Zahlenraum von 1 bis 1000 bewegen`. Aber erst, wenn der Schüler die dazugehörige Checkliste bearbeitet hat, geht, wie im Adventskalender das Türchen auf, und dahinter stehen die Punktzahlen, d.h. wieviel grüne Punkte er sich dafür einkleben kann. Ziel des Lernens sei eben nicht die Zeugnisnote am Ende eines Schuljahres sondern die Freude über die täglich gemachten Schritte. Für die Jahrgänge 5 und 6 gibt es noch keine Zeugnisnoten, sondern regelmäßige Eltern-Lehrer-Schüler- Gespräche und am Ende des Jahres vom Lehrer einen  Lern-Entwicklungsbericht. Darin werden die einzelnen Kompetenzen dargestellt, was, in welchen Fächern und wieviel ein Schüler geleistet hat. Um aber die Schüler langsam zu einer Benotung hinzuführen, die ab der 9. Klasse Pflicht ist, wird zur Zeit überlegt, ob man ab der 7. Klasse schon mal Noten dazustellt.

Endlich Ruhe

Bei einem Gang durch die Schule fällt einem schnell auf, dass hier vieles  anders ist. Ruhiger, entspannter. Auf den Fluren stehen Tische, an denen auch Schüler arbeiten, die Türen zu den Klassenzimmern sind geöffnet. Davor stehen Schuhregale mit selbstgemalten Schildern: Schuhe aus! In der 6E herrscht eine konzentriert-lebhafte Arbeits-Atmosphäre. „Lernbüro“ steht auf dem Stundenplan. Die Schüler sitzen an Vierertischen, die um die Raummitte herum angeordnet sind. Sie reden leise miteinander oder arbeiten für sich. Einige fragen sich gegenseitig Vokabeln ab, ein Junge erklärt einem anderen eine Matheaufgabe. „Dafür ist mein Freund besser in Englisch.“ Und Viktoria klebt gerade einen grünen Punkt in ihre persönliche Kompetenzliste. Die Konjunktionen sind gerade dran. Hinter ´Ich kann schon einfache kurze Gedichte verstehen` und ´Ich kann kurze Gedichte aufsagen` klebt bereits ein roter Punkt. „Das kann ich, das ist abgehakt,“ sagt die Schülerin. In einer Ecke des Klassenzimmers steht ein gemütliches Sofa, davor ein Regal mit Büchern. In einer anderen Ecke steht ein Computer, den die Schüler bei Bedarf für ihre Arbeit nutzen können. Viktoria findet vor allem gut, dass es so ruhig ist in der Klasse. Und dass sie, wenn sie etwas nicht versteht, jederzeit entweder zum entsprechenden Fachlehrer in eine der Nachbarklassen gehen kann oder ihre Klassenlehrerin fragen kann.

Die Gespräche mit den Schülern, das Eingehen auf ihre ganz speziellen Fähigkeiten, das sei zwar anstrengend und koste viel Zeit, sagt Klassenlehrerin Nicole Schelle.  Aber sie habe sich bewußt für eine engagierte Schule entschieden und schätze diesen individualisierten Unterricht. „Sonst hat man ein Thema durchgenommen, eine Arbeit geschrieben ist zum nächsten übergegangen.“ Und oft habe erst eine Fünf im Zeugnis den nötigen Druck beim Schüler erzeugt oder ihn gänzlich demotiviert. An der Max-Brauer-Schule arbeitet jeder Schüler in seinem Tempo, bis er es wirklich verstanden hat. Versetzungen gibt es nicht. In ihrer 6. Klasse gibt es einige Schüler, die noch am Stoff von Klasse 5 sitzen, aber eben auch Schüler, die schon auf dem Niveau von Klasse 7 arbeiten.

Projektlernen: Sechs Wochen für ein Thema

Im Gegensatz zum Lernbüro beschäftigen sich die Schüler im Projektlernen gemeinsam mit einem Thema. In der Projektarbeit, sagt die Schulleiterin Barbara Riekmann, hätte das Kollegium der Schule viele Jahre Erfahrung. Aber bisher hatte zum Beispiel der Politiklehrer bei dem Projekt „Kinder dieser Welt“ immer nur zwei Stunden im Stundenplan Zeit, dann mußte er die Projektarbeit abbrechen. Jetzt hätten die Kollegen zwar nicht mehr Zeit insgesamt, aber die Zeit ist gebündelt. Jedes Projekt an der „Neuen MBS“ bekommt sechs Wochen, 72 Unterrichtsstunden. Im Projektlernen wird fächerübergreifend vor allem in Politik, Geschichte, Erdkunde, Arbeitslehre, Religion und in den Naturwissenschaften gearbeitet.

Steht in Klasse 6 zum Beispiel das Projekt „Die Elbinsel Pagensand“ auf dem Plan, dann wird in Deutsch „Der Schatz auf Pagensand“ von Uwe Timm gelesen, in Kunst werden Strandcollagen angefertigt, in Physik wird der Umgang mit Kompass, Sternzeichen und nautischen Begriffen gelehrt und in Biologie lernen die Kinder die Fische der Elbe kennen. Die Schulstunden für das Projektlernen werden so strukturiert, dass es möglichst viele an einem Tag sind, zwischen fünf und sechs. „Auch deshalb sind wir Ganztagsschule geworden, um in solchen Zeiteinheiten arbeiten zu können,“ sagt Barbara Riekmann. Am Ende eines jeden Projektes werden die Ergebnisse öffentlich gemacht und Mitschülern, Eltern und Lehrern präsentiert. Dabei sollte die Anstrengung der Schüler nicht nur auf eine gute Bewertung zielen, sondern auch darauf, dass die Zuschauer von ihren Vorträgen, Fotos, Zeichnungen und Grafiken noch etwas lernen können.

Werkstätten: Ein bunter Mix 

Das Besondere an der neuen Struktur des Ganztagsunterrichts ist für Barbara Riekmann das Werkstattangebot. Dieser bunte Mix aus „Meistern“, die insgesamt über 40 verschiedene Angebote machen, sei richtig gut. Lehrer, Schüler und Studenten, Eltern, die ehrenamtlich und als Honorarkräfte arbeiten, bieten von Cheerleading bis Web-Design, von Flugzeugmodellbau bis Gebärdensprache alles an. Hinzu kommen die Angebote der zahlreichen  Kooperationspartner. Das sind Vereine und soziale Einrichtungen aus dem Stadtteil.  Vor allem für die Vereine sei die Zusammenarbeit mit der Schule inzwischen eine win-win-Gemeinschaft geworden. „Seitdem wir Ganztagsschule sind,“ erklärt Karlheinz Goetsch, „konnten viele Kinder nachmittags nicht mehr in den Sportverein oder zur Jugendmusikschule gehen.“ Die Schule beantragte bei der Behörde eine Förderung. Für die bewilligten 7000 Euro bezahlte sie den Kindern ein halbes Jahr die Mitgliedschaft in einem Verein und danach konnten sie entscheiden, ob sie bleiben oder nicht. Im Gegenzug verpflichtet sich der Verein, die Betreuung zu übernehmen.
Für spezielle Angebote, wie zum Beispiel  Förderkurse in Deutsch für Migrantenkinder, nutzt die Schule gern das Netzwerk der Hamburger Serviceagentur. Barbara Riekmann: „Von dort bekomme ich viel  Unterstützung. Und alles ist sehr unkompliziert. Das kann ich nur loben! Im Netzwerk der Serviceagentur versammeln sich viele Honorarkräfte, die schon erprobt und sehr erfahren sind.“

Dem Lernen Zeit geben

Die Max-Brauer-Schule in Altona liegt in einem Stadtteil, der mit einem Sechstel den gleichen Ausländeranteil hat wie die Bundesrepublik. Und auch die Schule möchte sich dieses Verhältnis bewahren. Andererseits weiß das Kollegium, dass gerade die Eltern ausländischer Kinder den neuen Lehrmethoden gegenüber skeptischer sind als deutsche Eltern. Deshalb warb die Schule vor kurzem in der türkischen Tageszeitung „Hürrieyet“ für sich. Mit Erfolg. Die Anmeldungen türkischer Kinder stiegen. Ausserdem bietet die Schule Türkischkurse und beschäftigt eine türkische Lehrerin sowie eine Sozialpädagogin. Auch das verstehen die Lehrer der Schule unter individualisiertem Unterricht. „ Individualisiertes  Lernen ist das Lernen der Zukunft,“ sagt Barbara Riekmann. Das sage ja auch die Politik, und zwar durch alle Parteien. Aber das kostet Zeit. „Dem Lernen Zeit geben,“ sagt die Schulleiterin,  „das machen wir mit unseren Schülern. Nur sind die Lehrer sehr stark, manchmal zu sehr gefordert, weil sie den Prozeß betreiben und evaluieren müssen, aber leider die Bedingungen dafür nicht ausreichen. Die Lehrer haben ein wirklich großes Lob für diese zukunftsweisende Arbeit verdient.“ 

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Text: Hilde Frye
Datum: 11.04.2007
© www.ganztaegig-lernen.de



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