
Eine für alle

von Hilde Frye
Ausgezeichnet – Porträt der Hamburger Ganztagsschule St. Pauli
Zuerst waren die Schüler der 6. Klasse der Ganztagsschule St. Pauli geschockt, als Yesim, ihre Klassensprecherin, morgens weinend in die Klasse kam. Doch nachdem das türkische Mädchen sich beruhigt hatte und erzählte, was passiert war, wurde aus Ratlosigkeit schnell Entschlossenheit.
Yesim ist vor 13 Jahren aus der Türkei nach Hamburg gekommen. Damals war ihre Mutter vor einem gewalttätigen Ehemann geflohen und hatte für sich und ihr Baby bei Verwandten in der Hansestadt Zuflucht gefunden. Später hatte sie noch ihren älteren Sohn nachgeholt. Seitdem lebte die kleine Familie in der Illegalität. Bis zu dem Morgen, als plötzlich die Polizei vor der Tür stand: Die Behörde verlangte die sofortige Abschiebung der Mutter und ihrer zwei Kinder.
Yesim geriet in Panik und floh in die Schule. Nachdem sie sich ihren Klassenkameraden anvertraut hatte, stand für die Schüler fest: „Yesim gehört zu uns! Yesim muss bleiben!“
Was dann folgte, war ein Lehrstück über Zivilcourage und soziale Kompetenz, begleitet von einem enormen Medienrummel. Die Schüler sammelten Unterschriften, überreichten im Rathaus eine Petition und veranstalteten einen Sponsorenlauf, um so der Mutter von Yesim die Anwaltskosten zu finanzieren. Und sie gewannen: Nicht nur dürfen Yesim und ihre Mutter bleiben, bis das Mädchen 18 ist. Sondern die Klasse wurde auch noch mit dem Bertini-Preis ausgezeichnet. Jedes Jahr wird dieser Preis jungen Menschen verliehen, „die sich für ein gleichberechtigtes Miteinander von Menschen in der Stadt einsetzen und ihrer Ausgrenzung entgegentreten“, so die Begründung der Jury.
Was das mit Ganztagsschule zu tun hat? Gerald Pump-Berthé, seit sieben Jahren Schulleiter der integrierten Haupt- und Realschule St. Pauli, lacht und sagt: „Wissenschaftlich kann ich das nicht erklären. Aber es ist doch logisch, wenn sich eine Gruppe so lange kennt, jeden Tag miteinander isst, zusammen lernt und die Freizeit verbringt, entsteht doch ein ungeheures Zusammengehörigkeitsgefühl.“
Schulalltag zwischen Attraktionen
Seit 1994 bietet die Schule den Ganztag an. Mit 310 Schülern, 33 Lehrern, drei Erzieherinnen, zwei Sozialpädagogen, zwei Referendaren und vielen Honorarkräften ist sie eine der kleinsten Ganztagsschulen in der Hansestadt. Von der 1. bis zur 10. Klasse ist die Schule fast durchgängig einzügig. Der Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund liegt nach Pass bei 40 Prozent, nach Herkunft bei 80 Prozent. Eigentlich sind alle Länder dieser Welt in der Schule vertreten. Die Türkei stärker, Afrika weniger, was Gerald Pump-Berthé bedauert, denn für ihn „macht es die Mischung noch bunter“. Von den Zahlen her, so der Schulleiter, seien sie entbehrlich, aber für den Stadtteil nicht. 300 Schüler wären bei den derzeit rückläufigen Zahlen sicher schnell in anderen Schulen untergebracht. Und bei dieser 1A-Lage der Schule am Elbhang mit ihrem malerischen Blick auf vorbeiziehende Ozeandampfer und Ausflugsboote geriete jeder private Investor sofort ins Schwärmen. Aber im Rücken der Schule liegt die Reeperbahn und für viele der Kinder, die in diesem Milieu von Drogen, Gewalt und Prostitution aufwachsen, ist die Schule St.Pauli mehr als nur ein Ort des Lernens, sie ist ein sicherer Hafen.
Alles dreht sich ums Essen

Wesentlicher Grund für den Schritt zum Ganztag war damals die Ambition der Schule, die Kinder von der Straße zu holen und auch dafür zu sorgen, dass sie wenigstens einmal am Tag eine warme Mahlzeit bekamen. Das engagierte Kollegium der Ganztagsschule St. Pauli hat in den letzten Jahren aus dieser Not ein vorbildliches Modell gemacht. Weil die angelieferten Gerichte den Schülern irgendwann nicht mehr schmeckten, wurde ab der 5. Klasse Kochen zum Wahlpflichtfach erhoben. Heute bekochen sich Klassen gegenseitig im Wechsel an den so genannten Werkstatt-Tagen. Jeweils ein Drittel eines Jahrgangs nennt sich in der Zeit Schülerfirma „SchüFi 1“ und ist verantwortlich für die Küche, während die anderen Schüler in dieser Zeit in Computer- und Kunstkursen arbeiten. Darüber hinaus, weil die Nachfrage so groß war, als Berufsvorbereitung und weil die Schule auf Praxislernen möglichst in Echtsituationen setzt, gründete sich in St. Pauli eine zweite Schülerfirma: „SchüFi 2“ bietet Catering an für Hochzeiten, Firmen- oder Stadtteilfeste. „Wer zur SchüFi 2 gehört und deren Schürze trägt, ist wichtig“, heißt es an der Ganztagsschule St. Pauli. Das unterstützt die Integration von Schülern aller Begabungen und Sprachfähigkeiten ungemein.
Durchhaltetraining fürs Berufsleben
Die zweite wichtige berufsvorbereitende Maßnahme ist das Projekt „Peilung“. Im jeweils zweiten Halbjahr der 9. Klasse und im ersten Halbjahr der 10. Klasse gehen die Schüler zwei Tage pro Woche in Betriebe, die sie sich nach Möglichkeit selber suchen. Das können Kindergärten, Fabriken oder auch Einzelhandelsunternehmen sein. Hier bekommen die Schüler erste Eindrücke vom Berufsleben. Und hinter den Kulissen stehen Schule und die Betriebe in engem Austausch. „Also, wer in einem Betrieb z. B. dreimal zu spät kommt, raus fliegt und sich eine neue Stelle suchen muss, lernt etwas fürs Leben.“ so Pump-Berthé. Aber auch hier wird der Leitgedanke, nach dem die Schule arbeitet, deutlich: Lernen erfolgt am besten in Realsituationen. „Schule heißt aber auch, den Kindern ein sicheres Netz zu geben. Und erste Erfahrungen, die sie aus der Sicherheit der Schule heraus mit dem Beruf machen, wie z.B. den Umgang mit Kollegen oder das Einhalten von Terminen, müssen sie später als Auszubildende nicht mehr machen. Dann wären die Konsequenzen viel härter.“ Es sei zwar nicht so, dass aufgrund dieser frühen Berufs-„Peilung“, St. Pauli-Schüler nun eher als andere einen Ausbildungsplatz bekämen, so der Schulleiter, aber bei der Suche danach sind sie beharrlicher. Denn sie haben Durchhaltevermögen trainiert.
Starke Partner für ein starkes Netz

Die Hamburger Drogeriekette Budnikowski ist ein wertvoller Kooperationspartner für die Schule. Nicht nur erhalten Schüler, die in den Filialen erste Berufserfahrung sammeln, eine kompetente Begleitung, sondern das Unternehmen setzt sich auch für den Erhalt der so genannten Quartiersschulen ein. In der ganzen Stadt werden so genannte „Budni-Foren“ veranstaltet, auf denen Pädagogen, Politiker, Eltern und Schüler sich austauschen können. „Gerade in kleinen Schulen“, sagt Budnikowski-Geschäftsführer Cord Wöhlke, „ist schnelles Reagieren möglich. Jedes Kind wird mitgenommen. Die Durchsetzung von Zielen kann besser beobachtet werden.“
Wohl aus diesem Grund hat sich das Kollegium an der Schule St. Pauli trotz fehlender Entlastungsstunden auch fest in den Stundenplan eingebaute Koordinationszeiten gewünscht. So tauschen sich alle Lehrer eines Jahrgangs jede Woche über ihre Schüler oder Probleme der Klasse aus. Dieses feste Netz, von dem die Schüler in der Schule getragen werden, wird aber auch über den Schulhof hinaus über den ganzen Stadtteil gespannt und gibt den Schülern Sicherheit. Im Laufe der Jahre hat die Schule enge Kontakte geknüpft zu Kirchengemeinden und Polizeiwachen, zur Drogenberatung wie zum Fanclub des FC St. Pauli, zu Sozialstationen wie zu Bauspielplätzen. „Und wenn der Klassenlehrer dann einem Schüler sagt: ‚Der Pastor hat dich gestern auf dem Friedhof kiffen gesehen’, dann macht das einen enormen Eindruck auf den Schüler“, erklärt Pump-Berthé, „und wir Lehrer können sofort reagieren, bevor aus einer Mutprobe ein handfestes Problem wird.“
Die Freiheit der Wahl
Zunächst war die Schule St. Pauli als offene Ganztagsschule gestartet. Doch schnell zeigte sich, dass viele Jugendliche aus dem Problemstadtteil das Schulgelände auch in ihrer Freizeit ansteuerten. Dann doch lieber die Freiheit, unter guten Angeboten wählen zu können, als nur zwischen „Rumhängen oder Fernsehgucken“ zu entscheiden, beschloss das Kollegium und stellte um auf gebundene GTS. Heute gibt es von Bodybuilding bis Zirkus, von Streetsoccer bis Rockmusik eine bunte Mischung von jugendgerechten Angeboten. Darüber hinaus werden besonders begabte Kinder extra gefördert in Schachclubs oder Wissens-Spielen. Damit all das aber auch möglichst viele Anwohner des Stadtteils mitbekommen, startete die Schule im letzten Jahr eine Image-Kampagne (s. Fotos). Die Serviceagentur Hamburg konnte eine Werbeagentur gewinnen, die Plakate mit ungewöhnlichen Foto-Motiven entwarf, auf denen Schüler und Lehrer „GANZ bunt“, „GANZ lecker“, GANZ schlau“ auf unkonventionelle Art für ihre Schule werben.
Mit Mitteln der Werbung
„Die Hamburger Serviceagentur ‚Ganztägig lernen’“, sagt Gerald Pump-Berthé, „hat uns schon mit vielen Ideen, vor allem im Werbebereich, tatkräftig mit viel Know-How unterstützt.“ Aufgrund zahlreicher gezielter Werbemaßnahmen gelang es der Schule im letzten Jahr, rund 50.000 Euro als Drittmittel an die Schule zu holen. Außerdem half die Agentur bei der Gestaltung der Homepage, der Verabschiedung des Leitbildes auf der letzten Ganztagsschul-Konferenz und bei der Vernetzung mit anderen Schulen. Die kommen oft auch, so der Schulleiter, „um sich von uns etwas abzugucken.“ Die häufigste Frage, die dem Team von St. Pauli gestellt wird, ist die, wie Lehrer mit der Mehrbelastung fertig werden und ob man nicht ständig zerstückelte Tage hätte. Der erste Schritt, so die Erfahrung der GTS-Experten, seien Arbeitsräume für die Lehrer und bei richtiger Stundenplan-Koordination hätte man – im Gegenteil – eher mal einen ganz Tag frei als nur zwei Unterrichtsstunden am Tag.
Keine Utopie

Doch die Schule plagen noch ganz andere Sorgen: Die Kollegen möchten sich wieder mehr auf pädagogische Themen konzentrieren und sich nicht soviel um Werbung kümmern. Schätzungsweise 30 Prozent der Arbeitskraft allein der Schulleitung gehen im Jahr dafür drauf. Und trotz aller Bemühungen muss die Schule jedes Jahr aufs Neue um ihre Existenz fürchten. Denn die Zahl der Schüler, die nach der Grundschule auf Gymnasien oder Gesamtschulen abwandern, ist manchmal zu groß. Um diesen Trend aufzuhalten, hat die Schule den Antrag gestellt, ab dem Schuljahr 2007/08 jahrgangsübergreifend zu arbeiten. Ziel der geplanten Entwicklung ist es, eine Schule zu schaffen, in der jeder Schüler seinen Fähigkeiten entsprechend individuell gefördert und gefordert wird – und in der die Arbeit noch mehr Spaß macht. Weil die Lernergebnisse der Schüler in altersgemischten Gruppen bisher durchweg positiv waren, sollen in Zukunft die Jahrgänge 5,6,7 und die Jahrgänge 8,9,10 in allen naturwissenschaftlichen Fächern (Biologie, Physik, Chemie) sowie in den Gesellschaftswissenschaften (Erdkunde, Politik, Geschichte) gemeinsam in Projekten unterrichtet werden. Außerdem wird es zwei neue Bereiche geben, Arbeit und Alltag. Nur der Unterricht in Deutsch, Englisch und Mathematik bleibt in den Klassen. Die Arbeit in Projekten soll die Eigenverantwortung der Schüler stärken und sie wird den Lehrern noch mehr die Möglichkeit geben, sich untereinander auszutauschen.
Die Vision, die Gerald Pump-Berthé von der idealen Stadtteil-Schule in einer Metropole wie Hamburg hat, ist gar nicht so utopisch: „Mehrere Grund-, Haupt- und Realschulen tun sich zusammen. Jede behält ihr eigenes Profil und die Fähigkeit, auf ihren Stadtteil zu reagieren. Ab der 9./10. Klasse bilden diese Schulen dann eine gemeinsame Oberstufe. Platz ist genug vorhanden. Das könnte Ressourcen sparen, die Behörde spart und die Schüler verlieren nicht ihre Bezugspunkte.“
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Text: Hilde Frye Fotos: Hilde Frye Datum: 16.04.2007 © www.ganztaegig-lernen.de
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