Fachtagung „Ganztag zwischen den Meeren“

Ein Schaufenster des Ganztags in Schleswig-Holstein Eine Reportage von Heike Wells
Zu einem Schaufenster des schulischen Ganztagsangebotes in Schleswig-Holstein und der unzähligen Themen rund um den Ganztag geriet die Tagung „Ganztag zwischen den Meeren“. „Impulse für Qualität“ hieß das Motto, dem sich an die 400 Interessierte in Vorträgen, Diskussionsrunden, Foren, Präsentationen und in regem Austausch einen Nachmittag lang intensiv widmeten.
„Ganztag zwischen den Meeren“ ist die zentrale Fachtagung, die die Serviceagentur „Ganztägig Lernen“ in Kooperation mit den Landesministerien für Bildung und Frauen sowie für Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend und Senioren und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung für alle ausrichtet, die in Schleswig-Holstein mit dem Ganztag befasst sind: Vertreter aus den Schulen wie LehrerInnen und Eltern, der vielfältigen außerschulischen PartnerInnen wie Vereine und Verbände, von Kommunen, Verwaltungen, Jugendhilfe und anderen Institutionen. Immerhin haben sich zwischen Handewitt und Wedel seit dem Jahr 2003 386 Schulen „auf den Weg gemacht hin zur offenen Ganztagsschule“, wie Maren Wichmann von der Serviceagentur zur Begrüßung erklärte. Und die Dynamik sei ungebrochen.
Qualität in den Mittelpunkt stellen!
„Qualitätsentwicklung braucht Impulse, und die wollen wir heute geben“, kündigte Wichmann an. Für eine gute Ganztagsschule gebe es keine verbindlichen Standards – aber viele Kriterien. Erwerb von Wissen, Lern- und sozialer Kompetenz gleichermaßen, der Wechsel von Spannung und Entspannung, die Verknüpfung von Vormittag und Nachmittag gehörten dazu, die Öffnung der Schule nach außen, Partizipation für die SchülerInnen. Denn in der offenen Ganztagsschule, so Wichmann, „stimmen die Kinder spätestens am Nachmittag mit den Füßen ab“.

Der Staatssekretär im schleswig-holsteinischen Bildungsministerium Dr. Wolfgang Meyer-Hesemann sieht gerade hier eine der großen Herausforderungen – in der Aufgabe, diejenigen wirklich zu erreichen, die die Angebote der offenen Ganztagsschule am dringendsten brauchen. Generell jedoch sei Schleswig-Holstein in Sachen Ganztag „auf einem guten Weg“, sagte er in der von der Journalistin Annette Eversberg moderierten Eröffnungsrunde. Brisant ist allerdings, wie sich gleich zu Beginn zeigte, das Thema Kosten: Während in einigen Schulen das Ganztagsprogramm – vom Mittagessen abgesehen – kostenfrei bleibt, erheben andere Elternbeiträge, den Angaben zufolge zwischen 20 und 80 Euro monatlich.
Multiprofessionalität
Wiederholt hervorgehoben wurden in der Eröffnungsrunde die positiven Effekte, die sich aus der Öffnung der Schulen durch die zusätzlichen Nachmittagsangebote und durch die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern ergeben. So erklärte Dorothea Berger aus dem Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familien, Jugend und Senioren, Jugendarbeit und Jugendhilfe orientierten sich „an der Lebenssituation des Individuums, und dieser Blickwinkel kommt den Schulen zugute“. „Multiprofessionalität“ war das Stichwort der Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung Dr. Heike Kahl in diesem Zusammenhang:
Die offene Ganztagsschule orientiere sich nicht allein an den Lehrern, sondern hier kämen viele verschiedene Sichtweisen zusammen. „Mit dieser Art von Schule zieht ein ganz anderes Denken ein.“ Zentral sei dabei die Bewegung „weg vom Zuständigkeitsdenken hin zu den Fragen: Wer hat die Verantwortung für ein Kind? Wie kann man eine Verantwortungsgemeinschaft bauen?“

Forum „Jedes Kind ist besonders – Vielfalt und stärkenorientierte Pädagogik“ mit Referentin Dr. Anja Durdel
„Ganztagsschule der Zukunft“
Mit Ideen dazu, wie die „Ganztagsschule der Zukunft“ aussehen könnte, griff Prof. Dr. Astrid Kaiser von der Universität Oldenburg in ihrem Vortrag den Aspekt der Qualität wieder auf und zitierte den Pädagogen Reinhard Stähling mit den Worten, eine gute Ganztagsschule sei so, „als wäre ständig Klassenfahrt“. Soll heißen: Sie müsse eine Verbindung von Leben und Lernen bieten, einen gemeinsamen Alltag, gemeinsame Erfahrungen sowie Verlässlichkeit. Als weitere Faktoren für die ideale Ganztagsschule nannte die Erziehungswissenschaftlerin: Raum für forschendes Lernen, für Rollenspiele und Recherche, für Kunst und Kultur, für Bewegung und Versteck, für Ruhe und Spiel, für neue Erfahrungen und, nicht zu vergessen, für Feste und Feiern.
Jedes Kind ist besonders
Eine Mischung aus fachlicher Einführung, Praxisberichten und Diskussion boten die vier parallelen Foren. Konzentriert und sachkundig ging es zum Beispiel im Forum 3 zum Schwerpunkt „Rhythmisierung“, also zu zeitlichen Strukturen in der Ganztagsschule, zu. Nicole Kummer vom Institut für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund lieferte den wissenschaftlichen Rahmen, Praktiker von zwei Bad Oldesloer Schulen Einblicke, wie sie die Zeitstrukturen am Vor- und Nachmittag neu und bedürfnisgerecht gestalten.
Ähnlich die Stimmung im Forum 4 unter dem Titel „Jedes Kind ist besonders – Vielfalt und stärkenorientierte Pädagogik in der Ganztagsschule“ mit Dr. Anja Durdel von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung als Referentin und im Forum 1 zum Thema „Partizipation von Kindern und Jugendlichen im Ganztag“ mit Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker von der Universität Hamburg als Referent und Schülervertretern als engagierten Gesprächspartnern. Nicht zu vergessen das Forum 2 „... über den Schulhof hinaus – Kooperation rund um und mit der Ganztagsschule“ (Referentin: Bettina Paul, Universität Kassel, Jugendbildungsreferentin der Stadt Baunatal) mit anschaulichen Erfahrungsberichten aus verschiedenen Schulen und Initiativen.
Ganztagsmarkt der Vielfalt
Ergänzt wurde dieses hochkarätige Programm durch den „Ganztagsmarkt der Vielfalt“, bei dem VertreterInnen zahlreicher Ganztagsschulen im Land schlaglichtartig ihre Arbeit, ihre Angebote und Aktivitäten beleuchten.

Von Projekten mit einem Künstler und die Einübung eines Musicals in Kooperation mit einer Musikschule über gesundes Essen bis hin zu Schülerfirmen reichte das Spektrum. Und nach all der Konzentration waren die Teilnehmer zum Abschluss zum befreienden Lachen eingeladen: Das Improvisationstheater der IGS Flensburg riss zu wahren Begeisterungsstürmen hin. Am Ende gab‘s standing ovations – ein schöner, entspannter Abschluss nicht nur für die jugendlichen Theaterspieler!
Datum: 16.05.2008 Fotos: Heike Wells © www.ganztaegig-lernen.de
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