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Ganz viel Ganztag im regionalen Gespräch

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Beim gemeinsamen Fachtag der regionalen Steuergruppe im Schulamt Perleberg und der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Brandenburg ging es um Selbst-Evaluation, Schülerfirmen und das Dauerkrisenthema Hausaufgaben.

Eine Reportage von Christine Plaß

Birgit Kusche von der Astrid-Lindgren-Grundschule in Wusterhausen/Dosse ist zu gut vorbereitet, um aufgeregt zu sein. Rund 70 Gäste erwartet die Fachberaterin für den Ganztag zum regionalen Fachtag im Schulamtsbereich Perleberg. LehrerInnen, ErzieherInnen aus Kita und Horten, SchulleiterInnen, Steuergruppenmitglieder und Vertreter der Verwaltung aus dem Schulamtsbereichs sind gekommen. Aus Wittenberge ist die Schulsozialarbeiterin Katrin Tetzlaff zusammen mit der Schulleiterin angereist. Sie erhoffen sich neue Informationen und Erfahrungsaustausch. Besonders interessiert sie, wie man eine Schülerfirma rechtlich abgesichert aufbauen kann.

Ganztagsschule hat sich bewährt

„Du auch hier!“. Ein Stockwerk tiefer begrüßt man sich. Kuchen und belegte Brötchen stehen zur Stärkung bereit. Die Exponate an den Wänden der Astrid-Lindgren-Grundschule machen neugierig. 2004 nahm sie den Ganztagsbetrieb auf. 275 SchülerInnen, 19 LehrerInnen, vier HorterzieherInnen, ein Sonderpädagoge und ein Sozialarbeiter tragen dazu bei. „Ich würd's immer wieder machen“, sagt Birgit Kusche und erklärt: „Allein schon wegen der Kontakte der Kinder untereinander, die in den kleinen Gemeinden im ländlichen Einzugsgebiet nicht mehr so gegeben sind“.

Oben in der Aula begrüßt Schulrätin Birgit Menzel die Teilnehmer. Sie stellt die Frage in den Raum: „Wie gelingt es uns, das System Ganztag mit dem vorhandenen Lernort Schule als Ganzes zu entwickeln?“. Anschließend nutzt Birgit Kusche als Vorsitzende der Steuergruppe Ganztag die Gelegenheit, den Stab offiziell an ihren Kollegen Axel Maruhn weiter zu geben. Er ist der Schulleiter der Löwenzahn-Grundschule. Sie wird die Astrid-Lindgren als Konsultationsstandort ablösen. Konsultationsstandorte sind ein Teil des brandenburgischen Unterstützungssystems, an denen PädagogInnen aus Schule und Hort praxisnah Einblicke in den Ganztag bekommen.

Maruhn hat sich nicht lange bitten lassen. Seine Schule ist seit 2004 verlässliche Halbtagsgrundschule. Als Schulleiter im 20. Dienstjahr bringt er Erfahrung mit. Gemeinsam mit seiner Hortleiterin hat er bereits an einem Netzwerktreffen der Serviceagentur teilgenommen und hat viele Ideen für seinen Standort mitgenommen. Die Löwenzahn-Grundschule liegt im Südosten Brandenburgs, im letzten Ort vor Sachsen-Anhalt: Breddin. „Ja, wir sind nur noch 135 Schüler“, gibt Axel Maruhn zu, früher waren es 430. Der demografische Wandel ist auch an Breddin nicht spurlos vorbei gegangen. Er bietet die Chance, verstärkt auf Qualität zu setzen. Dabei sind die entscheidenden Kriterien laut Maruhn: Erstens Lehrer, die sich mit ihrer Schule und deren Profil identifizieren. Zweitens Eltern, die das Konzept akzeptieren: Es gibt keine Wahl bei der verlässlichen Halbtagsschule, auch die Erstklässler bleiben sechs Zeitstunden in der Schule. Drittens starke Partner, die zur Schule passen, dabei ganz entscheidend: Hort und Kitas. Viertens ein Träger mit einem gutem Konzept, der die Schule materiell und inhaltlich unterstützt. Aber das wichtigste Qualitätskriterium sind Schüler, die Spaß haben.

Von Zappelphilipp und anderen Nervensägen

Wie Schule sein muss, damit Kinder mit Freude lernen, darüber berichtet nun die Diplom-Psychologin Oggi Enderlein. Ihr Forschungsschwerpunkt sind „große“ Kinder im Alter zwischen sechs und 13. Als Leiterin der Werkstatt „Schule wird Lebenswelt“ im Ganztagsschulprogramm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung wirbt sie für die Bedürfnisse von Kindern. Die Forschungsergebnisse, die sie mitgebracht hat, machen nachdenklich. So ist die größte Angst von Kindern in Deutschland nicht etwa die, dass ihren Eltern oder ihnen selbst etwas zustoßen könnte, sondern in der Schule zu versagen. Was keineswegs heißt, dass sie sich besonders anstrengen. 30 Prozent der Jungen und 20 Prozent der Mädchen langweilen sich bereits in der dritten Klasse. Über ein Drittel der Grundschüler hat regelmäßig Stresskopfschmerzen. Depressionen und Suizidgedanken nehmen zu.

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Oggi Enderlein kann die Forschungsbefunde erklären. Schule missachte viel zu oft die Grundbedürfnisse von Kindern: Sie sollen still sitzen, sich auf Dinge konzentrieren, die sich Erwachsene ausgedacht haben und ihr Kommunikationsbedürfnis unterdrücken. Weil es den wenigsten gelingt, ist es kein Wunder, dass sich über die Hälfte der Kinder Verhaltensprobleme bescheinigt. 54 Prozent der befragten 8-9-Jährigen sagen von sich, sie seien zappelig. 45 Prozent haben die Erfahrung gemacht, anderen auf die Nerven zu fallen. Neben Ermahnungen müssen die Zappelphilippe schlechtere Noten einstecken. So ist erwiesen, dass motorisch unruhige Kinder unabhängig von ihrer Begabung seltener eine Empfehlung fürs Gymnasium erhalten.

Dabei ist Stillsitzen alles andere als gesund. Durchschnittlich neun Stunden sitzen Kinder täglich, Brandenburg ist aufgrund der langen Fahrzeiten zur Schule besonders betroffen. Die Folgen sind abnehmende Koordination, Beweglichkeit und Kondition. Neurologische Studien belegen, wie eng körperliche Bewegung und Denken zusammenhängen. So sind Kinder, die rückwärts gehen können, bessere Rechner. Heute weiß man: Kinder brauchen Bewegung um Gelerntes zu verarbeiten. Sie brauchen freie Zeit zum Spielen und Entdecken, um inspiriert zu werden, sich zu konzentrieren und beobachten zu lernen. Natur erleben legt Fundamente für den naturwissenschaftlichen Unterricht. Vielleicht noch stärker profitiert die Sozialkompetenz, wenn Kinder unbeobachtet von Erwachsenen ausprobieren können, wie es ist, gemein zu sein, Mitleid zu haben, ausgeschlossen und Teil einer Gruppe zu sein. „Es ist ein großer Fehler der Ganztagsbewegung die freie Zeit dem Unterricht zu opfern“, rügt Oggi Enderlein. Vor allem, wenn der Unterricht einfach in den Nachmittag verlängert wird, wie es in vielen Gymnasien passiert. „G 8 ist eine Katastrophe für die jungen Leute“, ist sie überzeugt.

Was sich Kinder von Schule wünschen

Was aber können Schulleiter, Schulrätin, Lehrerinnen oder Erzieher tun, damit Lernen Freude macht statt Stress? Oggi Enderlein ist überzeugt: „Schule leistet einen Beitrag zum psychischen Wohlbefinden der Kinder wenn Partizipation zugelassen wird“. Man braucht die Kinder ja nur zu fragen, was sie sich wünschen: Einen schöneren vielfältigeren Schulhof. Mehr Sport, Spiel und Bewegung. Enderlein rät, in der Mittagspause mindestens 60-90 Minuten freie Zeit zu lassen, in denen die Erwachsenen zur Verfügung stehen, aber keine verpflichtenden AGs angeboten werden, sondern die Schüler ihren Interessen nachgehen, ob in der Bibliothek oder in der freien Forscherwerkstatt, auf dem Basketballfeld oder im Ruheraum. Eines wünschen sich Schüler von Ganztagsschulen vor allem: Keine Hausaufgaben. „Sie sind ein Quell von fürchterlichen Konflikten in Familien “, hat Enderlein nun schon so häufig erfahren, dass sie fordert: „Hausaufgaben verbieten!“. Es sollten Schulaufgaben werden, denn Lehrer seien die Profis, wenn es darum geht, wie Kinder lernen und nicht die Eltern zu Hause. „Viele Eltern haben wahnsinnige Angst vor dem Versagen ihrer Kinder“, weiß Enderlein. Eine Angst, die sich auf die Kinder überträgt und deren Lernfortschritt blockiert. Viel sinnvoller sei es, die SchülerInnen gemeinsam Hausaufgaben machen zu lassen. Kinder lernten von Kindern lieber und besser. Was nicht heißt, dass Lehrer nicht wichtig wären. Von ihnen wünschen sich die Schüler mehr Gerechtigkeit und Unterstützung. Sie möchten nicht dauernd hören, was sie falsch machen, sondern wie sie es richtig machen können. Wichtig sind auch klare und verlässliche Strukturen in der Verantwortung von Erwachsenen. Wenn Vokabeln aufgegeben werden, müssen sie auch abgefragt werden. Doch das wichtigste, was Lehrer und Schulleiterinnen, Pädagoginnen und Sozialarbeiter tun können, ist ihr Denken zu verändern. Anstatt vom Kind zu verlangen, der Schule gerecht zu werden, sollten Verantwortliche fragen: Wie muss Schule sein, dass sie dem Kind gerecht wird?

Der Vortrag erntet Applaus, einige haben bereits zu diskutieren begonnen. Am Nachmittag in den Workshops geht der Austausch weiter. Wen das Hausaufgabenproblem interessiert, bleibt gleich in der Aula sitzen, wo Axel Maruhn berichtet, wie sie in Breddin damit umgegangen sind. Eigentlich war für Maruhn klar: “Die schaffen wir ab und fertig“. Doch nicht alle Kolleginnen waren seiner Meinung. Einige meinten, Hausaufgaben gehörten einfach dazu. Andere fanden, ein gewisser Anspruch an die Kinder müsse schon da sein. Und dann gab es noch eine Mutter, die den Antrag stellte, dass ihre Tochter die Hausaufgaben mit ihr zusammen zu Hause macht, damit sie auch ordentlich erledigt werden. Andere Eltern meldeten ihre Kinder von AGs ab, weil sie der Meinung waren, ihre Kinder gingen zu sehr ihren Interessen nach und ließen die Hausaufgaben schleifen.

„Wie machen Sie es an Ihrer Schule?“, will Maruhn wissen. Ein Teilnehmer tut sich schwer mit dem generellen Streichen von Hausaufgaben, weil das Üben gegeben sein muss. Aber er sagt auch, dass Eltern klagen: „Wann soll denn mein Kind noch Freizeit haben?“. Er schließt mit dem Satz: „Wir beklagen Unlust der Schüler, aber die hat auch etwas damit zu tun, dass sie nichts anderes mehr machen als sich mit Schule zu beschäftigen“. Eine Teilnehmerin aus einer Schule, die gerade erst mit dem Ganztag anfängt, fragt: „Wann können die Schüler denn noch zu sich selbst kommen, wenn sie von einem Angebot zum nächsten geschubst werden? Besonders ehrgeizige Schüler neigten dazu, mehrere Angebote wahrzunehmen. Man müsse auch Ruhe in den Ganztagsbetrieb bringen. Ein anderer Teilnehmer beklagt, die Einstellung der Schüler zum Erledigen der Hausaufgaben habe furchtbar nachgelassen. „Was ist, wenn die auf die weiterführende Schule kommen und nie gelernt haben, Hausaufgaben zu machen?“, gibt er zu Bedenken.

Fragen Sie Ihren Hort nach den Hausaufgaben

Maruhn rät, nach den Gründen zu suchen, wenn die Kinder ihre Aufgaben nicht machen, und dafür zu sorgen, dass Hausaufgaben gewürdigt werden, was allerdings nicht heißt, sie zu benoten. In der Löwenzahn-Grundschule haben sie entschieden: Für Klasse 1-4 keine schriftlichen Hausaufgaben mehr. „Die Kinder haben bei uns wöchentlich 300 Minuten individuelle Lernzeit unter Lehreraufsicht, da muss es nicht noch Hausaufgaben geben“, ist Maruhn überzeugt.

Am Ende ist klar: Es gibt kein Patentrezept. Jede Schule muss selbst herausfinden, welchen Sinn sie mit Hausaufgaben verbindet. Karen Dohle von der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Brandenburg rät: „Fragen Sie doch mal Ihren Hort, welche Erfahrungen die mit den Hausaufgaben machen“. Weil das Thema als ständiger Krisenherd im Ganztag zwischen Schule, Hort und Eltern brodelt, veranstaltet ihre Serviceagentur gemeinsam mit dem LISUM am 11.11.2009 einen großen Fachtag mit dem Titel: „Aus Hausaufgaben werden individuelle Lernaufgaben“.

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 Ein Stockwerk tiefer erklärt Thomas Schöler von der Servicestelle Schülerfirmen, wie man Unternehmertum schon in der Grundschule fördern kann. Wichtig ist, dass der Schulförderverein die Verantwortung für das wirtschaftliche Handeln übernimmt. Weiter ist zu beachten: Die Gewinne sind begrenzt. „30.000 Euro Umsatz dürfen Sie machen“, erklärt Schöler. Na, da muss man erst einmal hinkommen. Gerade bei den Jüngeren sollte das Tätigkeitsfeld etwas mit der Lebenswelt der Schüler zu tun haben. Es bieten sich Schulkiosk oder Pausenversorgung an, eine Imkerei oder das Herstellen von Spielzeug für die Kita. Auch im Bereich Kunst und Musik gibt es viele Möglichkeiten. „Fragen Sie Ihre Schüler“, rät auch Schöler. Er kennt Schülerfirmen, bei denen die Kinder sich „richtig reinhängen“ und schon um 7 Uhr in die Schule kommen um Milch zu verkaufen. Aus dem Gewinn sollten sich die Firmeninhaber keine Löhne, sondern ein schönes gemeinschaftliches Erleben gönnen.

Wenn Lehrer Pausenbrote schmieren, stimmt was nicht

Eines sollte von vornherein klar sein: „Es heißt Schülerfirma und nicht Lehrerfirma“. Wenn Lehrer für einen Pausversorgungs-Service die Brötchen schmieren, dann stimmt etwas nicht. Vielmehr sei es Aufgabe der Lehrer, die Ideenfindung zu unterstützen und den Kindern bei der Prüfung ihrer Geschäftsidee zu helfen: Gibt es einen Markt, kauft uns das jemand ab? Mindestens sieben und maximal 25 Schüler kann eine Firma verkraften.  Doch ob viele oder wenig Mitglieder, in jedem Fall geht es darum, die Verantwortlichkeiten zu teilen und die Organisationsstruktur festzulegen. Dabei sollten die Tätigkeiten den Fähigkeiten  entsprechen. „Wer nicht rechnen kann, sollte nicht Buchhalter werden“, bringt Schöler es auf den Punkt. Wobei die Verantwortung für bestimmte Bereiche auch ruhig mal wechseln darf.

Als Schöler das Thema Satzungen und Verträge anspricht, macht sich Unmut  breit. „Das ist nichts, womit Sie ein Kind von zehn Jahren behelligen können. Das macht doch ein Kind nur fertig“, wendet eine Teilnehmerin ein. Schöler schlägt vor, Satzung durch Regeln zu ersetzen, weil Regeln etwas sind, was Kinder kennen. Kinder seien durchaus in der Lage zu fragen: Wozu ist die Firma gut, wer darf mitarbeiten, wer wird wann rausgeschmissen, was passiert mit dem Geld? Um den bürokratischen Aufwand zu erleichtern, stellt die Servicestelle Musterverträge und Kooperationsverträge zur Verfügung, die angepasst werden können.

Doch Bedenken gibt es auch im Hinblick auf zu viel zusätzliche Arbeit. Dabei ist es durchaus möglich und erwünscht, Unterrichtsstunden für die Schülerfirmenarbeit zu verwenden. Eine andere Teilnehmerin stört, dass man einen Förderverein gründen und aufrecht erhalten muss. Auch hier gibt es Alternativen. Zum Beispiel kann der Träger des öffentlichen Jugendclubs, mit dem die Schule zusammenarbeitet, die finanzielle Verantwortung übernehmen. Das Informationsmaterial, das Schöler mitgebracht hat, ist schnell vergriffen.

Das Ziel gleich mitdenken

Nebenan geht es um interne Selbstevaluation, die von kleineren Entwicklungsschritten bis hin zu großen Planungsaufgaben unentbehrlich ist. Matthias Bergmann-Listing vom LISUM lässt die Teilnehmer in Kleingruppen arbeiten, in denen sie ihre eigenen Vorhaben verfolgen, sei es eine Pausenhofumgestaltung, ein neues Lernkonzept oder eine bessere Zusammenarbeit. Sie lernen bei jeder Planung gleich mit zu überlegen: Was will ich erreichen? Und woran erkenne ich, ob ich vom Weg abgekommen bin? Die TeilnehmerInnen stellen fest: Es ist gar nicht so einfach, Faktoren zu finden, anhand derer man erkennen kann, ob die gesteckten Ziel erreicht wurden. Auf jeden Fall haben sie gelernt: Evaluation steht nicht am Ende einer Maßnahme, sondern will gleich am Anfang mitgedacht werden. Zufrieden nehmen einige schon erste Ergebnisse aus der Gruppenarbeit mit nach Hause. Und was ergibt die Evaluation des Fachtages? Er wird nicht der letzte sein, so viel steht schon mal fest.

Datum: 02.07.2009
© www.ganztaegig-lernen.de



   
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