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Campus Rütli

Gemeinschaftsschule in Berlin

Britta Kuntoff

Großartiges Projekt statt großer Klappe: Im Problemkiez Berlin-Neukölln ist die Gemeinschaftsschule das Herzstück des ehrgeizigen Modellprojektes „Campus Rütli“

Frischer Wind in alten Fluren: 2009 feiert die Rütli-Schule ihren 100. Geburtstag  – und was engagierte Pädagogen und reformfreudige Bildungspolitiker jetzt mit der alten Dame und ihrer Nachbarschaft vorhaben, ist ein deutschlandweit einmaliges Bildungs- und Integrationsprojekt. Und ein überaus ideenreiches Experiment. Wenn es gelingt, profitieren weit mehr als ein ganzer Stadtteil davon. Die Rütli-Hauptschule fusioniert im Schuljahr 2009/10 mit der Heinrich-Heine-Realschule und der Franz-Schubert-Grundschule zur Gemeinschaftsschule Campus Rütli.

Eine Schule im laufenden Betrieb umzuorganisieren, bringt große und viele kleine Schwierigkeiten mit sich. Doch schon bevor die letzten Umzugskartons ausgepackt sind, zeigt sich: Der neue Geist ist längst in die alte Lehranstalt eingezogen.

„Diese Schule ist der Inbegriff der verkommenen Hauptschule“ schrieb der Spiegel im März 2006. Was sich hier im Berliner Stadtteil Neukölln abspiele, sei „ein Symbol für hemmungslose Gewalt und Chaos in den Klassenzimmern und auf dem Schulhof“ textet der Focus, die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte schlagzeilenkräftig: „Rütli heißt Katastrophe“: Weil sie der Gewalt an ihrer Schule nicht mehr Herr werden konnten, wandten sich die Lehrer der Berliner Rütli-Schule vor drei Jahren mit einem verzweifelten SOS-Brief an den Senat. Die Rütli-Hauptschule war Thema auf Titelseiten und in Kommentarspalten, Diskussionsgegenstand im Bundestag und löste eine große Debatte über das deutsche Schulsystem aus.

Seitdem hat sich viel getan. Jedenfalls rund um die Rütli-Straße, und zwar etliche Meter über die Grenzen der Hausnummern 41 bis 45 hinaus – der alten Adresse der bisherigen Haupt- und Realschule und der neuen Anschrift des hoch ambitionierten Projektes „Campus Rütli – CR2“: Im Schuljahr 2009/10 fusionieren die Rütli-Schule und die Heinrich-Heine-Schule mit der sich unweit in der Weserstraße befindenden Franz-Schubert-Grundschule zur Gemeinschaftsschule. Sie bildet das Zentrum im neu organisierten Straßenzug, der für das Miteinander von Lehrern, Schülern, Eltern, Anwohnern, Behörden wie Institutionen steht.

Eine Schule für alle

Berlin erprobt das gemeinsame Lernen

Das Pilotprojekt Gemeinschaftsschule, im Schuljahr 2008/09 gestartet, ist eine der Antworten Berlins auf die Frage, wie sich Schule für Kinder und Jugendliche chancengleich und chancengerecht umsetzen lässt. Wie können Schüler individuell und optimal gefördert werden? Berlin folgt damit bildungspolitisch Vorbildern wie Sachsen – hier ist 2006 ein ähnlicher Modellversuch gestartet – oder Schleswig-Holstein, wo Kinder seit dem Schuljahr 2007/08 Gemeinschaftsschulen besuchen können.

In der Hauptstadt bieten bisher 15 Schulen beziehungsweise Schulverbünde diese Alternative zum dreigliedrigen Schulsystem an. Die Gemeinschaftsschule möchte von der ersten bis zur Mittleren Reife oder bis zum Abitur eine Schule für alle sein. Damit die Idee funktioniert und die Mädchen und Jungen länger zusammen lernen können, reduziert sich der Frontalunterricht in dieser Form der Ganztagsschule auf ein Minimum. Stattdessen gehören Wochenpläne, Freiarbeit, Lernbüros und ähnliche anspruchsvolle Projekte zu den pädagogischen Instrumenten einer Gemeinschaftsschule. Selbständiges und individuelles Lernen steht hier im Vordergrund; eine auf den einzelnen Schüler und die einzelne Schülerin ausgerichtete Förderung soll helfen, Leistung optimal zu fördern.

Reform-Schule im sozialen Brennpunkt

Eingelaufene Pfade zu verlassen, Vertrautes aufzugeben und Neues auszuprobieren fällt manchem Lehrer an einigen neu gegründeten Gemeinschaftsschulen nicht immer leicht. Bei der Abstimmung über die Schule Campus Rütli hingegen gab es weder bei Gesamt- noch in der Schulkonferenz auch nur eine Gegenstimme. Ein Votum, das ein großes Bedürfnis von Schülern, Eltern und Lehrern nach Reformen dokumentiert, meint Cordula Heckmann, die frühere Rektorin der Heinrich-Heine-Schule und jetzige Gemeinschaftsschulleiterin: „Unsere Schule ist besonders. Sie liegt nun mal im sozialen Brennpunkt. Das allein ist Anlass genug, sich auf den Weg zu machen und Schule anders zu denken, damit sie erfolgreich sein kann.“

Jeder Zweite der in Nord-Neukölln lebenden Menschen hat einen Migrationshintergrund, etwa 80 Prozent der rund 850 Schüler der neuen Gemeinschaftsschule haben türkische oder arabische Wurzeln. Die Gegend unweit von Hermannplatz und Kottbusser Tor ist ein multiethnischer Bezirk, ein Schmelztiegel – und das bundesweit einzigartige Projekt Campus Rütli ein großes Zeichen von Engagement und Hoffnung in dem von Arbeitslosigkeit und Armut gekennzeichneten Problemkiez.

Campus Rütli – CR2 – ein Quadratkilometer Bildung

Das Vorzeigeprojekt Campus Rütli – CR2 wird rund 30 Millionen Euro kosten und entsteht auf Initiative des Bezirksamtes Neukölln und der Stiftung Zukunft Berlin unter der Schirmherrin von Christina Rau, Witwe des früheren Bundespräsidenten. Beteiligt ist zudem die Freudenberg-Stiftung mit ihrem „ein Quadratkilometer Bildung“ überschriebenen Vorhaben.

Auf rund 47 000 Quadratmeter ist ein offenes, grünes Gelände geplant, auf denen bis zu 1400 Kinder und Jugendliche reichlich Platz finden können. Mit  vielen kreativen Ideen wird eine Bildungslandschaft Wirklichkeit, die für Kinder vom Krabbelalter bis zum Beginn von Schulausbildung oder Studium bestmögliche Voraussetzungen zum Lernen und Spielen bereitstellt.

Die Berliner Gemeinschaftsschulen sind als Ganztagsschulen konzipiert – auf dem Campus Rütli nehmen Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter das sehr ernst und bieten Betreuung von morgens früh um sechs  bis abends spät um 21 Uhr.

Das Ziel dieser Bildungslandschaft...

ist es, den Schülern aus dem sozial schwachen und bildungsfernen Milieu ihre Perspektivlosigkeit zu nehmen und ihre oftmals geringen Chancen auf dem Ausbildungsmarkt zu verbessern. „Die Kinder und Jugendlichen sollen merken, dass sie die eigene Leistung voranbringt. Sie bekommen das Gefühl, wichtig zu sein,“ erklärt Klaus Lehnert, der Projektleiter des Campus Rütli.

Auf dem Campus Rütli gibt es neben der Gemeinschaftsschule bereits zwei Kitas, Werkstätten, den Jugendclub "Manege", Spiel-, Sport- und Freizeitflächen, die Volkshochschule Neukölln mit Mütter- und Sprachkursen, den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst und daneben Beratungsangebote für Schüler und Eltern durch den Sozialpädagogischen Dienst. Geplant sind Angebote der Musikschule, zudem sollen ein Berufsförderungsprojekt und ein Ort für Jugendamt und Jobcenter entstehen.

Dafür wird eifrig um- und neu gebaut; die gerade eröffnete Mensa ist Licht durchflutet und hat nichts mit der grauen Piefke-Stimmung alter Esssäle gemein. In den Räumen für naturwissenschaftliche Fächer werden statt fest installierter Versuchsbänke die letzten variablen Leitungen für Elektrik, Gas und Wasser verlegt. Ihre Anordnung ermöglicht es den Schülern, entsprechend dem Konzept Gemeinschaftsschule bei Bedarf im Kreis zu sitzen oder in Gruppen zu arbeiten. Bald wird auf dem Gelände eine moderne Turnhalle stehen, die nicht nur im Dienst von Spaß, Schweiß und Muskeln steht, sondern auch für Veranstaltungen und Ausstellungen nutzbar ist.

Unter einem Dach gemeinsame Sache machen

In diesem Schuljahr wächst mit der Rütli- und der Heinrich-Heine-Schule zusammen, was jahrelang so gar nicht zusammen gehören wollte: Die beiden Schulen befanden sich in den beiden Flügeln des Gebäudes, doch die Türen dazwischen blieben verschlossen. Jeder macht seins – das galt bei beiden Schulen. Die unterschiedlichen Pausenzeiten, die Begegnungen erschwerten, sind nur ein Beispiel der früheren Abschottung. „Und dabei sind die räumlichen Voraussetzungen ideal, um die Chance zu nutzen, als Gemeinschaftsschule an Unterrichtsentwicklung zu arbeiten,“ erklärt Cordula Heckmann. Heute sind die Türen geöffnet und der Pausenhof steht allen gleichzeitig zur Verfügung. Die Lehrerzimmer, die jetzt Jahrgangsteamzimmer heißen, liegen nun nebeneinander. Früher war eine kleine Reise durch das ganze Gebäude nötig, um zusammen zu kommen. Für die dreizehnjährige Hanadi Siala Harb ist es „auf jeden Fall gut, wenn man sich kennt und zusammen lernt.“ Bei ihr und ihrer Freundin Amina Machonn ist von Schulfrust jedenfalls nichts zu spüren, wenn sie über die Gemeinschaftsschule erzählen. Eher ein klein wenig so etwas wie Stolz, in der Pilotklasse 7 des Projektes dabei zu sein.

Sobald die baulichen Voraussetzungen geschaffen sind, wird die Franz-Schubert-Grundschule in direkt angrenzende Räume umziehen. Was heute die gute Kooperation mit dem Albert-Schweizer-Gymnasium ermöglicht, soll bald schon durch eine gymnasiale Oberstufe auf dem Campusgelände optimiert werden.

Aus drei wird eins

... oder warum sich eine Diskussion über Klingelzeichen lohnt

Wenn aus drei Kollegien eins werden, ist das ein sensibler Prozess. Er fordert von allen, zugunsten des großen Ganzen von der eigenen etwas Kompetenz abzugeben. So blieb beispielsweise von drei Rektorenposten nur einer übrig. „Es fällt auch gar nicht leicht, den Namen einer Schule aufzugeben,“ weiß Konrektorin Catrin Schwarz-Herbst: „Da melde ich mich dann versehentlich am Telefon wie früher. Und hoffe im Stillen, dass  niemand denkt, ich halte insgeheim an alten Strukturen fest.“

Heißen die Klassen jetzt 7a, 7b, 7c, oder soll man sich für 7.1, 7.2, 7.3 entscheiden? Gibt es ein Klingelzeichen oder nicht? Und wann ertönt es? Welches Problem klärt das Kollegium unter sich und bei welchem wird die Schulleitung informiert? „Bei ganz vielen Dingen geht es eigentlich um nichts. Aber es geht dann doch um ein bisschen was,“ beschreibt Catrin Schwarz-Herbst das Zusammensetzen der Mosaiksteinchen zum Gesamtwerk Gemeinschaftsschule.

Doch es sind nicht nur diese lieb gewordenen Rituale und ungeschriebenen Gesetze, die zur einzelnen Kultur jeder der drei Schulen gehören und bei ihrer Fusion zum Campus Rütli angeglichen werden müssen. Klare organisatorische Absprachen sind für einen reibungslosen Ablauf des Schulalltags unbedingt nötig. Dazu gehören Regelungen über den Gebrauch der Programme Word oder Exel genauso wie Einigkeit darüber, was man mit Schülern macht, die ihr Handy partout nicht zu Hause lassen wollen. All das will im laufenden Schulbetrieb abgestimmt und geklärt werden: „Es ist oft wie Gleise wechseln unter einem fahrenden Zug,“ beschreibt Projektleiter Klaus Lehnert die täglichen Herausforderungen, „aber wir können schließlich nicht die Schüler ausquartieren und nach einem Jahr Pause wieder holen.“ Organisatorische Herausforderungen hin, Klärungsbedarf her: In einem, so ist sich Cordula Heckmann sicher, herrscht große Einigkeit: „Es gibt einen großen Konsens unter meinen Kollegen, zusammen etwas Neues schaffen zu wollen. Deshalb habe ich immer gewusst: Das hier wird gut.“

Bevor am Tag X alles aufgebaut, einsortiert und fertig ist, ist Improvisationstalent gefragt. Die alte Hausmeisterwohnung wurde zum vorläufigen Elterncafé umfunktioniert. „Das ist sicher nicht perfekt,“ sagt Cordula Heckmann, „doch an solchen Dingen zeigen wir Eltern und Schülern: Hier passiert nicht nur etwas auf dem Papier, hier geschieht ganz konkret und greifbar eine Umgestaltung.“
In all der Mühe und Arbeit, die ein Umzug mit sich bringt, manifestiert sich der innere Prozess, realisiert sich das Zusammenwachsen einer Schule.

Kenan Kara besucht die 7. Klasse und freut sich, dass das Sitzenbleiben an seiner Schule abgeschafft ist: „Ich glaube, jetzt wird alles irgendwie schöner,“ sagt er und schnallt sich den Gurt ein bisschen enger, mit dem er gleich die nigelnagelneue Kletterwand erobern will. Es scheint, als habe er alle Chancen, mit Hilfe seiner Schule  in neuen Höhen Perspektiven zu gewinnen. Und wenn es nötig sein sollte, dann gibt es auf dem Campus Rütli starke Sicherheitsseile, um seinen Fall aufzuhalten.

Datum: 13.10.2009
© www.ganztaegig-lernen.de



   
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