Partizipation konkret

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Reflexion auf das Netzwertreffen in Markkleeberg am 01. – 03.11.2007 von Dr. Cornelia Alban

Länderübergreifend arbeiten regionale Serviceagenturen, die einen gleichen Schwerpunkt haben, in thematischen Netzwerken zusammen. Ziel der Netzwerke ist es, sich fachlich auszutauschen, Schulen in den Erfahrungsaustausch einzubinden, bereits bestehende, erprobte und übertragbare Modelle von Beteiligung zu dokumentieren und in die Netzwerkarbeit zu integrieren. An dem thematischen Netzwerk Partizipation sind die Länder Brandenburg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Sachsen beteiligt. Es arbeitet schwerpunktmäßig zu den Bereichen Schüler- und Elternpartizipation.

Partizipation bewegt

Ein Junge mit schwarzem T-Shirt und gelber Aufschrift „Ich bin Morris“ stürmt die Treppe hinauf, dicht gefolgt von einer Frau in den allerbesten Jahren. Das ist keine Fluchtszene aus einem Actionfilm, sondern der Hinweis, dass ich auf dem richtigen Weg bin zur Fortbildung „Für ein besseres Schulklima. Von der Mediation zur Moderation – ein Kommunikationsmodell für Schüler und Lehrer“. Der Seminarraum im Untergeschoss zaubert mit mediterranem Wand- und Tafelfreudendekor schon wieder Filmatmosphäre herbei. Acht Augenpaare werfen einen kurzen Blick auf den Ankömmling, heißen mich in der Wirklichkeit willkommen und wenden sich rasch wieder ihrer Arbeit in Kleingruppen zu. Es ist fast 18.00 Uhr und das Arbeitspensum will geschafft werden.

An diesem Wochenende wird das zweite Modul der Ausbildung, die aus drei aufeinander aufbauenden Einheiten besteht, vermittelt. Es soll den Teilnehmern ausgewählte Beratungsformen zeigen, die die Schülermoderatoren mit ihren Mitschülern, die Lehrer im Kollegium, die Eltern in Mitwirkungsgremien zur Lösung von Konflikten anwenden können. Die Fortbildung richtet sich an Schüler, Eltern und Lehrer, die die Konflikt- und Kommunikationskultur an ihrer Schule weiterentwickeln wollen. Kernelement der Fortbildung ist ein Peermodell, das über das Schülerschlichtermodell hinausgeht und einen umfassenderen Einsatz der Schülermoderatoren als Coach und Gesprächsmoderator vorsieht. Heute stehen „Reflecting Teams“, eine Methode zur Beratung von Gruppen, auf dem Programm.

Auswerten, nicht bewerten

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Tini und Hannes, die Schülermoderatoren der Reflecting Teams, hat ihre Rolle „Spaß gemacht“, „obwohl es mir schwergefallen ist, neutral zu bleiben und nicht sofort auf eine Lösung zuzusteuern“, gibt Hannes zu. Er erntet zustimmendes Nicken aus der gesamten Runde, das ging den anderen ebenso. „Das ist die Grenze zum Coaching, die Balance zwischen Vertrautsein und Neutralbleiben“, erklärt Seminarleiter Wolfgang Wildfeuer. „Ich führe euch nur durch die Methodik. Das Klima und die Atmosphäre werden durch die Methode selbst geschaffen.“

20 Teilnehmer, Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrkräfte sind zur Auswertungsrunde versammelt. Es ist schon weit nach 18 Uhr, doch die fortgeschrittene Stunde stört die Gruppe nicht, ihre lebendigen Eindrücke und Einsichten zu verarbeiten sowie dem Seminar ein positives Feedback zu geben. „Ich finde hier alle nett und freundlich und freue mich auf morgen“, lautet Katrins Resümee, Schülersprecherin aus Löbau. Es herrscht eine partnerschaftliche Atmosphäre, das spricht schon einmal für die Methode. Sähe man nicht die deutlichen Unterschiede im Alter und in der Outfitwahl, fiele eine Einteilung nach Schülern, Eltern und Lehrern schwer.

Noch schwerer vorstellbar ist bei so viel Vertrauen und Vertrautheit, dass die Gruppe sich erst vor vierzehn Tagen, beim ersten Modul, kennengelernt hat und in ihr drei Bundesländer vertreten sind. „ Ich kann es selbst kaum glauben, dass das schon vierzehn Tage her ist. Für mich ist es wie gestern“, meint Volker Schmidt von der Regionalstelle Sachsen, zuständig für die Programmkoordination „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“

Partizipation – selbstverständlich

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Der 42-Jährige ist gemeinsam mit seinen Kollegen im thematischen Netzwerk ein Experte in Sachen Partizipation, so wundert es nicht, dass Partizipation zwar nach wie vor ein Fremdwort, aber in Sachsen seit Jahren Teil der Schulwirklichkeit ist. Überflüssig über weitere Begründungszusammenhänge nachzudenken, verweist Volker Schmidt „auf den Fundus, den wir vorzuweisen haben und unseren Partizipationspapst Wildfeuer“. Beeindruckt von dessen Mediatoren- und Moderationsmethoden entstand die Idee, länderübergreifend einen Workshop zu Konfliktlösungsstrategien anzubieten. Hintergrund war für Volker Schmidt die Einsicht, dass man gelingende Kommunikation lernen und als Basis für Partizipation nutzen kann.

Das Angebot eines Moderatoren-Workshops wurde angenommen. Viele Schulen zeigten bundesweit Interesse teilzunehmen. Neben logistischen Kriterien sollte eine ausgewogene Mischung der Parteien Eltern, Schüler, Lehrer gewährleistet sein. „Und nur gucken, das ist nicht, da müsst ihr schon mitmachen“, mahnte der quirlige Vertreter Sachsens an. Denn es verlangt schon eine besondere Bereitschaft von den Schulen, Lehrer und Schüler für drei Schultage freizustellen, hinter dem Anliegen zu stehen, eine Konflikt- und Kommunikationsstruktur in ihrer Schule zu fördern. Für die beteiligten Schüler, Eltern und Lehrer bedeutet es, Versäumtes nachzuholen, Freizeit zu opfern, lange Anfahrtswege in Kauf zu nehmen, sich auf Neues und manchmal auch Anstrengendes einzulassen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die finanzielle Unterstützung durch die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, „denn ansonsten hätte mancher sich die Reise und das schöne Ambiente hier nicht leisten können“. Für die Zukunft wünscht sich Volker Schmidt, mehr solcher Workshops, „um Leute, vor Ort zu schulen“, möchte das Angebot dezentral platzieren, damit die Partnerländer Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland ebenfalls profitieren. „Schlicht gesprochen, Partizipation aktiv“, da leuchten seine Augen.

Meck-Pomm trifft Thüringen in Sachsen

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Ein bisschen wittert man die Intensität des Seminarprogramms in den lächelnden Gesichtern der Gruppe. Die Nasen glänzen. Die Bergener aus Rügen hatten mit gut 500 Kilometern den längsten Anfahrtsweg zu bewältigen. Aber auch Apolda in Thüringen liegt nicht gerade um die Ecke des Tagungshotels in Markkleeberg.

Nicht um die Ecke, aber auf mein Blatt blickt am nächsten Tag Frau Bloom, Lehrerin für Deutsch, Geschichte und Russisch. „Jetzt schreiben Sie bitte nicht „Meck-Pomm trifft Thüringen“, warnt sie. Doch genau das passiert. Eine Partnerübung zu gesprächsfördernden und –hemmenden Faktoren/Selbst- und Fremdwahrnehmung bringt Ornella, Schülerin des Staatlichen Gymnasiums in Apolda, mit der Lehrerin aus Mecklenburg-Vorpommern zusammen. Bei der gegenseitigen Einschätzung ihrer Stärken erreichen sie 100 Prozent Deckungsgleichheit. Bei dem Aufdecken von Schwächen im Gesprächsverhalten tun sie sich schwerer. Frau Bloom rät Ornella, mehr aus sich herauszugehen, auch mal ihre Kompetenz vorzuzeigen.

Derweil ist die männliche Schülergruppe aus dem Norden, Hannes, Matthias und Morris, in Auflösung begriffen. Nach einem letzten Blick auf mein Blatt, „unsere Lehrerin wird mit Doppel-O geschrieben“, verabschieden sie sich zur Mädchengruppe aus Sachsen, um mit ihnen die Übung zu absolvieren. Damit wäre nun auch die geschlechtsspezifische Gruppenbildung aufgebrochen.

„Meine Partner und ich hatten bei dieser Übung eine hohe Übereinstimmung“, erklärt Christine Vosberg, Lehrerin aus Markkleeberg, „aber die anderen schätzen mich positiver ein als ich selbst“. Eine wichtige Erkenntnis, die auch die übrigen Teilnehmer machten. Wie die Fremdeinschätzung das eigene Selbstbewusstsein stärkt, zeigt Ornella, der schüchterne Gegenpart von Frau Bloom, am Abend. Als Wolfgang Wildfeuer nach den Wünschen der Teilnehmer für den kommenden Tag fragt, meldet sich Ornella: „Ich möchte gern mal selbst die Rolle der Moderatorin übernehmen.“ Ihre Partnerin strahlt.

Mit Konflikten wachsen

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Obwohl die Zeit rast, bleibt immer genug Raum für Anerkennung, Ermunterung und positive Rückmeldung durch die Gruppe. Nun steht eine andere Übung „Fish-Bowl“, auf Deutsch Schwimmbassin, auf der Agenda. Wolfgang Wildfeuer, Referent am Sächsischen Bildungsinstitut im Bereich Kommunikation, Supervision und Schülerschlichtung, erklärt den Ablauf der Fallberatung. „Dazu müsst ihr an einen Beziehungskonflikt denken, den ihr mit einer Person habt, die nicht anwesend ist.“

Mit seiner nicht-direktiven Art ist der Referent gelebtes Modell für sein Lieblingsthema Kommunikation und Moderation. Durch seine Ausbildung weiß er, dass man allein mit Selbsterfahrung, Tränen und Leidensdruck, nicht den Kern von Konflikten knacken kann, viel „wichtiger ist es, Struktur zu geben, über Methoden zu verfügen, die einen Perspektivwechsel einleiten und ein produktives Fremdbild ermöglichen“. Der 55-jährige Pädagoge hat seit 1994 Schülermoderatoren in zwölf Bundesländern ausgebildet, beraten und begleitet, „viele Schüler und Lehrer trainiert. Wohl bei weitem mehr als jeweils 300, davon in Sachsen 170 Schulen, die auf ein funktionierendes Schülerstreitschlichtermodell verweisen.“ Seine Erfahrungen hat er in einem Trainingsprogramm für Lehrer und Schüler „Kommunikation – Moderation – Mediation“, einer Buchveröffentlichung, dokumentiert.

Entscheidend für ihn ist Praxislernen und da sieht er deutliche Unterschiede zwischen Erwachsenen und Jugendlichen. „Die Lehrer und Eltern machen die gleichen Übungen wie die Kinder, aber die Schüler können das besser. Sie gehen spontan mit Rollenspielen um, sind nicht so verkopft und haben nicht wie Erwachsene Versagensangst.“

Beraten, nicht rat-schlagen

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Karten mit Beziehungskonflikten werden an die Pinnwand geheftet, die der Schüler haben Vorrang, das ist ein grundliegendes Prinzip des Workshops. Ein klassischer Schüler-Lehrerkonflikt wartet auf Bearbeitung. Die Gruppe teilt sich in einen Innen- (Teilnehmer) und Außenkreis (Beobachter) auf. Während Morris den Konflikt schildert, herrscht konzentrierte Ruhe, denn aktives Zuhören ist eine wesentliche Voraussetzung, um die Methoden effektiv anwenden zu können, so hat es die Gruppe gelernt.

Nach 45 Minuten liegen die Problemlösungsvorschläge auf dem Tisch. Nun darf Morris auswählen, welche er annehmen möchte. Entschlossen schnappt er sich den Stapel, sortiert nach Wichtigkeit und entscheidet sich für vier Karten. Diese Lösungen möchte er angehen. Alles in seinem Verhalten signalisiert, dass für ihn die Konfliktlösung greifbar ist. Deshalb verzichtet er auf ein abschließendes „Probehandeln“, denn er ist zuversichtlich: „Ich denke, die Lösungen klappen schon.“

Perspektiven öffnen

Wie schon am Tag zuvor folgt der Erprobung einer Methode die Reflexionsphase. Munter tauschen sich die Gruppen über ihre Eindrücke aus. Besonders beeindruckt hat sie der Perspektivwechsel, sich in die Rolle des Ratsuchenden, aber auch seines „Widersachers“ hineinzuversetzen, sich im wahrsten Sinne auf einen anderen Stuhl zu setzen, um die Sicht des anderen besser zu verstehen. Man hat die Vision, dass in Zukunft häufiger Stühle gerückt werden.

Schwieriger dagegen ist das Zurückhalten, „nicht sofort zu versuchen, Lösungen zu finden oder nach dem Entscheidungsprozess noch einmal zu intervenieren“, äußert Stefan, einziger Vertreter der Jugendhilfe im Raum. „Was mache ich, wenn der Ratsuchende nicht zufrieden ist?“ „Oder wenn ich zu befangen bin?“ Fragen über Fragen beschäftigen die engagierte Truppe. Wolfgang Wildfeuer empfiehlt, dass jeder sich einen Stuhl suchen soll, der am entferntesten von dem eigenen steht. Lachen und manch fehlgeschlagener Sitzversuch begleiten die Runde. Jeder hat einen Platz gefunden: Sie werden auch die Antworten finden.

Datum: 25.11.2007
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Quelle: www.ganztaegig-lernen.de / Erstellungsdatum: 11.09.2010