Bildung lokal verantworten

von Dr. Cornelia Alban
„Auf dem Weg zu lokalen Bildungslandschaften“ machte man sich am 16. und 17. Mai in Meißen. Die Initiatorin, die Serviceagentur Ganztagsangebote Sachsen, und die Evangelische Akademie Meißen boten zwei Tage lang ein komprimiertes Programm, das Lust auf mehr machte.
Spieglein, Spieglein an der Wand
Vier Leitfragen gab die Moderatorin Ilona Böttger den Teilnehmerinnen und Teilnehmern als Anregung mit auf den Weg:
- Was bedeutet Bildung lokal verantworten?
- Was macht eine lokale Bildungslandschaft aus?
- Was sind die Inhalte und Perspektiven für Bildungslandschaften in Sachsen?
- Wie können „gute Bildungsbiografien“ in Sachsen aussehen?
„Auf dem Weg sind wir, aber wie weit wir sind, das kann ich noch nicht beurteilen, nur eins ist klar, es gibt keine Königswege“, begrüßte Hansjörg König, Staatssekretär im Sächsischen Staatsministerium für Kultus, das Forum. Vor dreieinhalb Jahren gab es in Sachsen zehn Schulversuche zum GanzTag, mittlerweile haben sich über 1000 Schulen auf den Weg gemacht. Der Bund unterstützt örtliche Initiativen mit dem neuen Programm „Lernen vor Ort“. „Wenn man morgens in den Spiegel schaut und einem nicht gefällt, was man sieht, dann muss man etwas verändern oder sich von einem Experten verschönern lassen“, rät der Kultusministeriale. Einer solchen Typberatung zur Verbesserung der Ergebnisse sollten sich auch die lokalen Bildungslandschaften unterziehen. So lange die Spiegelanalyse nicht zum Aufbau potemkinscher Dörfer führt, ein gut gemeinter Rat.
Eine Stadt im Gespräch

„Eine Initialzündung und Lust auf Veränderung“ das sind für Dieter Assel, Fachdienstleiter für Kinder- und Jugendhilfe der Stadt Weiterstadt, die entscheidenden Momente, um vor Ort etwas in Bewegung zu bringen. Für ihn waren das vor allem die Ergebnisse der Pisa-Studie. Die Pisa-Studie als Auslöser für Veränderung begleitete durchweg die gesamte Veranstaltung. In Weiterstadt führte der Veränderungsdruck 2003 zum 1. Weiterstadter Stadtgespräch, in dem Kommune, außerschulische Partner, Eltern und Schule in den Dialog traten. Im Ergebnis entstand ein Bildungsbeirat als Steuerungsinstrument und ein Leitbild, das die Zukunftschancen der Kinder und Jugendlichen in den Mittelpunkt stellt.
Mittlerweile ist Weiterstadt eine Modellkommune im Projekt Lebenswelt Schule der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Heute gehören Bildungsberichte und lokale Bildungspläne zum Standard in der südhessischen Stadt. Der Bildungsgesamtplan sieht vor, dass alle sieben Schulen bis 2013 Ganztagsschulen werden, mit integrierten Lernkonzepten für individuelle Förderbedarfe. Das lassen sich Stadt und Schulträger was kosten. In den nächsten drei Jahren fließen 16 Millionen Euro in den Ausbau der Infrastruktur der Ganztagsschule. 800 000 Euro investiert die Stadt in sozialpädagogisches Personal, die Horte werden aufgelöst und zu Bildungsangeboten in Bildungs- und Familienzentren umgewandelt. Sechs Voraussetzungen benennt Dieter Assel für das Gelingen von lokalen Bildungslandschaften:
- Initiative, Veränderungswille
- Das Denken in Ressorts, Zuständigkeiten überwinden
- Strukturen für Kooperation, Partizipation und entsprechende Steuerungsinstrumente schaffen
- Verzahnung von Schulentwicklungs- und Jugendhilfeplanung, gemeinsames Leitbild
- Fördersysteme zur qualitativen Fortentwicklung
- Bildungslandschaften in politische Strukturen einbinden.
„Partizipation ist gelungen, wenn es uns wehtut“, da ist in Weiterstadt die Schmerzgrenze anscheinend noch lange nicht erreicht.
Bildung vor Ort

„Bildung ist zwar Ländersache, aber die Kommunen sind wichtige bildungspolitische Akteure“, meint Dr. Siegfried Haller, seit 2000 Jugendamtsleiter in Leipzig. Er listet allein 25 Handlungsfelder kommunaler Bildungspolitik auf und dimensioniert damit das Potenzial für Bildung vor Ort. „Die Jugendhilfe tut sich mit Bildung nicht leicht“, verweist Siegfried Haller auf unterschiedliche Ziele und Werte, auf andere Begrifflichkeiten und die je eigene Sprache von Jugendhilfe und Schule. Er plädiert für eine Zusammenführung von fachlicher und sozialer Pädagogik, „denn Schule ist der größte und zentrale Jugendclub vor Ort“, sowie für eine Rekommunalisierung der Bildung im Sinne einer erweiterten Schulträgerschaft.
„Bildung ist mehr als Schule, sie ist Gestaltungsaufgabe“, besagt eine der Leipziger Thesen. Und um das Prinzip der Raumbezogenheit von Bildung in den Griff zu bekommen, fordert der agile Jugendamtsleiter ein Bildungsstrukturgesetz analog zum Raumordnungsgesetz sowie regionale und kommunale Agenturen für Qualitätssicherung. Ganztagsangebote sind auch für die Kommunen eine absolute Notwendigkeit, denn keine Kommune kann es sich leisten, teure Infrastruktur nicht auszulasten.
After Dinner

Was machen Tagungsteilnehmer und Referenten nach einem langen, intensiven Tagungstag nach dem Abendbrot? In Meißen war das keine Frage: sie diskutieren weiter. Die illustre Talkrunde auf dem Podium wurde von Regine Förster (mdr) moderiert und gekonnt mit Fragen traktiert. Von „Was war Ihr eindrücklichstes Bildungserlebnis?“ über „Wie viel Staat hat Schule nötig?“ bis hin zu „Wie stellen Sie sich die Bildungslandschaft der Zukunft vor?“ Löste die erste Frage noch sichtlich Betroffenheit aus und wen wundert es, dass die meisten eindrucksvollen Bildungserlebnisse außerschulischer Natur sind, so geriet die Gesellschaft schnell in Schwung. Ob es in Zukunft überhaupt noch so etwas wie Schule geben wird oder stattdessen KaDeLe (Kaufhäuser des Lernens), dieser Disput wurde nicht entschieden.
Dafür konnte man zu mitternächtlicher Stunde im Meißner Dom miteinander Frieden schließen und dem Gedenken der „guten alten Schule“ ein Kerzlein zündeln.
Bildung ohne Grenzen

Wie lassen sich lokale Bildungslandschaften planen, gestalten und verankern? Diesem Thema stellte sich Dr. Stephan Maykus vom Institut für soziale Arbeit e. V., Münster. Keine einfache Aufgabe angesichts des vorherrschenden getrennten, versäulten Systems von Bildung, Betreuung und Erziehung. In der Praxis fehle häufig eine kommunale Gesamtstrategie, dies habe Doppelaktivitäten, unbefriedigende Ressourcennutzung, „strukturelle Verantwortungslosigkeit“, institutionelle Selektionswirkungen, Verlust biografischer Begleitung und lebensweltferne Angebote zur Folge. „Bildungsprobleme sind Verknüpfungsprobleme“, folgert Stephan Maykus und setzt auf eine integrierte kommunale Bildungsplanung und entzerrte Bildungsprozesse, die folgende Ingredienzien beinhalten:
- Gemeinsames Bildungsverständnis, Leitbild und Ziele
- Gestaltungsauftrag und -struktur
- Kommune als Referenzpunkt für Lebensräume und Infrastruktur
- Qualitätsstandards formulieren
- Ressortverzahnung, Steuergruppe und Koordinationsstelle
- Rechtliche Kodifizierung des Kooperationsangebotes
- Datenbestand vor Ort zusammenführen.
Nach dem Prinzip der Kleinräumigkeit sollte die Planung und Steuerung in der örtlichen Verwaltung angesiedelt sein.
Lernen vor Ort
Petra Böttcher vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. stellte die Empfehlungen des Innovationskreises Weiterbildung (IKWB) vor. Der Innovationskreis Weiterbildung wurde von dem Bundesbildungsministerium mit dem Ziel eingesetzt, Empfehlungen für die Zukunft der Weiterbildung und das Lernen im Lebenslauf zu erarbeiten. Im März 2008 stellte der Innovationskreis seine Empfehlungen vor. Die Empfehlungen zielen darauf ab, die Weiterbildungsbeteiligung in Deutschland signifikant zu erhöhen. Ziel ist die Weiterentwicklung des Bildungssystems, indem die verschiedenen Bildungsbereiche besser verzahnt werden und das Lernen in den gesamten Lebensverlauf integriert wird, und bei dem Erfahrungen zählen, sie also Anerkennung erfahren und anrechenbar werden sollten.
Neben der Motivation und Anerkennung stehen auch das Lernen am Arbeitsplatz und die Bedeutung der Region für das Lernen im Lebenslauf im Fokus des IKWB. Eine besondere Empfehlung des IKWB ist die Verbesserung der Bildungsberatung. Die Kommunen sollen eine Zukunftsvision für ihre Region und eine kommunale Strategie für lebenslanges Lernen in der Region entwickeln. Anträge auf Förderung können Kreise und kreisfreie Städte stellen. „Können die Antragsformulare nicht einfacher gestaltet werden?“, drängelt ein besorgter Zwischenruf aus dem Plenum. „Die Förderrichtlinien werden in den Ministerien gemacht, wir sind für die Inhalte und Begleitung zuständig“, lächelt Petra Böttcher. „Aber keine Sorge für den Anfang reicht eine Projektskizze und ein Antrag.“
Von der Weisheit der Indianer
„Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest, dann steige ab“, lautet ein Rat der Dakota-Indianer. „Es ist nicht sehr verbreitet abzusteigen. Eher behauptet man, dass die anderen Pferde noch töter sind oder treibt einen Stachel ins Pferdefleisch, um das Tier wieder lebendig werden zu lassen“, interpretiert Otto Herz das Bild für die deutsche Bildungslandschaft um.
Die vier Felder: Familie erzieht, Schule belehrt, Freizeit erfreut, Arbeit ernährt, stimmten heute in der Praxis nicht mehr. Das gemeinsame Leben sei der Weg, folgert der 64-Jährige und zeigt anhand der Dortmunder Grundschule „Kleine Kielstraße“, wie das gelingen kann. Seit 2002 widmet sich die Freudenberg-Stiftung mit den regionalen Arbeitsstellen (RAA) und der „Weinheimer Initiative“ der räumlichen Konzentration ihrer Förderstrategien aus den Themenschwerpunkten Migration und Integration, Jugend zwischen Schule und Beruf sowie demokratische Kultur in Schule und Gemeinde. Mit der räumlichen Verdichtung auf einen „Quadratkilometer Bildung und Integration“ geht es um die Herstellung einer Förderkultur rund um Schule, die ein gelingendes Aufwachsen von Kindern ermöglicht. „Seid ins Gelingen verliebt, nicht ins Scheitern vernarrt“, fordert Otto Herz mit einem Bloch-Zitat den Zuhörerkreis heraus.
Professionell kooperieren

Auch Dr. Karsten Speck von der Universität Potsdam sieht die Pisa-Studie als Auslöser für ein neues Kooperations- und Bildungsverständnis und wirbt für einen Abbau von Bildungsbenachteiligungen. Den Kommunen weist er in diesem Prozess eine gestaltende und gesamtplanerische Funktion zu. Regionale Disparitäten zeigen sich in einer großen Leistungsstreuung und in unterschiedlichen Bildungsausgaben. Ein Viertel der Schüler in den neuen Bundesländern und ein Drittel in den alten erreichen keinen altersgemäßen Bildungsabschluss.
Wie kann mangelnde Verantwortung bzw. soziale Ungleichheit zwischen Regionen verhindert und Bildungsgerechtigkeit erzielt werden, fragt der engagierte Referent in die Runde. Ein probates Mittel sei der Abbau von berufskulturellen Kooperationsbarrieren und Feinbildkonstruktionen. Karsten Speck warnt davor, den Begriff lokale Bildungslandschaften zu überfrachten. Denn „rechtlich kann man kommunale Bildungslandschaften nicht durchsetzen, jedenfalls nicht in der geforderten Komplexität“. „Lassen Sie uns mit kleinen, lokalen Themen anfangen und Kontaktanlässe wie heute schaffen.“ Eine Botschaft, die sich in Meißen bewährt hat.
Lebendige Pferde
Was macht man in Meißen an einem sonnigen Samstagmittag? Nein, man geht nicht ins nächst gelegene Gartenlokal, sondern diskutiert in fünf Foren zu lokalen Bildungslandschaften. „Die toten Pferde zu begraben und die lebendigen zu reiten“, wünscht sich eine Teilnehmerin für das Thema in Zukunft. „Klein anfangen, das macht nicht atemlos“, rät Christian Kurzke von der Evangelischen Akademie Meißen. „In Bewegung bleiben“, verabschiedet Volker Schmidt von der Serviceagentur Sachsen die Teilnehmer. Ganz gewiss.
Datum: 10.06.2008 © www.ganztaegig-lernen.de
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