Ansprache Dr. Christian Jacobs

Sehr verehrte Frau Köhler, sehr verehrte Frau Erdsiek-Rave, liebe Gäste des 3. Ganztagschulkongresses,
Tagungen und Kongresse gibt es eine Menge. Trotz oder gerade wegen dieser Menge kommt es allerdings so gut wie nie vor, dass man von einer Tagung wirklich überrascht und beeindruckt ist; dass man nicht nur das Thema höchst relevant und spannend findet, sondern auch unter den Teilnehmern eine solche gemeinsame Aufbruchsstimmung und so großes Engagement wahrnimmt. Mir ist es heute so gegangen! Das ist überzeugend und ein Kompliment an Sie alle. Meinen herzlichen Glückwunsch.
Für Sie geht ein anspruchs- und anregungsvoller Tag zu Ende, und ich denke, Sie haben sich die Einladung der Jacobs Stiftung zu diesem Abend verdient. Er soll weiterführenden Gesprächen bei einem guten Glas Wein dienen. Als Gesellschafter der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, aber auch, weil die Jacobs Stiftung unter dem Dach der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung das Programm „Ideen für mehr! – Ganztägig lernen“ und die Werkstatt „Lebenswelt“ fördert, möchte ich Ihnen kurz drei Punkte nennen, warum uns als privater Stiftung das Thema so sehr am Herzen liegt:
Ganztägiges Lernen ist ein wesentlicher Beitrag zur produktiven Entwicklung junger Menschen oder wie es im Englischen heißt „Productive Youth Development“ und wir alle wissen, in welchem Umfang die weitere Entwicklung Deutschlands und Europas abhängt inwieweit unser Erziehungssystem eine produktive Es geht darum sicherzustellen, dass das Lernen, und zwar aus der Perspektive der Kinder und Jungendlichen und ihrer Entwicklung zu verantwortlichen Gesellschaften in der Gesellschaft sichergestellt wird. Entwicklung der Heranwachsenden trotz weit reichender Herausforderungen ermöglicht. Ich erwähne nur die folgenden Herausforderungen:
- Die demographische Entwicklung im Allgemeinen; - Die Fähigkeit unserer Gesellschaften und der einzelnen Mitbürger, Immigranten zu integrieren; - Die positive Einstellung der Gesellschaft und der Mitbürger zur Gründung von Familien und den Wunsch nach Kindern; - Die Bereitschaft der Gesellschaft und der Mitbürger sich in immer kürzeren Zeiträumen den sich rasant verändernden Rahmenbedingungen anzupassen; - Und dies – wem sage ich das – bitte im Rahmen der immer knapper werdenden Kassen.
Der Lösungsansatz heißt – wie wir alle wissen – in fast allen europäischen Ländern „ganztägiges Lernen“. Und dies nicht, damit die Kinder und Jugendlichen länger in der Schule gehalten werden können und der Nürnberger Trichter mithin besser wirkt. Nein, es geht darum, Kinder im Wege des ganztägigen Lernens mit in die Lage zu versetzen, diese Herausforderungen jetzt und in der Zukunft zu meistern und dadurch ein produktiver Mitbürger zu werden.
Der zweite Grund unseres Engagements für die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung liegt vor allem in ihrem Anspruch „gemeinsam Schule zu machen“.
Ich bin froh darüber, dass Sie alle den Anspruch der Deutschen Kinder- und Jungendstiftung und der Jacobs Stiftung, Partner aus dem öffentlichen und privaten Bereich zusammenzubringen, unterstützen. Dafür steht für mich das Motto des Kongresses: „Gemeinsam Schule machen.“ Denn nur durch eine gemeinsame Anstrengung verschiedener gesellschaftlicher Kräfte in der Schule und um die Schule wird sich eine Schule gestalten lassen, die nicht nur als Wissensvermittler dasteht, sondern zugleich Herausforderungen für die jungen Menschen anbietet und ist. Das Programm „Ideen für mehr! – Ganztägig lernen“ zeigt, wie produktiv und ermutigend eine solche Zusammenarbeit ist. Und, das möchte ich ausdrücklich betonen, wie erfolgreich sie auch in Gegenden und sozialen Umfeldern, die man landläufig für hoffnungslos hält, sein kann. 3. Der dritte Grund für unser Engagement als ist, dass die Deutsche Kinder- und Jungendstiftung Partner sucht, nicht als Lückenfüller für vermeintliche Staatsaufgaben.
Der wissenschaftliche Beirat beim Bundesministerium für Finanzen hat vor kurzem ein Gutachten vorgelegt, das sich mit steuerrechtlichen Fragen des gemeinnützigen Sektors befasst. Dort heißt es an herausragender Stelle, dass durch Aktivitäten von Stiftungen, der Staat bei Aufgaben finanziell entlastet werden soll. Ich möchte ganz deutlich sagen, dass ich diesen ordnungspolitischen Ansatz – steuerliche Begünstigung von Stiftungen nur bei Entlastung des Staates auf dessen Kerngebieten – nicht nur für kontraproduktiv, sondern für grundsätzlich falsch halte.
Privates Engagement und Stiftungen allgemein können im Bildungsbereich nicht „Ausfallbürgen“ für staatliche Leistungen sein, jedenfalls nicht dort, wo es um Kernfragen der Zukunft unseres Staates, der Gesellschaft und unseres Zusammenlebens im Einzelnen geht.
Wer private Geldgeber oder die von Roman Herzog als „Motoren des Wandels“ bezeichneten Stiftungen dazu bewegen will, sich am gesellschaftlichen und politischen Wandel zu beteiligen der muss sie als Partner, nicht als Lückenfüller sehen und akzeptieren. Der „Stiftungsboom“ der vergangenen Jahre darf eben nicht den Blick darauf verstellen, dass Stiftungen auch weiterhin nur subsidiär zur öffentlichen Hand agieren können. Andererseits kommt ihnen gerade in Zeiten leerer Haushaltskassen verstärkt die Aufgabe zu, mit Reformideen und Konzepten, aber auch mit finanziellen Anreizen, notwendige Veränderungen auf den Weg zu bringen und exemplarisch zu realisieren.
Genau das geschieht im Programm „Ideen für mehr! – Ganztägig lernen.“ Daher bin ich der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Frau Dr. Schavan, für die Entscheidung, gemeinsam mit der DKJS Schulen auf ihrem gewiss nicht immer leichten Weg eigener Entwicklung zur Ganztagsschule mit Rat und Tat zur Seite zur stehen, sehr dankbar.
Ich darf also mein Glas erheben. Ich bin überzeugt, dass durch Ihr Engagement für ganztägiges Lernen die Chance für unsere Jugendlichen geschaffen wird, sich selbst zu produktiven Mitbürgern zu entwickeln und damit unserer Gesellschaft hilft, sich heutigen und künftigen Anforderungen zu stellen. Ich wünsche uns allen einen schönen, gesprächsreichen Abend.
Vielen Dank
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