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Studienreise der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung nach Finnland

Serviceagentur M-V in Waren, 3.10.2005 bis 7.10.2005, Jyväskylä
Reisebericht über den Aufenthalt in einer Bildungsoase

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Zu Besuch in finnischen Schulen

Offene Türen zum Arkanum
Dr. Egbert Motzkus
Pädagoge am Schlossgymnasium Gützkow (Mecklenburg/Vorpommern)

Worin besteht das Geheimnis für den Erfolg des finnischen Bildungssystems? Ganze Heerscharen aus Pilgern durchziehen Finnland und rennen allerorten offene Türen ein. Der Suche nach dem Arkanum stellt sich überraschenderweise keine Geheimniskrämerei in den Weg.

Erstaunt beobachtet der Leiter der Lehrerausbildung in Jyväskylä, Dr. Jorma Ojala, dass jetzt so viele deutsche Delegationen nach Finnland kommen. Vor Jahrzehnten habe man von Finnland aus die europäischen Länder besucht, insbesondere auch Deutschland, um fortschrittliche Erfahrungen in die finnischen Pädagogik zu integrieren. Bereitwillig gewähren heute die Lehrerausbildung und Schulen Einblicke in ihre Arbeitsweise. Im Fokus überwiegen statt des erwarteten Stolzes eher die brennenden aktuellen Probleme.Besorgt fragte sich z.B. Prof. Dr. Lea Pulkinen vor einigen Jahren, wie Schüler die unbeaufsichtigte Zeit nach dem Schulschluss verbringen. Sicher, manche Kommunen ermöglichen ihren Schulen angemessene Formen der Betreuung. Viele Kinder bleiben jedoch sich selbst überlassen. Daher begründete sie gemeinsam mit Dr. Leevi Launonen das Ganztagsschulprogramm „MUKAVA“. Es reagiert auf negative Tendenzen, wie sie uns bekannt vorkommen: Familien zerfallen, Missbrauch von Medien, Drogen und Alkohol begleitet von abnehmenden Sozialkompetenzen. Eine Gesellschaft, in der traditionell über zwei Drittel der Frauen – und damit die meisten Mütter – erwerbstätig sind, die keinen Hort für Grundschüler kennt und in der sich das Familienleben zunehmend dem unregelmäßigen Rhythmus der Arbeitszeiten anpasst, braucht eine verlässliche Betreuung vor und nach dem Unterricht.

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Maria Zabel (Regionale Serviceagentur Mecklenburg/Vorpommern) im Gespräch mit finnischen Pädagogen

Für deutsche Verhältnisse schnell leiten sich aus dem nationalen Grundkonsens Ideen und Modelle ab, wie die überall selbstständigen Schulen ihrem Auftrag zur Erziehung gerecht werden. Ein bemerkenswerter Vorzug des finnischen Bildungswesens liegt darin, dass Erkenntnisse der Erziehungswissenschaft raschen praktischen Niederschlag in der Pädagogik finden. Alles ordnet sich den Überlegungen unter, was dem Wohl der Kinder und Jugendlichen dient. Parteipolitische Richtlinien respektieren die Ergebnisse der fachwissenschaftlichen Forschung. Sie spielen die entscheidende Rolle bei Schwierigkeiten, mit denen wir hierzulande ebenso konfrontiert sind, wie Rückgang der Schülerzahlen, Finanznöte der Kommunen oder Schulschließungen.

Nach wie vor scheint für Abiturienten der Lehrerberuf ungemein erstrebenswert. Lediglich ein Zehntel der Bewerber wird für ein Studium zugelassen, um dann auch tatsächlich den pädagogischen Beruf auszuüben. Vorbereitungen auf die Ausbildung vermitteln nicht nur erste praktische Erfahrungen, sondern erhöhen auch die Aussichten, die für alle Fächer übliche Aufnahmeprüfung zu bestehen. Die hohe Wertschätzung der Ausbildung betonen Lehrer, Schüler, Eltern und Lehrerbildner wie Dr. Jorma Ojala gleichermaßen. Lehrer agieren als angesehene Persönlichkeiten im öffentlichen Leben. Sie verstehen sich als Partner, die gemeinsam mit allen Beteiligten die Verantwortung für den Bildungserfolg teilen. In einer Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens sichern sie die Zukunft einer Nation.

Die Schule, ein Ort des Lebens und Lernens: Wie stark das Gefühl bei Kindern und Jugendlichen zur vertrauenswürdigen Einrichtung ausgeprägt ist, drückt ein Gymnasiast bemerkenswert aus. Auf die Frage, was finnische Oberschüler deutschen Altersgenossen wünschen, war seine Antwort schnell parat: Ein warmes, kostenloses Mittagessen. Das wäre an manchen Tagen das Wichtigste, was ihn zur Schule bewege. Offenbar liegen Facetten des Arkanums an Stellen verborgen, die wir aus deutschem Blickwinkel in dieser Bedeutung vielfach unterschätzen.       

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser
Nils Kleemann
Schulleiter der staatlich anerkannten Montessori-Schule Greifswald (Mecklenburg/Vorpommern)

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Die Seelandschaft in Mittelfinnland ist eingefasst von Bäumen in den schönsten Herbstfarben. Sie vermittelt Ruhe und Gelassenheit, wie auch die Menschen, auf die ich treffe. Aber habe ich in dieser Landschaft nicht rote Holzhäuser erwartet statt Betonbauten? Gefunden habe ich junge, wachsende Städte mit Neubauten, Menschen voller Hoffnung und Stolz. So sind es nicht die Schulgebäude, die bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, sondern Schüler, Lehrer, Studienberater und  Krankenschwestern, die sich gemeinsam den Tag teilen und ein Miteinander pflegen. Die Gesprächskultur vermittelt den Eindruck „Du bist wichtig, beteilige dich, nur gemeinsam können wir weiterkommen.“

Im Rahmen der Studienreise besuchten wir unter anderem verschiedene Schulformen: Klassenstufe 1-6; 7-9; 10-12 Abiturstufe und in der Berufsausbildung.Wir erfuhren z.B., dass finnische Lehrer kurzfristig und unkompliziert zusätzlich Förderstunden für Schüler einfordern können, die zeitweise Schwierigkeiten haben. Dabei müssen die Kinder nicht in „Schubladen“ einsortiert werden, aus denen sie schwer wieder herauskommen. Wir waren beeindruckt, wie unkompliziert den  Schülern hier geholfen wird. Aber sprengt dies nicht den Kostenrahmen?

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Fragen an finnische Schüler...

In Jyväskylä haben wir bei der Schulverwaltung nachgefragt. Wir erhielten eine klare Antwort: „Diese Hilfe ist ein Recht der Kinder. Bisher kamen wir immer mit dem Haushaltsansatz klar“. Vielleicht gilt im nördlichen Europa: „Vertrauen ist gut, Vertrauen ist besser!“ Eine Art des Umgangs, welche ich gerne nach Deutschland importieren würde.

Kopieren wir das finnische Bildungssystem! Einen Abzug bitte nach Deutschland?

Nein, wohl eher nicht! Erst im letzten Jahrhundert erlangte Finnland die staatliche Unabhängigkeit. Es grenzt an Schweden, Norwegen und Russland. Nokia ist allgegenwärtig. Im heutigen geöffneten Europa bieten sich für Finnland neue Möglichkeiten. Finnland ist offen für innere Veränderungen und äußere Anregungen. 

Bildungssysteme sind Spiegelbilder von gesellschaftlicher Entwicklung. Wir sollten selbstbewusst genug sein, eigene Wege zu wagen. Aber Besitzstände und Befindlichkeiten hemmen. Vereinzelt fehlt in Deutschland der Mut Visionen zu leben und eigene Ansprüche konsequent umzusetzen.Dabei lohnt es sich! Etwa 1000 Schülern und ihren Lehrern stehen in finnischen Schulen ein Psychologe und eine Krankenschwester zur Seite, die Teil des Schulteams sind. Die Wirkung ist beeindruckend. Jyväskylä hat weniger als 8 % Jugendliche ohne Ausbildung (in MV sind es circa 26 %) und einen hohen Prozentsatz an Abiturienten. Aber gibt es nicht in vielen deutschen Gemeinden Strukturen, die ähnliche Möglichkeiten bieten? Sozialpädiatrische Zentren in Deutschland sind nach § 119 SGBV institutionelle Sonderformen interdisziplinärer ambulanter Krankenbehandlung. Sie sind zuständig für die Untersuchung und Behandlung von Kindern und Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr im Kontext mit dem sozialen Umfeld einschließlich der Beratung und Anleitung von Bezugspersonen. Fachärzte, Psychologen, Krankenschwestern, Sozialpädagogen oder Therapeuten arbeiten in Teams. Warum vernetzen wir nicht, was zusammen gehört? Lehrer und Erzieher werden Teil der Teams! Danke Finnland – für die Idee, aber wir haben unsere eigenen Wege! 

In Mecklenburg-Vorpommern wird derzeit gerade über Standortfragen der Lehrerausbildung verhandelt. Ein kleines Bundesland muss seine Hausaufgaben machen. Vergessen sollten wir aber nicht die inhaltliche Diskussion. Auch hier lohnt sich ein Blick über den Tellerrand. Vielleicht führt es hier aber zu weit, alle Eindrücke wiederzugeben, denn unserer Reisegruppe wurde in der Universität Jyväskylä auch ein interessantes Forschungsprojekt zur Weiterentwicklung von Ganztagsschulen  vorgestellt. Die beiden Einblicke in die Arbeit der Universität und der Versuchsschule geben allein schon Stoff für einen eigenen Bericht. Und auch dann bleiben noch weitere Themen, wie Vernetzung mit außerschulischen Partnern, Zusammenarbeit von Elternhaus und Schule, das täglich warme Mittagessen oder die Berufsvorbereitung.Und die Natur und Kultur, die muss ich wohl bei einer nächsten Reise intensiver genießen, eine Reise ist Finnland alle mal wert.

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Universität Jyväskylä


Weiterführender Link

Forschungsprojekt zur Weiterentwicklung von Ganztagsschulen 
Universität Jyväskylä ansehen

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Zusammengestellt:
Sabine Schweder
Datum: 31.10.2005
© www.ganztaegig-lernen.de
Fotos: Nils Kleemann



 



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