Bedingungen für ein Erfolgreiches Lernen

Psychische und physische Sicherheit
Schule sollte ein Ort sein, an dem sich die Schülerinnen und Schüler sicher fühlen. Sicher vor ihren Mitschüler/innen, manchmal auch sicher vor ihren Eltern oder älteren Geschwistern, vor allem aber sicher vor denen, mit denen sie sich gemeinsam auf den Weg eines Lernabenteuers machen wollen. Jedes Kind geht gerne mit der Erwartung in die Schule, hier noch mehr lernen zu können als zu Hause. Wir haben die Aufgabe, diese Erwartung nicht zu zerstören. Unsere Aufmerksamkeit sollte den Momenten gelten, in denen die Kinder gut sind, etwas geschafft haben. Diese Momente müssen verstärkt werden, das „negative“ Suchen nach Fehlern – häufig verbunden mit Bloßstellung – macht unsicher.
Fehler sind notwendig im Lernprozess, ohne Fehler findet kein Lernen statt. Die Mathematik, die Naturwissenschaften sind nur so weit gekommen, weil in ihrer Geschichte Milliarden von Fehlern gemacht wurden, um nach vielen Umwegen auf die richtigen Lösungen zu kommen. Gestehen wir dies auch unseren Schülerinnen und Schüler zu. Lachen ist ein wichtiger Faktor im Lernprozess, ein Ausdruck dafür, dass Lernen Spaß macht, dass man sich wohl und sicher fühlt.
Schülerinnen und Schüler, die aus dem Ausland kommen, bemerken immer wieder, dass Lehrer und Lehrerinnen in Deutschland oft „kleinmachend“ agieren, dass sie über Schülerinnen und Schüler lachen, sich lustig machen und erheben. Lachen wir mit ihnen, nicht über sie. Selbstverständlich müssen die Schülerinnen und Schüler vor Mobbing oder körperlicher Gewalt geschützt werden. Wer morgens mit Bauchschmerzen in die Schule kommt, weil er Angst vor seinen Mitschülern oder vor den Jugendlichen im Bus hat, hat keinen Kopf frei fürs Lernen. In der Schule selbst sind Freiräume und Grenzen notwendig, um Sicherheit für alle zu gewährleisten.

Individualität
Es ist bekannt, dass es unterschiedliche Lerntypen gibt. Wir als Erwachsene haben unsere Erfahrungen damit gemacht, wie, in welcher Lernumgebung und mit welchen Anreizen wir am besten und nachhaltigsten lernen. So unterschiedlich lernen auch unsere Schülerinnen und Schülern, doch wird in der Schule nur selten darauf Rücksicht genommen. Es gibt Schülerinnen und Schüler, die Matheaufgaben am besten mit Musik lösen. Ihnen sollten wir nach einem Test gestatten, in Übungsphasen mit Walkman zu arbeiten. Schülerinnen und Schüler, die nicht so gut mit Musik lernen, sollten den Walkman lieber weglassen. Wichtig ist, dass ein objektiver Test zeigt, für wen das gut ist und für wen nicht. Unterschiede müssen nicht nur von den Lehrerinnen und Lehrern, sondern auch von den Schülerinnen und Schülern wahrgenommen und akzeptiert werden.
Die früher so oft zitierten gleichen und gerechten Bedingungen sind für das Individuum ungerecht und dem Lernen abträglich. Wenn wir Lehrerinnen und Lehrer auf die individuellen Lernvoraussetzungen eingehen, haben die Schülerinnen und Schüler das Gefühl, als Individuum anerkannt zu werden, wichtige Voraussetzung für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Dazu gehört auch, dass Lehrerinnen und Lehrer an der individuellen Lernentwicklung eines jeden Schülers Anteil nehmen. Das Maß kann nicht der erwartete Durchschnitt der Leistungen einer Klasse sein, sondern das, was jeder Schüler, jede Schülerin unter den jeweiligen Voraussetzungen erreichen kann. Dies ist vielen Schülerinnen und Schülern selbst nicht klar, daher ist es unsere Aufgabe, ihnen das Gefühl dafür zu eröffnen, ihre Möglichkeiten und sich selbst zu erkennen. Zugehörigkeit In dem Maße, in dem auf die Individualität Rücksicht genommen wird, muss auch auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe geachtet werden. Individualisten sind einsam.
Ernst genommene und akzeptierte Individuen können sich in eine Gruppe einbringen, die gemeinsam mehr ist als die Summe der Einzelleistungen. Insofern ist Gruppenarbeit in der Schule nicht nur eine Methode unter vielen anderen, sondern unabdingbarer Bestandteil einer erfolgreichen Gesellschaft. Individuen finden eine Identität im Team, lernschwächere und lernstärkere Schülerinnen und Schüler ergänzen sich, Mädchen und Jungen kommen auf einer Arbeitsebene zusammen, Mitglieder verschiedenster Cliquen lernen, dass es unabhängig von Zugehörigkeitssymbolen eine für die Gesellschaft notwendige Form der Zusammenarbeit gibt. Das Team gibt Sicherheit. Das gilt nicht nur für Schülerinnen und Schüler, sondern auch für Lehrerinnen und Lehrer.

Kompetenz
Das Lernen in der Schule muss Kompetenzen, Schlüsselqualifikationen vermitteln, die die Schülerinnen und Schüler als hilfreich oder sogar notwendig für die Bewältigung ihres Alltags erleben. Nur wer sich kompetent fühlt, hat die Sicherheit, sich in den Lernprozess einzubringen, sich weiterzuentwickeln, sich in die Gesellschaft einzubringen. (Siehe auch Datenblatt „Tischgruppen“) Sinnhaftigkeit Das Lernen, die Arbeit in der Schule muss einen Sinn haben. Früher gab die relativ sichere Karriere einen Sinn: Mit dem Schulabschluss und dem entsprechenden Zertifikat hatte man gute Chancen auf die damit verbundenen Berufskarrieren und Einkünfte. Diese Sicherheit gibt es heute nicht mehr. Ein Zertifikat hat nichts mehr mit Zukunftsaussichten zu tun. Insofern ist das schulische Arbeiten wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Gute Leistungen sind nicht deshalb wichtig, um schulisch eine Stufe vorwärts zu kommen und dann automatisch ein bestimmtes Einkommen zu erzielen. Schulisches Arbeiten muss in sich selbst einen Sinn für Schülerinnen und Schüler, muss mit ihrem Leben zu tun haben. Das Ziel schulischen Lernens kann nicht mehr sein, das Lehrbuch durchgearbeitet zu haben. Schülerinnen und Schüler müssen sich selbst Ziele setzen, die sie für sich akzeptieren und damit motivieren, den Weg zum Erreichen dieser Ziele zu gehen. Das ist schwer. Wir Lehrerinnen und Lehrer müssen ihnen dabei helfen, diese Ziele zu finden, die für jeden einzelnen andere sein können. Doch nur so können Schülerinnen und Schüler dazu kommen, dass sie wissen, warum sie etwas tun sollen, warum sie etwas lernen sollen. Wir selbst können ihnen guten Gewissens keinen absoluten Kanon mehr vorgeben, den sie zu lernen haben, da wir gar nicht genau wissen, was für diese Schülerinnen und Schüler in Zukunft wichtig sein wird. Eine derartige Haltung hat auch direkt etwas mit dem Selbstverständnis von uns Lehrerinnen und Lehrern zu tun. Suchen wir den Sinn unserer Arbeit darin, bestimmten Lernstoff durchzunehmen oder suchen wir ihn darin, dass unsere Schülerinnen und Schüler im Leben zurechtkommen?

Wolfgang Vogelsaenger ist seit 1.8.2002 Schulleiter der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule
Zusammengestellt: Sabine Schweder Datum: 04.11.2005 © www.ganztaegig-lernen.de
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