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Der Klassenraum als Lernwerkstatt

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Die Philosophie einer Lernwerkstatt

Die Lernwerkstatt sollte eine anregende Lernumgebung für Kinder und Erwachsene bieten, in der individuelle Lernwege durch eine Vielzahl von Medien und Lernarrangements ermöglicht werden. Schüler und Schülerinnen sollen ermuntert werden, möglichst selbstständig und im Team zu arbeiten. Die Lehrerinnen und Lehrer übernehmen hierbei zunehmend die Rolle eines Coach. Wie in einer handwerklichen Werkstatt, so ist auch in einer Lernwerkstatt zu sehen, was dort gearbeitet wird. Visualisierungen von Lernergebnissen helfen, das Gelernte zu festigen. Die Atmosphäre eines Klassenraumes, die Lebens- und Arbeitskultur, die ein solcher Raum deutlich macht, die Prozesse, die er allein durch seine Gestaltung und Einrichtung ermöglicht oder verhindert, all das gehört zu dem, was wir unseren Schülern "nebenbei" vermitteln, ohne dass es in unseren Lehrplänen stünde oder wir es bewusst initiieren.

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Der Weg

Die Einrichtung und Gestaltung sollten unter dem obersten Gebot der Funktionalität stehen, es soll eine Lernwerkstatt entstehen, nicht ein Partykeller. Zu einer Lernwerkstatt gehört all das, was wir Lehrer und Lehrerinnen an unserem häuslichen Schreibtisch für selbstverständlich halten: Schere, Kleber, Locher, Aktenordner oder andere Ordnungsmittel, Karteikasten, Regale, Nachschlagewerke, Zeitschriften, Bücher zum Schmökern, eine gemütliche Leseecke, Pin-Wände, um Arbeitsergebnisse zu dokumentieren, Bilder, Blumen, ein Computer. Dieser Grundstock an Materialien wird dann unterrichtsbezogen immer wieder ergänzt durch die Bücherkisten zum Thema, die von der jeweiligen Stadt- oder Gemeindebibliothek für einige Monate zur Verfügung gestellt werden, Freiarbeitsmaterialien, Karteien, Spiele, Materialien in einer Experimentierecke.

Um dies zu realisieren, benötigen Sie natürlich Geld und Arbeitskraft, da die wenigsten Gemeinden derartige Klassenräume einrichten werden. Im Übrigen ist es sehr wichtig, dass sich die Schülerinnen und Schüler ihren Klassenraum individuell selbst einrichten. So erfahren sie, dass sie ihre Umwelt selbst gestalten können, sich wohl darin fühlen, dass sie aber auch selbst dafür Verantwortung übernehmen müssen. Die Beteiligung Ihrer Schülerinnen und Schüler am Gestaltungsprozess könnte folgendermaßen aussehen: Nehmen Sie mit Ihren Schülerinnen und Schülern eine Bestandsaufnahme des Ist-Zustandes vor. Werten Sie Fragebögen, Interviews und Beobachtungen aus, gestalten Sie das Bild eines "Sprechenden Klassenzimmers". Besprechen Sie in der Gruppe den Unterschied von Arbeits- und Freizeitraum. Starten Sie dann das Projekt "Traumklassenzimmer" mit einer Ausstellung von Bildern, Collagen, Fotos. Gestalten Sie den Klassenraum durch Improvisation mit Schnüren, Tüchern und Pappen, um z.B. den gewählten Farbton auf einer größeren Fläche auszuprobieren. Laden Sie dann die Eltern ihrer Schüler ein. Zeigen Sie ihnen die Klassenräume, in denen die Kinder einige Jahre verbringen müssen. Diskutieren Sie mit ihnen und den Schülern die gemeinsam entwickelten Vorstellungen. Bitten Sie die Eltern um Mithilfe bei der Ausstattung und Ausgestaltung der Räume. Sammeln Sie Geld, um das anschaffen zu können, was noch fehlt. Produzieren Sie Gedichtbände oder andere Materialien mit Ihren Schülern und verkaufen Sie diese Werke.

TIPP

Lassen Sie Ihre Schüler bei Konferenzen Kaffee und Kuchen verkaufen, um mit dem Erlös die Klasse gestalten zu können. Besorgen Sie in Gärtnereien, im Schulbiologiezentrum Pflanzen für die Klasse. Viele Pflanzen überleben, die eine Alibipflanze geht immer ein. Nehmen Sie sich Zeit für die Gestaltung der Klassenräume, auch Unterrichtszeit. Das, was die Schüler in dieser Arbeit lernen, ist wichtiger als vieles, was in "normalen" Unterrichtsstunden läuft. Diese Idealvorstellung kann auch in abgespeckter Form erfolgen. Nicht in jeder Schule haben Sie als Klassenlehrerin oder Klassenlehrer genügend Stunden in Ihrer Klasse, um ein solches Projekt komplett umsetzen zu können. Außerdem bietet nicht jeder Klassenraum ausreichend Platz für eine „optimale“ Lernwerkstatt – aber Teilelemente können überall umgesetzt werden, die ein verändertes miteinander Arbeiten ermöglichen. Parallel zur Einrichtung des Klassenraumes muss die Pflege, Betreuung geregelt werden. Jeder Schüler muss im Zusammenhang mit der Klassenraumgestaltung für einen festgelegten Zeitraum mindestens ein Amt übernehmen, zuständig für einen Bereich sein. So ergeben sich Verantwortlichkeiten aber auch gegenseitige Rücksichtnahme. Und fürchten Sie nicht die Brand- oder Seuchenbestimmungen der Gemeinden. Wenn das Sofa nicht in der Klassentür steht und bei Feueralarm die Flucht der Schüler behindert, wenn keine Ratten im Sofa hausen, dann sind solche Lernwerkstätten zulässig. Mit Hausmeister und Reinigungskräften kann man verhandeln. Eine Idee: Die Schüler fegen den Klassenraum nach jeder Stunde und saugen einmal bis zweimal in der Woche, die Reinigungskräfte sind entlastet und können sich dann verstärkt um Fenster und Wände kümmern. So kann man ein wenig verändern, ohne auf zusätzliche Gelder, Erlasse oder Personal warten zu müssen.

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Die Eckpfeiler

(1) Sitzordnung und Einrichtung

Kernstück der Lernwerkstatt ist die Sitzordnung, die ein Arbeiten der Schülerinnen und Schüler fördert und in den Mittelpunkt stellt, gleichzeitig aber frontale Phasen zulässt. Optimal hat sich die Arbeit mit Tischgruppen (siehe auch Datenblatt Tischgruppe) herausgestellt. Teamarbeit der Schülerinnen und Schüler ist Grundlage selbstständigen Arbeitens und sollte von allen in dieser Klasse unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrern akzeptiert werden. An den Wänden sollten ausreichend viele Pinbretter hängen, auf denen mindestens folgende Bereiche eingerichtet und gepflegt werden sollten:

• Der Bereich Wochenplan, in dem die verschiedenen Fächer jeweils für einen bestimmten Zeitraum Arbeitsaufträge für die Stunden nach dem Wochenplan anheften,
• eine Liste der Klassenämter, in der die Namen der Schülerinnen und Schüler (etwa auf Klammern geschrieben) zugeordnet werden können,
• eine Geburtstagsliste der Klasse,
• eine Liste der Langzeitthemen mit Angabe der bearbeitenden Schüler und Schülerinnen und der Vorstellungstermine,
• Platz für wichtige Lernessentials (Vokabeln, Rechtschreibregeln etc.)
• Platz für aktuell bearbeitete Themen.

Entscheidend für den reibungsarmen Ablauf der Arbeit im Klassenraum ist auch die An- und Zuordnung der Regale mit Büchern und weiterem Zusatzmaterial. Dezentrale Aufstellung ermöglicht einen Zugriff auf die Materialien, ohne andere Schülerinnen und Schüler zu stören – und erzeugt die Verantwortung für die Materialien für die jeweilige Schülergruppe.

(2) Ordnungssysteme

In der Lernwerkstatt, die individuelleres Arbeiten der Schülerinnen und Schüler unterstützt, ermöglichen Ordnungssysteme die Kommunikation zwischen Schülerinnen bzw. Schülern und den Lehrkräften. In einem Unterricht, der Lernprozesse nicht gleichschrittig sondern individuell anlegt, ist die Einrichtung solcher Strukturen unabdingbar – sie dient der Dokumentation des Lernprozesses, ermöglicht der Lehrkraft jederzeit den Blick auf den aktuellen Lernstand jedes Lernenden.

(A) Als erstes ist an dieser Stelle das „Gegenstück“ zum Wochenplan an der Pinwand der Ordner für die Wochenplanaufgaben eines jeden Schülers zu nennen. Hier sammeln die Schülerinnen und Schüler sämtliche Aufgaben in Registern nach Fächern sortiert. DieLehrkräfte jederzeit Zugriff auf die Arbeiten.

(B) Die persönlichen Lernordner, in denen alle schriftlichen Arbeiten der Schülerinnen und Schüler gesammelt werden, gehören zu der Ausstattung der Lernwerkstatt. Neben den Arbeiten und Tests befinden sich auch alle anderen schriftlichen Rückmeldungen der Lehrkräfte in diesem Ordner (siehe Datenblatt persönliche Lernordner).

(C) Für jeden Schüler und jede Schülerin und für jede Lehrkraft der Klasse sollte ein Postfach eingerichtet werden, über die Arbeitsblätter und Arbeiten ausgetauscht werden können.

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(3) Ausstattung für inhaltliche Arbeit

(A) Ein oder zwei Computer sollten die wichtigsten Lernprogramme enthalten und die Möglichkeit bieten, Texte zu gestalten und auszudrucken, mit Tabellenkalkulationen die Klassenkasse zu führen und möglichst im Internet zu recherchieren.

(B) Themenbezogene Bücherkisten sollten den Schülerinnen und Schülern für ihre Arbeit zur Verfügung stehen.

(C) Freiarbeitsmaterial auf den unterschiedlichsten Niveaus und möglichst aus allen Fachrichtungen bieten sinnvolle Beschäftigung über den vorgegebenen Rahmen hinaus.

(D) Spiele runden das Angebot ab – sowohl Lernspiele als auch altersgemäß angemessene Spiele, die die Sozialkompetenz der Schülerinnen und Schüler fördern.

Stolpersteine

Die Einrichtung einer derartigen Lernwerkstatt läuft in den allermeisten Fällen recht reibungslos ab. Kernpunkt des Erfolges ist aber einmal die sinnvolle und regelmäßige Nutzung (was nicht benutzt wird, hat keine Bedeutung und wird nicht geachtet) und die klar geregelten Verantwortlichkeiten für die Pflege und Reparatur der Einrichtung. In der Schule muss insgesamt geregelt werden, wie die derart gestalteten Klassen von anderen Lerngruppen genutzt werden dürfen. Klare Regeln im Umgang mit den vorgefundenen Strukturen sind im Vorfeld mit allen Beteiligten zu besprechen – und auch Konsequenzen im Fall von Missbrauch und Zerstörung.

Wolfgang Vogelsaenger ist seit 1.8.2002 Schulleiter der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule

Zusammengestellt: Sabine Schweder
Datum: 09.11.2005
© www.ganztaegig-lernen.de

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