Gemeinsam unterwegs – wie Ganztagsschulen voneinander lernen können
Eine Exkursion der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Brandenburg und Schulvertretern zur Margaretenschule in Münster und der Paul-Gerhardt-Schule in Werl vom 27.11.–28.11.2005
„Exkursionen sind das beste Instrument, um Schulen zu vernetzen“, ist Karen Dohle von der Serviceagentur Brandenburg überzeugt. Und darum machen sich an einem Sonntag 20 ganztagsschulaktive Brandenburger auf den langen Weg ins Münsterland. Fachlichen Austausch, Einblicke in eine Forscherwerkstatt und in Leseförderung stehen auf dem Programm.

Am Montagmorgen werden die Teilnehmer/innen herzlich von Herbert Boßhammer, Schulleiter der Margaretenschule in Münster, empfangen. Die Grundschule hat 200 Schüler/innen, 41 davon in der Offenen Ganztagsschule. Weitere 50 Kinder nehmen am Mittagessen teil und werden bis 13.30 Uhr betreut. Herbert Bosshammer erzählt, dass es in Münster schon vor der Bundesinitiative für Ganztagsschulen eine Betreuung über die Schulzeit hinaus zusammen mit Kooperationspartnern gab. „Wir haben ja anfangs gedacht, wir drehen einfach nur das Schild um, und da steht dann Ganztagsschule drauf. Aber dann stellten wir fest: So einfach geht das nicht“, schmunzelt er. Zum Glück, im Nachhinein betrachtet. Denn mit der Ganztagsschule eröffneten sich neue und bessere Möglichkeiten zum gemeinsamen Lernen und Leben.

Optimale Zusammenarbeit
Wie zum Beispiel beim UgLM – Unterricht gemeinsam mit Lehrern und Mitarbeitern der Offenen Ganztagsschule. Immer in der vierten Stunde in den beiden ersten Klassen. Sie sind dann zu dritt: Die Klassenlehrerin oder der Fachlehrer, die Erzieherin Elke Brügger und eine Honorarkraft aus dem offenen Ganztagsschulbereich. Dass Erzieher und Lehrer nicht zueinander finden, obwohl sie dasselbe Ziel haben, ist in vielen Ganztagsschulen ein Problem. Im UgLM zeigen beide Professionen, was sie leisten. Die Lehrerin Susanne Volkert sagt: „Es ist sehr hilfreich, dass noch jemand da ist, der beobachtet, gerade in der ersten Klasse. Da kann man dann ganz gezielt mit zwei, drei Kindern draußen auf dem Flur noch etwas wiederholen.“ Optimal empfinden Lehrerinnen und Erzieherinnen UgLM auch bei der Hausaufgabenbetreuung. Die Erzieherin kann ganz gezielt rückmelden, warum welche Kinder mit bestimmten Aufgaben Schwierigkeiten haben. Was für eine anspruchsvolle Aufgabe die Hausaufgabenbetreuung ist, haben manche Lehrer erst verstanden, als sie Elke Brügger mal dabei besucht haben.
In NRW ist manches anders
Gibt es keine Schwierigkeiten mit dem Jugendamt, wenn Erzieher im Rahmen des UgLM Schüler/innen betreuen, die nicht in der Ganztagsschule angemeldet sind? Diese und andere Fragen der Brandenburger bringen Herbert Boßhammer und sein Team ins Staunen. Darüber haben sie sich noch keine Gedanken gemacht: „Ich glaub, die sind einfach froh, dass das hier so gut läuft.“ Im Laufe des Tages werden noch einige Köpfe aus Brandenburg geschüttelt. „Das dürfen wir aber nicht“, ist öfters zu hören. Monika Karrer, Schulleiterin der Grundschule Glienicke-Nordbahn, hat viele Fragen an ihre Kolleg/innen. Sie findet es spannend zu sehen, wie es den Münsteranern gelingt, ein gutes Angebot über den Rahmen der finanziellen Möglichkeiten hinaus zu schaffen, wie sie Eltern und Förderverein einbinden. In einem Punkt geht es ihr wie den meisten anderen: „Mich wundert, welche unterschiedlichen Vorgaben es in den Bundesländern gibt, obwohl die Bundesinitiative für Ganztagsschulen doch für alle gleichermaßen gilt.“ Es wird deutlich, dass die entscheidende Voraussetzung zum Gelingen von Ganztagsschule die gute Zusammenarbeit von Erziehern und Lehrern ist. Auch in Brandenburg gibt es dafür hervorragende Beispiele. Erkennbar ist das schon in der Zusammensetzung der Exkursion: Erzieher und Lehrer verschiedener Schule nehmen als Tandem teil. So auch die Erzieherin Christine Schmidt und der Lehrer Lothar Garpow von der Grundschule Brügg. „Wir machen alles zusammen“, erzählen die beiden. Weil sie es ermutigend finden, dass es in ganz Deutschland Schulen gibt, bei denen die Zusammenarbeit klappt, haben sie Herrn Boßhammer in ihre Schule eingeladen.
Solche Kooperationen und Partnerschaften von Schulen auch über Bundesländergrenzen hinweg zu schaffen, ist das erklärte Ziel von Karen Dohle von der Serviceagentur Brandenburg, die die Exkursion organisiert hat. Schulen miteinander zu vernetzen und den fachlichen Austausch zu fördern, sieht sie als zentrale Aufgabe im Programm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Die Margaretenschule hat sie beim Ganztagsschulkongress kennen gelernt und ausgewählt, weil sie in puncto „Individuelle Förderung“ viel vorzuweisen hat.

Wie Fördern und Fordern gelingt
So zum Beispiel die Lernwerkstatt für Kinder mit Lernschwächen. Sie findet unter der Regie der Schulpsychologie in den Räumen der Margaretenschule statt und wird auch von Kindern aus anderen Schulen genutzt. In den Schulferien bietet die Lernwerkstatt ein besonderes Programm für 20 schwerstlerngeschädigte Kinder an: Dann kümmern sich jeweils zwei Betreuer um ein Kind, dem schon im zweiten Schuljahr die Lust aufs Lernen vergangen ist. Während der Schulzeit wird Kleingruppen von je vier Kindern mit Lese-Rechtschreibschwäche geholfen. Kinder mit Dyskalkulie werden einzeln gefördert, „denn wir haben festgestellt“, erzählt Herbert Boßhammer, „dass jedes Kind anders rechnet.“ Es ist diese Offenheit und Aufmerksamkeit gegenüber den Lernprozessen der Kinder, die in der Margaretenschule immer wieder auffällt. Aufgrund ihres exzellenten Förderprogramms galt sie früher als Förderschule für Lernschwache. Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass auch sehr gute Leistungen oder besondere Fähigkeiten unterstützt werden. So können Kinder, die noch nicht schulpflichtig, aber im Kindergarten unterfordert sind, in Absprache mit Eltern und Kita im Laufe eines Halbjahres tageweise in der ersten Klasse mitmachen und dort bleiben, wenn sich das als gut erweist. Die Schultüte gibts dann zum Beginn der zweiten Klasse.
Mit Spinnenmensch auf Kriechtiersuche
Zum „Forderprogramm“ gehört auch die Forscherwerkstatt in Kooperation mit der Universität Münster. Es hat ein bisschen gedauert, bis die Zusammenarbeit mit den Student/innen zufrieden stellend geklappt hat. Da die Forscherwerkstatt meist vormittags stattfindet, verlassen die Kinder stundenweise den regulären Unterricht. Die Klassenlehrer/innen stellen sich darauf ein, machen Freiarbeit, basteln oder wiederholen Unterrichtsstoff. In Zukunft soll die Forscherwerkstatt zunehmend in den Nachmittag verlegt werden.
Heute steht in der Forscherwerkstatt „Dreck“ auf dem Lehrplan. Welcher ist besser, Waldboden außerhalb oder innerhalb der Stadt? Die These der Kinder: Waldboden außerhalb der Stadt. In dieser Stunde wird sie überprüft. Literweise schüttet der promovierte Biologe und „Spinnenmensch“ Martin Kreuerl Erde auf die Tische. Die Kinder sind fasziniert und ein bisschen angeekelt. Fasziniert beobachten sie, was da nach wenigen Sekunden kreucht und fleucht, wie sich Spinnen, Würmer, Schnecken und andere, noch unbekannte Tiere aus der Erde wühlen. Nach kurzem Zögern greifen die Kinder beherzt in die Erde voller Kriechtiere, verfrachten sie in Kästen und Becherlupen und bestimmen sie anhand von Karten. Dass es bequemer ist, einfach Herrn Kreuerl zu fragen, haben die kleinen Forscher schnell herausbekommen. Ein kurzer Blick, und prompt hat er die Antwort parat: „Ein Springschwanz.“ Räuber oder Pflanzenfresser, will Sabine wissen. Das ist nämlich entscheidend für die Güte des Waldbodens.
In sechs Stunden, verteilt über drei Wochen, lernen die Kinder wissenschaftliches Arbeiten anhand des Waldbodens. Von der Anfangsthese über die Untersuchung bis zur Analyse und zum Ergebnis. Vom Umgang mit Becherlupe und Mikroskop bis zur artgerechten Haltung von Waldbodenbewohnern. Der Boden ist ein wiederkehrendes Thema unter anderen, die Themen richten sich auch nach dem, was die Studenten mitbringen und die Kinder sich wünschen. Turmbau und Magnetismus stehen demnächst auf dem Programm.
Ist das nicht absoluter Luxus, könnte man fragen. Acht Kinder, die von einer voll bezahlten Lehrerin und einer voll bezahlten Honorarkraft in der Forscherwerkstatt betreut werden. Susanne Volkert meint: „Das ist schon Luxus, aber ein notwendiger, wenn man sieht, was es den Kindern bringt.“ Sie ist begeistert von der Kreativität und dem Forschungsinteresse der Grundschüler/innen. Und dass es immer wieder gelingt, ihnen schwierige, komplexe Themen verständlich zu machen. Die Zusammenarbeit mit den Student/innen ist ihr wichtig, um sich selbst weiterzubilden und Anregungen ins Kollegium zu tragen.
Mit Engagement geht alles besser
Hat die Ganztagsschule die Lehrer verändert? Susanne Volkert und ihre Kolleginnen erzählen, dass sich schon vor der Einführung der Ganztagsschule offener Unterricht und individuelles Lernen in der Margaretenschule entwickelt haben. Das kam der Ganztagsschule zugute.
Astrid Raatzke, Lehrerin an der Goethe-Gesamtschule in Babelsberg, beeindrucken vor allem die jungen engagierten Lehrerinnen in Münster. Obwohl sie selbst das beste Beispiel dafür ist, dass man sich auch noch mit über 60 Jahren für die Ganztagsschule begeistern kann, hält sie die Überalterung der Lehrer in Brandenburg für ein großes Problem: „Meine jüngsten Kolleg/innen sind über 55, die sind einfach zu alt. Wer in einer Ganztagsschule arbeiten will, muss auch dafür brennen“, meint sie. Sie wird auch nach ihrer Pensionierung noch im Ganztagsschulbereich mitwirken.
Auch die anderen Brandenburger sind angetan von dem Engagement, dass das Team der Margaretenschule an den Tag legt. Zum Beispiel von der Erzieherin Elke Brügger: „Manchmal hab ich das Gefühl, ich hab 41 eigene Kinder“, sagt sie lächelnd. Es ist ihr wichtig, den Kindern ein bisschen heile Welt, ein Zuhause zu geben, gerade denen, die das nicht ausreichend bekommen: „Manche Kinder wissen nicht, wie man eine Mahlzeit zusammen einnimmt.“ Und Herbert Boßhammer ergänzt: „Wir hatten zwei Kinder, die bekamen täglich 2 Euro, dafür sollten sie sich ihr Mittagessen kaufen. Die sind jetzt hier glücklich.“ Ein offenes Auge für die mögliche Verwahrlosung von Kindern ist genauso wichtig, wie etwas dagegen zu tun. „Wir machen ein Angebot“, sagt Elke Brügger. „Das ist manchmal schon viel.“
Eine hauptamtliche Erzieherin für 41 Kinder, das ist aber wenig, finden die Brandenburger Besucher. Finden auch die Eltern der Margaretenschule, die gerade dafür Unterschriften sammeln, dass ein weiterer Erzieher eingestellt wird. Unterstützt wird Elke Brügger von Honorarkräften im Offenen Ganztagsbereich. Sie hat das Glück, dass viele von ihnen schon länger dabei sind und hervorragende Arbeit leisten.
Vom Kettcar-Park zum Bücher-Planeten
Im Erdgeschoss zeigt Herbert Boßhammer der Delegation aus Brandenburg einen ganzen Kettcar-Park! „Weil der Hersteller das so toll fand, dass wir so viele Kettcars haben, kam er zu uns und hat Kettcar-Führerscheine an die Kinder vergeben. Die waren natürlich mit der Einhaltung bestimmter Regeln verbunden, und seitdem bemüht sich jeder, die auch zu beachten, damit er nicht seinen Führerschein verliert.“ Auf dem Schulhof zeigt sich, dass man auch in der Margaretenschule aufs Huhn gekommen ist. Glaubt man Herbert Boßhammer, ist es das ideale Kuscheltier, denn es löst keine Allergien aus. Neben dem Kuschelfaktor lernen die Kinder Verantwortung zu übernehmen, sie reinigen und misten aus, sammeln die Eier und dürfen sie mit nach Hause nehmen. „Das ist ein Selbstläufer“, weiß Herbert Boßhammer, „da müssen wir gar nichts mehr tun, die Älteren bringen es den Jüngeren bei.“
Nach dem Mittagessen im liebevoll eingerichteten Ganztagsbereich der Margaretenschule shutteln die Brandenburger zum „Bücher-Planeten“ in die Paul-Gerhardt-Schule nach Werl. Die evangelische Grundschule unterrichtet 190 Kinder, 77 davon im Ganztagsbereich. Sie engagiert sich seit vielen Jahren in der Leseförderung, die Schulbücherei „Bücher-Planet“ ist täglich geöffnet. Jeden Montag werden dort neue Bücher von Lehrerinnen und Lehramtsanwärterinnen vorgestellt. Das Literaturcafé, zu dem die Brandenburger eingeladen wurden, ist inzwischen fester Bestandteil des Schulalltags und doch immer wieder ein Fest mit Waffeln, Keksen, Kakao und Kuchen. Dann stellen Schülerinnen und Schüler in der großen Aula der Schule Bücher vor, die ihnen besonders gefallen. Es wird gesungen und im Chor gesprochen. Auf dem Flur liegen Bücher zum Verkauf aus. Viele Eltern sind gekommen, haben Geschwister mitgebracht, der Saal platzt aus allen Nähten: Literatur ist hier ein Ereignis. Elvira Waldmann vom Landesinstitut für Medien und Schule lernte die Paul-Gerhardt-Schule schon vor 13 Jahren als eine Einrichtung kennen, die auf Lesen wert legt und dabei beeindruckende Arbeit leistet. Das Literaturcafé, so meint sie, spricht auch nicht-deutsche Mütter an. Ein bisschen schade finden die Brandenburger, dass man bei diesem Fest nicht so viel von der Arbeit dahinter erkennen kann. Sie hätten gern noch tiefere Einblicke in die Leseförderung bekommen. Aber dafür gibt es ja vielleicht ein nächstes Mal.
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Autor: Christine Plaß Datum: 7.12.2005 © www.ganztaegig-lernen.de
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