Bildungsnotstand in Deutschland?

Entwicklungsprobleme des Schulsystems, der Schulen und des Unterrichts
Auf die beiden schulpädagogischen Begründungslinien soll besonders
eingegangen werden. Denn auf diesen Ebenen wird mit der Ganztagsschule
die Sicherung und Verbesserung der Qualifikationsfunktion der Schule
verfolgt, in dem über erweiterte Lernzeit die Ausgestaltung einer
differenzierten und variablen Lernkultur sowie intensive Lernförderung,
Chancengewährung und Talententwicklung für alle Schüler/innen zu
realisieren wäre. Wie notwendig systembezogene und pädagogische
Maßnahmen sind, soll im Folgenden mit Befunden der Bildungsforschung
untermauert werden.
(1) Schülerkompetenzen

Sowohl in PISA 2000 als auch in PISA 2003 liegen in zentralen
Kompetenzbereichen (Leseverständnis, Mathematik, Naturwissenschaft) die
durchschnittlichen Testleistungen der deutschen Schüler/innen
bestenfalls im Mittelfeld, deutlich unter den Leistungen von
vergleichbar entwickelten Ländern und spürbar von den
Durchschnittsergebnissen der besten Länder entfernt. Dabei gehört
Deutschland zu den Ländern mit der höchsten Streuung, also den größten
Kompetenzunterschieden zwischen den leistungsstärksten und –schwächsten
Schülergruppen. Einerseits machen die Leistungsstärksten hierzulande
im internationalen Vergleich eine nur durchschnittlich große Gruppe
aus. Andererseits erzielen die leistungsschwächsten Schüler/innen in
den drei Testbereichen jeweils vergleichsweise niedrige Punktwerte und
machen die Risikogruppen beträchtliche Anteile aus. In der
Lesekompetenz liegen in PISA 2003 fast 22,3 % der Schüler/innen auf
oder unter Kompetenzstufe , also als 15-Jährige kaum über dem
Grundschulniveau. Der Anteil von relativ schwachen Lesern ist in
Deutschland damit ungewöhnlich groß. Ähnlich verhält es sich in
Mathematik und Naturwissenschaften, wo die Risikogruppen ebenfalls
überproportional groß sind. In Deutschland werden demnach
lernschwächere Schüler/innen offensichtlich nur unzureichend gefördert.
Ein beträchtlicher Teil der Schüler/innen, besonders die
lernschwächeren, werden offensichtlich mit der bislang entwickelten
Lernkultur und Unterrichtsgestaltung nicht ausreichend wirksam
erreicht. Zudem scheinen Diagnose- und Förderkompetenzen in deutschen
Schulen eher unterentwickelt.
(2) Bildungsbeteiligung und Schullaufbahn

Wie sieht es mit der Bildungsbeteiligung und mit Erfolg und Versagen in der Schullaufbahn aus?
Für den Berufseinstieg werden heute formal höhere Qualifikationen in
Form höherer Bildungsabschlüsse verlangt. Der mittlere Abschluss ist
längst zur Mindestnorm geworden, um beruflichen Einstieg und
gesellschaftliche Teilhabe und Lebenschancen zu wahren. Der
Berufseinstieg wird für restliche Schulabgänger stärker verschlossen
bleiben, für sie bleiben lediglich einfache berufliche Tätigkeiten
offen, die jedoch – nach allen Prognosen zum Arbeitskräftebedarf – in
den nächsten Jahrzehnten immer weniger gebraucht werden. Beschäftigte
im unteren Sektor haben immer geringere Beschäftigungschancen haben,
die Industrieproduktion nimmt künftig den Weg der Landwirtschaft.
Dagegen werden für Deutschland bald die Absolventen höherer
Bildungsgänge, die vermehrt gebraucht werden, in absoluten Zahlen
knapp. Soll nicht – wie schon in den 60er Jahren beklagt (u.a. 1964 von
Picht), eine neue Bildungskatastrophe eintreten, müssen wir mehr
Jugendliche zu höheren Abschlüssen und in anspruchsvolle Bildungswege
führen.
In Deutschland hinkt jedoch die Bildungsbeteiligung der
Schüler/innen an höherwertigen Bildungsgängen deutlich hinter
vergleichbaren wirtschaftlich entwickelten Staaten hinterher: Allein
in den allgemeinbildenden Bildungsgängen steuern in Finnland 53 % eines
Altersjahrgangs (in Japan sogar 69 %) einen studienqualifizierenden
Abschluss an, in Deutschland sind es bloß 33 % (s. Klemm 2002). 2002
erreichten insgesamt in allgemein- und berufsbildenden Schulen nur 38,4
% die Hochschulreife. Zugleich haben wir es, anders als in den meisten
ausländischen Schulsystemen, in Deutschland mit beträchtlichen
Schulversagerquoten zu tun: Unter den Schulabgängern beenden im
Bundesdurchschnitt 9 % der Jugendlichen eines Altersjahrgangs in 2002
die Schule ohne Bildungsabschluss (Anstieg von 7,6 % in 1992; eig.
Berechnungen zu Daten des BMBF 2004). Die Förderung von
Abschlusschancen wäre also zu verbessern. Zudem zeigen sich
Verzögerungen und Verlängerungen von Schullaufbahnen. Hierzulande
werden noch 6,9 % aller Kinder im Einschulungsalter zurückgestellt.
Nach den PISA-Befunden haben im Alter von 15 Jahren bereits knapp ein
Viertel aller Schüler/innen Schulversagen in ihrer Schullaufbahn durch
Klassenwiederholung erfahren (s. TILLMANN/MEIER 2001, S. 472). In PISA
2003 sind es 9,0 % in der Grundschule und 14,1 % in der SI (s.
DRECHSEL/SENKBEIL 2004, S. 283 ff.). Zurückstellungen und
Klassenwiederholungen sind in ihrer Wirksamkeit äußerst zweifelhaft,
denn die Betroffenen haben spürbar schlechtere Leistungen gegenüber
Schüler/innen mit regulärem Durchlauf der Schulzeit, schneiden auch in
den späteren Schulabschlüssen weniger vorteilhaft ab (s. BELLENBERG
1999). Bei den betroffenen Gruppen sind also eher schwächere
Kompetenzen feststellbar als bei Schüler/innen mit regulärem Durchlauf.
Verzögerungen im Durchlauf der Schullaufbahn durch späte Einschulungen
oder Zurückstellungen zahlen sich demnach ebenso wenig aus wie
Klassenwiederholungen. Die pädagogische Wirksamkeit dieser Maßnahmen
ist demnach ernsthaft anzuzweifeln. Aus anderen Studien ist bekannt,
dass Lernhaltungen, Erfolgszuversicht und psychosoziale
Befindlichkeiten bei Klassenwiederholern aufgrund ihrer
Versagenserlebnisse schlechter ausfallen; noch problematischer stellt
sich die Lage der Versetzungsgefährdeten dar.
Die Schulformabsteiger aus Gymnasien machen in NRW einen kleineren
Anteil aus, dafür sind die Abstiege zwischen Realschul- und
Hauptschulbereich spürbar höher als im Bundesdurchschnitt.Was die
Bildungslaufbahnen anbetrifft, so zeigt sich:
Das deutsche Schulsystem sortiert nicht begabungs- und
leistungsgerecht: Schüler/innen mit ähnlichen Testleistungen und auch
mit den gleichen Schulnoten erhalten ganz unterschiedliche
Grundschulempfehlungen (s. BOS u.a. 2004a). So unterscheiden sich daher
zwar die Leistungswerte der Empfohlenen für die drei Sekundarschultypen
spürbar, aber es bestehen beträchtliche Überlappungen: Schüler/innen
mit niedrigen Kompetenzen sind oft auch für gehobene Schulformen
empfohlen, jene mit hohen Kompetenzen erhalten nicht selten nur eine
Realschul- oder gar HS-Empfehlung, werden also von höherer Bildung
abgehalten, obwohl sie nach den Testergebnissen das Potenzial dazu
hätten (vgl. ebenda, S. 193 ff.). Das gegliederte System blockiert
also auch die Entfaltung der Lernpotenziale. In der Sekundarstufe I
zeigen die Leistungsbereiche der verschiedenen Schulformen (s. Dt.
PISA-Konsortium 2001, S. 120 ff.) in Deutschland ebenfalls große
Überschneidungen, d.h. die Fähigkeitsverteilungen von leistungsmäßig
benachbarten Schulformen reichen jeweils in den Kernbereich der anderen
Schulform hinein. Die Zuordnung zu Schulformen erweist sich als wenig
begabungsgerecht. Von Leistungsgerechtigkeit oder gar von einer
grundgesetzlich geforderten Vergleichbarkeit der Lebensbedingungen
keine Spur. Die PISA-Studie weist außerdem nach (s. BAUMERT u.a. 2003), dass in den einzelnen Schulformen in Deutschland deutlich unterschiedliche Problemkonzentrationen
bezüglich der Lernprobleme und Fachkompetenzen vorfindbar sind, also
sich derartige Unterschiede in den Leistungsniveaus herausbilden, so
dass einzelne Schulformen faktisch Lernmilieus bilden, die relativ
homogene Leistungsentwicklungen ermöglichen. Hier bestünde für schul-
und schulformübergreifende Ganztagsangebote die Chance, heterogene
Lerngruppen in den erweiterten Angeboten zu bilden, um so einen
günstigeren Mix der Lernvoraussetzungen herzustellen.
(3) Soziale Ungleichheit der Bildungschancen

Damit sind wir bei einem weiteren Problem des deutschen
Bildungssystems: Chancengleichheit ist grundgesetzlich verbrieft, denn
niemand darf wegen seiner Herkunft benachteiligt werden. Die soziale
Bildungsungleichheit in Deutschland zeigte über Jahrzehnte auch immer
wieder Analysen der Bildungsstatistik zur Bildungsbeteiligung (s.
HANSEN/PFEIFFER 1998), wonach rund 60 % aller Beamtenkinder, rund die
Hälfte der Angestelltenkinder, aber nur etwa jedes neunte Arbeiterkind
auf das Gymnasium gelangt. Die PISA- und IGLU-Befunde zur Lesefähigkeit
zeigen: Schüler/innen aus unteren sozialen Schichten und damit aus
weniger bildungsorientierten Elternhäusern sowie Lernende mit
Migrationshintergrund haben erheblich mehr Probleme, bei der
Kompetenzentwicklung mitzuhalten und gehören überproportional zu den Risikogruppen. In keinem anderem Land besteht ein so verheerend
hoher Zusammenhang zwischen Leistungsniveau und sozialer Herkunft.
Deutschland verfehlt unter vergleichbaren Staaten am ehesten das Ziel
der Chancengleichheit.Deutschland gehört zu den Staaten mit den größten
Unterschieden zwischen den Lesetestwerten der 15-Jährigen aus Familien
des untersten und obersten Viertels der Sozialstruktur (über 110
Punkte), in Japan (27 Punkte) am geringsten trotz vergleichbarer
Unterschiede in den wirtschaftlich-sozialen Verhältnissen (s. Dt.
PISA-Konsortium 2001). Die weitaus meisten Staaten zeigen, dass sie in
ihren Schulen die Vererbung sozialer Lebenslagen abschwächen können. In
anderen Staaten gelingt es trotz ähnlicher Sozialstruktur, die
Auswirkungen der sozialen Herkunft auf den Fähigkeitserwerb in Grenzen
zu halten, während hierzulande die Kinder und Jugendlichen aus sozial
schwächeren Verhältnissen weniger erfolgreich gefördert werden.
Deutschland verfehlt von vergleichbaren Staaten am ehesten das Ziel der
Chancengleichheit. Nach Befunden aus PISA und IGLU haben Schüler/innen
aus Elternhäusern höherer sozialer Schichten eine mehrfach höhere
Chance, eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen und letztlich
auch auf das Gymnasium zu gelangen als Kinder aus weniger sozial
etablierteren Familien.
Bei den Grundschulempfehlungen hat ein Kind aus der oberen
Sozialschicht eine 4,2-fach größere Chance für das Gymnasium empfohlen
zu werden als ein Arbeiterkind, bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und
gleichen Lesetestleistungen ist die Chance immer noch 2,6 zu 1. Kinder
ohne Migrationshintergrund haben eine 4,7-fach größere Chance zum
Gymnasium empfohlen zu werden als ein Migrantenkind; bei
Berücksichtigung der Leseleistung ist das Verhältnis noch 2,1 zu 1
(vgl. BOS u.a. 2004a, S. 212 ff.).Migrantenkinder gehören im Primar-
und im Sekundarbereich wesentlich häufiger zu den Risikogruppen mit
schwachen Leistungen, besonders beim Lesen, wo die Hälfte (50 %) der
15-Jährigen aus Zuwandererfamilien nicht die elementare Kompetenzstufe
I überschreiten (s. Dt. PISA-Konsortium 2001). Von den Jugendlichen,
bei denen sie selbst sowie zumindest ein Elternteil im Ausland geboren
sind, gehört ein Viertel zur Risikogruppe bei Lesekompetenzen; von den
in Deutschland geborenen Jugendlichen immerhin noch 14 %, von den mit
deutscher Sprache in der Familie aufgewachsenen sind es nur 6 %.
(4) Die Situation der Förderung am Beispiel der Grundschulen

In der IGLU-Studie wurde die Situation der Förderung in deutschen
Schulen im internationalen Vergleich untersucht (s. LANKES u.a.2003, S.
57 ff.); daher soll am Beispiel der Grundschulen die Problematik
hierzulande verdeutlicht werden:
• In rund 40 % deutscher Grundschulen erhalten mehr als 10 %
schwacher Leser Leseförderung, womit Deutschland hinter den bei IGLU
starken Ländern England und Schweden etwas zurück bleibt; weitaus
deutlicher zurück liegen deutsche Grundschulen hinsichtlich der
Förderung lesestarker Schüler.
• In Deutschland werden Schüler/innen vorwiegend in der ganzen
Klasse im Lesen unterrichtet, selten wird differenziert. In den meisten
anderen Staaten, vor allem aber in Schweden, dominiert der
Klassenunterricht weniger ausgeprägt, während alle drei möglichen
Differenzierungsformen (individuelle Unterweisung, heterogene oder
homogene Gruppenbildungen) deutlich häufiger als in deutschen
Grundschulen vorkommen. • Die materialgestützte Differenzierung
besteht in den meisten Staaten mit Schwergewicht auf der Verwendung
unterschiedlichen Materials für Schüler/innen auf unterschiedlichem
Leistungsni-veau, während in deutschen Grundschulen gleiches Material
bei differentem Tempo eingesetzt wird.Aus all dem folgt: Kinder und
Jugendliche benötigen ein Mehr an pädagogisch gestalteter Lernzeit,
Anregung und Förderung sowie Gelegenheiten für soziales Lernen und
psychosoziale Zuwendung. Hier wäre in der Tat ein relevantes
Aufgabenfeld für Ganztagsschulen, um gezielte Lernunterstützung und ein
förderliches Lernmilieu zu bieten. Dazu gehört eine intensive
Elternmitwirkung und aktive Mitgestaltung durch Eltern in
Ganztagsschulen. Für konsequente Lernförderung und soziale Integration
spricht zudem eine längere gemeinsame Lernzeit, bevor die Schüler/innen
in verschiedene Schulformen sortiert werden. Die Strukturprobleme des
Bildungssystems können jedoch durch Ganztagsbetrieb nicht gelöst
werden, nur durch die längst überfällige Strukturreform selbst.
Auszug aus dem Vortrag zum 2. Ganztagsschulkongress in Berlin am
22. September 2005 "Ganztagsschule – ein Beitrag zur Förderung und
Chancengleichheit"
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Der Vortrag wurde für eine bessere Nutzung in einzelne Kapitel
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 Foto: IfS
Prof. Dr. Heinz-Günter Holtappels Universitätsprofessor für Erziehungswissenschaft, Schwerpunkt Bildungsmanagement und Evaluation am IfS Dortmund
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Zusammengestellt: Sabine Schweder Datum: 11.12.2005 © www.ganztaegig-lernen.de
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