Bestandsaufnahme über Konzeptionen der Ganztagsschule in Deutschland

Von Dezember 2003 bis Februar 2004 führte das IFS (vgl. HÖHMANN u.a.
2004) eine bundesweite Befragung von Schulleitungen an bestehenden
Schulen in Ganztagsform in allen Schulformen (Ausnahme Berufskollegs)
durch. Auswahlkriterium waren die Schulen, die dem Institut von den
Kultusministerien genannt und die bereits vor dem 01.08.03 als
Ganztagsschulen geführt wurden. Mit Ausnahme von Sachsen haben sich
alle Bundesländer an der Befragung beteiligt. In Ländern mit einem
relativ breiten Ganztagsangebot (NRW und Niedersachsen) wurden
Stichproben gezogen, ansonsten handelt es sich um eine Vollbefragung in
den Ländern. Von den Ministerien der Länder wurden insgesamt 1.759
ganztägige Schulen benannt. Die Schulleitungen von 1.361 Schulen wurden
auf schriftlich-postalischem Wege befragt, der Rücklauf liegt bei fast
49 % (n= 663). Eingesetzt wurde ein Fragebogen mit überwiegend
standardisiert-quantitativen Formaten. Im Folgenden werden ausgewählte
Ergebnisse präsentiert, die im Kern vor allem die unterschiedlichen
Organisationsformen der Ganztagsschule (i.F. oft abgekürzt: GTS)
vergleichen.
Schulkonzeption und Schulentwicklung in ganztägigen Schulen
Die Schulleitungen sollten ihre Schule nach der KMK-Definition
einordnen: 44,5 % ordnen ihre Schule der voll gebundenen
Ganztagsschulform zu, 17 % haben eine teilweise gebundenen Form und
38,5 % werden in offener Form betrieben. Bei Differenzierungen der
folgenden Daten werden diese Einordnungen für die Analyse von
Unterschieden zwischen den Formen (mit Angabe, falls vorhanden)
verwendet. Weitere Informationen zu diesen Schulen zeigen, dass 4 %
lediglich ein offenes Angebot mit fluktuierenden Gruppen vorhalten, 8 %
führen die Ganztagsschule als Mischmodell (Halbtagsbetrieb plus
Ganztagsklassen).
Inwieweit auch der Unterrichtsbereich entwickelt und mit
außerunterrichtlichtlichen Ganztagselementen verzahnt wird, wurde über
Statements geprüft, die dichotom von den Schulleitungen zu beantworten
waren: Immerhin arbeiten in gut der Hälfte der Schulen Lehrpersonen und
sonstiges Personal bei der Schülerbegleitung und –förderung eng
zusammen, häufiger ist dies im gebundenen System. Allerdings tauschen
sich Lehrkräfte und anderes Ganztagspersonal kontinuierlich über den
Unterricht oder über erweiterte Angebote in 41 % aller Schulen nicht
aus. In einem beträchtlichen Teil der Ganztagsschulen zeigen sich zwar
konzeptionelle Verbindungen zwischen normaler Unterrichtsarbeit und
zusätzlichen Ganztagsformen, was aber nicht durchgängig der Fall ist,
intensiver jedenfalls in gebundenen Systemen.
Gefragt nach schulinternen Fortbildungen im Zeitraum der letzten
zwei Jahre, wird deutlich, dass Schulprogramm/Schulkonzept (68 %) und
Unterrichtsentwicklung in Bezug auf Methodenwerkstatt oder fachliche
Curricula (53 %) als thematische Schwerpunkte kollegiumsinterner
Fortbildung galten. Als weitere Themenschwerpunkte wurden
Fortbildungen zur Förderung leistungsschwacher Schüler/innen (37 %) und
zum sozialen Lernen (35 %) durchgeführt. Leider eine randseitige Rolle
in der schulinternen Fortbildung spielen jedoch „Teamarbeit“ (21 %),
Begabtenförderung (9 %) und Schulversagen (9 %).
Lernkultur und Förderung

Welche grundlegenden Gestaltungselemente weisen ganztägige Schulen
auf? Nach Schulleitungsangaben wird eine überaus vielfältige
Schulkultur sichtbar, aber auch Unterschiede zwischen den Modellen.
Themenbezogene Projekte werden in gut der Hälfte der Schulen jeglicher
Organisationsform praktiziert. Lerngelegenheiten in Dauerprojekten (wie Schulzeitung oder Schulgarten) zeigen sich ebenso wie
obligatorische Arbeitsgemeinschaften als verbindliches erweitertes
Bildungsangebot stärker in gebundenen Modellen. Auch gebundenen
Freizeitangebote werden in Schulen mit verpflichtender
Ganztagsschulzeit für alle Schüler/innen intensiver praktiziert. Durch
den höheren Bindungsgrad halten gebundene Systeme als Ausgleich in
höherem Maße freiwillige Pausenangebote vor. Soziale
Gemeinschaftsaufgaben haben ebenso wie Fördermaßnahmen in allen Formen
hohen Stellenwert.

Vergleicht man die Organisation von Fördermaßnahmen nach GTS-Formen,
so zeigt sich : Spezifische Fördermaßnahmen (74 %) und
Förder-/Arbeitsstunden (82 %) werden in allen Modellen sehr häufig
praktiziert. Hausaufgabenbetreuung (in 77 % aller Schulen) wird jedoch
mit 61 % in gebundenen Systemen weniger praktiziert als in
teilgebundenen (87 %) bzw. offenen Ganztagsformen (91 %). In voll- und
teilgebundenen Modellen werden solche Aufgaben mit Förderung in
Fachunterrichtsstunden verbunden (57 bzw. 54 %), in offenen nur zu 44
%. In der Hälfte der voll- und teilgebundenen GTS, aber nur in knapp
einem Drittel der offenen wird Förderung konzeptionell in den
Fachunterricht integriert. So wird in gebundenen Schulformen auch eher
im Klassenverband gefördert als in anderen Systemen. Dies steht in
Zusammenhang mit einer offensichtlich entwickelteren Lernkultur in
gebundenen GTS, denn dort finden sich häufiger Erkundungen an
außerschulischen Lernorten sowie fächer- und klassenübergreifende
Projekte spürbar häufiger als in offeneren GTS.
 Fragt
man danach, wie Förderung zustande kommt, werden auch konzeptionelle
Differenzen sichtbar: In voll- und teilgebundenen Systemen findet sich
etwa zur Hälfte ein schriftlich niedergelegtes Förderkonzept, in
offenen GTS nur zu 30 %. Zwei Drittel der gebundenen und der
teilgebundenen GTS arbeiten mit Förderplänen für einzelne
Schüler/innen, offene Systeme seltener, aber immerhin sind es gut die
Hälfte. In offenen und teilgebundenen GTS spielen im Gegensatz zu
vollgebundenen Systemen Freiwilligkeit der Teilnahme an Förderung und
Kontrakte mit Eltern eine wesentliche Rolle, was aber zu Lasten
erkannter Förderungsnotwendigkeiten gehen und die Zusammensetzung von
Lerngruppen in der Förderung beeinträchtigen kann. Zu diesem Befund
passt, dass in offen-freiwilligen Modellen auch Planungen für AGs und
Freizeitangebote eher mit Eltern abgestimmt werden. Die Organisation
von Förderung ist also in gebundenen Modellen in elaborierteren Formen
anzutreffen, erkennbarer in den Schulalltag integriert und nicht
additiv und freiwillig, basieren eher auf Förderkonzeptionen.
Förderangebote wenden sich in vor allem an Schüler/innen mit
Leistungsdefiziten bzw. drohendem Schulversagen (86 %) sowie bei
psychosozialen oder motorischen Problemen (73 %). Nicht einmal die
Hälfte der Angebote richtet sich an Schüler/innen mit besonderen
Begabungen. In 55 % aller Schulen kommen ohnehin nur Schüler/innen, die
das freiwillige Angebot nutzen, in den Genuss von Förderung. Die
Förderung von Schüler/innen im Klassenverband (insgesamt zu 35 %
angegeben) wird fast zur Hälfte in gebundenen GTS als
Organisationselement von Förderung genannt (48 %). In offenen GTS ist
es mit 23 % nicht einmal ein Viertel, in teilgebundenen GTS sind es mit
35 % gut ein Drittel der Schulen, die ihre Förderung so verorten. Diese
Differenzen sind erklärbar: Die individuelle Förderung von
Schüler/innen im Klassenverband bedingt eine veränderte Lernkultur, vor
allem auch die Öffnung des Unterrichts. Die Ergebnisse zeigen, dass
gebundene GTS diese Formen deutlich häufiger praktizieren als offene
GTS. Erkundungen an außerschulischen Lernorten werden an mehr als der
Hälfte der gebundenen Systeme regelmäßig zumindest monatlich
praktiziert, (51%), die Leitungen der teilgebundenen nennen dies nur zu
38 % und die der offenen GTS zu 36 %. Fächerübergreifende Projekte
werden in 38 % der gebundenen, aber nur in 27 % der teilgebundenen und
in 23 % der offenen GTS mindestens monatlich praktiziert. Auch bei
klassen- und jahrgangsübergreifenden Projekten findet sich in
gebundenen GTS (33 %/ 27 %) eine intensivere Praxis als in
teilgebundenen und offenen Systemen (je 20 % bzw. je 13 % mindestens
einmal monatlich).
Auszug aus dem Vortrag zum 2. Ganztagsschulkongress in Berlin am
22. September 2005 "Ganztagsschule – ein Beitrag zur Förderung und
Chancengleichheit"
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Der Vortrag wurde für eine bessere Nutzung in einzelne Kapitel
untergliedert und steht Ihnen in folgenden Themen auszugsweise zur
Verfügung!
Mehr Zeit für Kinder  Bildungsnotstand  Erweiterte Lernzeit  Bestandsaufnahme in Ganztagsschule  Personaleinsatz in der Ganztagsschule  Pädagogische Gestaltungsfelder  Personal- und Zeitorganisation  Perspektiven 
 Foto: IFS
Prof. Dr. Heinz-Günter Holtappels Universitätsprofessor für Erziehungswissenschaft, Schwerpunkt Bildungsmanagement und Evaluation am IfS Dortmund
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Zusammengestellt: Sabine Schweder Datum: 11.12.2005 © www.ganztaegig-lernen.de
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