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Tür auf! 

„Dinge können klappen.“ – Veränderung kann gelingen. Doch darf man die Augen vor den Grenzen ausgetretener Pfade im Schulalltag nicht verschließen. Dazu muss eine Schule den Mut aufbringen, aus ihren Fehlern zu lernen, den Mut, mit allen Beteiligten etwas Neues aufzubauen. Die Hulda-Pankok-Gesamtschule in Düsseldorf hat es getan. Die neue pädagogische Architektur ruht auf den Pfeilern: Integration, individuelle Förderung, Vernetzung und Demokratie.

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Es ist ein kalter, feuchter Morgen im Dezember. Der Himmel über Düsseldorf ist noch schwarz und Alexander Wojcik, 18 Jahre, schiebt in aller Herrgottsfrühe um 7 Uhr ein Metallgestell vor sich her. Er schleppt sich zur Schule und es scheint als suche sein Körper wie eine Schlingpflanze um seine Gehstütze Halt. Wojcik nähert sich schlingernd dem Haupteingang der Hulda-Pankok-Gesamtschule. Dass er selbstständig gehen kann, scheint ihm Kraft und Selbstvertrauen zu geben. Es kostet ihn offenbar auch Anstrengung. Was wäre, wenn er zu dieser unwirtlichen Tageszeit vor verschlossenen Türen stehen müsste?

Verschlossene Türen sind Grenzen. Viele Schulen in Deutschland halten ihre Türen – auch die Unsichtbaren – nach außen geschlossen, so gibt es zwischen dem Drinnen und dem Draußen keine echte Wechselbeziehung. Offene Türen bekunden dagegen eine andere Welt, eine Welt, die Fremdes, Verschiedenes oder Gemischtes willkommen heißt, die es einschließt.

Die Vordertür zum Haupteingang der Hulda-Pankok-Gesamtschule ist offen, drinnen ist es beheizt und es breitet sich Wärme aus – physikalische und menschliche. Im Eingangsbereich vor dem Foyer der Schule brennt Licht, ein hagerer Schüler hat bereits Platz genommen. Es gibt drei Sitzbänke und einen Tisch: der Wartebereich ist Aufenthaltsort und er ist Nadelöhr der Schule.

Im Nadelöhr der Schule

Nur eine halbe Stunde später ist der Wartebereich vor dem Foyer bereits wie verwandelt. Es ist als würden Vögel zwitschern: in Russisch. Mädchen und Jungen, deutschstämmige Russlandaussiedler küssen sich zur Begrüßung, tauschen Neuigkeiten und Arbeitszettel aus. Der wenige quadratmetergroße Zwischenraum hat sich mit Leben, mit „fremder“ Kultur gefüllt. Der Schultag an der Hulda-Pankok-Gesamtschule wird in Kürze beginnen, denn nun – es ist 7:45 – haben sich auch weitere, deutsche und nichtdeutsche Schülerinnen und Schüler dazugemischt. Nun öffnet sich endlich auch die zweite Pforte. Die geometrischen Gefäße der Schule, ihre funktionalen Lern- und Lebensräume nehmen die Kinder und Jugendlichen als Gäste auf.

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„Die Alltagsbilder und Atmosphären aus gemischtem, ja buntem Leben an unserer Schule sind kein Zufall“, erläutert Schulleiter Heinz Gniostko die ersten Eindrücke, die man von seiner Schule gewinnt. Behinderte Kinder lernen und leben an der Schule mit Nichtbehinderten zusammen. Und es fällt ihnen nicht einmal auf. „Integration muss zum Alltagsbild werden, welches das Klima an der Schule verändert“, fährt Gniostko fort. Es geht darum, die sichtbaren und unsichtbaren Grenzen zwischen den Menschen abzubauen. Dementsprechend lautet die Schulphilosophie: „Öffnung der Grenzen zu den anderen Menschen“.

Ein Physiker als Schulphilosoph

Als Schulleiter ist Heinz Gniostko ein Paradiesvogel, einer der bewiesen hat, dass er selber Grenzen überschreiten kann. Denn vor seinem Schulleiterleben war Gniostko bereits Physiker am Forschungszentrum Jülich. Man merkt es seiner präzisen und elegant fließenden Sprache an: der Mann hat Standfestigkeit, Welterfahrung, und außerdem ein ausgeprägtes Vermögen, zu unterscheiden. „Mein Weg an die Schule führte über politisches Engagement, das mich von den physikalischen Fragen zu den Menschen gebracht hat“. Sein Habitus, der lang gezogene Schnurbart, die randlose Brille und seine ungezähmten Haaren, all diese Details erinnern an den Philosophen Sloterdijk.

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Mit seinem sozialen Engagement und dem Blick über den Tellerrand befindet sich Gniostko in passender Gesellschaft, da schon die Patronin und Namensgeberin der Schule, Hulda Pankok, sich während des Nationalsozialismus für ausgegrenzte und gedemütigte Menschen stark machte. Doch Integration und der Schutz der Schwachen durch eine Atmosphäre der Wertschätzung ist eine Sache, Schulentwicklung die andere. Die Krise des deutschen Bildungssystems, wie sie PISA offenbart hat, ist eine Chance, die neue Wege ebnen hilft. PISA hat den Finger auf die Wunden gelegt, die das gegliederte deutsche Schulsystem bei den vielen Kindern und Jugendlichen hinterließ, ein ungerechtes Schulsystem übrigens, das frühzeitig ausliest und homogene, statt heterogene Lerngruppen favorisiert.

Wojciks langer Weg zum Glück

Wenn es gelingt, Schülern wie Alexander Wojcik – allen Hindernissen zum Trotz – durch individuelle Förderung eine echte Chance auf höhere Bildungsqualifikationen einzuräumen, dann hat die Schule ihre Lehren aus PISA gezogen, dann ist sie zukunftsfähig geworden.

Wojcik erinnert sich: „In der achten Klasse stand eine schwere Operation ins Haus“. Erst sechs Monate später, nach Krankenhaus und Reha-Aufenthalt, wurde Wojcik entlassen. Doch die Schule hatte ihn nicht im Stich gelassen. „Während die anderen den Unterricht besuchten, hat mir die Sonderpädagogin Schulaufgaben ans Krankenbett gebracht oder mit mir Englisch geübt“, so der Schüler, der seit frühester Kindheit durch Sauerstoffmangel während der Geburt (Zerebralparese) schwer behindert ist. Auch die Lehrer haben sich viel Zeit genommen, um Wojcik auf den Stand der Klasse zurückzubringen. Nun besucht er bereits die zwölfte Klasse und bereitet sich als erster Jahrgang auf das neu eingeführte Zentralabitur vor. „Das wird noch hart werden“, sagt der Schüler, ehe er sich rechtzeitig vor Unterrichtsbeginn verabschiedet. Vier Zeitstunden Unterricht stehen vormittags für Wojcik auf dem Programm. 

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Auch Schulstunden können Grenzen sein, Zeitgrenzen. 45-Minutenhäppchen sind noch heute die Durchschnittseinheit für Unterricht an den meisten deutschen Schulen. Das waren sie auch bei der Hulda-Pankok-Gesamtschule, bis sich das Kollegium dazu entschloss, aus 45 Minuten eine volle Zeitstunde für eine Unterrichtseinheit zu schaffen. „Änderungen schaffen immer Probleme, die vorher nicht da waren. Sie erfordern Mut“, stellt Schulleiter Gniostko fest.

„Wind der Veränderung“

Doch Gniostko hat auch die Erfahrung gemacht, dass „Dinge klappen können, wenn man sie gemeinsam macht“. Seit September 2005 haben die Schülerinnen und Schüler also sechs Zeitstunden statt herkömmliche neun Schulstunden: „Ich war noch nie so weit in einer elften Klasse wie jetzt, denn prozentual findet nun mehr Unterricht statt“, so der Schulleiter, der – wann immer es geht – selber unterrichtet. Den Mut, eine Stellschraube innerhalb des Systems zu verändern, flößte übrigens das Vorbild einer Schule in Schwerte ein, die seit neun Jahren mit Zeitstunden gut gefahren ist.

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In dem Augenblick, wo Schulen die heilige Kuh der 45-Minuten-Stunde oder das Kastensystem der Fächerdisziplin schlachten wollen, brauchen sie natürlich den Mut zum Fehler, denn wann immer etwas schief läuft, wird schnell ein Sündenbock gesucht. Gniostko bedauert denn auch, dass viele Schulen aus Angst vor Fehlern, jegliche Änderungen scheuen, und dass sie –  vergleichbar einem Zwangsneurotiker – in ihrer Handlungsfähigkeit gehemmt seien: „Wenn aber die Menschen im Blickpunkt stehen und nicht das System, weht der Wind der Veränderung bis in die Klassen hinein“.

Der Tanz der Fächer

Zusammen bringen, was zusammen gehört, also Fächer miteinander zu vernetzen – das ist eine zentrale Neuerung an der Gesamtschule in Düsseldorf-Bilk. So kommt es, dass ein Physikleistungsschüler nach dieser Logik einen Kurs Philosophie belegen muss, da beide Fächer enge Verbindungen aufweisen. So kann etwa die Relativitätstheorie eines Albert Einstein im Spiegel der postmodernen Philosophie eines Peter Sloterdijk betrachtet werden. „Ganz nebenbei lernen die Lehrerinnen und Lehrer, wie sie sich als Team aufstellen“, erläutert Schulleiter Gniostko. „Profilbildung“ in der gymnasialen Oberstufe heißt dieser Ansatz, der es den Schülerinnen und Schülern erlaubt, systematisch über den Tellerrand der Teildisziplinen zu schauen und sich im vernetzten Denken zu üben.

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Lernende Systeme vernetzen nicht nur die Fächer, sie berücksichtigen auch erweiterte Kompetenzfelder der Schülerinnen und Schüler wie Sprachfertigkeiten, musisches, künstlerisches oder technisches Können. Auch die jeweiligen Lebenslagen spielen für eine Schule, die sich als lernendes System versteht, eine Rolle. Zum Beispiel die Herkunft der russischen Aussiedler: „Wir schaffen für die russisch stämmigen Aussiedler einen Rahmen“, so Gniostko. So bietet die Schule neben Russisch als Leistungskurs auch Unterricht in jüdischer Kultur an, da über 50 Prozent der russisch stämmigen Schülerinnen und Schüler jüdischer Herkunft sind.

21 Wege zu einem nachhaltigen Jahrtausend

Irgendwie passen sie zusammen: die russische ‚Kolonie’ und Schulleiter Heinz Gniostko, schließlich gibt es jede Menge Gemeinsamkeiten. So müssen viele Aussiedlerkinder schmunzeln, wenn sie den russischen Namen Gniostko erstmals zu Ohr bekommen. Der bedeutet übersetzt „kleines Nest“ (‚Gniost’ von Nest und ‚ko’ von klein). Natürlich freut es den Schulleiter, dass die Russen ihre Stärken insbesondere in den naturwissenschaftlichen Fächern haben.

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Das Kerngeschäft der Schule – sagen die einen – ist der Unterricht, das Lernen der Kinder und Jugendlichen dagegen – das wünschen die anderen – soll der Mittelpunkt der Schule sein. Wie gewährleistet die Hulda-Pankok-Gesamtschule das Lernen außerhalb des Unterrichts? Schließlich richtet sich das Leben draußen, in der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft, in der Umwelt, nach ganz eigenen Regeln. Und diese Regeln können ja eingeübt werden. Dafür eignen sich insbesondere fächerübergreifende Projekte und Themen, die sich der Nachhaltigkeit verschreiben. Die Gesamtschule hat sich folglich den Schwerpunkt Umweltbildung ins Stammbuch geschrieben: „Das Projekt Agenda 21 der Bund-Länder-Kommission bietet viele Anknüpfungspunkte an Unterricht und Arbeitsgemeinschaften an“, so Gniostko.

Vielfalt beleben

Umweltbildung ist im besten Sinne auch Ganztagsbildung. Denn angefangen vom Thema Ernährung, Müllvermeidung, Energiesparen bis zur Pflanzung von Bäumen: „Vielfalt muss sich im ganztägigen Lernen spiegeln“, befindet Heinz Gniostko. Und dieses Lernen, das ja ein Lernen mit allen fünf Sinnen ist, finden die Schülerinnen und Schüler innerhalb und vor den Toren der Schule – im Schulgebäude, im eigenen Schulgarten, in Zusammenarbeit mit Einrichtungen der Umweltpflege, der Wirtschaft, der Kommune oder in Eltern-AGs.

Zahlreiche Umweltpreise und Auszeichnungen des Landes Nordrhein-Westfalen kann sich die Hulka-Pankok-Gesamtschule mittlerweile ans eigene Revers heften. Aus einer „roten“ Schule wird unversehens eine „grüne“ Agenda-Schule, die im Einklang mit der Agenda 21 der UNO-Konferenz für die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie eintritt. Als Ganztagsschule hat sie beträchtlich mehr Zeit, den Schwerpunkt Umweltbildung durch gezielte Projektwochen zu vertiefen und sich mit neuen Lern- und Arbeitsbeziehungen vertraut zu machen.

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Verantwortung für den Ganztag hat dort gute Chancen, wo sie auf verschiedene Schultern verteilt wird. Echte Kooperationsbeziehungen schaffen Zukunftsperspektiven: „Die Schülerinnen und Schüler gestalten bei uns die Mittagspause“, sagt Maria Norrenbrok, die seit einem Jahr als didaktische Leiterin an der Schule arbeitet. So betreuen Oberstufenschülerinnen den Mädchenraum, andere Schüler machen wiederum ein Chorangebot. Da viele Kinder und Jugendliche von der Sozialhilfe leben, verdienen sie ihr eigenes Geld an der Schule und zugleich lernen sie Verantwortung zu übernehmen und sich auf spätere Ausbildungen vorzubereiten.

„Sie öffnen bestehende Grenzen“

Es ist ein offenes Geheimnis: Eltern können viel – sie können außer der Erziehung ihrer Kinder oder dem Funktionieren unter dem Druck ihrer Berufsrollen, häufig noch allerhand Praktisches: „Wenn Eltern selber AG’s leiten, entwickeln sie ein besseres Verständnis für die Schulorganisation“, sagt Ruth Fischer, leitende Sozialpädagogin an der Schule. Die Anregungen der Eltern erweitern das Spektrum an Angeboten in der Schule beträchtlich: „Sie öffnen bestehende Grenzen“ so Fischer. Neue Formen der Teamarbeit und neue demokratische Partizipationsansätze eröffnen sich. Schulprogramm-Samstage haben den Zweck, alle beteiligten Parteien zusammenzubringen und das Schulleben kontinuierlich weiter zu entwickeln.

Eine willkommene Frucht dieser Treffen ist die Schulverfassung, die am 8. Oktober 2003 offiziell verabschiedet wurde. „Hierin verpflichten sich Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, die Schulleitung, die Sekretärinnen, der Hausmeister und das Mensateam auf der Basis der gesetzlichen Vorgaben am Ziel einer humanen und demokratischen Schule mitzuarbeiten“, heißt es in der Präambel der Schulverfassung. Statt Schulordnung und starrer Regeln soll die Schulverfassung dabei helfen, Übereinstimmung der Schulgemeinde in inhaltlichen und organisatorischen Angelegenheiten herzustellen.

Dem obersten Hüter der Verfassung Heinz Gniostko ist sehr daran gelegen, durch mehr Partizipation und demokratische Kultur, Mut für Veränderungen in und außerhalb der Schule anzureizen, denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. So lautet die Botschaft Gniostkos für alle Ganztagsschulen und solche, die es noch werden wollen, schlicht wie bestechend: „Tür auf!“  

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Autor: Peer Zickgraf
Fotos: Hulda-Pankok-Gesamtschule 
Datum: 14.12.2005
© www.ganztaegig-lernen.de

 


 

 



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Das Projekt

Holzwerkstatt und Imkerei

an der Hulda-Pankok-
Gesamtschule in Düsseldorf wurde für den Endausscheid des 1. Ganztagsschul-wettbewerbs „Zeigt her eure Schule“ nominiert und gehört zu den besten 20 Beiträgen. ansehen
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