Schule der zwei Geschwindigkeiten
Eine neue Zeitrechnung ist angebrochen, seit außerschulische Partner die Goethe-Grundschule in Mainz „aufmischen“. Die Goethe-Grundschule hat außerschulische Fachkräfte fest angestellt und bringt seitdem mehr Struktur in den Nachmittag: Mehr Zeit zum Spielen, zum Lernen und zum Heilen. Und gemeinsam mit der Jugendhilfe schickt sich die Ganztagsschule an, sogar Kinder von der Straße zu holen.

Gemächlich bewegt sich der Uhrzeiger auf die Ziffer zwei vor. Es ist 14 Uhr. Auf dem Schnee bedeckten Fußballplatz haben die Jungen indes nur den Ball und nicht die Zeit im Sinn. Die Mannschaften sind bunt durcheinander gewürfelt. Wer zu einer Mannschaft gehört, kann man lediglich daran erkennen, auf welches Tor die Schüler hin stürmen. Ein Junge prescht ganz allein zum Tor vor. „Viele Jungen fühlen sich wie Stars und geben den Ball nicht ab“, sagt Sabine Petri, pädagogische Fachkraft und ausgebildete Diplom Designerin der Goethe-Grundschule in Mainz.
Manche von ihnen seien früher regelrecht „Straßenkinder“ gewesen, die „sich selbst überlassen“ waren. Das war vor drei Jahren, bevor die Sportplätze am Nachmittag für sie aufgemacht wurden. Es ist schon einigermaßen erstaunlich, dass dieselben Kinder, die vorher auf den öffentlichen Plätzen herumlungerten, sich hier erwachsene Beobachter wünschen. „Kinder wollen Schiedsrichter“, sagt Petri. Sie brauchen mehr Aufmerksamkeit, als sie gemeinhin erhalten, auch wenn Aufmerksamkeit mit Beaufsichtigung und festen Regeln verbunden ist.

„Wir hängen hier nicht herum“„Das hat Spaß gemacht, denn wir hängen hier nicht herum“, bestätigt Oguzhan nach dem Fußballspiel trotz der Reglementierung im Nachmittag. Der Junge überbrückt mit dem Fußballspielen die Zeit bis zur Arbeitsgemeinschaft des Jugendrotkreuzes. Sie heißt bezeichnenderweise „Gesund bleiben mit Grips“. Sport und Verletzungen sind die zwei Phänomene, die den Elfjährigen faszinieren.
Ein braunhaariges Mädchen steht ganz allein auf dem großen Sportplatz, während es schneit. Sie schließt die Augen, breitet die Arme aus und dreht sich verträumt im Kreis. Sie ist offenbar muslimischer Herkunft und vertreibt sich meditativ tanzend die Zeit. Schließlich öffnet sie die Augen und schlendert zum Schulhof zu den anderen Kindern rüber.
Ob die Kinder nun für sich allein oder in viel zu großen Fußballmannschaften spielen, wo keiner so richtig weiß, welcher Mannschaft er angehört: sie brauchen die Bewegungszeit und sie brauchen frische Luft zum Atmen, gerade am Nachmittag. Das Mittagessen liefert die Energie und die Spiele im Freien das Ventil für die Energie.
Mindestens zwei blutige Nasen am Tag habe es in der Goethe-Grundschule gegeben, bevor sie zur Ganztagsschule umgebaut worden sei und eine „betreute Spielzeit“ eingerichtet habe, so Sabine Petri. Zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wind und Wetter gehen die Kinder raus zum Spielen, nur bei starkem Regen müssen sie rein. Im Freizeitraum gibt es sogar einen Boxsack. Dafür gibt es kaum noch blutige Nasen.
Ohne die außerschulischen Partner wäre es der Grundschule nicht möglich gewesen, die Kinder so anzusprechen – und auch aufzufangen. Sie ermöglichen es, dass Konflikte ohne den Einsatz von Gewalt gelöst werden. Ein Markstein auf dem Weg zur gewaltfreien Schule ist das Schulinterventionsprogramm (SchIP), das seit September vergangenen Jahres läuft. Das Gemeinschaftsprojekt von Grundschule, Deutscher Kinderschutzbund (DKSB) und Jugendamt hilft auffälligen Kindern, sich in die Schulgemeinschaft zu integrieren.

Simone Habann, Psychologin von der DKSB, betreut Kinder mit Verhaltensstörungen am Nachmittag in einem eigenen Raum. In Gruppen bis zu fünf Kindern bearbeitet sie persönliche Konflikte in Rollenspielen und gemeinsamen Aktionen. Auch Rat suchenden Eltern steht die Psychologin zur Seite. Dadurch, dass die Kinder nachmittags in der vertrauten Umgebung bleiben, öffnen sie sich leichter. Mit dieser ungewöhnlichen Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe hat es die Grundschule unter die 20 besten Teilnehmer beim Wettbewerb „Zeigt her eure Schule“ geschafft.
„Unsere Schülerinnen und Schüler brauchen feste Bezugspersonen auch am Nachmittag, klare Strukturen und vor allem feste Bezugspersonen, auf die sie immer zurückgreifen können und die auch selbst wiederum die Verantwortung für den Ablauf des Nachmittags übernehmen“. Dies war eine Richtungsentscheidung der Grundschule, die sich bis heute bewährt hat.
Klammer zwischen Vormittag und Nachmittag

Am Alter, an den Kleidern, am Verhalten, also am Äußeren kann man nicht gleich erkennen, wer Lehrkraft ist und wer pädagogische Fachkraft. Die drei Fachkräfte sind im Kollegium voll integriert und sie genießen auch auf dem Schulhof Respekt bei den Kindern. Eher schon kann man es am lockeren Umgang festmachen, der allerdings gepaart ist mit einer konsequenten Haltung. Die drei Frauen lassen sich von den Schülerinnen und Schülern nicht vorführen. Eine von ihnen kommt aus dem Osten und hat im Hort schon Erfahrung mit Ganztagsbetreuung gesammelt. Im Ganztagsschulprogramm der Goethe-Grundschule erhalten die außerschulischen Fachkräfte das Prädikat: „personelle Klammer des Nachmittagsprogramm“. Das Kollegium der Grundschule sieht sie als gleichwertige Partner an, die als Pädagogen mit anderen Möglichkeiten des Zugangs zu den Kindern respektiert werden. Missen möchte sie hier niemand mehr.
Die Goethe-Grundschule ist seit dem Schuljahr 2003/2004 „Ganztagsschule in Angebotsform“. Von diesen Ganztagsschulen gibt es in Rheinland-Pfalz 304 Schulen. Die Ausstattung mit pädagogischem Personal richtet sich nach der Anzahl der Ganztagsschüler. Daher müssen die Ganztagsschulen Jahr für Jahr interessante Angebote machen, um die Schülerinnen und Schüler zu binden.

Landauf, landab wurde in Deutschland heftig diskutiert, ob die Errichtung von Ganztagsschulen mit konzeptionellen Vorgaben verknüpft sein müsse. In Rheinland-Pfalz entschied sich das Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend (MBFJ) schließlich dafür, dass alle derzeit 304 Ganztagsschulen in Angebotsform ein Konzept vorlegen, das sich an „vier verbindlichen Gestaltungselementen“ orientiert: 1. Unterrichtsbezogene Ergänzungen, 2. themenbezogene Vorhaben und Projekte, 3. Förderung, 4. sinnvolle Freizeitgestaltung.
Konzept ja, inhaltliches Korsett, nein, denn innerhalb der vier konzeptionellen Eckpfeiler können die Schulen ihre eigene Schwerpunkte setzen. Die „betreute Freizeit“ im Zuge derer pädagogische Fachkräfte wie Sabine Petri eingesetzt werden, ist die Ausgestaltung eines Gestaltungselementes. Andere Grundschulen würden vielleicht in der Freizeitgestaltung ehrenamtliche Mitarbeiter oder Lehrkräfte einbinden.
Die „betreute Spielzeit“ versteht die Grundschule als einen Beitrag dazu, das Selbstwertgefühl der Kinder zu steigern, ihre Kreativität zu wecken und die Gewaltbereitschaft zu senken. Neben Ballspielen stehen Kletterübungen auf dem Programm, Geschicklichkeitsübungen und Gruppenspiele. Kinder der ersten und zweiten sowie der dritten und vierten Klassen haben je eigene Spielzeiten. Da Erstklässler nicht an den für die Konzentration anspruchsvolleren Arbeitsgemeinschaften teilnehmen, können sie sich noch mal zwei Stunden vor Schulschluss in der betreuten Spielzeit austoben.
Essen für alle – keine Selbstverständlichkeit

Nicht alle Ganztagsschüler bearbeiten den Boxsack, doch alle setzen sich zum Mittagessen an den Tisch. Manche Kinder erleben zum ersten Mal, was es heißt, gemeinsam die Suppe zu löffeln, ohne die Berieselung durch die Glotze im Hintergrund. Doch Mittagsessen als gemeinsames Erlebnis drohte anfangs an den Geldsorgen von Eltern zu scheitern. Viele hätten Probleme, die 40 Euro monatlich zu bezahlen, insbesondere Eltern, die Sozialhilfe erhalten oder nur ein geringes Einkommen beziehen, so Gabriele Erlenwein. Kinderarmut, ein mittlerweile wieder bundesweites Phänomen, macht auch vor der Goethe-Grundschule nicht Halt. Es gibt auch Eltern, die eher Geld in das Futter ihres reinrassigen Hundes stecken, als in das leibliche Wohl ihres Kindes, berichtet Schulleiterin Gabriele Erlenwein. Das sind allerdings Ausnahmefälle.
Damit wirklich alle Kinder zu Mittag essen, unterstützte die Stadt Mainz Kinder von Eltern, die Sozialhilfe empfangen. Über das Sozialamt erhielten rund 30 Eltern einen Zuschuss für die Mahlzeit der Kinder. Das Sozialamt rechnete direkt mit der Cateringfirma ab. Der Betrag wurde mit dem Sozialhilfebetrag des folgenden Monats verrechnet und die Bezahlung des Mittagessens erfolgte aus Sicht der Familien automatisch. Das klappte so lange bis die Sozialhilfeempfänger im Zuge der Hartz IV-Reformen des Arbeitsmarktes als Langzeitarbeitslose registriert wurden. Darauf folgte der Schulexodus. Die Eltern, die ihren Kindern nicht mehr das Mittagessen bezahlen konnten, meldeten ihre Kinder von der Ganztagsschule ab. Ein herber Rückschlag.

Nach der Hartz IV-Reform hat sich die Kultur- und Schulverwaltung eingeschaltet, die die Cateringfirma mit der Versorgung der Goethe-Grundschule beauftragt. Nun werden Kinder von Sozialhilfeempfängern, Arbeitslosengeld II-Empfängern und Asylbewerber bezuschusst, wobei die Leistungsempfänger einen Eigenanteil von rund einem Euro beitragen. Da die Bezahlung des Mittagessens nun nicht mehr automatisch erfolgt, sondern die Eltern den Eigenanteil an der Firma selbst überweisen, tauchen neue Schwierigkeiten auf. So gibt es Eltern, die gar kein Konto eingerichtet haben oder deren Konto nicht gedeckt ist. Dabei kommt es immer wieder zu Engpässen in der Essensversorgung. „Hier muss die Schule immer wieder aktiv werden“, sagt Gabriele Erlenwein. Und das Sekretariat wird es auch.
„In diesem Viertel hat der Name Goethe keinen guten Klang“, sagt die Schulleiterin. So sei der benachbarte Goetheplatz ein Tummelplatz für Drogendealer und für Halter von Kampfhunden gewesen. Der erlauchte Name ist in der Mainzer Neustadt ein Synonym für soziale Belastungen aller Art. Während die Schule dabei ist, sich zu erneuern, wird auch der Goetheplatz saniert. Die Herausforderungen sind groß: Rund 70 Prozent der Grundschüler sind Kinder von Einwandern. Die meisten sind türkischer Herkunft oder nordafrikanischer und jugoslawischer.
Die Schulleiterin sieht die Grundschule als eine „Brennpunktschule“ an – und als eine pädagogische Baustelle, bei der Sprachförderung im Vordergrund steht. Die internationale Schülerleistungsstudie der OECD, PISA, hat ergeben, dass in Deutschland der Erfolg in der Schule auf das Engste mit der sozialen Herkunft und mit dem Migrationshintergrund zusammenhängt. Diese fatale Koppelung zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft trifft auch auf die Goethe-Grundschule zu. Doch an der Grundschule lässt man deswegen den Kopf nicht hängen, sondern handelt: Da es besonders an Sprachfähigkeiten mangelt, hat die Schule ein Ganztagsschulkonzept entworfen, das im vorgeschriebenen Qualitätsprogramm die Vermittlung von Sprachkompetenz zum Drehpunkt alles Unterrichtens macht. Neue Ideen, neue Pädagogen, neue Anschaffungen mit den Mitteln des Investitionsprogramms Zukunft Bildung und Betreuung (IZBB) – die Grundschule zeigt sich nicht als „Sparversion mit angeschlossener Suppenküche“.

Im Qualitätsprogramm hat die Grundschule festgeschrieben, dass die Kinder befähigt werden sollten, sich mündlich und schriftlich „in grammatikalisch richtigen Sätzen“ auszudrücken. Die Grundschule fördert beides: die Mehrsprachigkeit der Kinder und die Kenntnisse im Deutschen. Noch im wortarmen Sportunterricht wird das Ziel verfolgt, wo die Schülerinnen und Schüler sich zu Beginn des Unterrichts im Kreis versammeln, um die Übungen, Bewebungsabläufe, Geräte und den Geräteaufbau zu verbalisieren. Im Sportunterricht der Goethe-Grundschule zählt also neben dem Körpereinsatz auch der Sprachgebrauch. Das gilt auch für das „angeleitete Lernen“.
Darunter fallen die individuelle Förderung und die „Hausaufgaben“. Da die „Hausaufgaben“ allerdings nicht zu Hause erledigt werden, spricht man in Rheinland-Pfalz eher von „Lernzeit“ oder „angeleitetem Lernen“. Eltern wünschen, dass die Kinder bei der Erledigung der „Hausaufgaben“ besser angeleitet werden. Dies ist eines der wichtigsten Ziele, die mit dem Ausbau von Ganztagsschulen verbunden sind. Die „angeleitete Lernzeit“ erstreckt sich über 60 Minuten und auch die Pausen dauern so lange, Spielpausen, Lernzeiten sowie die Arbeitsgemeinschaften. Die Grundschulkinder erleben also zwei Geschwindigkeiten. Einen eher schnellen Vormittag im üblichen 50-Minuten-Takt, während am Nachmittag alles im ruhigeren 60-Minuten-Takt abläuft. Die Schule der zwei Geschwindigkeiten bezeichnet man in Rheinland-Pfalz auch als „additives Modell“.

Warum eine Anstalt des öffentlichen Rechts als Geschenk erlebt wird
Für viele Kinder ist die Schule ein „Geschenk“, so Sabine Petri, weil ihnen zu Hause Anregungen für den sinnvollen Umgang mit Zeit oft fehlten. Zudem erfahren sie Neues und lernen unbekannte Stärken kennen, sei es im Sport, in der Musik oder bei kreativen Beschäftigungen. Weil sich Erstklässler noch nicht so lange konzentrieren können, haben sie vermehrt Spielzeit, während die Zweit- bis Viertklässler AGs besuchen. Zwar müssen sich Ganztagsschülerinnen und -schüler verbindlich für ein Jahr anmelden, aber sie können die AG bereits nach der Hälfte der Zeit wechseln. Auch deswegen – und weil so viele unterschiedliche Kooperationspartner am Ganztagsangebot mitwirken – können die Kinder ihre Talente in der Breite entfalten.
Das Spektrum der acht Partner reicht von „Arbeit und Leben“ über den 1. FSV Mainz 05 bis hin zum Peter-Cornelius-Konservatorium. Auf diese Weise kommen die Schülerinnen und Schüler nach draußen in die Bibliothek zum Lesen, in die Natur mit der AG „Bei Wind und Wetter draußen“. Oder sie besuchen das Mainzer Neustadtviertel und lernen etwas über die Feuerwehr, Geschäfte, Vereine und Ämter. Die Schule wird als Geschenk empfunden, weil die Kinder durch sie etwas sehen, was ihnen sonst auf lange Zeit verborgen bleiben würde.
Nicht zuletzt durch die Grundschule wird der Name „Goethe“ wieder aufpoliert und verleiht der Schule im Viertel einen Alltagsglanz. Die Schulleiterin findet nämlich, die Goethe-Grundschule sei „auf dem Weg zum Kulturzentrum“. Schon Goethe trat seinerzeit mit dem West-östlichen-Diwan für den Dialog der Kulturen und der Reliogionen ein, zwischen Islam und Christentum. So ist es nur folgerichtig, dass die Grundschule ein interkulturelles Kulturzentrum werden möchte. Ein Anhaltspunkt für diesen Kurs ist etwa das Theaterprojekt, das die Grundschule gemeinsam mit dem Peter-Cornelius-Konservatorium und dem Naturhistorischen Museum in Mainz zu Wege bringt. Die Ganztagsschule ist der Magnet, der die Kinder und die unterschiedlichen pädagogischen Kräfte anzieht. Die Schule als Sammelbecken bringt das Notwendige mit dem Möglichen zusammen. „Was die Schule nicht anbietet, bietet sonst niemand an“, sagt die Schulleiterin.
Voraussetzung, die Schule zum Kulturzentrum auszubauen ist es, eine Kultur des Miteinanders zu entwickeln und den außerschulischen Partner im Schulalltag Wertschätzung entgegen zu bringen. Diese Wertschätzung springt dann auch auf die Schülerinnen und Schüler über. Voraussetzung ist die Bereitschaft, regelmäßig Treffpunkte auszumachen und offen miteinander zu reden und auch die Eltern einzubinden. Diese Bereitschaft ist an der Goethe-Grundschule zu spüren.
Es kommt darauf an, dass sich alle darin einig sind, was die Kinder brauchen: Freiheit und Regeln, Bewegung und Ruhe, Lernzeit und Auszeit. In dieser Frage ticken Eltern, außerschulische Partner und Lehrerinnen und Lehrer synchron.
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Autor: Arnd Zickgraf Fotos: Arnd Zickgraf Datum: 15.01.2006 © www.ganztaegig-lernen.
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