Augenhöhe zum Kind finden
eine Reportage von Marion Welsch
Am 17. und 18. Februar 2006 fand im LISUM Brandenburg die Fachtagung "Ganztagsschule als Lebenswelt von `großen`Kindern" statt. Die Video-AG der Oberschule Mahlow mit den Zehntklässlern Steven Schimpitz, Fabian Hennig, Philipp Möllering und Robert Sander bewiesen zusammen mit einem Ehemaligen (Dennis Bluhm) und ihrem Lehrer Lutz Schwabe das, worum es ging.
Dort trafen sich etwa 90 Pädagogen aus Brandenburg, um sich in sechs Workshops darüber auszutauschen, wie sich Lebenswelt von Kindern in Ganztagsschulen kinderfreundlich verwirklichen lässt. Der Fachtag „Ganztagsschule als Lebenswelt von ‚großen’ Kindern“ in Ludwigsfelde wurde mit einer Begrüßung durch Staatssekretär Burkhard Jungkamp und Dr. Heike Kahl, Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, eingeleitet.
 Oggi Enderlein, Heike Kahl und Burkhard Jungkamp
„Wenn wir Gleichberechtigung von Männern und Frauen wollen, brauchen wir mehr Ganztagsangebote“, stellte Burkhard Jungkamp seinem Kurzreferat voraus. Sozialpolitisch relevant, so der Staatssekretär, sei ganztägige Beschulung vor allem und auch für Kinder aus bildungsfernen Schichten, die so ebenfalls in den Genuss von zusätzlichen Musikstunden und Sportarten kommen, wie die Kinder aus eher bürgerlichen Familien jetzt schon auf privat organisierter Ebene. Für die wachsende Zahl der Einzelkinder biete eine Schule mit Nachmittagsbetreuung eine wichtige Kontaktmöglichkeit. Nicht zuletzt sei die Integration von Migrantenkindern so am ehesten zu erreichen. Allerdings seien Schule und Kindertagesstätte keine Reparaturbetriebe für das, was Eltern nicht leisten. Sie erhöhen aber die Chancengerechtigkeit für Väter, Mütter und Kinder. Schule müsse mehr zu einem Lernerfahrungsraum werden. „Für dieses ‚ganztägig geöffnete Haus für Lernen und Leben’ stehen, so der Politiker, bis 2008 entsprechende Mittel bereit“.

Die Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, Dr. Heike Kahl, sprach davon, dass es zwar eine Aufbruchstimmung gebe, aber keiner so recht wisse, wie Veränderung zu erreichen sei. Man müsse sich deshalb Sisyphos einfach als glücklichen Menschen vorstellen! Oder, wie Klaus Hurrelmann einmal gesagt hat: „Wenn die Gedanken groß und weit sind, können die Schritte ganz klein sein“. Zu der Tagung hatten die Werkstatt „Schule wird Lebenswelt“, die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Brandenburg, das Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM), das Ministerium für Bildung Jugend und Sport und Kobra.net gemeinsam eingeladen. Die Veranstaltungsorganisation sei damit ein gutes Beispiel, wie die Unterstützung und Weiterbildung von Ganztagsschulen institutionsübergreifend erfolgen kann, wenn ein gemeinsames Ziel vor Augen liegt. Im Spannungsfeld zwischen den Positionen „Veränderung muss mit dem System beginnen“ und „Wir müssen an den einzelnen Schulen anfangen“ müsse sich die Lebenswelt unserer Schulkinder verbessern, so Heike Kahl.

Der Föderalismus dürfe nicht in Kleinstaaterei ausarten, damit Bildung nicht auf dem politischen Hackbrett auf der Strecke bleibt. „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man an ihm zieht, aber man kann es düngen und gießen und Sie, die Lehrer, sind die Gärtner.“

Oggi Enderlein, Kinder- und Jugendpsychologin und Projektleiterin der Werkstatt „Schule wird Lebenswelt“, betitelte ihre anschließende Präsentation mit „Was brauchen Kinder? Und was kann Schule dafür tun?“ Das erste Bild auf der Wand zeigte eine Gruppe von Schulkindern, die fröhlich durch einen blühenden Garten rennen. In einer Reihe von Studien der letzten Jahre, so Oggi Enderlein in ihrem Vortrag, sei eindrucksvoll dokumentiert worden, dass die Anzahl der Kinder mit Verhaltensstörungen steige, dass viele Kinder regelmäßig unter Kopfweh leiden, 40% sogar Angst vor der Schule haben. Sie betonte, dass Kinder sich in der Schule langweilen, während gleichzeitig die Menge an Wissen kontinuierlich steige und die Vergleichsergebnisse aus PISA, wie alle wissen, zu einem Aufschrei in der Republik geführt hätten. In einer Befragung vom Herbst 2005 sei festgestellt worden, dass Ausbilder heute nicht mehr perfekte Rechtschreibung und einwandfreies Prozentrechnen erwarten, sondern etwas, das früher „Arbeitstugenden“ hieß. Das seien unter anderem Zuverlässigkeit und Teamfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Fähigkeit zu Selbstkritik, koordinierter Gebrauch aller Basissinne, sprich: Geschicklichkeit und vor allem die Fähigkeit zu lebenslangem Lernen. Darauf müsse die Schule heute vorbereiten. In einer veränderten Umwelt können Kinder diese Basisfähigkeiten kaum noch ausbilden, sondern sie brauchen einen relativ geschützten Raum. „Das Wohnumfeld ist für ein Drittel der Kinder nicht kindgerecht“, so dass es kein Wunder sei, wenn der Schulerfolg in Deutschland davon abhänge, aus welchem Umfeld das Kind stamme. Und so stellt Oggi Enderlein alle Veränderungsideen unter die Frage: „Was braucht dieses eine Kind, um sich nicht nur geistig, sondern auch körperlich, sozial und emotional gesund weiter entwickeln zu können?“ Es gehe hier und heute um einen Paradigmenwechsel. Die Psychologin stellt die Behauptung auf, dass Schule sich im langfristigen Blick auf das psychische, körperliche, soziale und wirtschaftliche Wohlergehen der Bevölkerung verändern müsse. Statt zu fragen, wie Kinder der Schule gerecht werden und mit noch mehr Unterrichtsstunden den Leistungsdruck zu erhöhen, fordert sie zu fragen, wie die Schule den Kindern gerecht werden kann. Am Ende erscheint wieder das Bild von den rennenden Kindern, von Oggi Enderlein freundlich kommentiert: Sie laufen fröhlich zur Schule, einer Schule, die sich auf sie einstellt.

Das war dann auch der Auftakt zu den Workshops mit den Titeln:
1. Bewegung und Spiel (mit Karin Lorenz und Norman Radelski) 2. Mahlzeiten, Rituale, Ernährung (mit Prof. Dr. Waltraud Kerber-Ganse) 3, Forschen und Entdecken (mit Heike Noll und Dr. Hartmut Wedekind) 4, Kinder brauchen Erwachsene (mit Prof. Dr. Sylvia Kroll und Eva Poppe-Roßberg) 5. Teilhabe und Mitgestaltung (mit Jürgen Bosenius) 6. Anregende Räume – attraktive Schulumgebung (mit Christine Malkowsky, Jana Poschinsky, Georg Coenen und Carl Schlagemann)

Die Stunde nach dem Abendessen wurde von zwei jungen Flötistinnen, Rebecca Hilt, Anne-Katrin Presia, und einem jugendlichen Gitarristen, Stefan Fröhlich, von der Musikschule Ludwigsfelde gemeinsam mit ihrer Lehrerin Heidi Blum gestaltet. Anschließend gab es die Möglichkeit zu Gesprächen und Austausch.

Am Samstag, den 18.02.2006, wurden die Workshops fortgesetzt. Die Tagung endete mit einem Vortrag von Frau Prof. Kerber-Ganse zum Thema „Rechte der Kinder“. Sie erinnerte daran, dass Schule nicht erneuert werden muss, sondern verloren gegangene Aspekte nur aktualisiert werden müssen. Denn das Bild vom eigenaktiven Kind, ein Bild aus dem Blick demokratischer Gesellschaften, existiere schon seit den sechziger Jahren. Menschenrechte werden immer dann gewahrt, wenn Kinder und Erwachsene als Subjekte betrachtet werden und selbst agieren können. „Expansives Lernen findet dann statt, wenn das Subjekt des Lernens gefühlsmäßig erkennt, was es lernt.“ Zum Abschluss bringt Prof. Kerber-Ganse noch einen neuen Aspekt in die Diskussion dieser Tagung: „Das Kind braucht Anerkennung, aber die Lehrerin braucht sie auch.“

Die Mitglieder der Schüler-Video-AG aus Mahlow hatten in der Woche zuvor mit ihren Mitschülern Interviews zu den Workshopthemen geführt, sie auf Video aufgenommen, sich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen und jedem Workshopleiter eine CD überreicht, die als Auftakt diente. Während der Arbeit der Teilnehmer öffnete sich immer wieder leise die Tür und die Jugendlichen filmten und fotografierten die Teilnehmer bei ihrer Arbeit. Am Samstagmittag konnten sie stolz zum Abschluss eine mit Musik unterlegte 12-minütige Foto-Präsentation vorweisen, die die Tagung dokumentiert und jedem Teilnehmer zeigte, woran er in den letzten zwei Tagen gearbeitet hat. Damit bewiesen sie, wie Schule sein kann, motivierend und erfolgreich. Und gleichsam auch die Tatsache, dass das Engagement Einzelner allen Widerständen zum Trotz Berge versetzt. Damit die qualitative Entwicklung von Ganztagsschulen im Land auch weiter unterstützt und befördert wird, luden Karen Dohle von der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Brandenburg und Hermann Zöllner vom Lisum gleich zum nächsten großen Ereignis im Land ein, dem Kongress „Ganztag gemeinsam gestalten“, der am 5./6. Mai 2006 in der Messehalle Cottbus stattfinden wird.
Autor: Marion Welsch Fotos: Regionale Serviceagentur Brandenburg Datum: 09.03.2006 © www.ganztaegig-lernen.de
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