Konfliktkultur an einer Ganztagsschule

Wo junge Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Auffassungen vom Zusammenleben, unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen aufeinander treffen, gehören Konflikte zum Alltag. In der Ganztagsschule können sie Anlässe für soziales Lernen geben.
Konflikte in der Ganztagsschule: Da geht es um kleine und große Provokationen der Schüler/innen untereinander oder um Missverständnisse, die Freundschaften auf die Probe stellen, um das Mobbing von unbeliebten Klassenkamerad/innen oder um den Zoff einer ganzen Klasse mit einer Lehrkraft und das den ganzen Tag. Befragungen zeigen immer wieder, dass weniger (verbale, psychische …) Gewalt insbesondere für jüngere Schüler/innen einen hohen Stellenwert hat. Weshalb tut man gut daran, auch in der Schule Konflikten mehr Beachtung zu schenken?
Konflikten mehr Beachtung schenken
Konflikte und Streit können das Lernen und das Schulleben empfindlich stören und wirken individuell belastend. Konflikte haben die Tendenz zu eskalieren, d.h. lösen sich oft nicht auf, wenn man sie ignoriert und erzeugen einen Lösungsdruck. Diese aufzugreifen eröffnet einmalige Chancen, prosoziale Konfliktlösungsstrategien konstruktiv zu erlernen. Hat Schule für Zeit für solche Extras? Zur Schule gehört nicht nur das pure fachliche Lernen. „Im Zentrum muss es stehen, natürlich. Aber was geschieht, wenn diese Mitte ständig verschoben, zuweilen ganz an den Rand gedrängt wird, weil es Bedingungen gibt, die Lernen weitgehend oder völlig unmöglich machen“. Von einem Konflikt wird dann gesprochen, wenn zwei Wirkungskräfte gegensätzlich oder unvereinbar sind. Analytisch lassen sich verschiedene Arten von Konflikten unterscheiden: Zielkonflikte (aus unterschiedlichen Zielvorstellungen von einzelnen Menschen bzw. Gruppen); Mittel- bzw. Wege-Konflikte (aus unterschiedlichen Wegen, die als zielführend erlebt werden); Verteilungskonflikte (aus Benachteiligungserleben im Rahmen der Verteilung erstrebenswerter „Güter“); Rollenkonflikte (aus unvereinbaren Erwartungen an eine Person). Weiter unterscheidbar sind: Sach- und Beziehungskonflikte, Konflikte zwischen Menschen und solche, die sich innerhalb einer Person ereignen. Handlungsmöglichkeiten („Konfliktstile“) sind:

1. Flucht, Vermeidung, Rückzug 2. Erzwingen 3. Kompromiss 4. Nachgeben bis hin zur Unterwerfung 5. Gemeinsame Problemlösung, kreative Zusammenarbeit
Ein typischer Konfliktverlauf ist unterteilbar in drei Phasen: Konfliktwahrnehmung; Verhalten in der Konfliktsituation; Konfliktbeilegung. Die Konfliktparteien erleben Phasen, Konfliktverläufe usw. in der Regel sehr unterschiedlich. Ist ein Gerempel auf dem Schulhof für den einen noch Spaß, hat für den anderen schon der bittere Ernst begonnen. Gewaltförmige Handlungen fangen oft mit Kleinigkeiten an wie Rangeleien, Beschädigung von Sachen (physische Gewalt) und Beschimpfungen, Einschüchtern, Schikanieren (psychische bzw. verbale Gewalt). Werden Konflikte an Schulen geradezu systematisch nicht wahrgenommen und aufgegriffen, kann es schulklimatisch gar zu emotionaler Verrohung kommen.
Wie können Mädchen und Jungen angemessen mit Konflikten umgehen?

Angemessen bedeutet zunächst, dass Konflikte zu einem bekömmlichen Ende geführt werden und nicht die vertraute Kettenreaktion ausgelöst wird, durch die sich verbale und physische Aggression steigert, bis es einen (vermeintlichen, vorüber gehenden) Sieger und Verlierer gibt. Nicht alle Konflikte sind geeignet, von gleichaltrigen Streitschlichter/innen moderiert zu werden. Aber kooperative Konfliktlösungen durch die Betroffenen haben Gewicht und beinhalten besondere Chancen. Nur diese selbst kennen das Geschehen, seine Gründe und Verwicklungen, die Empfindungen, die zu bestimmten Handlungen geführt haben. Werden Schüler/innen aktiv eingebunden, erkennen sie: Die Erwachsenen sind an ihnen als Person interessiert. Lernen kann man nur, wenn die Spannungen und beherrschenden negativen Gefühle ausgeräumt sind. Schule will eine Stätte des Wohlfühlens sein, eine wohlwollende Umgebung bereitstellen. Erfolgreich ist eine Konfliktkultur nur, wenn die Schüler/innen das Anliegen von kooperativer Konfliktlösung, gewaltfreier Atmosphäre, friedlichem Miteinander zu ihrer Sache machen. Eine besondere Bedeutung kommt der Peer-Mediation zu. Hier liegt die Konfliktbearbeitung in der Verantwortung von Schülerinnen und Schülern. Dabei werden die Kompetenzen und Einflussmöglichkeiten der Mitschüler/innen genutzt, um Konflikte zu bearbeiten. Dabei lernen die Schülerstreitschlichter/innen Inhalte und Verfahren kennen, die sie auch für die Gestaltung sozialer Beziehungen außerhalb der Schule nutzen können. Konfliktbewältigung ohne Niederlagen, ohne Verlierer ist eine anspruchsvolle Sache. Die dazu notwendigen Kompetenzen müssen auch im schulischen Rahmen vermittelt werden.

Kommunikative Kompetenzen
1. Fähigkeit auf die Empfindungen und Bedürfnisse anderer Menschen angemessen zu reagieren; 2. Verständliche Darstellung der eigenen Pläne und Sichtweisen so, dass andere Menschen sie verstehen können; 3. Fähigkeit zum Zuhören; 4. Feedback-Fähigkeit.
Kooperative Kompetenzen
1. Fähigkeit zur sozialen Auseinandersetzung; 2. Orientierung an anerkannten Regeln der Fairness; 3. Fähigkeit zum Einfühlen in Situation der anderen Partei; 4, Wille zur Vermeidung einer Konflikteskalation; 5. Wille zur gemeinsamen Lösung.
Deeskalations-Kompetenzen
1. Wahrung der körperlichen und psychischen Integrität des Gegenübers; 2. Kenntnisse über Konfliktverläufe; 3. Kenntnisse über Konfliktbearbeitungsmöglichkeiten; 4. Kontrolle der eigenen Emotionen; 5. Schaffung vertrauensbildender Maßnahmen; 6. Unter Druck mit Komplexität umgehen können.
Die Arbeit an der Entwicklung einer Konfliktkultur ist noch in der Erprobung. Deshalb lassen sich noch keine abschließenden Bewertungen vornehmen.
Philosophie und Ansatz der Mediation

Ein zentraler Teil der Konfliktkultur an der Schule sind Konzepte der Mediation. Mediation enthält den lateinischen Begriff „media/medium“ (lat. Mittler, Vermittlung). Der Mediator (Mittelsmann, Vermittler) ist jemand, der durch Moderation (moderare, lat. mäßigen) dafür Sorge trägt, dass die Konfliktparteien ihren Streit untersuchen und beidseitig akzeptable Auswege finden. Der Mediator kann eine Lehrkraft, ein/e Schulsozialarbeiter/in, ein Elternteil oder ein/e Schüler/in sein. Ist der Mediator ein/e Schüler/in, spricht man von Peer-Mediation (engl.: Gruppe der Gleichaltrigen, Gleichgesinnten) bzw. Schülerstreitschlichtung. Die Aufgabe des unbeteiligten Dritten ist es, zwischen Streitenden einen Prozess der Schlichtung in Gang zu setzen und durch die Mediation zu führen. Im Gespräch werden Interessen und Bedürfnisse benannt und bewusst gemacht, um später Möglichkeiten des Ausgleichs zu finden. Die Konfliktparteien werden durch den Vermittler aktiv in die Konfliktlösung einbezogen. Nicht der Mittler löst den Konflikt, sondern die Kontrahenten. Der Mediator organisiert den Gesprächsverlauf und achtet dabei auf Fairness unter den Streitenden. Statt nach Schuld und Unschuld zu suchen oder danach zu fragen, wer angefangen hat, werden Differenzen so bearbeitet, dass zukünftig ein spannungsfreier Umgang wieder möglich ist.
Einige Kennzeichen des Mediationsverfahrens sind:
1. Anwesenheit der vermittelnden Mediator/innen; 2. Einbeziehung aller Konfliktparteien; 3. Freiwilligkeit der Teilnahme am Mediationsverfahren; 4. Selbstbestimmung bezüglich der Konfliktlösung (die Entscheidungsbefugnis wird nicht an Dritte weitergegeben); 5. Das Verhandlungsergebnis ist erst bindend, wenn alle Beteiligten zugestimmt haben (Konsens muss erzielt sein).
Als grundlegende Methoden gelten:
1. Aktives Zuhören 2. Spiegeln 3. Einzelgespräche 4. Brainstorming
Fünf Phasen sind charakteristisch für einen Mediationsprozess:
1. Einführung (Regeln und Ziele klären) 2. Sichtweisen der Parteien in Erfahrung bringen (Standpunkte werden vorgetragen, Mediatoren geben die Standpunkte in den Kerngehalten prägnant wieder, fassen zusammen) 3. Konflikterhellung (Motive, Gefühle, Interessen der Parteien herausfinden) 4. Gemeinsam befriedigende Konfliktlösung suchen. Beispiel: „Was wünschst du dir? Und was bist du bereit zu tun, damit der Streit beigelegt werden kann?“

Der Erfolg eines Peer-Mediations-Konzeptes ist abhängig von der Unterstützung der Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter/innen an der Schule. Zum einen sind qualifizierte Betreuungslehrkräfte notwendig, die die ausgebildeten Streitschlichter/innen als Gruppe begleiten und beraten. Zum anderen müssen möglichst viele Lehrkräfte an der Schule Jungen und Mädchen ermutigen, die Klärungshilfe der Peers in Anspruch zu nehmen. Wer eignet sich zum Mediator bzw. zur Mediatorin? Als Schülerstreitschlichter/innen werden teilweise sozial besonders aktive Jugendliche ausgewählt. Als weiteres Kriterium kommt auch in Frage, junge Menschen zu qualifizieren, die bei den Mitschüler/innen anerkannt sind. Und an vielen Standorten hat es sich auch bewährt, Jungen und Mädchen zu schulen, die selbst durch häufigen Streit auffallen.
Gewinne für Schüler/innen
Jungen und Mädchen werden mit Fähigkeiten ausgerüstet, um mit Konflikten innerhalb und außerhalb der Schule (und im späteren Leben) umzugehen. Schüler/innen, die gelernt haben, einander zuzuhören, sich in den anderen hineinzuversetzen usw., vermeiden eher Unterrichtsstörungen und erhöhen die aktive Lernzeit. Schüler/innen müssen sich nicht mehr ausschließlich an Lehrkräfte wenden, wenn ein Konflikt sie bedrückt. Jüngere erhalten ein höheres Maß an Sicherheit, weil sie Schutz und Hilfe erfahren. Der Profit für die Antagonist/innen liegt auf der Hand: Beide haben erlebt, dass ein Konflikt aus der Welt geschafft ist. Keiner hat verloren und muss sich bei nächster Gelegenheit rächen. Eine Übergabe von Verantwortung an Kinder und Jugendliche findet statt. Schule hält echte Verantwortungsstellen für einige aktive junge Menschen bereit. Zudem erfahren die Jungen und Mädchen, dass ihnen in der Vermittlung keine Lösungen durch Lehrer/innen vorgegeben werden. Der Konflikt bleibt bei den jungen Menschen. Und es ist ihre eigene Verantwortung, in dem von Schule gesetzten und verantworteten Rahmen ein Stück Schulalltag zu ihrer eigenen Sache zu machen.

Gewinne für die Streitschlichter/innen
Nutzen ist auch und besonders für die Streitschlichter/ innen offenkundig. Überall wird von spürbarer Persönlichkeitsentwicklung der beteiligten Kerngruppe der Aktiven berichtet. Die Verantwortungsübernahme, die Selbstwirksamkeitserfahrungen und die Erlernung unterstützender kommunikativer Techniken bringen den Streitschlichter/innen selbst erhebliche Zuwächse an Kompetenzen und Selbstwertsteigerung. Peer-Mediator/innen erleben sich gestärkt im Umgang mit anderen Menschen. Sie profitieren im persönlichen Bereich, indem sie auch dort Streitigkeiten anders angehen und mit Freund/Freundin oder Eltern Win-Win-Lösungen anstreben. Ehemalige Schlichter/innen berichten, dass die Qualifizierung bei der Ausbildungsplatzsuche hilfreich war und dass sie erlernte Fähigkeiten bei Bewerbungsgesprächen oder Meinungsverschiedenheiten gut einsetzen konnten.
Gewinne für die Lehrkräfte
Lehrkräfte werden entlastet, sich um einfachere Konflikte immer selbst kümmern zu müssen. Lehrer/innen erhalten zudem selbst einen Rahmen und Instrumente, schwierige Situationen zu bearbeiten, die für die Schülerregie nicht geeignet sind. Gewinne für die Schule
Gewinne für Eltern
Eltern erhalten durch die Information auf Elternabenden und durch die Berichte der Kinder ein Angebot, wie sie auch zu Hause Konflikte lösen können und sind in der Regel zufrieden, wenn Kinder in der Schule auch „etwas für das Leben lernen“. Eltern sind beruhigt, wenn Schule auch ein Auge auf Gewalt und Konflikte hat und die Kinder ggf. geschützt werden.
Klippen, Probleme und Grenzen im Rahmen von Schülerstreitschlichtung

Rückmeldungen gerade von jüngeren Schüler/innen zeigen, dass sich die Kontrahenten von den Peer-Mediator/innen ernst genommen und bei ihnen gut aufgehoben fühlen. Besonders nützlich sind solche Streitschlichtungen dann, wenn niemand die Vermittlung als Verlierer verlässt und die jungen Menschen Lösungen für ihre Konflikte selbst gefunden haben. Häufig können sich die betroffenen Schüler/innen wieder auf den Unterricht konzentrieren. Die Erfahrung beweist, dass Streitschlichter/innen ihre Aufgabe fast immer verantwortungsbewusst wahrnehmen.
Konfliktkultur
In die Schülerhand gehören Konflikte dann in der Regel nicht, wenn ein Kind grundsätzlich schlecht in die Klasse integriert ist und der Konflikt dafür symptomatischen Charakter hat.Ältere Schüler/innen können Mediationsangebote als peinlich bzw. das Sich-Öffnen und Gefühle zeigen (entwicklungspsychologisch erklärbar) als gefährlich erleben. Pädagogische Gesamtverantwortung ist nicht delegierbar. Die richtungsweisende Konfrontation in schwierigen pädagogischen Konflikten verbleibt bei den Lehrer/innen. „Wir muten Schülern sehr viel zu, wenn sie Mitschülern gegenüber eine „pädagogische“ Verantwortung übernehmen sollen. Und es gibt zahlreiche Situationen, in denen wir als Erwachsene stützen, intervenieren, korrigieren, den Schüler gegebenenfalls auch von seiner Verantwortung entlasten müssen“.
Förderung durch die Schulleitung – Einbettung in ein pädagogisches Gesamtkonzept
Unverbundene, frei schwebende pädagogische Module von Einzelinteressierten können in der Schule kaum Wirkung entfalten. Konfliktkultur und Streitschlichtung können nur als Teil eines Ganzen gesehen werden. Flankierende Arbeit in den Klassen und im Kollegium ist nötig. Das Schulprogramm muss Schüler/innen und Lehrkräften mehr Verantwortung für die ganze Schule erlauben und abverlangen. Die soziale Schulqualität hat in der pädagogischen Schulentwicklung einen beschriebenen Stellenwert einzunehmen. Dann können die vorgestellten Ansätze ihre Potenziale entfalten. Information und Aktivierung der Schülerschaft. Oft werden in einem Schaukasten der Schule bzw. in der Schülerzeitung Namen und Fotos der Schlichter/innen veröffentlicht. Auch die Öffnungszeiten des Schlichtungsraumes bzw. das Schlichtungsprozedere werden von den Klassenlehrer/innen verkündet. Teilweise haben Streitschlichter/innen auch ein Merkblatt verfasst, das alle neuen Schüler/innen der Schule und ihre Eltern bekommen.
Umsetzung
Einige Schulen gründen zunächst eine AG Streitschlichtung. Immer werden die schulischen Gremien eingebunden (Elternrat, Schulkonferenz, Schülersprecher/innen, Konferenz der Lehrkräfte), um diesen Weg der pädagogischen Schulentwicklung mitzudenken und bei der Umsetzung zu unterstützen.
Konkrete Schritte
1. Die Initiative an einer Schule entsteht aus dem Kreis der Schüler/innen bzw. Lehrer/innen. 2. Die Schulleitung zeigt sich interessiert. 3. Möglichst viele Lehrkräfte erklären sich bereit, im Rahmen einer ein- bis zweitägigen schulinternen Lehrerfortbildung mit dem Ansatz bekannt zu werden. 4. Zwei bis fünf Spezialist/innen aus der Pädagogenschaft finden sich für ein circa viertägiges Training zusammen. 5. Eine bestimmte Zahl von Schüler/innen (ca. fünf bis zehn pro Schule) absolviert die fünf- bis achttägige Qualifizierung. Die fortgebildeten Lehrkräfte nehmen als Co-Trainer/innen aktiv teil. 6. Nach der Installierungsphase an der Schule gibt es einen oder zwei Trainingstage für Fallbesprechungen und Klärung weiterer offener Fragen mit den Ausbilder/innen.
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Quelle: Broschüre "Soziales Lernen in der Schule – Schule als sozialer Erfahrungsraum" von Elke Klein und Karlheinz Thimm Die Schrift wurde herausgegeben von KoBra.net, einer im Land Brandenburg ansässigen und wirkenden Kooperationsstelle. Sie kann im Internet heruntergeladen werden unter Material bei KoBra.net
Zusammengestellt: Sabine Schweder Fotos: Sabine Schweder/Hansa-Gymnasium Stralsund Datum: 13.03.2006 © www.ganztaegig-lernen.de
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