
Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen

Reportage über die Gesamtschule Bexbach, Siegerschule des zweiten Ganztagsschulwettbewerbs „Zeigt her eure Schule – Kooperation mit außerschulischen Partnern“ im Programm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“.
von Christine Plaß
Um es gleich vorweg zu sagen: Es ist unmöglich, die vielen Kooperationspartner der GeS Bexbach aufzuzählen, und noch unmöglicher, von allen Projekten zu berichten. Nicht einmal die Schulleiterin Gaby Schwartz könnte das. Dabei gibt es kein Projekt, für das sie sich nicht einsetzen würde. Es liegt einfach daran, dass außerschulische Partner zur Gesamtschule gehören wie der Schulhof zur Pause. Gaby Schwartz erklärt das so: „Kooperationen gibt es an dieser Schule schon sehr lange. Das lässt sich gar nicht alles auf Papier bringen. Jeder Lehrer kooperiert mit jemandem.“ So waren die Mühen der drei Tage, in denen sie zusammen mit ihren Partnern die Teilnahmeunterlagen für den Wettbewerb „Zeigt her eure Schule“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung ausgefüllt haben, schon für sich etwas wert: „Das war eine gute Gelegenheit über Kooperationen zu sprechen und den roten Faden zu finden“, erinnert sich Gaby Schwartz und dann erklärt sie, warum der rote Faden eigentlich ein grüner ist.
Mutig im Umweltschutz unterwegs
Es ist das Umweltengagement der Schule, das viele Kooperationspartner und Fächer verbindet. Alle Baumaßnahmen der Schule wurden unter ökologischen Gesichtspunkten geplant und durchgeführt. Als erste saarländische Schule bewirbt sie sich um die Öko-Auditierung nach EMAS (Environmental Management and Audit Scheme). Damit möchte sich die offene Ganztagsschule mit Unterstützung des Ministeriums für Umwelt zu einer ökologisch-pädagogischen Musterschule weiter entwickeln. Besonders beeindruckend ist die Fotovoltaikanlage auf dem Dach. Sie wurde am 10.03.2005 installiert und hat bis heute 61221 Kilowattstunden Strom produziert. Das entspricht in etwa dem jährlichen Energiebedarf von drei Familien. Für die Zukunft ist ein ökologischer Schulhof geplant. Der grüne Faden schlägt sich auch in den Leistungen der Schüler/innen nieder. „PISA 2003 erreichten wir in den Naturwissenschaften bessere Werte als vergleichbare Schulen“, berichtet der Didaktische Leiter Rüdiger Cwielong.
Viele Kooperationen entstanden, weil potenzielle Partner an die Schule herantraten. Zum Beispiel das Ordnungsamt Bexbach. Das stellte fest: An manchen Stellen herrscht Sauerei in Bexbach. Schon bald zogen Ökodetektive mit Digitalkameras bewaffnet durch die Stadt und dokumentierten die Zustände, organisierten eine Ausstellung, bauten Instrumente aus Müll und führten einen Umwelt-Rap auf. Seitdem ist das Umweltbewusstsein der Schüler/innen gestärkt. Und sie sprechen auch Erwachsene auf das Thema an. „Dieses Projekt macht mich mutig“, schreibt die 12-jährige Tamina Flaccus über die „Ökodetektive“.
Raus ins Leben, rein in die Schule

Kooperationen entstehen auch, weil Schüler/innen die Initiative ergreifen. So wollten einige den Bürgermeister interviewen. Aber wie? „In Rollenspielen haben sie das Telefonat mit seinem Büro und das Live-Interview geübt. Schule muss unbedingt ins Leben rausgehen“, ist Gaby Schwartz’ Überzeugung: Deshalb hat ihr auch das afrikanische Sprichwort gefallen, in dessen Zeichen der zweite Wettbewerb „Zeigt her eure Schule“ stand: „Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Es reiche eben nicht, wenn Eltern und Schule erziehen: „Kinder brauchen die Erfahrung der Welt außerhalb von Schule.“
Die Mitarbeiter des Jungendsachgebiets der Polizei Homburg kamen vor sechs Jahren auf die Schule zu. Aus Präventionsgründen. Aber auch wenn mal was passiert, ist es gut, dass alle wissen, mit wem sie es zu tun haben. Jörg Bach von der Polizei Homburg hat gelernt, „dass es sinnvoll ist, wenn die Polizei nicht anonym ist, sondern alle wissen: Wenn was ist, kommt Herr Bach von der Polizei.“ Dass Schulen auch kleinere Delikte nicht unter den Teppich kehren, sondern angehen, hält Jörg Bach für entscheidend. Denn wenn auf eine Tat keine Konsequenzen folgen, schadet das Opfern, Tätern und der ganzen Gemeinschaft.
Hart aber herzlich

Vor etwa drei Jahren hat er die Friedensgruppe in der Schule mit aufgebaut. Sie besteht aus Schüler/innen, die sich nach einer Ausbildung für die Einhaltung der Schulordnung kümmern. Sie sorgen dafür, dass keiner raucht, Müll entsorgt und Streit geschlichtet wird. Von der „neuen“ Schulleiterin ist Jörg Bach begeistert: „Vorher wurde über vieles nur geredet. Frau Schwartz macht es auch.“ Dabei kann sie sich der Unterstützung sicher sein: „Ich weiß, wenn was ist, stehen die Mitarbeiter von der Polizei in fünf Minuten vor der Tür.“
Die Arbeit der Kooperationspartner wird geschätzt. Angetan erzählt Gaby Schwartz von der Ausstellung „Hass ist ihre Attitüde“ des Bildungs- und Forschungswerks Saar-Lor-Lux in den Räumen ihrer Schule. Gerade diskutiert eine achte Klasse mit einem Mitarbeiter des Adolf-Bender-Instituts über Ausländer und Fremdenfeindlichkeit. Wie wichtig das ist, zeigen einige Diskussionsbeiträge. „Firmen kriegen Geld, wenn sie einen Ausländer einstellen“, sagt ein Junge. Ein anderer meint: „Ausländer können sich hier alles erlauben.“
Aktiv zu Hause und in der Welt

Viele Kooperationspartner liegen sozusagen vor der Tür der Gesamtschule. Und das heißt auch: Die Schule ist präsent in der Stadt. Beim Barbara-Tag, einem wichtigen Fest im ehemaligen Bergarbeiterstandort Bexbach, gestalten Schüler/innen das Programm mit. Dann singt ein Chor, der eigentlich gar nicht existiert, aber für diesen Tag von der Musiklehrerin zusammengestellt wird. Erklärter Fan und natürlich Kooperationspartner der Schule ist Bürgermeister Heinz Müller. Er sagt: „Eine Kommune besteht nicht nur aus Erwachsenen, sondern auch aus Kindern und Jugendlichen. Sie mit zu beteiligen und mit zu berücksichtigen, ist uns ein Anliegen.“ Dass es nicht bei diesen schönen Worten bleibt, zeigt zum Beispiel das Kreiselprojekt. Für die Gestaltung eines Verkehrskreisels in Bexbach haben Schüler/innen Konzepte entworfen. Ein Gremium entscheidet, welcher Entwurf realisiert wird, bei der Umsetzung werden die Schüler/innen beteiligt.
Dass die Gesamtschule in Bexbach verwurzelt und aktiv ist, hindert sie nicht daran, ihre Fühler weit auszustrecken. Zusammen mit Nachbarschulen beteiligt sich die offene Ganztagsschule an einem dauerhaft angelegten Hilfsprojekt für Tsunami-Opfer in Indien. Mit einer polnischen Partnerschule arbeiten Schüler/innen gemeinsam zum Thema Umwelt. Ziel ist es, sich nicht nur touristisch und menschlich näher zu kommen, sondern auch voneinander lernen.
Auch Schulen können lernen

Am faszinierendsten am pädagogischen Team der Gesamtschule Bexbach ist diese Mischung aus Aufgeschlossenheit und Zielstrebigkeit. Die Pädagog/innen sind davon überzeugt, dass Schule lernende Schule ist und Veränderung braucht. „Lehrer können ja nicht so viel“, sagt Rüdiger Cwielong augenzwinkernd und dann ganz ernst: „Wenn wir Dinge verändern wollen, brauchen wir Menschen, die bestimmte Dinge besser können als wir.“ Zum Beispiel Manuela von Bodisco, Koordinatorin der Nachmittagsbetreuung. Sie kämpft gerade für ihre Dreiviertelstelle. Die würde ermöglichen, dass die Erzieherin auch vormittags in der Schule sein kann und eine Zusammenarbeit auch mit den Lehrer/innen möglich ist, die nicht nachmittags arbeiten. Vom Konzept der offenen Ganztagsschule ist die Erzieherin überzeugt: „Sie bietet hervorragende Möglichkeiten, die Persönlichkeiten von Kindern zu stärken.“ Neben Fußball, Backen & Basteln, Badminton, Volleyball, Fitness, Zirkus, Basketball und dem Park „Grüne Lunge“ steht die Schülerkonferenz auf dem Nachmittagsprogramm. Sie gibt den Schüler/innen die Möglichkeit, über alles, was den Nachmittagsbereich betrifft, mit zu entscheiden. „Nicht alle haben immer Lust dazu“, räumt Manuela von Bodisco ein, „aber wenn ich dann frage, ob sie lieber wollen, dass wir entscheiden, dann kommen sie doch lieber zur Schülerkonferenz.“
Auch die Kooperationspartner lernen in der Partnerschaft. Und sei es, dass sie zu der Erkenntnis kommen, dass eine Gesamtschule per se gar nicht schlecht ist. So hat Ingrid Lang von der Vereinigung der Saarländischen Unternehmensverbände e.V. (VSU) in die Teilnahmeunterlagen des Wettbewerbs geschrieben: „Die VSU hat durch die Zusammenarbeit mit der Gesamtschule Bexbach die Erkenntnis gewonnen, dass diese Schulform besonders geeignet ist, den unterschiedlichen Begabungen und Voraussetzungen der Schülerinnen besser gerecht zu werden.“ Das ist ein großes Lob für eine erfolgreiche Schule.
Wo Kinder was zu sagen haben
Was ist ihr Erfolgsgeheimnis? Gaby Schwartz formuliert schlicht: „Es wird nicht nur geredet, es werden Ziele gesetzt.“ Dabei ist ihr vor allem wichtig, die Wünsche der Kinder und Jugendlichen mit einzubeziehen. Sie nennt ein Beispiel. Die Schule soll neue Toiletten bekommen. Eine Kooperationspartnerin fragt die Schüler/innen, was sie wollen, und erhält überraschende Antworten. Einige wünschten sich eine Wand für Klosprüche, andere einen Ganzkörperspiegel. Logisch, dass das jetzt auch irgendwie umgesetzt wird. Dabei haben die Bexbacher Glück mit ihrem Schulträger, dem Saarpfalz-Kreis, dessen zuständige Mitarbeiter/innen es toll finden, dass von der Gesamtschule Bexbach neue Ideen und Impulse kommen.
Kaum ist ein Wettbewerb gewonnen, steht schon der nächste auf dem Programm. Mit ihrer sechsten Klasse erarbeitet Susanne Burckhardt Beiträge für den Saarpfälzischen Kunstpreis. Weil Umwelt der grüne Faden der Schule ist, steht er auch hier im Vordergrund. Die Kinder sollen das, was sie für die Umwelt tun wollen, auf einer Tonplatte verewigen. „Ich finde es gut, wenn das, was wir hier machen, auch einen Bezug zu dem hat, was draußen passiert“, erklärt Susanne Burkhardt. Mit dem Kunstprojekt vertieft sie nicht nur den ökologischen Ansatz, sondern erfüllt auch den Lehrplan, der vorsieht, dass die Kinder Schriftarten lernen.
Im „Wohnzimmer“ der offenen Ganztagsschule, dem Nachmittagsbereich, lümmeln sich heute die Leselöwen auf den Sofas. Sie rezensieren Neuerscheinungen. In Zusammenarbeit mit dem SWR und demnächst auch live vor dem Mikro. „Wir haben Bücher bekommen, die wir lesen sollten. Danach sollten wir aussuchen, welche uns am besten gefielen. Das wurde dann aufgenommen und gesendet“, erzählt die 12-jährige Fabienne. Langweilige Bücher waren auch dabei. Größtenteils sind sich die Literaturclubmitglieder einig, nur bei manchen Büchern gibt es geteilte Meinungen. Toll finden alle, dass sie die Bücher vor den anderen lesen dürfen. Ihre Meinung im Radio zu hören, war ein Erlebnis: „Das war halt schon ein bisschen komisch. Wenn man weiß, das hört sich die Welt an“, meint Fabienne.
Jedes Kind gemäß seiner Begabungen und Leistungsfähigkeit zu fördern, ist das Ziel Schule, die Kinder zu allen Abschlüsse führt – von Hauptschulabschluss, mittlerem Bildungsabschluss bis hin zum Abitur. Dazu gehören auch über 20 Schüler/innen mit besonderem Förderbedarf. Sie sind in den Unterricht integriert und werden von Fachkräften aus dem Förderzentrum unterstützt. Ob Sprachförderung für Migranten, Sozialtraining oder Afrikanische-Trommel AG: Was den Schüler/innen hilft, ist willkommen. Eltern werden mitbeteiligt, informiert und ernst genommen. „Es macht Spaß sich mit einzubringen“, hat Elternsprecher Wilfried Staudt erfahren. Er hat ein Projekt im Altersheim initiiert. Regelmäßig besuchen Schüler/innen der fünften bis achten Klasse die Senioren und bringen selbst gebackenen Kuchen mit. Die 11-jährige Jennifer meint: „Wir freuen uns auf die Besuche, da wir merken, dass wir andere glücklich machen.“ Wolfgang Staudt staunt, „wie unvoreingenommen die mit den alten Leuten umgehen“.
Kleiner Zirkus mit großen Träumen

„Wir brauchen keine Elefanten. Es reicht, wenn wir uns selbst dressieren“, ist das Motto der Zirkusgruppe Gaukel-Maukel. Mit Stelzen, Einrädern und Jonglage haben sie auch ohne Elefant verdammt viel von dem zu bieten, was so ein Zirkus eben macht. „Bis Homburg kennt uns jeder“, sagt Hans Seel, pensionierter Lehrer und Zirkusdirektor der Truppe. Ein Auftritt in Moskau, New York oder zumindest Berlin sei der Traum von Gaukel-Maukel, verrät er. Am 2. Mai 2006 fährt eine Delegation der Gesamtschule Bexbach nach Berlin, um den 1. Preis im Wettbewerb „Zeigt her eure Schule – Kooperation mit außerschulischen Partnern“ von der Eva Luise Köhler, der Vorsitzenden der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung entgegen zu nehmen. Zu gewinnen war die Erfüllung eines Wunsches und die Bexbacher wünschen sich Unterstützung bei der Schulhofgestaltung. Es ist ihnen aber auch zuzutrauen, dass sie in Berlin Kooperationspartner für Gaukel-Maukels Traum finden werden …

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