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Wachsen wie im Urwald

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In der Jenaplanschule Weimar dürfen Kinder sich entfalten. Feiern und lernen, spielen und arbeiten gehören dabei zusammen. Das jahrgangsgemischte Lernen stärkt die soziale Kompetenz und sorgt für eine lebendige Schulgemeinschaft.

Als Jonathan in der zweiten Klasse die Lust auf Schule verlor, hat seine Mutter Claudia Plag nicht lange gefackelt. „Ich bin in die Schule gegangen, habe mit den Lehrern gesprochen und als das alles nichts brachte, habe ich ihn herausgenommen und zum dritten Schuljahr an der Jenaplanschule Weimar angemeldet“, erzählt sie. Die staatliche Grundschule ist in Weimar ein Begriff. Seit sieben Jahren wird dort orientiert an der Pädagogik von Peter Petersen nach dem Modell der Jenaplanschule unterrichtet, gemäß Thüringer Lehrplan – und trotzdem anders. Jonathan hat das damals so auf den Punkt gebracht: „In der alten Schule war es wie in einem Nutzwald, da wurde man beschnitten. Hier ist es wie in einem Urwald, da kann man wachsen, wie man will.“ Seine Mutter, inzwischen Vorsitzende des Schulfördervereins, formuliert es ebenfalls botanisch: „Hier ist er aufgeblüht und ich auch“.

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Es sind viele kleine und einige große Dinge, die das Lernen an der Christoph Martin Wieland Schule Weimar besonders machen: Im Zentrum steht das jahrgangsgemischte Lernen. Die eigentlichen Klassen heißen Stammgruppen, in ihnen lernen Kinder aus vier Jahrgangsstufen zwei Stunden täglich gemeinsam. Sie arbeiten zusammen am Wochenthema, an ihren unterschiedlichen Wochenplänen und an Präsentationen. Die Stammgruppen heißen Delfine, Igel oder Wolken. Hier lernen die Kinder, dass keiner besser ist, nur weil er älter ist oder mehr weiß. Dass Fragen weiterbringen und andere einem zuhören.

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Bewertet wird auch in der Jenaplanschule Weimar, Noten gibt es vom dritten Schuljahr an. Wichtige Ergänzung des Notenzeugnisses sind jedoch die Zeugnisgespräche. Dabei gibt der Stammgruppenlehrer im Austausch mit den Fachlehrern eine persönliche Rückmeldung zu den Stärken und Schwächen in allen Fächern und überlegt gemeinsam mit dem Schüler, was sich ändern soll. Am Ende unterschreiben die Kinder einen Vertrag, in dem steht, wobei sie sich verbessern wollen.

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Höhepunkt der Woche sind die Feiern. Während der Wocheneröffnungsfeier stellt ein Lehrer das Arbeitsthema für die nächsten fünf Tage vor: „Verkehrszeichen“ oder „Tiere des Waldes“. Zur Wochenabschlussfeier kommen – so wie heute – viele Eltern. Die Stammgruppe der „Wolken“ hat ein Programm vorbereitet mit Schauspiel, Tanz, Gesang, Flöten- und Klavierspiel, eingerahmt in die Geschichte der Grille, die einen Platz für den Winter sucht. Das nächste Mal wird eine andere Stammgruppe etwas aufführen. Oder einzelne Kinder werden sich melden, um ein Gedicht aufzusagen oder zu musizieren. Applaus gibt es auch für die, bei denen der Mut nur gereicht hat, auf die Bühne zu klettern, und die im letzten Moment Angst vor der eigenen Courage haben – sicher klappt es beim nächsten Mal.

Spiel, das Arbeit macht


Die Grundzüge der Pädagogik nach Peter Petersen sind anschaulich, Schulleiterin Erika Carius erklärt sie so: „Petersen hat das normale Leben auf Schule übertragen, in der Schule soll passieren, was Menschen auch sonst gern miteinander tun: Miteinander sprechen, arbeiten, spielen und feiern. Das findet sich in allen Unterrichtsformen wieder“.

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Wir besuchen die Stammgruppe „Delfine“ um zu erfahren, wie das geht. Gäste haben die in Delfine letzter Zeit häufig gehabt, letztens erst waren Besucher da, die auf Einladung der Pädagogen die Schule genau unter die Lupe nehmen – im Rahmen des Projekts „Eigenverantwortliche Schule“. Routiniert stellt Elfriede (10 Jahre) ihre Klasse vor: „Wir sind die Stammgruppe der Delfine, hier sind Kinder vom ersten bis vierten Jahrgang, wir lernen zusammen und arbeiten am Wochenplan, aber heute ist kein Wochenplantag, da beschäftigen wir uns mit einem anderen Thema.“ Der 9-jährige Friedemann ergänzt: „Wir sind ein durcheinander redender Haufen. Am Montag erzählt jeder, was er am Wochenende erlebt hat. Das schreiben wir in ein Geschichtenheft.“ Das Thema, worum es heute geht, heißt „Das Mozart-Projekt“. Wenn in ein paar Wochen die Delfine an der Reihe sind, die Wochenabschlussfeier zu gestalten, wollen sie die Zauberflöte aufführen. Schade, Till hat schon wieder seine Flöte vergessen. Dafür können die Kids die Arie der Königin der Nacht schon fröhlich trällern. Die Lehrerin hat noch Probleme mit der Story: „Ich muss sagen, ich bin da ein bisschen durcheinander gekommen. Ich fand die Geschichte ganz schön verrückt.“ „Mozart war auch verrückt“, weiß jemand, aber damit gibt sich Lehrerin Kathrin Witte nicht zufrieden. Die Kinder sollen sich in Kleingruppen aufteilen und die  Geschichte so umdichten, dass sie alle verstehen. Logisch, dass auch in den Kleingruppen „Erstklässler“ und „Große“ gleichermaßen vertreten sind. Die Älteren schreiben mit, dafür dürfen die Jüngsten die Geschichte am Ende der Stunde den anderen Gruppen vorstellen. Während sich die meisten ein lustiges Fest ausgedacht haben, hat sich Carlos` Mannschaft damit beschäftigt, Todesarten für die Königin der Nacht zu ersinnen: ertränken, köpfen und Meteroitenschlag. Darüber wird noch zu reden sein... Bevor das Mozart-Projekt Aufführungsreife erreicht, ist die Zeit um, nächste Woche werden sie weiter daran arbeiten.

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Eltern erwünscht!


Bei den „Adlern“ weht heute ein warmer Wind aus Afrika. In afrikanische Tücher gehüllte Kinder tanzen den Flur entlang, fröhliche Stimmung herrscht im Klassenzimmer. Ein Vater, der Entwicklungshilfe im Sudan leistet, hat Besuch von dort mitgebracht und berichtet von seiner Arbeit. Eltern im Unterricht sind an der Jenaplanschule Weimar erwünscht – und das nicht nur als Zuschauer. Sie beteiligen sich an der Vorbereitung und Durchführung von Projektwochen, die dreimal jährlich stattfinden, sind an Wandertagen und anderen schulischen Aktivitäten dabei, geben eine eigene Schulzeitung heraus. Vom Elternengagement, das sich vor allem im Förderverein bündelt, lebt die Schule. Erika Carius empfindet das auch als Ansporn: „Eltern, die sich einbringen, haben hohe Erwartungen, die sind manchmal auch unbequem.“ Die Pädagogen sind bereit, sich an diesen Erwartungen immer wieder zu messen. Eine Mutter, die sich engagiert, ist Claudia Plag. Sie schätzt es, dass Eltern ernst genommen werden: „Man kann sich mit allem, was die Kinder betrifft, an die Schulleitung und die Lehrer wenden. In vielen Schulen ist das ja so, dass die Eltern an einem Ende zerren und die Lehrer am anderen, und das Kind steht in der Mitte. Hier können wir gemeinsam an einem Strang ziehen“.

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Von der offenen zur gebundenen Ganztagsschule


Noch ist die Jenaplanschule Weimar eine offene Ganztagsschule, Ziel der Schulleitung ist es, sie in eine gebundene zu überführen. Der ganze Tag soll stärker den kindlichen Bedürfnissen entsprechen, eine kindgemäße und lernförderliche Rhythmisierung entwickelt werden. Zwar ist der Schulgong bereits abgeschafft, aber der 45 Minuten Takt bestimmt noch weitgehend den Schultag. „Wir streben an, das aufzuheben, weil die Erfahrungen an anderen Schulen zeigen, dass ein anderer Rhythmus besser ist“, erklärt Claudia Plag. Auch Kathrin Witte, Lehrerin und Mitbegründerin der Schule sagt: „Eine Dehnung von Unterrichtszeit in den Nachmittag hinein würde uns allen gut tun.“ Vernetzter zu lernen, Fächerorientierung aufzuheben und den kindlichen Bedürfnissen angepasst den Tag zu gestalten, das entspricht der Pädagogik von Peter Petersen. Erika Carius ist überzeugt: „Ich halte die Ganztagsschule für die ideale Möglichkeit, das Jenaplan-Konzept umzusetzen“. Bevor der Übergang in die gebundene Ganztagsschule angepackt werden kann, sollen die Eltern in den Diskussions- und Planungsprozess eingebunden werden. Im Einzugsgebiet wohnen Familien, die ihren Kindern nachmittags viel bieten und von denen es manche als Einschnitt empfinden, wenn die Kinder drei Tage in der Woche ganztags in der Schule sind. „Da müssen wir vorher ganz genau überlegen, was das den Kindern bringt“, meint Erika Carius.

Kooperationen schaffen Mehrwert


Wolfgang Koß von der Serviceagentur Ganztägig Lernen Thüringen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung ist heute mit an die Schule gekommen. Seine Aufgabe, so beschreibt er es selbst, besteht darin „Beratungsbedarf an Schulen aufzusaugen, Schulen zusammenzuführen, die ähnliche Konzepte haben und voneinander lernen können.“ Die Jenaplanschule Weimar hat Unterstützungsbedarf bei Freiarbeitsmaterialien in Mathematik angemeldet. Wolfgang Koß verspricht, sich darum zu kümmern.

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Auch die Unterstützung der Zusammenarbeit von Schulen mit außerschulischen Partnern gehört zu den Aufgaben der Serviceagentur. Hier können andere Schulen von den Erfahrungen der Jenaplanschule Weimar profitieren. Zum Beispiel von der Zusammenarbeit mit der Musikschule. Jedes Kind hat die Möglichkeit, ein Streichinstrument zu lernen. Der Förderverein stellt die Instrumente, den Unterricht bestreiten Lehrer der Musikschule in den gewohnten Klassenräumen, in den ersten beiden Schuljahren ist er in den Vormittagsunterricht integriert. Für dieses Projekt gewann die Schule einen Preis im zweiten Ganztägig Lernen Wettbewerb „Zeigt her eure Schule“. In Zukunft ist eine Kooperation mit dem Theater geplant.

Dass die Kinder, die nach der vierten Klasse die Jenaplanschule verlassen, selbstbewusst und selbstständig sind, sich präsentieren und gewandt ausdrücken können, freut nicht nur das Kollegium, sondern hat sich auch in Weimar herumgesprochen. Die jährlich wachsenden Anmeldezahlen bestätigen das zunehmende Interesse in der Elternschaft. Inzwischen liegt die Schülerzahl bei 272 und wird in den kommenden Jahren noch steigen. Über ein neues Raumkonzept muss deshalb nachgedacht werden. Dabei ist das Ziel, die Lernbedingungen so zu optimieren, dass die Kinder weiter wachsen können in ihrer Persönlichkeit – vielleicht nicht so wild, wie im Urwald, aber doch so, dass sich jedes nach seinen Möglichkeiten entfalten kann.

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Text: Christine Plaß
Fotos: Christine Plaß
Datum: 26.05.2006
© www.ganztaegig-lernen.de



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