Besonders nah dran an Ganztagsschulen – Porträt der Serviceagentur Bremen
Im Zwei-Städte-Staat Bremen, dem kleinsten, von Häfen geprägten Bundesland, hat Bürgerengagement Tradition. „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um ihnen Aufgaben zu geben, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer!“, sagt man in Hanse- und Hauptstadt Bremen mit Antoine de Saint-Exupéry. Und das beginnt schon in den Schulen. Ein Porträt von Christine Plass.
 Als die Bremer Serviceagentur die Preisträger ihres Wettbewerbs „Umgang mit Heterogenität“ ehrte, staunten die geladenen Gäste nicht schlecht über das Engagement der Schülerinnen und Schüler: „Wir sind Scouts und kümmern uns um die Fünftklässler, damit die einen besseren Eindruck von uns haben.“, erklärten die Elftklässler des Schulzentrums an der Lehmhorster Straße. Der erste Preisträger, die Paula-Modersohn-Schule war aus Bremerhaven mit Streitschlichtern, Sanitätern, Studiengruppenleiterinnen angerückt – allesamt Schülerinnen und Schüler, die dazu beitragen, dass ihre Schule ein Ort ist, in dem sich alle wohl fühlen können. Dahinter stehen Pädagog/innen mit Visionen. Die Kinder von der Schule an der Borchshöhe drückten es so aus: „Unsere Lehrer machen uns Mut.“

Mut machen auf dem Weg zur Ganztagsschule will auch Sabine Heinbockel, das Gesicht der Serviceagentur Bremen. Bewusst spricht sie von „Ermutigungspreisen“, die die ausgezeichneten Schulen mit nach Hause nehmen durften. „Schulen brauchen Wertschätzung für ihre Arbeit“, weiß sie aus Erfahrung. In dem nur 400 Quadratkilometer großen Bundesland mit den Städten Bremen und Bremerhaven, ist Sabine Heinbockel ganz besonders nah dran. Viele der Ganztagsschulen kennt sie persönlich.
Vom Mittagessen bis zur Teambildung
Mit Kooperationspartnerin und Kollegin Sandra Reith, der Bremer Koordinatorin im BLK-Verbund „Lernen für den Ganztag“ teilt sie sich ein Büro. Die beiden gehören zu den ersten, die sich im Programm „Ideen für mehr! Ganztägig Lernen.“ als Serviceagentur vor Ort an die Arbeit gemacht haben. Dabei führte ihr Weg sie direkt in die Schulen: „Im Herbst 2004 sind wir gestartet und haben erst Mal eine Menge Schulbesuche gemacht“, erinnert sich Sabine Heinbockel. Inzwischen hat sich in Bremen herumgesprochen, dass sie schnell und bedürfnisorientiert Weiberbildungsveranstaltungen für Schulen organisiert. Dabei ist das ganze Spektrum der Schulberatung Schwerpunkt der Serviceagentur.
Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu. Heute sind die Fortbildungsbeauftragten der Schulen ins Landesinstitut für Schule (LIS) eingeladen. Sabine Heinbockel arbeitet eng mit dem LIS zusammen, auch räumlich bildet sich das ab, denn das Büro der Serviceagentur ist im LIS untergebracht. Gerade informieren sich die Fortbildungsbeauftragten, welche Veranstaltungen die Kolleg/innen im nächsten Jahr besuchen können. Sandra Reith und Sabine Heinbockel nutzen die Gelegenheit, um über ihr Angebot für Ganztagsschulen zu informieren. „Wenn Sie Unterstützung brauchen, kommen Kollegen in Ihre Schule, ganz egal, ob es nun ums Mittagessen oder um die Teambildung geht. Anruf genügt“, erklärt Sabine Heinbockel. Wenn gewünscht, kümmert sie sich um Referenten, Moderatoren, fachlichen Austausch mit anderen Schulen, um Prozessbegleitung und die Qualifizierung von Multiplikatoren, fügt sie hinzu. Kollegin Sandra Reith vom BLK Modell „Lernen für den Ganztag“ stellt Fortbildungsmodule für Ganztagsschulen vor, bei denen Lehrer/innen und Erzieher/innen im Verbund qualifiziert werden.

Bremen will Ganztagsschulen
In Bremen gibt es 43 Ganztagsschulen, das sind immerhin 30 Prozent aller Schulen, bis 2008 sollen jährlich drei neue Schulen hinzukommen. Noch mehr würden ebenfalls gern auf den Ganztagsbetrieb umstellen. „Das Interesse von Schulen, Ganztagsschule zu werden ist groß, die zur Verfügung stehenden Ressourcen knapp“, fasst Heinbockel die Lage im wenig begüterten Bremen zusammen.
Die Bremer Schulen haben sich nicht entmutigen lassen und trotzdem auf den Weg gemacht. Nach dem Pisa-Schock (Bremen musste damit fertig werden, von allen Bundesländern am schlechtesten abgeschnitten zu haben), setzte sich die Erkenntnis durch: Schulen müssen sich verändern, Kinder brauchen mehr Zeit zum Lernen, Ganztagsschulen sind der richtige Weg. „Vor allem die Grundschulen hatte PISA wachgerüttelt. Die diskutieren schon lange ganz intensiv auch pädagogisch, wie Ganztagsschulen Kinder optimal fördern können“, berichtet Sabine Heinbockel. Im Bereich „Schulentwicklung“ gibt es viel Bewegung. Viele Berater/innen sind unterwegs. Sie noch stärker für die besonderen Bedürfnisse und Möglichkeiten von Ganztagsschulen sensibilisieren, ist eines der Ziele der Serviceagentur.
Nachdem in erster Zeit organisatorische Fragen im Vordergrund standen, wird in den neu entstanden Ganztagsschulen nun zunehmend darüber diskutiert wird, wie sich Teamstrukturen verändern lassen und wie es um das pädagogische Profil der Schulen steht. „Jetzt ist endlich Luft für die Diskussion um pädagogische Konzepte“, freut sich Sabine Heinbockel. Sie wünscht sich, dass sich in Ganztagsschulen eine Diskussion darüber entwickelt, was gute Schulen ausmacht, bei der alle beteiligt sind, auch Eltern und nicht zuletzt die Schülerinnen und Schüler. Da ist es interessant zu erfahren, was gute Ganztagsschule für Sabine Heinbockel bedeutet? „Dass alle, die daran beteiligt sind, die Ganztagsschule wollen und dass Kinder und Jugendliche sich dort wohl fühlen“, antwortet sie.

Ein Netz von Experten
Die Bremer Serviceagentur nutzt die Möglichkeiten, die das Programm „Ideen für mehr! Ganztägig Lernen.“ bieten. Eine fruchtbare Zusammenarbeit hat sich mit Werkstätten und anderen Regionalen Serviceagenturen entwickelt. Für eine Messe zu außerschulischen Kooperationspartnern, die im November stattfinden soll, will sie sich Rat von der Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft Hamburg mbH (STEG) holen. Ilse Kamski vom Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der Universität Dortmund kam letztens nach Bremen, um in einer Fortbildung für Schulentwicklungsberater/innen für die besonderen Potenziale und Bedürfnisse von Ganztagsschulen zu sensibilisieren und sie in ihrer Beraterkompetenz für Ganztagsfragen zu unterstützen. Wolfgang Vogelsänger vom IMPULS Schule & Wirtschaft e.V. Institut für Schulentwicklung (IFS) hat sie an eine Bremer Schule vermittelt, die einen Planungstag zur Umsetzung des Ganztagskonzepts durchführt. Da jede Veranstaltung der Serviceagentur auch evaluiert wird, weiß Heinbockel: Das kam alles sehr gut an. Darüber hinaus schätzt sie sehr, dass sie von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung mit Expertenwissen aus anderen Programmen unterstützt wird.
Wichtig ist Heinbockel auch die Einbeziehung von Schülerinnen und Schülern. Für die Messe im November hat sie zwei Ausbildungsgänge der Berufsschule mit engagiert. „Das ist eine wunderbare Zusammenarbeit.“, schwärmt Sabine Heinbockel, „Die haben etwas davon und für uns ist es eine wunderbare Entlastung“. Heinbockel rechnet mit 80-125 Besucher/innen und bis zu 30 Ständen für die außerschulischen Partner.
Serviceorientiert nah dran

Nun sind es schon fast zwei Jahre, in denen die gelernte Kulturwissenschaftlerin halbtags für die Regionale Serviceagentur Bremen arbeitet. Höhepunkt in dieser Zeit war der Bremer Ganztag – ein Kongress für Ganztagsschulen in Bremen. Bei seiner Organisation hat ihr geholfen, dass sie sich als „Generalistin“ schnell in unterschiedliche Arbeitsbereiche einarbeiten, Entwicklungsbedarf und Knackpunkte identifizieren kann. Zusätzlich hat Sabine Heinbockel nach ihrem Studium eine Ausbildung in Personalentwicklung mit Schwerpunkt Qualifizierung und Supervision gemacht. Ihre Beratungskompetenz hilft ihr dabei, Lösungen mit den Beteiligten zu erarbeiten.
Um Schulen direkt und vor Ort zu unterstützen, sind vier Lehrerinnen und eine Kita-Beraterin, die je zu fünf bis sechs Stunden wöchentlich freigestellt sind, im Einsatz. Sie teilen einen Schatz von Wissen und Erfahrungen. „Eine ist Lehrerin ist Schwedin, die bringt zum Beispiel viele schwedische Materialien mit in die Schulen“, erzählt Heinbockel. Ihr ist wichtig, dass die Bremer Agentur für konkrete, Bedürfnis orientierte Angebote steht. Was sie leistet, soll direkt bei den Schulen ankommen. Das wirkt sich aus: Mittlerweile haben die meisten Bremer Ganztagsschulen die Serviceagentur als eine Stelle, die ausschließlich für ihre Belange zuständig ist, kennen gelernt. Für die Schulbehörde ist die Agentur eine wichtige Schaltstelle zu den Schulen und Informationsquelle für die Bedürfnisse von Ganztagsschulen.

Die Veranstaltung geht zu Ende. Einige Teilnehmer streben gezielt an den Stand der Serviceagentur. „Suchen Sie etwas Bestimmtes?“, spricht Sabine Heinbockel einen Lehrer freundlich an. „Grundschulbereich“, lautet die knappe Antwort. Wenig später dampft er mit Flyer versorgt ab. Zufrieden bedankt sich ein Gymnasiallehrer für die Unterstützung. „Das kam sehr gut an“, berichtet er über eine Veranstaltung, für die Heinbockel einen Moderator und fachlichen Input von einer Hamburger Schule vermittelt hat. Sein Gymnasium fängt mit vier siebten Klassen an, den Ganztagsbetrieb aufzunehmen. Wie der auf die ganze Schule ausstrahlen kann und welche anderen Formen der Rhythmisierung es gibt, waren zentrale Fragen im Kollegium. Ein anderer Lehrer am Stand der Agentur freut sich über die Arbeitshilfe „Grundlagen guter Schule“. „Die können wir wirklich gebrauchen“, sagt er. Die Schulen im kleinsten Bundesland haben Großes vor.
Autor: Christine Plass Fotos: Christine Plass Datum: 17.08.2006 © www.ganztaegig-lernen.de
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