Wenn zwei sich verstehen, freut sich der Dritte

Die Grundschule Missen zeigt, wie vielfältig Kinder davon profitieren können, wenn Lehrer und Erzieher zusammenarbeiten. von Christine Plaß
Zugegeben, auf den ersten Blick wirkt sie fast abschreckend, die Grundschule Missen in Vetschau/Spreewald. Ein Plattenbau aus den 70er Jahren, davor ein zubetonierter Schulhof. Kann ja niemand ahnen, dass sich dahinter ein Beach-Volleyballfeld, mehrere Tischtennisplatten, ein Spielplatz, ein Schulgarten und ein Feuchtbiotop befinden... Auch ein selbst angepflanzter Wald gehört zu der Ganztagsschule, die am Rande des Spreewalds liegt. Hat man erst einmal den Schulhof überquert und die Schultür geöffnet, empfängt einen eine familiäre Atmosphäre. Die maroden Wände, aus denen die Waschbecken fast herauszubrechen drohen und an denen hier und da schon der Putz abblättert, sind liebevoll mit Projektarbeiten und Kinderkunstwerken gestaltet. „Wenn sie hier etwas Neues sehen, sind das Ganztagsschulmittel“, erklärt Gabriele Kasimir, Lehrerin und Fachberaterin für den Ganztag am Schulamt Cottbus. Die Schülerinnen und Schüler bewegen sich frei im Haus, es herrscht eine vertraute Stimmung. Das ist den acht Lehrer/innen und fünf Erzieher/innen wichtig, denn die 99 Schüler/innen aus 15 Dörfern und Städten kommen zum Teil von weither in die einzügige Grundschule. Manche werden schon um 6.45 Uhr mit dem Bus gebracht und bleiben bis 16 Uhr. Wie in Brandenburg üblich besuchen die Kinder bis einschließlich zur sechsten Klasse die Grundschule. Dass die Schule in die Stadt hinein wirkt und die Schüler die Umgebung außerhalb der Schule kennen lernen, ist den Pädagogen wichtig: „Alles, was es hier im Ort an Berufen gibt, haben wir schon besucht“, erzählt Gabriele Kasimir, „ob nun Physiotherapeutin, Schmied oder Bucherbinderin.“
Die Chemie stimmt

Erzieher/innen und Lehrer/innen arbeiten in Missen eng zusammen: Bei der Hausaufgabenbetreuung, bei Projekten und gemeinsamen Fortbildungen und mit den Eltern. Dabei sind die Verantwortlichkeiten klar verteilt, auch gibt es Bereiche, die sich ausschließlich in schulischer Regie befinden, wie der Unterricht oder die sportlichen Wettkampfveranstaltungen. Dafür kümmert sich der Hort in Eigenregie um die Feriengestaltung und die öffentlichen Auftritte der Hort- und Theatergruppen. Von der guten Zusammenarbeit profitieren die Kinder. Sie wachsen auf in einer Einheit von Schule und Hort, von Bildung, Betreuung und Erziehung. „Es gibt keine Rivalität zwischen Lehrer/innen und Erzieher/innen, das ist der Schlüssel zum Glück“, erklärt Undina Nixdorf das Erfolgsgeheimnis der Schule. Hinderlich findet sie, dass Schule und Hort institutionell getrennt sind. So dürfen die Horterzieherinnen nur Kinder betreuen, die auch einen Hortvertrag haben. Wären die Betreuungsverträge nicht, könnten sie flexibler und ganzheitlicher arbeiten und alle Kinder miteinbeziehen. Sie sind froh, dass sie in den Klassen eins bis vier eine hundertprozentige Anmeldung von Hortkindern haben. An einem Tag in der Woche ist eine Erzieherin mit im Unterricht der ersten und zweiten Klasse. Dabei gewinnen sie einen Einblick in den Lernstand der Kinder und können daran für ihre eigene Bildungsarbeit anknüpfen.
Lernkultur wird groß geschrieben

In der sechsten Klasse steht gerade Gesellschaftslehre auf dem Stundenplan. Am Beispiel der Griechen lernen die Kinder die Geografie des Mittelmeers, Geschichte und politische Bildung. „Wir haben die drei Fächer in dem Fach 'Gesellschaftslehre' zusammengefasst“, erklärt Lehrerin Ingrid Opitz. Ihrer Meinung nach ist die Verknüpfung sehr effektiv, denn die Schüler/innen lernen fächerübergreifend. Außerdem gibt es so eine Doppelstunde, „das ist sehr schön.“ Gerade freut sie sich wie eine Schneekönigin, weil ihre zweite Klasse bei den Vergleichsarbeiten, die in ganz Brandenburg geschrieben wurden, so gut abgeschnitten hat. Eine schöne Bestätigung, die zeigt, dass sich das aufwändige differenzierte Lernen in den unteren Jahrgangsstufen gelohnt hat. Undina Nixdorf freut sich mit: „Das ist doch klar“, sagt sie strahlend, „jeder hat hier viel Respekt für die Arbeit des Anderen.“
Werkstattlernen, Projektarbeit, Gruppenarbeit, jahrgangsübergreifender und fächerverbindender Unterricht gehören zur alltäglichen Lernkultur der Grundschule Missen. Hausaufgaben wurden durch differenzierte Lernkonzepte ersetzt. Es gibt Förderangebote für besonders Begabte („kluge Köpfe“) und Kinder mit Lernschwierigkeiten. Ein besonderes Highlight ist der Neigungsunterricht, den die fünften und sechsten Klassen jahrgangsgemischt wahrnehmen. Margret Stanicki, die „Chefin“ des Neigungsunterrichts, erklärt das Prinzip: „Das sind Projekte aus dem naturwissenschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich, von zauberhaften Experimenten für Halloween bis zum Brückenprojekt, wo wir Entfernungen zwischen Spreewaldbrücken messen und maßstäbliches Zeichnen lernen. Natürlich mitten im Spreewald, einige Eltern fahren mit, Experten sind willkommen. Die Themen schlagen die Kinder vor“. So wie Margret Stanicki für den Neigungsunterricht zuständig ist, hat hier jeder einen Bereich, den er verantwortet. Das Kollegium ist engagiert, kurz nach sieben Uhr kommen die meisten in die Schule, acht bis neun Stunden Präsenzzeit sind normal. Dass Lehrer auch erziehen, ist in Missen selbstverständlich, dazu müssen sie keine Kopfnoten verteilen. Auch die Erzieherinnen sind gefordert. „Kolleginnen, die aus anderen Bereichen kamen, sagten: 'Das ist hier ein irres Arbeitspensum', aber trotzdem will keiner hier mehr wieder weg“, erzählt Undina Nixdorf. Die Wertschätzung der Kolleg/innen, das Gefühl gebraucht zu werden, die Möglichkeit, selbstständig und kreativ zu arbeiten und neue Erfahrungen zu machen, will keiner mehr missen.
Spielen und Dösen erlaubt!

Ins Leseschloss ziehen sich die Kinder zurück, wenn sie Ruhe brauchen. Da wird gekuschelt und gesnoezelt, von dort aus geht es auf weite Fantasiereisen zwischen Kissen und Decken. „Das lieben die Kinder“, weiß Undina Nixdorf, „davon könnten wir fünf haben!“ Dass die Kinder die Räume auch ohne Aufsicht nutzen dürfen, ist ein großer Vertrauensvorschuss, der ihnen hier gewährt wird. Es funktioniert, weil alle die Regeln kennen und wissen, an wen sie sich jederzeit wenden können. Die AGs am Nachmittag finden teilweise jahrgangsgemischt und teilweise differenziert statt, je nach dem, was günstiger für die Entwicklung der Kinder ist. Das sehr beliebte Kochen und Backen funktioniert gut mit den Klassen von eins bis vier. Dass Ältere den Jüngeren helfen, darauf wird viel Wert gelegt. In der Computerwerkstatt und beim Sport bekommen sie verschiedene Aufgaben. „Das Kind soll hier nicht nur erleben und Zeit verbringen, sondern die Chance haben, sich selbst zu bilden“, ist der Anspruch von Undina Nixdorf für den Freizeitbereich der Ganztagsschule, den sie leitet.
Die Schulanfängerwerkstatt

Heute ist ein aufregender Tag für 24 Kinder in der Schulanfängerwerkstatt. Die Vorschulkinder sind zum ersten Mal hier. Im Kreis sitzen sie mit den Erstklässlern zusammen und erzählen einander, wo sie herkommen, wie sie heißen und wann sie Geburtstag haben. Justin fällt gerade nicht ein, wo er wohnt, die ein Jahr ältere Melina, die in die erste Klasse geht, hilft. Sie wohnt im gleichen Ort wie Justin, die Beiden kennen sich. Dass Ältere den Jüngeren helfen, ist Prinzip der Schulanfängerwerkstatt. Dabei bilden sich richtige Partnerschaften. Die sechsjährige Anne geht seit fünf Tagen in die erste Klasse, die Schulanfängerwerkstatt am letzten Tag der Woche ist ihr genauso vertraut wie die Schule. Als sie eingeschult wurde, kannte sie hier schon alles und nun gehört sie in der Schulanfängerwerkstatt zu den Großen. “Das ist auch schön“, urteilt sie. Karin Nitzsche, Lehrerin in der Schulanfängerwerkstatt, ist ebenfalls angetan: „Das klappte heute super. Die Kinder finden sich ganz schnell.“
„Bei uns dreht sich alles um die Sprachförderung“, erklärt Gabriele Kasimir, die festgestellt hat, dass Sprachdefizite in den letzten Jahren vermehrt bei Kindern auftreten. In der Schulanfängerwerkstatt werden Kinder mit Sprachdefiziten frühzeitig erkannt und im Haus gefördert. Und schon vor der Schule können die Pädagog/innen Interessen und Talente entdecken und fördern. Das Angebot reicht von Arbeits- und Lernspielangeboten bis hin zur Bewegungsschulung. Funktionsräume im Hort wie Puppenstube, Kreativecke und Bauraum sorgen dafür, dass sich die Vorschulkinder der Schulanfängerwerkstatt jederzeit zum Spielen zurückziehen können. Ein Betreuer ist immer mit dabei. Das kann auch mal ein Elternteil sein oder die Kita-Erzieherin, die an der Schulanfängerwerkstatt teilnimmt. „Wir finden es wichtig, dass hier nicht nur die Lehrer alles vorgeben, sondern auch der Hort und die Kita-Erzieherin die Schulanfängerwerkstatt gestaltet. Es tut gut, sich auch mal als Lehrer zurückzunehmen und zu gucken, wie macht das ein Erzieher“, sagt die Lehrerin Gabriele Kasimir.

Auch heute sind einige Eltern mit dabei. Das wird begrüßt, denn auf diese Weise lernen sie die Schule schon vor der Einschulung ihrer Kinder kennen. Sie dürfen jederzeit aktiv oder passiv an der Werkstatt teilnehmen und können erste Kontakte zu den künftigen Lehrer/innen ihrer Kinder knüpfen. Die Mutter von Romano (fünf Jahre) ist von der Schulanfängerwerkstatt begeistert: „Ich finde die Schulanfängerwerkstatt ganz besonders gut, weil sie einen fließenden Übergang von der Kita in die Schule ermöglicht. Mein Kind erhält dort eine optimale Schulvorbereitung.“ Und die achtjährige Vivien, die inzwischen in die zweite Klasse geht, kann sich noch gut an die Schulanfängerwerkstatt erinnern: „Wo wir im Kindergarten waren, da waren wir noch klein. Und am Mittwoch war für uns der beste Tag, weil wir da zur Schülerwerkstatt gegangen sind. Da haben wir die Großen kennen gelernt. Wir haben gemeinsam gemalt, gezählt, gerechnet, gebastelt. Die Zeit verging viel zu schnell, da waren wir immer ein wenig traurig gewesen. Aber es war nicht so schlimm, wir sind dann ja in die Schule gekommen und freuten uns, dass wir schon alle Kinder und alle Lehrer kannten.“

Mit der Schulanfängerwerkstatt gewann die Grundschule Missen einen Preis beim zweiten bundesweiten Wettbewerb „Zeigt her eure Schule – Kooperation mit außerschulischen Partnern“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in Kooperation mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. Jurymitglied Stefan Lange vom Bundesarbeitskreis „Schüler gestalten Schule“ urteilte damals: „Sehr gelungen. Schüler lernen ganz langsam und behutsam die neue Umgebung kennen und kommen leicht mit dem Schulalltag in Kontakt, Ängste werden abgebaut. Das Projekt ist mitten drin in der Schule und wird regelmäßig reflektiert.“
Ein Knotenpunkt im Netz von lernenden Schulen

Dass Lehrer und Erzieher in Missen nicht nur voneinander, sondern auch miteinander lernen wollen, macht die Schule zu einem idealen Konsultationsstandort. Das sind Schulen, die anderen Schulen in ihrer Umgebung dabei helfen, sich weiter zu entwickeln. Sie bieten Vor-Ort-Besuche an, veranstalten Fortbildungen und Treffen und beraten die Pädagog/innen. Dabei werden sie von der Serviceagentur Brandenburg, die im Rahmen des Programms „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung arbeitet, unterstützt. Deren Mitarbeiterin Karen Dohle ist begeistert von dem Engagement der Grundschule Missen. „Egal, wann man in die Schule kommt, die freundliche Atmosphäre und die wertschätzende Zusammenarbeit der Pädagoginnen ist immer präsent“ sagt sie. Stimmt.
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Text: Christine Plaß Fotos: Christine Plaß Datum: 02.09.2006 © www.ganztaegig-lernen.de
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