Jugendkunstschulen im Schulterschluss mit Ganztagsschule?

Die Verengung der Bildungsdiskussion auf Sprache, Logik und Mathematik führt im Endeffekt zu einer zunehmenden Vernachlässigung der somatisch-körperlichen, nicht-begrifflichen und nicht-logischen Erkenntnisfähigkeiten. Eine Ausbildung der sinnlichen Erkenntniskompetenzen als einer erweiterten ästhetischen Urteilskraft wäre eine Aufgabe, die wir durch eine Ganztagsschule aufnehmen müssen.
Noch bevor es die Ganztagsschule gab, haben sich Institutionen gegründet, die jetzt in Kooperationsmodellen ihre Erfahrungen einbringen können, um diesem Bildungsziel zu entsprechen. Die Annäherungsprozesse sind nicht immer einfach. von Martin Haufe
Ein Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung

Vor 40 Jahren sind Jugendkunstschulen gegründet worden, weil damals Schule nicht als Ort differenzierter kultureller Bildung wahrgenommen wurde. Bundesweit existieren heute ca. 400 Jugendkunstschulen mit rund 500.000 Kindern und Jugendlichen, die deren Angebote nutzen. Das Anliegen ist einfach und gewissermaßen „kundenorientiert“: Jugendkunstschulen könnten einen entscheidenden Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung leisten. In der PISA-Studie war die kulturelle Bildung von Schülern nicht abgefragt worden – tatsächlich nachgefragt wird sie aber ganz offensichtlich an Jugendkunstschulen und an Regelschulen, soweit dort solche Angebote bestehen.
Konzeptionelle Eindrücke und Überlegungen vom 3. Kinder- und Jugendkunstschultag in Mecklenburg-Vorpommern
Mecklenburg-Vorpommern ist das Bundesland mit der höchsten Nutzungsdichte im Blick auf die Kinder- und Jugendkunstschulen. Das sagt einer, der es überblicken kann: Peter Kamp, Vorsitzender des Bundesverbandes der Jugendkunstschulen und kulturpädagogischer Einrichtungen e.V. (BJKE). Hinter der nüchternen und amtlichen Aussage stehen eindrucksvolle Zahlen. 20.000 Kinder und Jugendliche besuchen die 14 Einrichtungen, die dem Landesverband der Kinder- und Jugendkunstschulen in Mecklenburg- Vorpommern (LVKJ) angehören. Nicht nur das macht diese Einrichtungen zum bundesweiten Vorzeigeprojekt. Die Bandbreite künstlerischer wie jugendkultureller Arbeit führten Kinder und Jugendliche beim 3. Landesweiten Kinder- und Jugendkunstschultag am 8. und 9. September in Bad Doberan vor. In der Regel sind es eingetragene Vereine, die quer durch das dünn besiedelte Flächenland im Nordosten der Bundesrepublik so ziemlich alles anbieten, was an kultureller und künstlerischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen denkbar ist: Vom Tanz über Fotografie und Malerei bis hin zum Kabarett. Mit einem Wort: Vielfalt – ein außerschulisches Angebot. Nicht alle Einrichtungen führen die Schule im Titel, manchmal bestimmt das Angebot den Namen: „Perform(D)ance“ oder „Freundeskreis Künstlerischer Sommerkurs Ostseeküste“.

Die Jugendkunstschulen, ihre Struktur wie ihre Förderung gelten bundesweit als wegweisend, als Vorzeigemodell. Holger Reschke, Leiter der „Schule der Künste“ in Schwerin, soll demnächst in Hessen erklären, was man da in Mecklenburg-Vorpommern fast still und heimlich so hingekriegt hat. Die öffentliche Wahrnehmung nämlich hinkt der Schülerzahl deutlich hinterher. Sowohl in der Quantität, wie auch in der Qualität. „Manchmal müssen wir noch immer darum kämpfen, nicht wie ein Bastelkurs in der Beschäftigungsecke zu landen,“ klagt eine Lehrerin. Kultur und Bildung, das können und wollen die Jugendkunstschulen auf keinen Fall getrennt wissen. „Es ist unsere Unkonventionalität, es ist eine geballte Ladung Engagement aller Mitarbeiter und es sind 15 Jahre Erfahrung in einer interdisziplinären Kooperation mit den Regelschulen.“
Es sei eine „intelligente Förderstruktur“, so Peter Kamp vom BJKE, die in Mecklenburg-Vorpommern mittlerweile existiert. Sie besteht u.a. aus einer Drittelfinanzierung durch das Land, wenn auch projektgebunden; Kommunen sind in der Pflicht, soweit sie dies zu leisten vermögen; Pionierarbeit sei geleistet beim strategisch wichtigen Weg in die Schulen.
Erfahrungen mit jugendkultureller Bildung: Eine Anklage der Regelschule – Hoffnung für die Jugendkunstschulen?
Der 14jährige Bertrand aus Greifswald illustriert auf eigene Weise die im Alltag sichtbaren Grenzen und Chancen. Bis zur 7. Klasse hatte er eine Montessori-Schule besucht, danach wechselte er zum staatlichen Gymnasium. „Die normale Schule engagiert sich nicht“, klagt er, „es gibt dort kaum Chancen, ein Talent zu entwickeln.“ An der Montessori-Schule habe ein fähiger Direktor ihn im Zeichnen und Malen gefördert, das ging bis zu einer im Projekt „Kinder-zum-Olymp“ ausgezeichneten Kinderbuchillustration. Am Gymnasium habe man zwar ebenfalls entdeckt, dass er gut zeichnen könne, aber dabei sei es geblieben, gefördert werde dies nicht. Besondere Stärken würden sogar eher kritisch beurteilt, so jedenfalls die Wahrnehmung des 14jährigen. „Wäre ich ausschließlich am Gymnasium gewesen, hätte mir wahrscheinlich niemand den Weg zur Jugendkunstschule gezeigt“, mutmaßt er. Und fragt: „Wie sollen Eltern auf den Gedanken kommen, ihr Kind habe Talent für irgend etwas? Es sollte Aufgabe der Schule sein, Talente zu erkennen. Und zu fördern.“

Ganz andere und doch ähnliche Erfahrungen äußern drei 14jährige Mädchen, die am „Künstlerischen Sommerkurs Ostseeküste“ (KSK) teilgenommen haben. Der findet in den Sommerferien statt, dauert zwei Wochen, fünf mal zehn Schüler betätigen sich an wechselnden Orten in Bildender Kunst. Angeleitet meist von Kunstpädagogen an Regelschulen, die mit dem Freundeskreis KSK einen eigenen Verein gegründet haben. „Man lernt in den zwei Wochen mehr, als das ganze Jahr in der Schule,“ heißt es unisono von den Mädchen. „Das Schöne daran ist, dass sich da Leute treffen, die sich wirklich dafür interessieren. In der Schule sitzt mancher nur im Kunstunterricht, weil er Musik abgewählt hat.“
Eine dritte Erfahrung, die eines Gymnasiallehrers: „In der Schule werden die Räume für kulturelle Arbeit zunehmend beschnitten.“ Aufgrund des in Mecklenburg-Vorpommern geltenden Lehrerpersonalkonzepts und der damit jedem Lehrer nur noch zugestandenen 18 Wochenstunden sei selbst Projektarbeit am Nachmittag kaum noch möglich. Kulturelle Bildung drohe in Schulen von ehrenamtlicher Tätigkeit abhängig zu werden.
Auf dem Kinder- und Jugendkunstschultag Mecklenburg-Vorpommern in Bad Doberan hieß es, niemand zweifle daran, dass kulturelle Bildung nötig sei, so die Aussage einer Landtagsabgeordneten. Anders der BJKE: Das Grundproblem sei ein fehlender Konsens über den Wert kultureller Bildung. Zweifellos tragen Jugendkunstschulen kreative Momente in die Regelschulen, das bestätigen die Erfahrungen aus gelungenen Kooperationen. „Wir gehen auch deshalb in die Schule, um die Schwellenangst vor einer kulturverpflichteten außerschulischen Einrichtung zu nehmen,“ heißt es übereinstimmend vom Tanzprojekt „Perform(D)ance“ in Stralsund und von der Jugendkunstschule in Neubrandenburg. Dazu gesellt sich aber die Erfahrung, dass jugendkulturelle Bildung durchaus auch Orte mit Zeit und Atmosphäre braucht, die der Klassenraum nun wahrlich nicht immer biete. Und die Masse der Kinder und Jugendlichen könne sich auch nicht mehr alle Angebote leisten.
Keine Angst vor der Ganztagsschule!

Derzeit sind Jugendkunstschulen mit ihrem besonderen Angebot an jugendkultureller Bildung dabei, sich neu aufzustellen und neu zu orientieren. Für die Kooperationen mit der Ganztagsschule sind aber offensichtlich auf allen Seiten noch Prozesse notwendig, in denen gemeinsam Leitbilder kultureller Bildung erarbeitet werden. Da könnte sich dann der scheinbare Widerspruch auflösen, dass die einen die Notwendigkeit kultureller Bildung versichern, andere aber einen Konsens über den Wert kultureller Bildung vermissen.
Konkurrenzkampf überflüssig
In Mecklenburg-Vorpommern gelten (bei allen Problemen auch im Blick auf die bereitstehenden Landesmittel, es sind 835.000 Euro für alle 14 Jugendkunstschulen) die Erfahrungen als vorbildlich und beispielgebend. Angst vor der Ganztagsschule müsse niemand haben, so BJKE-Vorsitzender Kamp, sie mache Jugendkunstschulen nicht überflüssig. Die oben zitierten Erfahrungen der Schüler und Lehrer deuten aber an, in welcher Richtung ein zumindest gedanklicher Lösungsansatz gefunden werden kann: Kulturelle Bildung im vollen Sinne können Ganztagsschule und Jugendkunstschulen nur gemeinsam vermitteln (wobei dies auch für Musikschulen etc. gilt). Eine solche Gemeinsamkeit besitzt jedoch eine Voraussetzung: Um des Bildungszieles und damit um der Kinder und Jugendlichen willen ist ein Wettstreit, erst recht ein Konkurrenzkampf um die Kompetenz auf dem Feld kultureller Bildung überflüssig und hinderlich.
Peter Kamp blickt mit zugespitzter Formulierung in die Zukunft: „Wenn Schule allen Kindern und Jugendlichen einen Zugang zu Kunst und Kultur in dieser Qualität wie die Jugendkunstschulen bieten könnte, dann wären wir überflüssig. Das aber wird kaum kommen, weil Schule wohl weiterhin nur Einstiegsangebote machen kann. Wir sind ein Vertiefungsangebot.“ Grundsätzliche Probleme in der Kooperation mit der Schule sehen die Mitarbeiter in den Jugendkunstschulen nicht. Wenn, dann sind sie an konkreten Orten von konkreten Gegebenheiten und einzelnen Personen abhängig.
Hilfreich zitiert sein sollen an dieser Stelle grundsätzliche Überlegungen des Sozialpädagogen Thomas Coelen zur Ganztagsbildung. Ausgehend von einer geradezu babylonischen Sprachverwirrung, was denn unter dem Begriff einer Ganztagsbildung zu verstehen sei, stellt er Überlegungen an, die münden in „dem Vorschlag einer Institutionsform, die Bildung in ihrer Einheit aus Ausbildung und Identitätsbildung ermöglichen soll“.

Weder Schule noch Jugendkunstschule werden sich dem Zielkonzept moderner Bildung verschließen wollen, so wie es von Thomas Coelen fixiert wird: „Demokratische Identität“. Seine Überlegungen führen zu folgender Doppelthese.
„Um ihrem Bildungsauftrag unter kapitalistisch-demokratischen Rahmenbedingungen gerecht werden zu können, ist die Schule auf andere lebensweltliche, weniger verrechtlichte und vermachtete Institutionen angewiesen, da sie die symbolische Reproduktion (in) der Lebenswelt aus strukturellen Gründen (Schulpflicht, Beurteilungswesen, Zertifizierung von Zugangschancen) nur begrenzt gewährleisten kann. Die komplementäre jugendarbeitstheoretische Konsequenz – diesmal als These aus Adressatenperspektive formuliert – lautet: Kinder und Jugendliche müssen – ggf. im Kontext ganztägiger Bildungsarrangements – zeitlich und inhaltlich Angebote der Jugendarbeit nutzen können, weil diese durch ihre Strukturprinzipien ein Maß an Verständigungsorientierung ermöglichen, das für die symbolischen Reproduktionen (in) der Lebenswelt unverzichtbar ist und in der Struktur der schulisch-organisierten Bildung unter kapitalistisch-demokratischen Rahmenbedingungen nicht vollständig gewährleistet werden kann.“
Flexibilität der Struktur
Um diese theoretischen Ausführungen mit Leben zu erfüllen, stehen aber unter anderem die Jugendkunstschulen bereit. Ihr Potential als weniger „verrechtlichte Struktur“ liegt unter anderem darin, dass ihre Angebote freiwillig angenommen werden, ihr Potential liegt im Engagement der Mitarbeiter, es liegt in der Flexibilität der Struktur (anders als etwa in Musikschulen sind nur 10 Prozent der Mitarbeiter angestellt und 90 Prozent auf Honorarbasis beschäftigt), und Jugendkunstschulen leben von der „Vielfalt der Möglichkeiten“. Das hat marketingstrategisch nicht immer zu einer eindeutigen Wiedererkennbarkeit geführt, birgt aber von Ort zu Ort, von Schule zu Schule die Möglichkeit, das Angebot sowohl nach den Fähigkeiten und Begabungen der Mitarbeiter wie auch der „Nachfrage“ der Kinder und Jugendlichen auszurichten. Darüber hinaus werden die Angebote in den Jugendkunstschulen als Projekte angeboten, die eine starke Partizipation der Kinder nicht nur ermöglichen, sondern voraussetzen. Kamp dazu: „Die Projektmethode ist das einzige, was wirklich funktioniert, sie ist in der Schule aber noch viel zu sehr am Rande. Die Schule der Zukunft wird Bildung anders rhythmisieren.“
Jugendkunstschulen dürfen im Sinne des Sozialpädagogen Coelen durchaus als Jugendarbeit verstanden werden. So kann und muss weder die Jugendkunstschule die Regelschule ersetzen, noch die Regelschule zur Jugendkunstschule werden. Zugleich aber muss das Strukturen und Institutionen offensichtlich wie ein Naturgesetz innewohnende, aber zu überwindende Beharrungsvermögen einkalkuliert werden. Als Auftrag eben. Noch einmal Thomas Coelen: „Zur vollständigen Erfüllung ihrer Bildungsaufträge sind beide Institutionen auf Kooperationen mit solchen Institutionen angewiesen, deren Schwerpunkte im jeweils anderen Bildungsmodus liegen. In einer solchen Institution könnte es gelingen, zeitgemäße – d.h. für eine demokratisch-kapitalistische Gesellschaft adäquate – Aus- und Identitätsbildung für Kinder und Jugendliche in „ganztägiger“ Form anzubieten.“ Folgt man Coelen mit dem spezifischen Blick auf Jugendkunstschulen und Regelschulen, dann können beide so in komplementärer Weise jeweils eigene strukturelle Grenzen überwinden und unter Beteiligung am jeweils anderen „Bildungsmodus“ ein am Schluss ganzheitliches Angebot an die eigentlichen Adressaten dieser Überlegungen machen: Kinder und Jugendliche, auf dem Weg zu mündigen Bürgern der Gesellschaft.
Literatur:
Coelen, Thomas: Was ist Ganztagsbildung?, in: „Netzwerke bilden“. Bildungskooperation kommunal kreativ – Jugend Kultur Schule. Praxisleitfaden für kommunale und regionale Bildungsnetzwerker; Kultur- und Schulservice München, 2006, S. 57-59
Autor: Dr. Martin Haufe/NDR Fotos: Schweder/LVKJ Datum: 11.09.2006 © www.ganztaegig-lernen.de
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