Mit Ballett gegen den Bildungsnotstand

"Welche ´Art´ von Menschen wollen wir denn auf dieser Weltbühne arbeiten sehen? Menschen, die nicht über das Reproduzieren von Formen hinausgehen und höchstens diese oder jene Variation anbringen? Oder lieber Menschen, die in der Lage sind, mit den Dingen, die die Welt ausmachen, künstlerisch zu spielen, also mit Struktur und konstituierenden Faktoren arbeiten, um uns eine neue, unbekannte Perspektive der Welt vermitteln zu können?“ Cornelia Albrecht und Franz Anton Cramer aus dem Kulturreferat München
Irgendwann in diesem Film kommt die Lehrerin abhanden. Dabei hat sie am Anfang so geschwärmt. Sie ist eine von diesen Kumpel-Pädagogen und ahnt, dass ihre Schüler in den nächsten Wochen viel lernen werden. Vier Wochen später bekommt sie es mit der Angst zu tun.
Und zwar dann, wenn der Choreograf Royston Maldoom ihre Schüler anblafft. Wenn er ihnen sagt, dass es "Scheiße" aussieht, was sie da machen. Dass ihre Bemühungen nicht reichen. Dass sie mehr könnten, wenn sie nur wollten. Und: dass es ihm peinlich wäre, am Premierentag so mittelmäßig auf der Bühne der gigantischen Arena in Treptow zu stehen. Bis zu diesem Eklat fanden die Kinder den urigen Glatzkopf eigentlich ganz "cool". Weil er streng war, aber lustig. Jetzt ist er unangenehmer als der TV-Tanz-Drillmeister Detlef "Dee" Soost, der die "Popstars"-Girlies mit Frechheiten zu Höchstleistungen angetrieben hat.
Kurzum, die Berliner Schüler haben die Nase voll. Sie würden sich doch Mühe geben. Maldoom fordere das Unmögliche. Und überhaupt: Bis zur Premiere würde diese Choreografie nie fertig werden. Dann verlässt der Ballettlehrer die Gruppe.

Die Jugendlichen sollen sich überlegen, ob und wie sie weiter machen. In einem Nebenzimmer redet die Lehrerin auf ihn ein, stellt seine Methode infrage. Man dürfe die Kinder nicht überfordern. Er müsse ihre Versuche loben, Verständnis zeigen. Und es klingt, als vertraue sie dem exzentrischen, dahergelaufenen Ballerino auch nicht mehr. Ein Künstler eben. Royston erklärt ihr, dass er genau wisse, was er tue. Seit Jahren fährt er in einem klapprigen, roten Lieferwagen durch die Welt und bringt Kindern das Tanzen und das Leben bei. Er bittet die Lehrerin, ihm zu vertrauen. Sagt, dass er Pädagoge sei und weniger Tänzer.
Diese Krise ist die Wende in einem der besten Filme, die je über Fragen der Erziehung gedreht wurden. Die Regisseure Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch begleiten in "Rhythm is it" Schüler aus den Berliner Problemstadtteilen Weißensee, Reinickendorf und einer dunklen Ecke in Zehlendorf bei den Proben für eine Tanz-Aufführung von Strawinskys "Sacre du Printemps". Die Berliner Philharmoniker werden sie begleiten. Und Maldoom soll die Jugendlichen, die nie in ihrem Leben getanzt haben, vorbereiten.
Dieser Film kommt parallel mit der neuen OECD-Studie auf den Markt. Wieder einmal wurde festgestellt, dass deutsche Schüler zu dumm und die Methoden ihrer Lehrer zu alt sind. Und wieder spult die Politik eine Uralt-Debatte ab, diskutiert Sinn und Zweck des dreigleisigen Schulsystems.

"Rhythm is it" interessiert Politik nicht. Dem Film geht es darum, eine ursprünglich deutsche Diskussion zu beleben – eine Diskussion um die Methoden von Bildung. Der Film stellt das Prinzip von Leistung und Wille der Idee von Verständnis und Kumpelhaftigkeit gegenüber. Im Mittelpunkt steht immer wieder Royston Maldoom, der Sachen sagt wie: "Du kannst dein Leben ändern in einer Tanzklasse." Dann lässt er seine Schüler gegen Pisa antanzen.
Die ersten Proben waren frustrierend. Gequatsche, Konzentrationsschwächen und Gekicher sollten vertuschen, dass die Schüler die Nähe zu ihren pubertierenden Körpern verloren haben. Royston erklärt ihnen, dass Freunde nicht lachen, wenn sich andere trauen, einen großen, neuen Schritt in ihrem Leben zu gehen. Er wird sauer, wenn die Kinder ihren Quatsch damit entschuldigen, dass sie Spaß haben wollen. Spaß, sagt er, komme erst mit dem Ernst der Arbeit – mit dem Erfolg. Die Schüler beginnen zu verstehen.
Zum Beispiel Martin. Er hat Angst, fremden Menschen die Hand zu geben. Nur langsam lernt er die Natürlichkeit des Körpers. Er erzählt seinen Freunden und der Familie falsche Uhrzeiten und Orte der Premiere. Erst einen Tag vorher ruft er sie an, lädt sie doch noch ein. Inzwischen tanzt er begeistert halbprofessionell in einer Berliner Gruppe.

Marie, eine Hauptschülerin aus Weißensee, erklärt vor den Proben, nicht dumm zu sein, nur faul. Und das findet sie gut so. Weil sie beim Tanzen eine gute Figur macht, schickt Royston sie in eine fortgeschrittene Gruppe. Wenn sie zurückkehrt, erklärt sie den anderen, dass "die Gymnasiasten", mit denen sie getanzt habe, lernen wollten und deshalb das Pensum, an dem die alte Gruppe drei Wochen arbeitet, in einem Tag schafften. Einige Tage nach der Premiere sagt sie, dass sie den Realschulabschluss machen will und sich besonders in ihrem Hass-Fach, Mathe, anstrengen müsse.
Die Kinder verstehen Royston Maldoom – und ändern ihr Leben. Ihre Lehrerin tritt, wie gesagt, nicht wieder auf. Und: Man glaubt, dass sie dem Spuk auch am Ende nicht ganz traut.
"Rhythm is it" zeigt natürlich nur die Erfolge, schwelgt in pathetischen Berlin-Bildern, mischt fürchterliche Hollywood-Musik unter die Szenen. Wir erfahren nicht, wie viele Schüler abgesprungen sind. Und trotzdem: Der Film sollte an jeder deutschen Schule gezeigt werden, in jeder Lehrerausbildung und in jedem Unternehmen, in dem es darum geht, Mitarbeiter zu motivieren.

Übrigens: Initiator des Projektes ist Simon Rattle. Während er mit den Philharmonikern probt, lässt er Maldoom mit den Schülern allein. Nach dem ersten Treffen flüstert er dem Choreografen ins Ohr: "It's fuckin' unbelievable." Es ist dieses Urvertrauen in die Pädagogik und in die Schüler, die deutsche Schulen von diesem Dirigenten lernen können.
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Text: Welt am Sonntag Fotos: Trailer/Boomtownmedia Datum: 02.09.2006 © www.ganztaegig-lernen.de
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