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Ute Erdsiek-Rave Rede der Präsidentin der Kultusministerkonferenz

„Bildung gemeinsam gestalten“ Ganztagsschulkongress
22.09.2006 Es gilt das gesprochene Wort!
Frau Köhler, Ministerin Schavan, sehr geehrte Damen und Herren,
bestimmt kennen Sie die Geschichte vom Kreidekreis, in dem die Entscheidung fällt zwischen der guten und der schlechten Mutter eines Kindes. Beide wollen das Beste, aber nur eine, so will es die Geschichte, kann dies leisten. Und wie immer bei solchen Stoffen ist erst die Variation das Entscheidende: In der chinesischen Vorlage wird der leiblichen Mutter das Kind zugesprochen, in Brechts Bearbeitung bekommt die Ziehmutter das Kind. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive!
Doch genau dieses Bild von der Konkurrenzsituation der Erziehungs- und Bildungsverantwortung ist es, das heute der Vergangenheit angehört.
Wir verstehen Erziehung und Bildung heute als komplexe Aufgaben, derer sich Eltern, Familien, Schule, Staat, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen annehmen: im partnerschaftlichen Sinn. Es sollte keinen Kreis geben und keinen Zaun, sondern eine gemeinsame Verantwortung, das ist das Ziel.
Das Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“ ist nach wie vor ein hervorragendes Beispiel dafür. Es hat, soweit ich sehe, überall den Anstoß zur Öffnung von Schule in den Nachmittag hinein gegeben. Es hat erhebliche zusätzliche Reserven mobilisiert. Es hat dazu beigetragen, nach dem PISA-Schock die Schule wirklich im Inneren zu verändern. Ich spreche von „Schock“, denn wer hatte schon damit gerechnet, dass unser Bildungssystem und damit ja auch die Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich nicht dort liegen, wo wir uns das wünschen? Da war und ist gemeinsames Handeln sinnvoll, zwischen den Ländern (wie es die KMK getan hat und tut), zwischen Bund und Ländern und auch den Kommunen – das dürfen wir nicht vergessen, denn sie finanzieren schließlich zu 10 % die Baukosten und oft auch den Betrieb der Ganztagsschulen mit und tragen unsere Schulen – aber auch zwischen Bildungs-, Sozial-, Familien- und Migrationspolitikern.
Übrigens ist diese Öffnung von Schule in den Nachmittag hinein ein Projekt, das seit den späten 60er Jahren immer wieder auf unterschiedlicher Ebene gefordert worden ist: Begonnen hat damit 1968 die Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates; es folgte 1993 der Beschluss der Kultusministerkonferenz zur „Ganztagsbetreuung von Schulkindern“ schließlich 2004 der gemeinsame Beschluss der Kultusministerkonferenz und der Jugendministerkonferenz zur „Stärkung und Weiterbildung des Gesamtzusammenhangs von Bildung, Erziehung und Betreuung“. Jetzt sind wir einen erheblichen Schritt weiter!
Die Ganztagsschule ist deshalb ein Erfolgsmodell geworden, weil die Beteiligten gemeinsam gehandelt haben und weil der Rahmen so angelegt ist, dass er sehr flexible Lösungen ermöglicht. Die Länder haben gemeinsam mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung agiert, mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, und – vor Ort oder auf zentraler Ebene – sind viele Partnerschaften mit außerschulischen Partnern entstanden: Allein in den Jahren von 2002 bis 2004 hat es bei den Grundschulen einen Zuwachs von 57 % gegeben, bei den Hauptschulen eine Steigerung von 51 %. In diesen Schularten ist der Aufwuchs besonders wichtig: · in den Grundschulen, weil wir dort alle Kinder erreichen, · in den Hauptschulen, weil die Schülerinnen und Schüler dieser Schulart jede Unterstützung innerhalb und außerhalb von Schule brauchen.
Nach dem Stand von 2004 waren bundesweit: · 16 % aller Grundschulen · 18 % aller Hauptschulen · 13 % aller Realschulen · 21 % aller Gymnasien · 41 % aller Sonderschulen · 70 % aller Gesamtschulen sowie · 35 % aller Freien Waldorfschulen offene oder gebundene Ganztagsschulen.
Das bedeutet: eine hohe Zahl von Schulen, die mehr Bildung und Erziehung für alle Kinder ermöglichen, die das realisieren, was Schule und Öffentlichkeit mit Recht fordern, nämlich die Entlastung von Schule, die Vorhaltung von attraktiven Angeboten, die mit schulischem Lernen Hand in Hand gehen.
Denn die Ganztagsschulen stehen ja nicht nur für mehr Zeit, die Schülerinnen und Schüler an ihrer Schule verbringen. Sie stehen auch für eine neue Qualität des Lernens. Das sehen übrigens nicht nur die Kinder und Jugendlichen so, sondern auch die Eltern und eben die Partner von Schule sowie die Öffentlichkeit im Allgemeinen. Die Ganztagsschule steht für eine moderne, zeitgemäße Lehr- und Lernkultur, für die Verzahnung von Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten, für mehr individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler, für eine offene Schule, die sich außerschulische Kompetenz holt. Sie steht, um es auf den Punkt zu bringen, für die Gestaltung von Schule als dynamischem, nachfrageorientiertem Lern- und Lebensort – für eine Schule, die sich an den teilweise sehr unterschiedlichen Bedürfnissen von Schülerinnen und Schülern orientiert.
Das Bildungsverständnis der Ganztagsschule zielt auf ein umfassendes Lernen, auf einen umfassenden Bildungsbegriff. Sie verlängert die Schulzeit nicht einfach in den Nachmittag hinein, sie verschult den Nachmittag nicht, sondern bietet inhaltlich und pädagogisch wirklich etwas Neues. Der Förderaspekt, der konkrete Bedarf steht stets im Vordergrund. Und der Erfolg, den Schülerinnen und Schüler im Rahmen von Ganztagsangeboten erfahren, der wirkt unmittelbar in den Schulvormittag hinein. Deshalb erfahren alle Beteiligten „ihre Schule“ nach der Umwandlung in eine Ganztagsschule auf neue Weise (vielfach schon habe ich die Rückmeldung erhalten, dass dies auch für die Lehrerinnen und Lehrer gelte).
Die Leitfragen für Ganztagsschulen, der gemeinsame Nenner aller guten Angebote lautet:
· Wie lernen Kinder? Wo brauchen sie Impulse? Was kommt im schulischen Vormittag zu kurz? Wie kann Schule ihre individuellen Begabungen unterstützen und die vorhandenen Kompetenzen weiterentwickeln?
· Wie kann Schule die Kinder dort abholen, wo sie sind, und ihnen mit entsprechend gezielten Angeboten neue Perspektiven aufzeigen (etwa auch die Eigenkompetenz, die Eigenverantwortung schulen)?
· Wie kann Kindern und Jugendlichen durch die Kooperation mit außerschulischen Partnern und mit Partnern der Jugendhilfe ein erweitertes Lernangebot zur Verfügung gestellt werden?
· Wie kann man alle Schülerinnen und Schüler für die Angebote gewinnen, insbesondere auch die Kinder und Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten, aus Familien mit Zuwanderungshintergrund und vor allem die Jungen aus schwierigen Familien, die sich überwiegend häufig in der Gruppe der Bildungsverlierer wieder finden?
Je entschiedener und je konsequenter sich Ganztagsangebote im Vorfeld schon mit diesen Leitfragen auseinandersetzen, umso erfolgreicher sind sie. Ich bin sehr froh darüber und ich halte es für ein sehr ermunterndes, sehr positives Signal, dass wir mit dem bundesweiten Ganztagsschulprogramm ganz neue Kompetenzen für die Schulen nutzbar gemacht, eine Diskussion in Gang gebracht und ein pädagogisches Konzept geschaffen haben, in dem es nicht um ideologische Kontroversen geht, nicht ums Rechthaben, sondern um den Erfolg, weil dort vor allem die Praktiker das Sagen haben, weil alle Beteiligten den Erfolg wollen.
Sie sind es, die Schulleiterinnen und Schulleiter, die Lehrerinnen und Lehrer, die Träger der Jugendhilfe, die Eltern, die außerschulischen Kooperationspartner, die Unternehmensvertreterinnen und –vertreter, die Mitarbeiterinnen und Mitarbieter der Serviceagenturen und nicht zuletzt auch die Schülerinnen und Schüler selbst, die Ganztagsschulen als neue Lern- und Bildungsform gestalten. Es spricht für Sie als die Aktiven, die Handelnden und für Ihr begründetes Selbstbewusstsein, dass Sie in den Rückmeldungen auf die beiden Ganztagsschulkongresse, die bereits stattgefunden haben, für diese Fortsetzungskonferenz „die Beteiligung aller an den Schulen mitwirkenden Gruppen“ eingefordert haben.
Sie nämlich sind es, die in teilweise mühevoller Kleinarbeit, in manchmal beschwerlichen Abstimmungsprozessen, hier und dort auch mit einer respektablen Frustrationstoleranz beherzt Neuland betreten haben. Sie haben individuelle Lösungen vor Ort gesucht und gefunden. Sie haben sich nicht abschrecken lassen davon, dass man damit bislang wenig oder keine Erfahrung hatte, dass es das bisher nicht gab. Sie haben unbekanntes Terrain außerhalb des vertrauten Kreidekreises betreten und die Chance genutzt, das, was sich so viele so lange schon gewünscht haben, mit Leben zu füllen.
Wenn der Lernort auch zu Lebensort wird, müssen viele mit ins Boot kommen, damit die Kinder und Jugendlichen gefördert, ihre intellektuellen, sozialen und kreativen sowie motorischen Möglichkeiten entwickelt werden. Eine Schlüsselfunktion haben dabei die öffentlichen und freien Träger der Kinder- und Jugendhilfe mit ihren umfassenden Angeboten inne. Mit den Sportverbänden wurden gleich zu Beginn des Programms „Zukunft Bildung und Betreuung“ Kooperationen auf lokaler und auf Landesebene vereinbart. So ist die Förderung von Bewegungs-, Spiel- und Sportangeboten außerschulischer Träger bereits integraler Bestandteil der Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsangebote in Ganztagsschulen. Zu nennen sind auch die vielen Künstler, Musikschulen und Vereine, die in enger Kooperation mit den Schulen für die kulturelle Bildung an Ganztagsschulen Verantwortung übernehmen. Wie eine Ende August veröffentlichte Umfrage ergab, nutzen die Länder beispielsweise die Instrumente der Rahmenvereinbarung mit Organisationen oder von Honorarverträgen, um Autorenlesungen, Schreibwerkstätten, Musikaktionen oder Kurse in Malerei und Bildhauerei in den Schulen anzubieten.
Da ist viel Gutes auf die Beine gestellt worden und dank des erfolgreichen Austausches springt der Funke immer noch auf viele Schulen über, die bis jetzt eher skeptisch waren.
Ausbaufähig erscheint mir allerdings insbesondere die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, mit der IT-Branche und mit Medienorganisationen. Diese Bereiche nutzen meines Erachtens bislang ihre Möglichkeiten noch nicht im vollen Umfang aus. Das gilt übrigens auch für die Eltern, so die Ergebnisse eines Forschungsberichts des Deutschen Jugendinstituts zum Thema "Schulkooperationen". Ganztagsschulen bieten ja auch Eltern die Chance, gemeinsam mit den anderen Bildungsverantwortlichen aktiv zu werden und Kinder zusätzlich zu unterstützen. Besonders wünschenswert ist – aufgrund des Geschlechterverhältnisses in den Schulen – wenn sich insbesondere auch Väter oder Großväter, die über die entsprechende Zeit verfügen, überhaupt männliche Erwachsene, im Rahmen der Ganztagsangebote engagieren. Wir wissen von vielen Rückmeldungen und Studien, dass die Verweiblichung des Lehrerberufs für manche Kinder, insbesondere für männliche Jugendliche in Pubertät schwierig ist und ungünstige Auswirkungen auf die Bildungswege haben kann. Es gibt offenbar Phasen, da brauchen Jungen wie Mädchen Männer und Frauen! Wir können bei der Besetzung freier Lehrerstellung keine Männerquote einführen, allein deshalb schon nicht, weil es in manchen Bereichen überhaupt nicht genügend qualifizierte Bewerber gibt. Aber wir sollten die Ganztagsangebote gerade deshalb nutzen, um mehr männliche Kompetenz in die Schulen zu holen.
Am geringsten ist bisher – aus unterschiedlichen und z. T. auch nachvollziehbaren Gründen – die Zusammenarbeit mit Schülerinnen und Schülern. Gerade sie sollten – ebenso wie die Eltern – vermehrt in alltägliche Aufgaben und Entscheidungen des Schulbetriebs eingebunden werden. Es nutzt nichts, wenn es ein gutes Schulkonzept gibt, aber die Eltern und Kinder akzeptieren es nicht! Sie müssen es mit tragen. Sie müssen es mit Leben füllen. Sie sollen auch ihre Kompetenzen, ihre Stärken einbringen können.
Eine stärkere Eltern-Mitwirkung ist auch aus einem anderen Grund sinnvoll und wünschenswert: Ganztagsschulen wollen auch die Eltern entlasten, und zwar nicht nur, wenn es um Hausaufgaben geht. Sie wollen vor allem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – für Mütter und für Väter – verbessern. Das kann nur dann gelingen, wenn die Schule weiß, was Eltern erwarten. Deshalb ist die Rückmeldung, das Miteinander so unverzichtbar.
{Anrede} Ich weiß nicht, ob Außenstehenden immer bewusst ist, welche Arbeit im Einzelnen hinter einer gut funktionierenden Ganztagsschule steckt. Wie viele Absprachen getroffen werden, welche Netzwerke funktionieren müssen. Allein Themen wie Konfliktmanagement, Gewaltprävention, Förderkonzepte, Schule und Kommune, Kooperation mit außerschulischen Partnern, Öffentlichkeitsarbeit, Zeitmanagement für Schulleitung und Kollegium, Förderung von Sozialkompetenz und Qualitätssicherung, die im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen für Kollegen und Kolleginnen an Ganztagsschulen angeboten werden, zeugen von den "Problemen", die bewältigt werden müssen. In diesem Zusammenhang möchte ich mich nochmals ausdrücklich bedanken für die gute Zusammenarbeit bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, die mit ihrem Ganztagsschulportal (www.ganztaegig-lernen.de) all dieses Wissen gebündelt hat. Sie haben mit den Ländern gemeinsam in fast allen Bundesländern Service-Agenturen eingerichtet, die die Ganztagsschulen intensiv durch Beratung und Fortbildung unterstützen. Sie leisten unverzichtbare Netzwerk- und Qualifizierungsarbeit.
Beim diesjährigen, wie auch bei den vergangenen Kongressen fallen die zahlreichen Initiativen auf, mit denen die Länder ihre Anstrengungen unter Beweis stellen, wie hoch die Kreativität der Schulen vor Ort ist.
Die Best-Practice-Beispiele, die uns im Rahmen des Kongresses vorgestellt werden und die für alle Beteiligten das Herzstück sind: sie spiegeln das Engagement wider, mit dem alle Beteiligten ans Werk gegangen sind. An dieser Stelle möchte ich besonders auch die Lehrkräfte ansprechen: Gerade sie sind es, die den Ball aufgefangen haben, die die Entlastungswirkung erkannt haben und die Bereicherung von Schule. Sie haben vor Ort viel Überzeugungsarbeit geleistet! Dafür einen großen Dank!
{Anrede} Im Mittelpunkt der Diskussion um Zusammenarbeit müssen immer die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen stehen. Für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit, ihrer sozialen, emotionalen und kulturellen Fähigkeiten und ihrer Begabungen brauchen Kinder und Jugendliche entsprechende Voraussetzungen, beständige, verlässliche und zustimmend-wohlwollende Beziehungen sowie ein stabiles Umfeld.
Nur so kann die Qualität einer pädagogischen Arbeit – im Dreiklang von Bildung, Betreuung und Erziehung – gesichert und weiterentwickelt werden. Und dabei muss allen Beteiligten klar sein, dass der Erfolg wesentlich abhängt von der Abstimmung mit anderen Politikbereichen, die mittelbar und unmittelbar auf den Bildungssektor wirken: also mit der Familienpolitik, der Sozialpolitik, der Migrationspolitik und der Arbeitsmarktpolitik. Genau das hat das IZBB-Programm geschafft – und genau deshalb muss es jetzt zukunftsfähig weiterentwickelt werden.
In diesem Sinne wünsche ich dem 3. Ganztagsschulkongress einen erfolgreichen Verlauf, anregende Diskussionen und Gespräche, vor allem Ergebnisse, die den Ganztagsschulen die notwendige Schubkraft geben, damit all das Gute Bestand hat und ausgebaut wird – im Sinne einer bildungspolitisch und familienpolitisch erfolgreichen Zukunft!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
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