Eine starke Truppe: Die Serviceagentur Brandenburg
Im größten der neuen Bundesländer schaffen die Brandenburger aus bescheidenen Mitteln und mit viel Engagement und Fantasie gute Lernbedingungen. Dass Erzieher/innen und Lehrer/innen dabei auf Augenhöhe zusammenarbeiten, ist selbstverständlich. Ein Porträt von Christine Plaß.

Wie lassen sich individuelle Förderung, soziales Lernen, die Öffnung von Schulen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unter einen Hut bringen? Die Bildungsverantwortlichen von Brandenburg sind der Meinung: mit Ganztagsschulen. So auch Bildungsminister Holger Rupprecht. Er glaubt, dass „Ganztagsschulen nach internationalen Erfahrungen der geeignete Rahmen für qualitativ hochwertigen Unterricht und für eine bessere Verbindung von Bildung und Erziehung“ sind. Das sind keine leeren Worte. Von 889 Schulen in Brandenburg haben mittlerweile 235 den Ganztagsschulbetrieb aufgenommen. Brandenburg hat das Ziel, im Primarbereich für 25 Prozent und im Sek I Bereich für 30 Prozent der Schüler Ganztagsplätze zur Verfügung zu stellen. „Das ist im Prinzip bereits erreicht, nur noch nicht regional ausgeglichen verteilt“, erklärt Roman Riedt von der Regionalen Serviceagentur „Ganztägig lernen“ in Brandenburg. Der Anspruch an werdende Ganztagsschulen ist hoch. Für die Kommunen bedeutet es zusätzliche finanzielle Verantwortung, für die Schulen ist ein gemeinsames Konzept von Lehrer/innen und Erzieher/innen die erste Herausforderung auf dem Weg zur Ganztagsschule. Dabei werden sie von der Regionalen Serviceagentur unterstützt, die gemeinsam vom Land Brandenburg und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung eingerichtet wurde. Eins ihrer wichtigsten Instrumente sind die Konsultationsstandorte der Primar- und Sekundarstufe I.
Aus den Erfahrungen anderer lernen
Karen Dohle
Hinter den Konsultationsstandorten steckt die Idee: Schulen helfen Schulen. Die, die schon gute Erfahrungen mit dem Ganztagsbetrieb gemacht haben, unterstützten die, die noch suchen und fragen: „Wie kann die Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und Erzieher/innen verbessert werden? Welche Formen der Strukturierung bei der Zusammenarbeit zwischen Schule und Hort sind empfehlenswert? Welche Modelle der Rhythmisierung haben sich als tragfähig erwiesen?“ Das sind, so Karen Dohle von der Serviceagentur, zentrale Fragen von Schulen, die sich auf den Weg zur Ganztagsschule machen. An acht Standorten über ganz Brandenburg verteilt bilden die Konsultationsstandorte der Primarstufe ein Netzwerk lernender Institutionen, die sich gegenseitig unterstützen und anderen Schulen helfen. Jeder Knotenpunkt in diesem Netz hat einen besonderen Schwerpunkt. Wichtig ist Karen Dohle, die die Konsultationsstandorte im Primarbereich betreut, dass sie die Möglichkeit bieten, Ganztag „hautnah“ zu erleben.

Die Grundschule Missen im Spreewald ist so ein Konsultationsstandort. Mit ihrer Schulanfängerwerkstatt gewann sie einen Preis beim zweiten bundesweiten Wettbewerb „Zeigt her eure Schule“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in Kooperation mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. In der Schulanfängerwerkstatt lernen und spielen Kindergartenkinder mit Erstklässern zusammen, dabei bilden sich feste Partnerschaften. Der Kontakt mit den Älteren hilft den Jüngeren, Ängste vor den Großen und vor der Schule abzubauen. Sie lernen die Räume und Abläufe der Grundschule, spätere Klassenkameraden, Klassenlehrerin und Horterzieher/innen kennen. Bereits im Vorfeld können die Pädagog/innen Interessen und Talente erkennen und noch vor Schulbeginn gemeinsam Konzepte zur Förderung einzelner Kinder erarbeiten. Auch Eltern lernen die Schule schon vor der Einschulung kennen, dürfen jederzeit aktiv oder passiv an der Werkstatt teilnehmen und knüpfen erste Kontakte zu den künftigen Lehrer/innen ihrer Kinder. Wie so vieles in der Grundschule Missen, basiert der Erfolg der Schulanfängerwerkstatt auf der gleichberechtigten und kreativen Zusammenarbeit zwischen Lehrer/innen und Erzieher/innen. Inzwischen melden immer mehr Eltern ihre Kinder bewusst in der Grundschule Missen an.
Brandenburg leidet, wie andere neue Bundesländer auch, unter massiv eingebrochenen Schülerzahlen. Zurzeit sind besonders die Oberschulen im Sek I Bereich betroffen. Hauptschulen gibt es in hier nicht, nach der sechsjährigen Grundschulzeit wählen die Schüler/innen zwischen Oberschule, Gesamtschule und Gymnasium, letzteres wird von den meisten besucht. Besonders in den bevölkerungsarmen, ländlichen Gegenden haben die Schulkinder oft einen weiten Weg zu Bildungseinrichtungen aller Art. Ganztagsschulen ermöglichen es ihnen, kulturelle Angebote wie Musikunterricht oder Theaterspiel wahrzunehmen. Trotzdem sind immer mehr Schulen gezwungen zu schließen, unabhängig davon, ob sie gute Arbeit machen oder nicht. „Dabei geht viel Motivation bei den Schüler/innen und Lehrer/innen verloren“, erklärt Roman Riedt. Die Konkurrenz der Schulen um die Schüler erschwert ebenfalls die Zusammenarbeit, meint der Mitarbeiter der Serviceagentur. Er begrüßt es, dass das System der Konsultationsstandorte mit Beginn des neuen Schuljahres auf die Sekundarstufe I übertragen wurde. Sieben Schulen sind ausgewählt, um ihre eigene Arbeit systematisch weiter zu entwickeln und andere Schulen und Kooperationspartner zu beraten und zu unterstützen. Schwerpunkt ist dabei die Kooperation mit der Jugendhilfe. Riedt ist angetan vom Engagement der Brandenburger Schulen: „Lehrer und Schüler versuchen unter schwierigen Bedingungen, teilweise in sehr sanierungsbedürftigen Schulgebäuden, gute Lernbedingungen zu schaffen, die bunt und attraktiv für Schüler/innen sind. Die Schulen haben großes Interesse, gute Ganztagsschulen zu werden, auch wenn in den ersten Jahren manchmal Chaos herrscht. Die Lehrer sind sehr offen für Angebote und bereit, aus Fehlern zu lernen.“ Dementsprechend groß ist die Resonanz bei Fachtagen.
Gebündeltes Wissen

Fachtagungen zu organisieren ist ein Teil der Arbeit in der Serviceagentur. Ein anderer ist, über gute Praxis zu informieren. Mit der Zeitschrift „Forum GanzGut“ hat die Serviceagentur ein Medium entwickelt, das eine spannende Mischung aus Informationen zu Fachveranstaltungen und Weiterbildungsangeboten, Fachartikeln und Erfahrungsberichten darstellt. Ein Themenschwerpunkt steht immer im Mittelpunkt.
Im Mai 2006 organisierte die Agentur in Kooperation mit dem Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung den ersten Brandenburger Ganztagsschulkongress. Sein Motto: „Ganztag gemeinsam gestalten“. 470 Teilnehmer/innen diskutierten über Leseförderung, Kooperationen, Schülerclubs und andere Themen des ganztätigen Lernens. „Wir haben so viele Schulen, so viele gute Beispiele auf dem Kongress kennen gelernt, allein dafür hat er sich schon gelohnt“, schwärmt Karen Dohle. Sie ist begeistert von dem Engagement und Improvisationstalent der Mitarbeiter/innen in den Schulen. Mit geringen Mitteln viel auf die Beine stellen, das sei typisch für die Schulen, mit denen sie eng zusammenarbeitet. Wie ihr Kollege Roman Riedt erlebt sie eine große Bereitschaft, sich fortzubilden und auszutauschen. So sei es selbstverständlich, dass die Lehrer/innen schon eine Woche vor Schulbeginn in der Schule sind, um Fachlehrerkonferenzen und Teamberatungen abzuhalten, Fortbildungen wahrzunehmen und das kommende Schuljahr gemeinsam zu planen. Vorbildlich findet sie in vielen Ganztagsbetrieben die Kooperation von Hort und Schule. Das hat auch historische Gründe. „Die Erzieherinnen in der DDR hatten eine höhere Ausbildung als die im Westen. Unterrichten gehörte zu ihren Aufgaben. Das führt dazu, dass sich Lehrerinnen und Erzieherinnen hier viel selbstverständlicher auf Augenhöhe begegnen“, erklärt Karen Dohle. Sicher tragen auch die Erfahrungen in der DDR mit Ganztagsbetreuung zur Akzeptanz der Eltern bei. Das gibt’s eher selten, dass jemand sagt: „Ist doch besser, wenn mein Kind nachmittags mit mir zu Hause ist“, so Karen Dohle.

Eltern zu aktivieren, die Kooperation zwischen Primarschule und Hort sowie die Kooperation mit außerschulischen Partnern, Schule im kommunalen Kontext, soziales Lernen, Schülerclubs/Schülerfirmen und pädagogische Schulentwicklung sind die Schwerpunkte der Agentur. Sie ist Teil der Kooperationsstelle KoBra.net (Kooperation in Brandenburg), die sich insbesondere für die Öffnung von Schulen und für die Integration schwieriger Schüler/innen einsetzt, und damit eng an die bestehenden Unterstützungsstrukturen im Land.
Die starke Truppe

Katrin Kantak (r.) und Bettina Böttche (l.)
Die vier Mitarbeiter/innen starke Truppe wird von Katrin Kantak geleitet, die auch Chefin von KoBra.net ist. Seit kurzem gehört Bettina Böttche mit einer halben Stelle zum Team. Die Diplomlehrerin für Mathematik und Physik, die an einer Grundschule in der Stadt Brandenburg unterrichtet, berät Schulen vor Ort, will Erfahrungen weitergeben und dazulernen. „Häppchenweise“ arbeitet Karen Dohle sie gerade in die Aufgaben der Agentur ein: Kooperationspartner vorstellen, Schulen kennen lernen, Veranstaltungen vorbereiten, Termine koordinieren.
Die anderen sind von Anfang an dabei. Vor gut eineinhalb Jahren, im Mai 2005 begann für sie der „Sprung ins kalte Wasser“. Kaum eingestellt, durfte Karen Dohle im Ministerium für Bildung, Jugend und Sport über die Arbeit und die Ziele der Agentur berichten. Noch heute erinnert sie sich daran, wie viel Wertschätzung und Verantwortung ihr vom ersten Tag an bei KoBra.net entgegengebracht wurde. Nach den eher hierarchischen Arbeitsstrukturen in der Uni empfand sie die kollegiale Zusammenarbeit als wohltuend und effizient. Der diplomierten Pädagogin mit Schwerpunkt Sozialpädagogik stand nach zehn Jahren empirischer Bildungsforschung der Sinn nach einer Arbeit, die in den Schulen direkt etwas bewirkt: „Die Grundlagenforschung auf theoretischer Ebene reicht nicht aus, wenn sie in der Praxis nicht wahrgenommen wird.“ Als sie die Ausschreibung für ihre jetzige Stelle sah, dachte sie gleich: „Das ist doch genau das, was ich immer gesucht habe“. Erfahrung mit der Prozessevaluation von Schulen und externen Partnern brachte sie schon mit. Als Mitarbeiterin der Serviceagentur trifft sie jetzt manchmal auf Menschen in Schulen, die sie schon während ihrer Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin kennen gelernt hat. „Manche erinnern sich sogar noch gerne an mich“, schmunzelt sie. Ihr fachlicher Hintergrund ist gefragt. Gezielt fragen Schulberater nach fachlichen Impulsen. „Die Pädagogen in Brandenburg möchten wissen, dass das, was sie machen, auch lerntheoretisch begründet ist“, weiß Karen Dohle.
„Man kann hier was verändern“
Roman Riedt
Roman Riedt hat als ausgebildeter Sozialarbeiter Erwachsene und Jugendliche betreut und ein Projekt am Schnittpunkt Schule-Jugendhilfe geleitet. Dabei ließ ihn das Thema Schule als Lebenswelt nicht los. Nach über einem Jahre in der Serviceagentur lautet sein Zwischenresümee: „Man kann hier was verändern“. Präventiv zu arbeiten befriedigt den 38-Jährigen mehr als die Einzelfallarbeit, die er vorher gemacht hat, und die, so Riedt, oft dann erst einsetzt, wenn das Kind schon „in den Brunnen gefallen“ ist. Er will lieber im Vorfeld helfen, dafür zu sorgen, dass Kinder und Jugendliche nicht durchs Raster fallen.
„Wir arbeiten sehr eng mit dem Bildungsministerium in Brandenburg zusammen“, erklärt Karen Dohle. Als Mitglied der Steuergruppe Ganztag im Primarbereich hat sie die Erfahrung gemacht, dass die Kompetenz der Serviceagentur gefragt ist. Auch Riedt sagt: „Ich habe es noch nie erlebt, dass man auf so offene Ohren bei Entscheidungsträgern stößt.“
„Ich hab jeden Morgen schon Anfragen auf dem Anrufbeantworter und mehrere E-Mails in meinem Postfach. Ich telefoniere unheimlich viel. Eine erledigte Aufgabe zieht meist fünf andere nach sich“, so Karen Dohle. In Teamsitzungen sprechen sie und ihre Kolleg/innen ab, welche neuen Informationen es gibt, wer was erledigt hat und welche Termine und Veranstaltungen geplant werden müssen. Jeder ist mit mehreren Projekten parallel beschäftigt. Jetzt zum Anfang des Schuljahres meldet sich Karen Dohle bei allen Konsultationsstandorten, außerdem ist sie mit der Vorbereitung des bundesweiten Ganztagsschulkongresses beschäftigt: Ausstellerschulen betreuen, Foren zusammen mit den Serviceagenturen der anderen Länder konzeptionell und organisatorisch vorbereiten, die eigene Ausstellung gestalten, Arbeitsmaterialien erstellen… Und demnächst geht sie auf Tour in die Regionen Brandenburgs, wo noch nicht ausreichend Ganztagsschulen eingerichtet sind, um gemeinsam mit den Schulämtern Informations- und Motivationsveranstaltungen durchzuführen. Das dürfte ihr leicht fallen. In Brandenburg steht Bildung ganz oben auf der Agenda – Bildung, die den ganzen Menschen umfasst. Soziales Lernen, kommunikative Kompetenz, Persönlichkeitsentfaltung und Teamfähigkeit gehören dazu. Wo könnte man das besser lernen als in der Ganztagsschule?
Autor: Christine Plaß Fotos: Christine Plaß Datum: 02.10.2006 © www.ganztaegig-lernen.de
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