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Wozu braucht man zum Lernen Partner?

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von Annemarie von der Groeben

Einführungsreferat zum Forum „Innovationen im Unterricht – Lernarrangements mit Partnern gestalten“  – Partner machen Schule – Bildung gemeinsam gestalten
am 22. und 23. September 2006 in Berlin

Partnerschaft ist eine Beziehung zwischen Menschen. Wenn Institutionen wie Städte oder Schulen oder Firmen Partnerschaften eingehen, geschieht dies im Interesse der Menschen, denen sie dienen oder die sie betreiben. In Schulen geht es um Kinder und Jugendliche. Sie brauchen Partner.

Wozu? könnte ein Kritiker fragen. Antwort: für ihre Bildung. Nachfrage: Wieso? Dafür sind doch die Schulen zuständig. Erste Antwort: Weil die Schulen mit ihren Aufgaben überfordert sind, weil sie nicht all das tun können, was sie gern tun würden. Zweite Antwort: Weil Bildung nicht nur Sache der Schule ist, sondern auch die der ganzen Gesellschaft. Bildung wird nicht nur im Unterricht vermittelt, sondern auch, ja zu allererst, im Leben, durch unmittelbare Erfahrung.

„Weltwissen der Siebenjährigen”

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Aus der Lernforschung wissen wir, wie ungeheuer wichtig solche Primärerfahrungen sind. Ich nenne Beispiele aus einem Buch, das sich wie ein Krimi liest (und auch solche Bestsellerquoten erreicht), obwohl es von einer wissenschaftlichen Studie handelt. „Weltwissen der Siebenjährigen” ist der Titel, Autorin ist die Jugendforscherin Donata Elschenbroich. In einer Studie wurden Menschen allen Alters, aller Schichten und Bildungshingergründe gefragt: „Was sollte heute ein Kind in den ersten sieben Lebensjahren wissen, können, erfahren haben?“ Heraus kam eine bunte Liste. Sie enthielt neben scheinbar alltäglichen Dingen (Ämter im Haushalt ausführen, ein Geschenk verpacken, Kochrezepte umsetzen, ein Baby gewickelt oder dabei geholfen haben, Tiere füttern, Blumen gießen, einen Schneemann / einen Damm im Bach bauen, ein Feuer machen, Butter machen, Sahne schlagen, in einen Bach gefallen / auf einen Baum geklettert sein), auch viele kulturelle Erfahrungen (Lieder singen können, ein Musikinstrument gebaut haben, ein Gebet kennen, reimen können, ein chinesisches Zeichen geschrieben haben, eine Sonnenuhr gesehen haben, durch ein Teleskop geschaut haben, zwei Sternbilder erkennen, wissen, was Grundwasser ist, was eine Wasserwaage, eine Lupe, ein Katalysator, ein Stadtplan, ein Architekturmodell, in einer Bücherei gewesen sein, in einer Kirche (Moschee, Synagoge...), in einem Museum; und schließlich so grundlegende Fragen wie: Was ist ein Geheimnis, was ist Gastfreundschaft, was ist eine innere Stimme, was ist Eifersucht, Heimweh, was ist ein Missverständnis.

Was hat das mit Schule und Unterricht zu tun?

Antwort: sehr viel. In unsere Schulen kommen Kinder, die einen großen Reichtum solcher Erfahrungen mibringen und die daraus entstehende „strahlende Intelligenz im Vorschulalter“, wie die Autorin sagt. Andere, die sich mehr oder weniger selbst überlassen sind und ihre Kindheit mehr oder weniger vor dem Fernseher verbringen, haben schon verloren, bevor die Schule überhaupt beginnt. Kein Förderunterricht, etwa im Lesen, keine Nachhilfe kann später die Defizite beheben, die dadurch entstehen, dass diese Kinder keine Lieder kennen, keine Reime, keine Gedichte, kein Märchen, dass sie keine Erwachsenen haben, die mit ihnen in eine Bücherei, ein Museum, eine Moschee gehen, singen, tanzen und musizieren, Kochrezepte umsetzen, Sternbilder angucken oder darüber reden, was Gastfreundschaft oder Eifersucht ist. Das ist die tiefere Ursache für die nach wie vor riesige, ja weiter wachsende Chancenungerechtigkeit in unserem Land. Das ist Bildungsarmut, die schlimmste Armut, die es gibt. Denn die materielle kann man ändern, diese nicht. Fenster, die in der Kindheit offen sind, schließen sich später, sagen die Neurowissenschaftler. Ein ganzer Wald von Fähnchen, hier in Berlin aufgestellt, um an Kinder zu erinnern, die in Armut leben, müsste zu einem Aufschrei der Bevölkerung führen. Diese Kinder brauchen erst einmal Schuhe, damit sie im Winter nicht mit Sandalen laufen müssen, aber sie brauchen viel mehr als das. Sie sind nicht nur materiell benachteiligt, sondern auch gesundheitlich und sozial und in ihren Bildungschancen. Multiple Deprivation nennt das die Armutsforschung. Diese Kinder brauchen geistige Nahrung so nötig wie ein Stück Brot. Ihre Chancen, am Ende der Grundschulzeit eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, sind viermal geringer als die von Kindern begüterter Familien, auch dann, wenn ihre Mütter einen gleichen, höheren Bildungsabschluss haben.

Was folgt daraus?

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Erste Konsequenz: Die Schule muss sich verändern, wir müssen das Lernen weiter fassen, den Unterricht anders anlegen; nicht nur für Kinder, die in Armut leben, sondern für alle Kinder. Nicht: die Türen zumachen und die Köpfe mit möglichst viel Stoff in möglichst kurzer Zeit füllen, sondern: die Türen aufmachen, den Kindern die größtmögliche Fülle spannender Lerngelegenheiten bieten, in und außerhalb der Schule. Nicht Nachhilfe im Lesen und Pauken für den Test, sondern die Lust am Lesen wecken, ja die Kinder lesesüchtig machen.

Zweite Konsequenz: Dafür brauchen die Schulen Unterstützung, also Partner. Kinder brauchen zum Lernen nichts dringlicher als Zuwendung von Erwachsenen, Orientierung in der Welt und Bewährung in herausfordernden Lernsituationen. Hier in Berlin gehen Ehrenamtliche in die Schulen, um mit Kindern zu lesen (Bürgernetzwerk Bildung). Bei uns in Bielefeld bauen wir eine Bürgerinitiative mit Namen TABULA auf, um Kinder und Jugendliche erfahren zu lassen, dass der Tisch der Bildung reicht gedeckt ist; sie fahren zum Bauernhof oder reiten, sie engagieren sich für Tierschutz oder drehen einen Film – und dabei ergeben sich die Herausforderungen für das Lesen und Scheiben.

Zuwendung, Orientierung, Bewährung: Erst recht brauchen das die Jugendlichen, die 11-16-Jährigen. Hier in Berlin kann man sehen, was passiert, wenn sie ausbrechen, wenn unsere Schulen und unsere Ordnungen sie nicht erreichen, wenn sie sich ihr Maß an Zuwendung, Orientierung und Bewährung in ihren Peer Groups suchen. Vor allem aber findet man hier viele Beispiele dafür, wie es anders sein kann. Wir werden einige davon hier kennenlernen. Jugendliche nehmen ihr Lernen in die eigene Hand, sie betreiben – unter Anleitung von Erwachsenen, aber mit einem hohen Maß von Verantwortung – eigene Firmen, sie lernen in der Stadt oder bei Profis – Künstlern zum Beispiel – die in die Schulen kommen.
Die Bielefelder Lutherschule, eine Hauptschule in dem sozial schwierigsten Stadtteil Mitte, hat eine Partnerschaft mit Bethel aufgebaut: Jugendliche betreuen Menschen, die mit Behinderungen leben müssen. Von solchem Lernen gibt es für unsere Jugendlichen nach meiner Einschätzung nicht zu viel, sondern viel, viel zu wenig. Die Zahlen für Schulangst, Schulverdrossenheit und Schulverweigerung sprechen eine deutliche Sprache. Auch hier also: Die Schule muss sich ändern und sie brauchen dafür außerschulische Partner. Wenn Sie wissen wollen, wie es aussehen kann, wenn Jugendliche sich in unserer Welt ernsthaft bewähren und was sie dabei lernen können, lesen Sie das neueste Buch von Hartmut von Hentig, das den Titel „Bewährung“ trägt.

So sollte Lernen grundsätzlich sein, um alle Intelligenzen zu fördern, sagt Howanrd Gardner (Der ungeschulte Kopf“, Stuttgart 1996), einer der bekanntesten amerikanischen Lernforscher. Für ihn sollte die Schule aussehen wie ein Dorf, wo Erwachsene ihem Beruf nachgehen und die Jugendlichen sich in altersgemischten Lehrlingsgruppen ihnen zuordnen. Sie programmieren Computer oder pflegen Tiere, konstruieren und reparieren Fahrräder, führen ein Restaurant, lernen bei diesen Tätigkeiten alle Basics, die unsere Kultur fordert ... und die Lehrlinge der verschiedenen Gruppen treffen sich zwischendurch in allgemeinbildenden Kursen.

Vielleicht stand Howard Gardner dabei der bekannte Satz vor Augen: „It takes a village to raise a child“. Warum, wenn wir doch wissen, dass Lernen ein village braucht, folgen wir dieser Einsicht dann nicht? Antwort: Weil die Lebenswirklichkeit unserer Kinder eben so nicht ist, weil sie nicht im village aufwachsen. Das weiß auch Howard Gardner, er verlegt darum seine gedachte Schule in ein Museumsdorf.

 „We are the village“

Wir müssen solches Lernen wieder möglich machen, indem wir die nicht vorhandene Lerngemeinschaft, also das village, erst in unseren Köpfen neu schaffen und dann in unseren Regionen. Ich schlage vor, dass wir an einigen Stellen in Deutschland damit beginnen, solche Bildungsregionen aufzubauen, die dann für weitere Entwicklungen als Modell dienen können. Das kann ein Stadtteil sein, etwa Berlin-Neukölln, oder ein Stadtbezirk, etwa Bielefeld-Mitte oder eine Kommune oder eine ländliche Region. Das Ziel ist: Wir dürfen kein Kind verlieren. Das Mittel: Alle Kräfte der Gesellschaft wirken zusammen, um unseren Stadtteil oder unsere Kommune oder unsere Region zu einer Bildungsregion zu machen, die diesen Namen verdient.

Und so könnte sie aussehen. Bürgerinnen und Bürger arbeiten in den Schulen mit: Berufstätige oder nicht Arbeitende, die Zeit spenden wollen, Auszubildende und Rentner oder pensionierte Lehrkräfte (so unser Konzept in Bielefeld). Sie bieten individuelle Lernpartnerschaften oder gemischte Lerngruppen an. Für alle Studierenden gehört es zum Pflichtpensum, solche Partnerschaften zu übernehmen. Dazu gehört schulische Hilfe ebenso wie außerschulisches Lernen. Es gibt Wochenend- und Ferienkurse, die die Schülerinnen und Schüler wählen können. Sie sollen den ganzen Reichtum von Lerngelegenheiten kennenlernen können, um herauszufinden, was in ihnen steckt. Die Kommune bietet alles auf, was möglich ist, um diesen Bildungsmarkt zu unerstützen. Es gibt Ferienpraktika und Lehrlingspartnerschaften: Schülerinnen und Schüler lernen eine zeitlang mit den Älteren im Betrieb. Die Ausbildungswerkstätten stehen in den nicht genutzten Zeiten zur Verfügung und werden von pensionierten Handwerkern betreut. Der Alpenverein stellt seine Kletterwand zur Verfügung, die Schwimm- und Sportvereine ihre Orte und Geräte, die Theater ihre Bühnen, die Zeitungen und Studios ihre Einrichtungen und alle zusammen Menschen, die den Jugendlichen ihr Können weitergeben und sie an ihrer Arbeit teilnehmen lassen.

In jedem village gibt es so etwas wie einen Bildungsrat, einen Runden Tisch, an dem Mitglieder der Schulen, der kommunalen Verbände, Einrichtungen und Betriebe mit Ehrenamtlichen und natürlich auch mit Schülerinnen und Schülern zusammenkommen. Hier wird das Konzept ausgearbeitet, hier laufen die organisatorischen Fäden zusammen, hier werden, mit Hilfe örtlicher, regionaler und überregionaler Stiftungen Ressourcen eingeworben.

Was wir unseren Kindern und Jugendlichen schulden?
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Grundlage der gemeinsamen Arbeit ist die Frage, was wir unseren Kindern und Jugendlichen schulden. Wir legen Bildungsansprüche fest, die für alle Kinder und Jugendlichen einzulösen sind. Beispielsweise: Jedes Kind lernt ein Instrument; um herauszufinden, welches ihm liegt, muss es mehrere kennenlernen. Jedes Kind macht die Erfahrung, in einem Chor zu singen oder in einer Band oder in einem Orchester zu spielen. Jedes Kind ist mindestens dreimal im Jahr im Theater und steht mindestens einmal im Jahr selbst auf der Bühne. Jedes Kind erfährt eine handwerkliche Grundausbildung in mehreren Bereichen: Holz, Metall, Elektronik, Textil, und ebenso eine hauswirtschaftliche Grundausbildung. Jedes Kind lernt mehrere Sportarten und mindestens eine gründlich... Die Liste würde noch lange weitergehen. Es wäre eine große und wunderbare Aufgabe, sie gemeinsam zu erstellen.
Wir müssen uns vor Beliebigkeit hüten!

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Das klingt vielleicht viel leichter als es ist. Wir müssen uns vor Beliebigkeit hüten, vor einem riesigen Grabbeltisch der Angebote. Beliebigkeit ist das Gegenteil von Bildung, denn Bildung ist nicht Konsum, sondern Aneignung, also ein aktiver Vorgang, an dem das Individuum selbst den größten Anteil hat. Wir müssen uns auch vor einer Haltung der besserwissenden und mehrkönnenden Erwachsenen hüen. Die größte Schwierigkeit dürfte sein, die Halbwüchsigen, die im Lernen nur noch ein lästiges Übel sehen, überhaupt zu gewinnen. Wenn wir einem Rütlischüler anbieten, dass er am Montag Trompete spielen kann, am Dienstag Tennis, am Mittwoch Schach, am Donnerstag Theater, so wird er uns mit großer Wahrscheinlichkeit was husten. Warum sollte er solche Angebote wollen? Was bringen sie ihm? Wenn wir darauf keine Anworten haben, werden wir diesen Jugendlichen trotz aller Anstrengungen verlieren.

Hartmut von Hentig sagt: „Eine Gesellschaft, die ihre jungen Leute bis zum 25. Lebensjahr nicht braucht und sie dieses wissen lässt, indem sie sie in ´Schulen´ genannte Ghettos sperrt, ... – eine Gesellschaft, die ihren jungen Menschen das antut, wird sie verlieren.“ (Die Schule neu denken, 1993). Partnerschaft geschieht nicht im Gestus der Herablassung, sondern der Gleichberechtigung zwischen Partnern, die einander brauchen. Das ist der Grund, warum Lernen Partner brauchtl. Das ist es, was wir den Jugendlichen vermitteln müssen: Wir brauchen euch, denn ihr seid unsere Zukunft.

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Dr. Annemarie von der Groeben,
ehemalige didaktische Leiterin der Laborschule Bielefeld, führt in das Forum ein. In einer Arbeitsgruppe stellt sie Ihnen dann ihre neue Bildungsinitiative „Tabula“ vor, die Zeit von Bürgerinnen und Bürgern sammelt und damit dem Bezahl-Nachhilfe-Geschäft die Stirn bietet. Ziel ist, anregende Bildungsangebote – Theater, Handwerk, Sport, Forschen usw. – für die Kinder und Jugendlichen zu schaffen, die sich Nachhilfe nicht leisten können, aber dringend Unterstützung brauchen. „Tabula“ versteht sich als Modell – sucht also Mit- und Nachmacher!

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Datum: 10.10.2006
Fotos: Schweder
© www.ganztaegig-lernen.de

 

 



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Die zentrale Frage ist die nachdem Bedarf und dem Profil von Bildungsangeboten für Kinder und Jugendliche. Reflexion bisheriger Angebotsstrukturen und Flexibilität sind auf beiden Seiten. Das Bildungsmonopol liegt nicht allein bei Schulen. Notwendig sind konsequente Schritte von Schule in die Gesellschaft und in lokale Sozialräume hinein. Die Türen von Klassenzimmern haben sich zu öffnen,gesellschaftliche Ressourcen sind für Bildungsprozesse viel konsequenter zu erschließen.

Nicht das Ob, sondern das Wie der Zusammenarbeit von Schule und Kooperationspartnern ist die Frage – und: die Kooperation muss von beiden Seiten gewollt sein!

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