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„Wie habt ihr das gemacht?“

Eine gute Schule kann man zwar nicht importieren, Erfahrungen mit guten Schulen aber schon. Deshalb nimmt Thomas Vogelsaenger engagierte Lehrerinnen und Lehrer mit auf Bildungsreise. von Christine Plaß

„Ich bin zum dritten Mal in der Georg-Christoph-Lichtenberg Gesamtschule“, sagt Reinhard Feckl, Schulleiter der Beuditzschule in Weißenfels (Sachsen-Anhalt), „faszinierend, welche Ruhe hier herrscht. Bei 1350 Schülern!“ Er und seine Kollegen werden im nächsten Schuljahr mit zwei fünften Klassen erstmals den Ganztagsschulbetrieb aufnehmen. Feckl will dann „das Konzept fahren, das in Göttingen schon seit 30 Jahren erfolgreich ist.“ Gerade sitzt er mit einer Tasse Kaffee im Büro des Schulleiters und will genau wissen, wie die Ganztagsschule organisiert ist.

Alle an einen Tisch

Der Schulleiter der Integrierten Gesamtschule mit Oberstufe, Wolfgang Vogelsaenger, erklärt das so: „Unsere Schulleitung besteht aus acht Kollegen, die treffen sich wöchentlich einmal für drei Stunden, um alle anstehenden Dinge zu besprechen, in der ersten halben Stunden ist ein Mitglied des Personalrats mit dabei.“ Ein Protokoll informiert anschließend alle anderen Lehrer über die Sitzung. Außerdem gibt es Jahrgangsleiter, die treffen sich einmal wöchentlich nach der Schulleiterkonferenz. Sie werden von einem Mitglied der Konferenz informiert und können bei diesem auch ihre Klagen und Sorgen loswerden. „Das ist ein ganz wichtiger Punkt, dass du da eine vertikale Linie eingezogen kriegst über alle Jahrgänge“, erklärt Vogelsaenger dem Kollegen. Die Konferenz der Jahrgangsleiter ist ein sehr wichtiges inhaltliches Gremium der Schule, in dem auch pädagogische Fragen und Methoden diskutiert werden. Auch jahrgangsübergreifende Entscheidungen wie Handy- oder Kaugummiverbot werden dort vordiskutiert. Mit den Jahren hat der Rektor der Georg-Chistoph-Lichtenberg Gesamtschule die Erfahrung gemacht: „Es klappt nur, wenn die Leute, die einen Jahrgang unterrichten, sich auch absprechen“, und rät, dafür eine feste Stunde in der Woche einzuplanen. „Ich muss ja Strukturen schaffen, es gibt ja keine“, seufzt Feckl. Dabei setzt er auf die, die mitkommen wollen, „die anderen kommen dann schon nach.“ Vogelsaenger schlägt vor, alle, die an der Weiterentwicklung der Schule interessiert sind, an einen Tisch zu laden und zusammen mit Eltern, Schülern, Lehrern eine Vision für die Ganztagsschule zu entwickeln. Feckl nickt. Bislang fehlt eine Leitbildentwicklung an seiner Schule. „Die Lehrer gehen auf Arbeit und das war´ss.“ „Wie habt ihr das denn gemacht?“, möchte Feckl oft wissen, denn er und weiß: Was Wolfgang Vogelsaenger berichtet, ist anwendbar, getestet und für gut befunden.

Mit allen Sinnen gute Schule begreifen

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Aber gute Tipps sind nicht das einzige, für das sie hier hergekommen sind. Da könnten sie auch einfach die Arbeitshilfe „Grundlagen guter Schule“ lesen, die Vogelsaenger geschrieben hat. Sie wollen mit eigenen Augen sehen, hören, schmecken und erleben, was gute Schule ausmacht. Dass man am besten mit allen Sinnen lernen kann, davon ist auch Wolfgang Vogelsaenger überzeugt: „Ich kann noch so viel über offenen Unterricht reden. Wenn man sieht, wie die Kinder hier arbeiten, dann glaubt man erst, dass es funktioniert. Bilder sind subversiver als manches Buch.“

Sein Bruder, Thomas Vogelsaenger, hatte die Idee, mit den Kollegen der Beuditzschule nach Göttingen zu fahren. Er ist Unternehmensberater und Vorstand von IMPULS – Schule & Wirtschaft e.V. [http://www.impuls-ifs.de/] Gemeinsam mit Wolfgang Vogelsaenger unterstützt er Ganztagsschulen im Programm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung im Rahmen der Werkstatt „Unterricht und Förderkonzepte. Er hält die Georg-Christoph-Lichtenberg Gesamtschule besonders geeignet für Schulbesuche, weil dort das Gesamtkonzept stimmt. „Auch woanders gibt es tolle Lehrer, die wunderbare Dinge machen. Aber wenn jeder Lehrer macht, was er will, bekommt man kein gemeinsames Schuldenken hin“, ist seine Überzeugung. Als Schulberater fasziniert ihn, „Menschen von A nach B zu bringen“.  Schwierige Situationen, kritische Lehrer oder marode Schulen empfindet er nicht als Hindernis: „Eine schlimme Ausgangssituation ist für mich nichts Schlimmes. Ich freue mich, wenn ich eine Schule mit meinen Instrumenten da raus führen kann.“

Es geht alles, überall!

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Wenn Reinhard Feckl durch die riesige Schule geht, blitzt es viel, das macht seine Digitalkamera. „Wir müssen ja auch noch Räume einrichten.“ Um die tollen Räumlichkeiten werden die Göttinger oft beneidet. „Wir haben hier ideale Räumlichkeiten, das schreckt manchmal ab“, räumt Jahrgangsleiter Detlev Oesterhelt ein. Aber Ausreden lässt nicht er gelten „Es geht alles, überall.“ Bei der Beratung einer Berliner Schule im Projekt Reformzeit hat er gerade die Erfahrung gemacht, dass sich Tischgruppen auch in einer ehemaligen Kaserne einrichten lassen.

Alles wollen die Kollegen von der Beuditzschule aber nicht übernehmen. „Pädagogisch werden wir manches anders machen“. In Kooperation mit der Uni Magdeburg sind sie gerade dabei, ein Konzept für die reformpädagogische Umsetzung der Rahmenrichtlinien zu entwickeln. Es soll ein ausgewogenes Maß von neuen und alten Elementen geben. Auch Frontalunterricht ist nicht tabu.

Kerstin Neumann, Lehrerin für Sport und Geografie an der Beuditzschule, ist zum ersten Mal in Göttingen und findet es „gewöhnungsbedürftig“, dass die Kinder die Lehrer duzen und sich außerhalb der Klassenräume zum Arbeiten zusammen finden. Mit Grundprinzipien wie Tischgruppenarbeit und Wochenplan hat sie bereits gute Erfahrungen gemacht: „Man muss nur den Mut haben, sich dem Neuen zu öffnen und weg vom Frontalunterricht zu kommen.“ Letztlich sei das entspannter für sie selbst und produktiver für die Schüler.

Erfolg überzeugt

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Wolfgang Vogelsaenger (l.) und Reinhard Feckl (r.)

„Bestimmte Dinge lernt man erst beim Durchführen, aber die Arbeit an der Basis, die können sie uns erklären“, sagt Kerstin Naumann, zukünftige Klassenlehrerin in einer der beiden neuen Ganztagsschulklassen über die Göttinger Kollegen. Sie interessiert sich besonders dafür, wie man bei der Freiarbeit die Lernfortschritte messen kann, so dass kein Kind durchfällt. Die Kontrollblätter, mit denen die Göttinger arbeiten, hält sie für gut geeignet. Besonders interessant findet sie, dass die Schüler sich untereinander kontrollieren. Ihre eigene Motivation, sich hier weiterzubilden, bringt sie auf den Punkt: „Die Arbeit, wie sie zur Zeit läuft, befriedigt mich nicht, weil sie nicht alle Schüler erreicht.“ Dass ihre Kollegen das anders sehen und skeptisch sind, weiß sie. Aber sie ist zuversichtlich: „Erfolg ist die beste Überzeugungskraft.“

In der fünften Klasse der Georg-Christoph-Lichtenberg Gesamtschule steht jetzt A und Ü auf dem Stundenplan: Arbeits- und Übungsstunden. Statt Hausaufgaben. Nach 14 Tagen müssen alle Aufgaben erledigt sein, bis dahin können sich die Kinder ihre Arbeit selbst einteilen. Verlässliche Schüler dürfen auch außerhalb des Klassenraums arbeiten. „Wie gehen Sie mit Schülern um, die nicht fertig sind und auch nach Aufforderung nicht nacharbeiten?“, möchten die Besucher wissen. „Die müssen unter Aufsicht arbeiten während die anderen Kinder einen Film gucken oder etwas anderes Schönes machen“, antwortet Klassenlehrerin Sabine Lagos-Galaz. Oft passiert das aber nicht, die meisten Schüler sind motiviert: „Ich finde A und Ü viel besser als Hausaufgaben. Die macht man manchmal nicht, wenn draußen die Sonne scheint. Hier muss man die machen. Hier kann man sich auch helfen“, meint Max Müller aus der Fünften.

Einmal in der Woche ist in der fünften Klasse „Aktuelle Stunde“. Dann berichten zwei Schüler, die sich vorher informiert haben, über das, was in der Welt und in der Politik gerade passiert. Die Kollegen aus Sachen-Anhalt müssen lächeln, als sie das hören. Das kennen sie noch aus der DDR. Allerdings war das damals Lehrersache und wurde mehr oder weniger staatstragend durchgeführt.

Wenn Lehrer im Team arbeiten

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Klassenlehrer sein heißt in Göttingen Teamarbeit. Wie sollen die Kinder an Tischgruppen lernen, zusammenzuarbeiten, wenn sie nicht sehen, dass auch die Lehrer im Team arbeiten? Nach Möglichkeit sind eine Lehrerin und ein Lehrer für 15 Mädchen und 15 Jungen da. Manchmal klappt das nicht, männliche Lehrkräfte sind Mangelware. Wolfgang Vogelsaenger bedauert das: „Die Jungen brauchen einen Mann, gerade weil wir hier sehr stark auch 'weibliche' Kompetenzen fördern“.

„Haben Sie keine Angst vor dem großen Berg, alles ist machbar“, tröstet Klassenlehrerin Sabine Lagos-Galaz die Kollegen von der Beuditzschule, die über ihre ihre Arbeitsmaterialien und Rückmeldungsbögen staunen. Alles klug und liebevoll selbst ausgearbeitet.

Die Weißenfelser freuen sich auf die Teamarbeit, aber manches wird ungewohnt sein. „Ich werde mir Ohrstöpsel mitbringen müssen“, seufzt eine Kollegin. Die Beuditzschule strebt eine Präsenzzeit für Lehrer an, einen Grossteil ihrer Arbeit werden sie deshalb in Zukunft in der Schule machen müssen, gemeinsam in einem Raum mit den anderen Team-Kollegen, die für die Ganztagsschulklassen verantwortlich sind.

„Wir hatten es natürlich einfacher“, räumt Lehrerin Jutta Feigenspan von der IGS Göttingen ein. „Das Konzept stand schon da, wem es nicht passte, der brauchte nicht her zu kommen.“ Vor mehr als 30 Jahren wurde es von Eltern, Pädagogen und Schülern gemeinsam entwickelt. Eine besondere Situation, so Feigenspan: „Das gab's nie wieder, dass nach einer pädagogischen Idee eine Schule geformt wurde und dass Geld da war.“

Die Schüler wichtig nehmen

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Es wird nicht die letzte Begegnung zwischen Weißenfelsern und Göttingern sein. Wolfgang Vogelsaenger hält viel von Schulbesuchen, die nachhaltig sind. „Wichtig ist die kontinuierliche Nachsorge. Strohfeuer bringen nichts. Die Schwierigkeiten tauchen ja erst auf, wenn man das Ganze versucht, umzusetzen“.

Was können die Besucher vor allem mitnehmen? Wolfgang Vogelsaenger meint: „Dass man auf Schüler guckt, Schüler mag und ernst nimmt, ist das Wichtigste, was man hier lernen kann.“ Es sind Bilder, die die Kollegen von der Beuditzschule mit nach Hause nehmen werden: Lebens- und Arbeitsräume außerhalb des Klassenraums, Rückzugsorte, Lehrer, die jederzeit von jedem ansprechbar sind, kleine Inseln in der Schule für jeden Jahrgang, engagierte, fröhliche Lehrer und zufriedene Schüler.

Vor dem Engagement von Reinhard Feckl und seinen Kollegen hat Wolfgang Vogelsaenger großen Respekt: „Ich finde das gut, wie die das machen. Man kann nicht von heute auf morgen eine ganze Schule umstellen. Lieber mit den Kollegen beginnen, die sich verstehen und die Lust dazu haben.“ In Göttingen sind sie jedenfalls alle herzlich eingeladen. Denn Vogelsaenger weiß: „Der größte Aha-Effekt ist immer, dass Kollegen sehen, dass es auch ganz anders geht als sie es gewohnt sind.“

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Text: Christine Plaß
Fotos: Christine Plaß
Datum: 17.10.2006
© www.ganztaegig-lernen.de

 



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