Zur Startseite
Das Programm Impulse Veranstaltungen Publikationen Glossar Sitemap Kontakt Impressum
 
Rhythmisierung einer Grundschule

r-3.jpg

Zeit für mehr! ... von Karen Dohle, Dr. Thomas Vogelsaenger, Charlotte von Wangenheim, Sascha Wenzel, Dagmar Wilde

Die Forderung nach Rhythmisierung – im Sinne eines am „natürlichen Rhythmus des Kindes“ orientierten Schultages – ist nicht neu. Sie steht in Tradition der Reformpädagogik der 1920er Jahre, die eine kindgerechte, lebensweltorientierte Gestaltung von Schule und Unterricht forderte. Heute spricht die Forschung vorzugsweise von einer veränderten Zeitstruktur des Schultages, statt von einer Rhythmisierung, denn es geht um mehr als um eine Orientierung an altersspezifischen Bio-Rhythmen.

Die zeitliche Struktur des Schultages und der Schulwoche ist mehr eine Frage der Lernorganisation als eines vermeintlich natürlichen Anspannungs-Entspannungs-Rhythmus der Schüler. Die zeitliche Struktur des Schultages und der Schulwoche muss der Lehr-Lern-Struktur folgen – nicht umgekehrt (wobei die Lehr-Lern-Struktur in der Schulanfangsphase natürlich eine andere ist als in der Jahrgangsstufe 4). Denn: Die zeitliche Strukturierung der Bildungs- wie der Freizeitangebote begründet sich in pädagogisch-didaktischen Konzepten des Lehrens und Lernens. Sie ist somit eine Konsequenz und gleichermaßen eine Voraussetzung einer veränderten Lehr-Lernkultur einer Schule. Die zeitliche Struktur des Schultages und der Schulwoche ermöglicht es eine Balance zwischen unterschiedlichen Angeboten, Lehr-Lernformen, zwischen Anstrengung und Entspannung herzustellen. Und vor allem ermöglicht sie es, dem Alter der Kinder und den Anforderungen der Inhalte adäquate – längere oder kürzere – zeitliche Einheiten für Aktivitäten in und außerhalb der Schule zu schaffen.

Weniger als Leerlauf

r-2.jpg

Zeit zum entspannen!

Eine Orientierung am Kind ist bei allen Überlegungen zur Zeitstrukturierung ebenso unverzichtbar wie eine Orientierung an den Bildungszielen, denn Kinder brauchen nichts weniger als Leerlauf und Beschäftigungstherapie, sie brauchen attraktive, variable und herausfordernde Angebote, die auf ihre altersspezifischen Interessen, Entwicklungs- und Lernbedürfnisse abgestimmt sind. Wenn im Zusammenhang mit ganztägigen Organisationsformen von Schule weiterhin von Lehren und Lernen gesprochen wird, ist damit also keineswegs eine verstärkte Verschulung und Verunterrichtlichung des Ganztagsangebots angestrebt –vielmehr ist damit ein verändertes Verständnis der außerunterrichtlichen „Betreuungszeiten“ verbunden, welche nicht auf „Beaufsichtigung“ unter kustodialem Anliegen ausgerichtet sind, sondern stets als wertvolle Bildungszeiten zu verstehen sind. Wir dürfen nicht vergessen: Kinder lernen in formalen, non-formalen und informellen Settings – sie lernen nicht nur im Unterricht, sie lernen nicht nur in der Freizeit in der Schule,sie lernen auch in der unbegleiteten Zeit. Die veränderte Zeitstruktur der Ganztagsgrundschule sollte für Kinder gleichermaßen individuell herausfordernde Angebote als auch Rückzugsmöglichkeiten bereitstellen. Angebotsfreie Zonen für einen Rückzug allein, zu zweit oder zu mehreren müssen in der Schule über den ganzen Tag zur Verfügung stehen. Wir dürfen bei den Überlegungen zur Weiterentwicklung der Grundschulen zu Lern- und Lebensorten nicht vergessen, dass der Kern von Schule Unterricht ist. Guter Unterricht ist daher das zentrale Qualitätsmerkmal einer guten Ganztagsgrundschule. Damit zeigt sich: Die Veränderung der Zeitstrukturierung einer Grundschule ist eng verbunden mit Unterrichtsentwicklung: Rhythmisierung und veränderte Lehr-Lern-Settings erfordern eine umfängliche Veränderung tradierter Handlungsrepertoires der Lehrkräfte ehemaliger Halbtagsschulen ebenso wie der Erzieherinnen ehemaliger Horte. Zwingend ist seitens der Lehrkräfte eine Abkehr von tradierten Routinen und eine Weiterentwicklung der Lehr-Lernkultur – zu vermeiden sind überzogene Erwartungen, die einen hohen Arbeitsaufwand in der Übergangsphase mit sich bringen würden.

Vom Wissensvermittler zum Arrangeur

r-4.jpg

Zeit zum freuen!

Eine Veränderung der Lehrerrolle vom Wissensvermittler zum Arrangeur passfähiger Lernsituationen fordert Lehrkräfte heraus. Die damit verbundenen Anforderungen an die berufliche Professionalisierung bergen eine erhebliches Belastungs- und Spannungspotenzial für den innerschulischen Entwicklungsprozess. Schulen und ihre Akteure benötigen Zeit für Entwicklung Wenn es gelingt, die Frage der zeitlichen Strukturierung des Lernens in der Ganztagsgrundschule als eine prozesshafte Entfaltung zu begreifen, der sich das Pädagogenteam gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern, Eltern und außerschulischen Partnern widmet, ergeben sich daraus Chancen für die Schulentwicklung. Die Entwicklungsarbeit ist als Teil eines längeren schulinternen Reflexions- und Diskussionsprozesses über das für die spezifischen Bedingungen der jeweiligen Schule passende pädagogische Profil zielgerichtet zu steuern. An der Entwicklung eines passfähigen Zeitkonzepts sind nicht nur Eltern und außerschulische Partner, sondern per se die Schülerinnen und Schüler zu beteiligen. „Ein erweitertes Angebot sollte demnach nicht zu einer bruchlosen Ausdehnung des vorhandenen Lernarrangements führen, das von SchülerInnen als weitgehend fremdbestimmt wahrgenommen wird.“ Für Schülerinnen und Schüler ist es wichtig, dass Pausen und Entspannungsphasen keine künstliche Verlängerung des Schultages darstellen, sondern attraktive, herausfordernde Lern- und Freizeitangebote beinhalten. Zahlreiche Schulen, die ihre Zeitstruktur bereits verändert haben oder auf erste Schritte auf diesem Weg zurückblicken, berichten, dass vor allem die Anfänge auf dem Weg zu einem rhythmisierten Angebot und zu veränderten Kooperationsformen der Pädagogen im Ganztag für die Lehrkräfte veränderte – als belastend empfundene – Anforderungen mit sich bringen. Sobald sich Routinen ausgebildet haben, wird die mit Kooperation und veränderter Zeitstrukturierung einhergehende Verbesserung der Lernbedingungen und der Unterrichtsqualität in der Ganztagsschule als bereichernd wahrgenommen.

Entwicklung eines Zeitstrukturierungsmodells

r-5.jpg

Zeit zum spielen!

Neue Konzepte der Zeitstrukturierung in der Ganztagsgrundschule erfordern mehr als eine rein arbeitsorganisatorische Umgestaltung des Schultages (90-Minuten-Blöcke, verlängerte Pausen). Reformfreudige Schulen, die ihre Zeitstruktur verändert haben, haben zuerst didaktische Entscheidungen getroffen und sich erst im zweiten Schritt den damit verbundenen organisatorischen Fragen (Zeitstruktur, Personaleinsatz) gewidmet. Da die Frage der zeitlichen Strukturierung des Tages- und Wochenablaufs eng mit anderen Fragen der pädagogisch-didaktischen Gestaltung der Einzelschule verknüpft ist, kann es keine „prototypischen“, standardisierten Lösungen geben: „Die Frage, welches Konzept der Zeitstrukturierung des Schultages unter welchen Bedingungen das richtige ist, kann derzeit weder von uns noch von irgendjemand sonst empirisch begründet beantwortet werden.“ Die Entwicklung eines Zeitstrukturierungsmodells ist Teil der innerschulischen Entwicklungsarbeit. Diese erfordert Gelassenheit und Mut zum Experimentieren. Es gibt nicht „den einen richtigen Weg“ und manche Wege werden sich erst als vorläufige erweisen. Zeitstrukturierung – Anregungen für die Verlässliche Halbtagsgrundschule sowie die offene und gebundene Ganztagsgrundschule. In der verlässlichen Halbtagsgrundschule sowie in der offenen und gebundenen Ganztagsgrundschule erhalten Unterricht und soziale, spielerische, kulturelle, sportliche Aktivitäten die jeweils erforderlichen Eigenzeiten. Auch am Nachmittag kann in der offenen Ganztagsgrundschule Unterricht in Form von Arbeitsgemeinschaften, Förderangeboten und Projekten platziert werden. Am Vormittag ist Raum für spielerische Aktivitäten, individuelle Übungszeiten, Bewegung und Freizeit (ausgeweitete Pausen), gemeinsame Mahlzeiten und Entspannung vorzusehen. Damit gewinnt die offene Ganztagsgrundschule am Vormittag in den Zeiten der VHG – wenn alle Kinder anwesend sind – Zeitfenster für gemeinsame und individuelle Aktivitäten, für Beschäftigungen an freien Lernorten. Mithin wird der Unterrichtsvormittag angereichert durch Angebote, die in der bisherigen Halbtagsgrundschule den außerschulischen Angeboten am Nachmittag vorbehalten waren. Darin liegt eine Chance, Zeitfenster für die Bearbeitung komplexer Problemstellungen, für selbst gesteuertes und handlungsorientiertes Lernen, für Anwendung des Wissens in Handlungskontexten, um anschlussfähiges Wissen zu erwerben, mehr Raum für soziales Lernen und mehr Zeit für das Miteinander zu eröffnen.

Innerschulische Entwicklungsaufgabe

r-1.jpg

Zeit zum staunen!

Eine Parallelisierung gleichartiger Blöcke auf Jahrgangsebene (Freizeitphasen, Förderangebote, Fachunterricht) bietet Möglichkeiten für klassenübergreifendes Arbeiten. Die veränderte Rhythmisierung beschränkt sich nicht ausschließlich auf die VHG-Zeiten. Unterricht kann über den Tag verteilt werden, wenn dies unterpädagogischen Gesichtspunkten geboten erscheint.Am Tag größere Zeiteinheiten schaffen und die Woche rhythmisieren Eine konsequente zeitliche Neustrukturierung des Schultages und der Schulwoche
ist zweifelsfrei eine Herausforderung. Hier und da werden erst einmal kleine Schritte der Veränderung der über Jahre vertrauten Zeitstrukturen möglich sein. Für die Weiterentwicklung der Ganztagsgrundschule mit dem Ziel einer Qualitätssteigerung ist es allerdings entscheidend, die Rhythmisierung des Schultages auf das Ziel einer konzeptionellen Verbindung von Unterrichts- und Freizeitangeboten hin zu gestalten. Zeitstrukturierung ist eine innerschulische Entwicklungsaufgabe, denn es geht um mehr als um eine Frage der Organisation von Unterrichts- und Pausenzeiten.

Die Zeitstruktur des Schultages verändern – Diskussionsanstöße

r-6.jpg

Zeit zum Träumen!

Die Veränderung einer Schule zur Ganztagsschule ist ein Prozess, der sich nicht von heute auf morgen vollzieht. Es ist ein Prozess der vielen kleinen Schritte. Das Strukturmerkmal „Mehr Zeit“ will kind- und lerngerecht – auch freizeitgerecht – auch lehrergerecht – genutzt werden. Wissen verändert sich in Qualität und Quantität immer rascher. Nicht allein auf das Wissen, vor allem auf das Anwenden des Wissens inrealen Situationen kommt es an. Dazu ist mehr erforderlich als das Speichern von Informationen. Ganztagsschule regt an, grundlegend über die Tagesstruktur nachzudenken. Denn die Tagesstruktur prägt die Lehr-Lernkultur und umgekehrt. Zeit zum Lernen, Zeit zum Üben, Zeit zum Entspannen, Zeit für Freunde, Zeit zum Träumen... Es ist übrigens nicht nur ein Tages-, sondern auch ein Wochen-, Monats- und Jahresrhythmus zu finden.

Choreografie des Ganztags: Rhythmisierung – Veränderung von Unterricht und Förderung – Verzahnung von Unterricht, individueller und gemeinsamer, gebundener und offener Freizeit – mit und ohne außerschulische Partner – für Kinder, für Lehrer/innen, für Erzieher/innen. Bei allen Überlegungen zu einer veränderten Zeitstruktur in der Ganztagsgrundschule, die Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher gemeinsam anstellen, liegt eine ganz wesentliche Chance darin, Elemente der Hortpädagogik in den Schultag als Ganztag zu integrieren.

Quelle: Den ganzen Tag – von Anfang an
Überlegungen. Beispiele.
Einblicke vom 1. Berliner Forum der Ganztagsgrundschulen am 17./18. März 2006

   Download (PDF, 941 KB)


zurück zur Startseite


Zusammengestellt: Sabine Schweder
Fotos: Schweder
Datum: 29.10.2006
© www.ganztaegig-lernen.de



Themen
Praxis & Materialien
Serviceagenturen
Schulentwicklung

 

Berliner Forum
Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) lud zum 1. Berliner Forum der Ganztagsgrundschulen am 17. und 18. März 2006 in Berlin ein. An dem Forum nahmen über 400 Akteure aus Grundschulen teil. Das Forum wurde gemeinsam mit der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport, dem LISUM Berlin, der Jacobs Stiftung und der Serviceagentur Ganztägig Lernen/RAA Berlin veranstaltet.
öffnen

bild_4.jpg

Lernorganisation in der Ganztagsgrundschule
am Beispiel der Wartburg-Grundschule in Münster

Mehr Zeit in der Schule und damit mehr Gelassenheit und Aufmerksamkeit für die Lernentwicklung der Kinder veränderte den Unterricht in den Klassen und Gruppen.
öffnen


Organisationsentwicklung an der Ganztagsschule

oe.jpg

Die Organisation einer Ganztagsschule schafft wichtige Rahmenbedingungen für die inhaltliche und pädagogische Arbeit. Sie ist einerseits stark von den jeweiligen rechtlichen, formalen und umfeldbedingten Gegebenheiten abhängig. Andererseits ist es Aufgabe aller schulischen Akteure, die damit verbundenen Möglichkeiten zu reflektieren und entsprechend verantwortungsbewusste und kluge Entscheidungen zu treffen.
öffnen

Eine Kindergerechte Schule!

23 Thesen für eine gute Ganztagsschule

Die folgenden Thesen gehen von den entwicklungsspezifischen Lebensbedürfnissen von Kindern zwischen etwa 6 und 14 Jahren aus. Sie wollen dazu anregen, die Kinderperspektive einzunehmen. Sie stellen die Rechte des Kindes auf gesunde körperliche, geistige, soziale und emotionale Entwicklung, auf lernende Einführung in die Welt des Wissens und Könnens und ihre Beteiligung und Verantwortung an der Gestaltung gemeinsamen Lebens ins Zentrum pfeil.jpg

Von Lothar Krappmann und Oggi Enderlein