Das andere Leben und Lernen in der Schule

Seit langem weiß die Biorhythmenforschung, dass der kindliche Organismus nach einer deutlichen Gliederung des Schultages verlangt, um effektiv und mit Freude lernen und arbeiten zu können.In einem umfassenden Sinne verstanden, meint Rhythmisierung jedoch mehr als die bloße Gliederung des Schultages in Fachunterricht und Pause.
Sie erstreckt sich auf nahezu alle Bereiche des Unterrichts und des schulischen Lebens. Rhythmisierung fördert so in einem umfassenden Sinne den Erfolg des Unterrichts und das Wohlbefinden am Lernort und Arbeitsplatz Schule. Das gilt in ganz besonderem Maße unter den aktuellen Bedingungen der auf acht Jahre verkürzten Schulzeit am Gymnasium. Was lernpsychologisch schon an einem 6-Stunden-Tag nicht optimal ist – das Unterrichten in Einzelstunden -, ist an einem 8-Stunden-Tag völliger Unsinn: Nach acht verschiedenen Fächern bei acht verschiedenen Lehrern bleibt vom Unterrichtsergebnis nicht mehr viel hängen.
Dr. Thomas Vogelsaenger
Schule, wie viele sie kennengelernt haben, bedeutete täglich sechs bis acht Unterrichtsstunden à 45 Minuten, die von kurzen Pausen unterbrochen waren. Stunden gesammelter Konzentration auf die von den Lehrerinnen und Lehrern vorbereiteten Inhalte, gleichschrittiges Vorgehen, passives Zuhören, ruhige Einzelarbeit. Zeiten für die intensive Bearbeitung eines Themas, für Recherchen, Gruppenarbeit oder die Entwicklung eigener Problemlösungswege bzw. Arbeitsschwerpunkte waren nicht vorgesehen. Die Pausen dienten der Vorbereitung auf die neue Stunde, dem Lehrer- oder Raumwechsel. Sie konnten zum Frühstücken, Hinausgehen oder Klönen genutzt werden. Insgesamt wenig Spielraum für eigene Vorstellungen und Bedürfnisse. Nach Unterrichtsschluss verließen Lehrer und Schüler in der Regel so schnell wie möglich die Schule, interessante Zusatzangebote und Gespräche nach der letzten Stunde waren die Ausnahme.
Bietet Schule heute mehr?

Geht man auf die unterschiedlichen Lern- und Arbeitsbedingungen ein, die Menschen brauchen? Gibt es Raum und Zeit für Gespräche zwischen allen Beteiligten zum Planen, zum Aufbau von Beziehungen, zur Entwicklung von Ideen, zum Lösen von Problemen und zum Besprechen von individuellen Lernentwicklungen? Bleibt genügend Zeit für die Arbeit in Gruppen? Kann man in Ruhe allein arbeiten? Werden Freizeitaktivitäten angeboten, die Kindern Alternativen zum Fernseher oder Spielecomputer bieten? Können Lehrerinnen und Lehrer ihre Teamabsprachen und Unterrichtsvorbereitungen in der Schule erledigen? Man findet solche Schulen in Deutschland – aber es sind immer noch viel zu wenige. Die institutionellen Rahmenbedingungen erschweren die Realisierung dieser Form von Schulleben. Und das, obwohl Untersuchungen eindeutig zeigen, dass Deutschlands Schulen eine Entwicklung in diese Richtung dringend brauchen, um Kinder und Jugendliche angemessen zu fördern, zu fordern und Bildungschancen sozial gerechter zu gestalten.
Wie könnte eine Schule aussehen, die diesem Anspruch nahekommt?
Ein wesentlicher Aspekt ist der Zeitfaktor: Man benötigt mehr Zeit, um schülergerechteres Arbeiten, Leben und Lernen zu verwirklichen. Lehrerinnen und Lehrer brauchen Zeit für Absprachen. Ganztagsschulen können hier einen entsprechenden Rahmen bieten. Doch nur durch eine Verlängerung der Präsenzzeit wird Schule nicht automatisch zu einer „guten Schule“. Die Basis für eine befriedigende Arbeit liegt in der grundsätzlichen Einstellung gegenüber Menschen und ihrem Lernen. Gegenseitiger Respekt, Akzeptanz von Individualität und Heterogenität, das Wahrnehmen von Schülern als ganzheitliche Menschen, Anerkennung und Kritik und die Übernahme von Verantwortung sind aus unserer Sicht wichtige Schlüsselbegriffe. Werden diese Grundlagen anerkannt und beachtet, kann man Schule gestalten. Bei der Rhythmisierung des Schulalltages ist von den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen auszugehen. Wann und wie lange können sie in der Klasse, in Kleingruppen oder allein lernen? Wann brauchen sie Pausen, Bewegung und Essenszeiten? Dies ist nicht pauschal für alle Schülerinnen und Schüler zu beantworten. Jede Lerngruppe, jeder Lernende benötigt andere Rahmenbedingungen, die auch von der jeweiligen Tagesform abhängig sind. Insofern engt eine von der Planungsgruppe noch so fein ausgefeilte Rhythmisierung des Schulalltages die betroffenen Lehrer und Schüler einer Klasse wieder ein. Ist es für die eine Lerngruppe wichtig, den Montag mit einem Kreisgespräch zum vergangenen Wochenende zu beginnen? Kann man in einer anderen Klasse in bestimmten Phasen gleich mit dem Mathematikunterricht beginnen? Aber wie sind solche Fragen im Alltag umzusetzen? Verlangt ein derartiger Anspruch einen individuellen Zeitplan für jede Schülerin und jeden Schüler? Eigentlich ja, doch wird eine vollständige Individualisierung kaum umsetzbar sein. Daher muss man einen möglichst optimalen Rahmen entwickeln, der im Groben diesen Anforderungen entspricht. Parallel dazu ist die flexible Reaktion jeder einzelnen Lehrkraft gefordert. So muss man situativ entscheiden, ob eine Lerngruppe noch arbeitsfähig ist oder eine Pause benötigt.

Ein Beispiel: In den ersten Monaten in einer unserer fünften Klassen mussten wir einige Stunden schon nach 20 Minuten komplett umplanen: Die Kinder konnten sich nicht auf die Inhalte konzentrieren, waren unruhig, zappelig, laut und aggressiv. In solchen Phasen haben wir mit den Kindern eine Viertelstunde Basketball oder Fußball gespielt, haben ihnen Bewegungsraum gelassen; zusammen geübt, Regeln einzuhalten, Mitschülerinnen und Mitschüler angemessen zu behandeln. Nach einigen Monaten konnten wir diese Phasen langsam zurückfahren und die Arbeitszeiten ausdehnen. Hier hätte uns ein noch so ausgefeiltes Rhythmisierungskonzept nichts genützt. Geholfen haben uns aber die Einstellung der Schulleitung und der meisten Kolleginnen und Kollegen, dass auf individuelle Probleme individuell reagiert werden muss. Und dies ist wichtig. Schule muss die notwendigen Bedingungen bereitstellen, innerhalb derer sich die einzelnen Kollegen und Kolleginnen ihren Spielraum schaffen können.
Leitkriterien für eine Rhythmisierung
Leitkriterium muss die Arbeits- und Aufnahmefähigkeit der Schülerinnen und Schüler sein. Es gibt Grundsätze, die bei einer Rhythmisierung des Stundenplanes zu berücksichtigen sind.
• Die Hauptverantwortlichen einer Klasse (Tutoren, Klassenlehrer) sollten möglichst viele Stunden in ihrer Gruppe unterrichten. Damit erhalten sie die Möglichkeit, die Inhalte der einzelnen Stunden zu verteilen, flexibel auf wechselnde Anforderungen zu reagieren.
• Lehrkräfte sollten mit dem Großteil ihrer Stunden in einem Jahrgang eingesetzt werden. Dann kann ein Jahrgang autonomer gestalten, sind Projekttage, Pausenregelungen und besondere Vereinbarungen einfacher zu planen und umzusetzen.
• Zeiten der Konzentration sollten sich mit Zeiten der Bewegung und Entspannung abwechseln.

• Montags sollte die Möglichkeit eingeräumt werden – aber nicht als Pflicht gelten – Probleme des Wochenendes in der ersten Stunde aufzuarbeiten.
• In den Pausen sollten Austoben und Ruhen möglich sein. Die Trennung von Ruhe- und Bewegungsbereichen ist Grundlage, um die Aufsicht durch Lehrkräfte zu erleichtern und den unterschiedlichen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler entgegenzukommen.
• Zu lange und inhaltlich nicht gefüllte Mittagspausen haben sich in den meisten Lerngruppen als ungünstig erwiesen. Wichtig sind abgestimmte Zeiten für das Essen. Viele Schülerinnen und Schüler kommen heutzutage ohne Frühstück in die Schule und nehmen sich in den Pausen nicht genügend Zeit zum Essen. Ein gemeinsames Frühstück, z. B. am Ende der zweiten Stunde, hat sich in vielen Gruppen bewährt. In Ganztagsschulen muss man außerdem eine Mittagspause einplanen, die Zeit zum Essen, zum Ausruhen oder Austoben bietet.
• Schülerinnen und Schüler brauchen jeden Tag Zeit, ihr Lernen und Arbeiten selber zu planen und gestalten, etwa in Arbeits- und Übungsstunden. Jede Stunde ein anderes Fach, eine andere Lehrkraft und eine Vielzahl von Informationen, das ermüdet und stumpft ab. Schülerinnen und Schüler müssen lernen, ihre Aufgaben selbstständig zu erledigen, am besten in einer Form, die sie selber festlegen können. Außerdem benötigen sie Freiraum, um neue Inhalte zu erschließen. Diese Formen des Lernens und Arbeitens müssen zuerst mit Unterstützung einer Lehrkraft eingeübt werden. Der günstigste Zeitpunkt ist nicht bei allen Gruppen gleich: Einige Klassen arbeiten am besten in den ersten beiden Stunden in dieser freieren Form – andere nach der Mittagspause. Die Festlegung sollte daher durch die Klassenlehrer oder den Jahrgang erfolgen und sich an den Bedürfnissen der Klasse orientieren.

• Ein weiterer Aspekt für eine geeignete Rhythmisierung ist die Dauer der einzelnen Stunden. Sind 45 Minuten für alle Lernzusammenhänge geeignet? Die Erfahrungen von Lehrkräften stellen dies in Frage. Wie lange kann man sich z. B. auf das Erlernen einer neuen Sprache konzentrieren – wie oft in der Woche sollte man sie üben? Ist es günstiger, nur 30 Minuten Englisch zu haben – dafür häufiger? Wie sieht es aus mit den Naturwissenschaften: Braucht man für die Durchführung von Versuchen mehr Zeit? Sollte man die Inhalte kompakter und in nicht so kurzen Zeitfrequenzen vermitteln – also epochal, eventuell im fächerübergreifenden oder -verbindenden Unterricht? Zurzeit versuchen einige Schulen hierfür eine Lösung zu finden. Gedacht wird zum Beispiel an Einheiten von 30 Minuten, die beliebig zu 60- oder 90-Minuten-Sequenzen gekoppelt werden können. Ein Patentrezept gibt es noch nicht, wird es vermutlich nicht geben. Die Formen der Rhythmisierung gehen über den einzelnen Tag hinaus. Es geht nicht nur um den einzelnen Tag und die Pausenlänge, sondern um die Strukturierung der Woche, des Monats, des Schuljahres, der Dauer des Schulbesuchs.
• Erforderlich ist ein Arbeitsplan für jede Lerngruppe im Klassenzimmer, der sowohl den aktuellen Wochenplan der von den Schülerinnen und Schülern zu erledigenden Aufgaben als auch die Übersicht über Langzeitthemen und Projektvorhaben beinhaltet.
• Zur Orientierung sollte in jeder Klasse ein großer Stunden- bzw. Zeitplan aushängen, der sowohl über den Tagesablauf als auch über anstehende Ereignisse wie Feste, Klassenfahrten, Projekte, Prüfungen im Schuljahr informiert.
• In jeder Kasse sollte zu Anfang eines Schuljahres ein Heft mit dem Überblick über die zu behandelnden Themen und Methoden aller Fächer verteilt werden, das auch den Eltern ausgehändigt wird.
• Eine weitere Form der Rhythmisierung des Schuljahres besteht in der Ritualisierung von Festen, die periodisch gefeiert werden. Denkbar sind z. B. Weihnachtsfeiern, Jahreszeitenfeiern, Sportfeste, Feiern mit Eltern und Schulabschlussfeiern. Darüber hinaus kann man auch Jahrgangsfeiern initiieren, die monatlich stattfinden und bei denen jeweils eine Klasse etwas präsentiert und wichtige Informationen weitergegeben werden.
• Schulorganisatorisch erweist es sich in Klassenstufen, in denen es klassenübergreifende Angebote gibt, als günstig, wenn man innerhalb des Schuljahres Wochen festlegt, in denen keine zusätzlichen Außentermine wahrgenommen werden. So kann sich die Lehrkraft darauf verlassen, dass in bestimmten Phasen die gesamte Lerngruppe anwesend ist.Zu bedenken ist die Gestaltung der Eingangsphase. Wenn Schülerinnen und Schüler eine neue Klasse bilden, neue Lehrerinnen und Lehrer kennenlernen und fremdes Terrain erkunden, brauchen sie Zeit, diese Herausforderungen zu bewältigen. Um die Eingewöhnungszeit zu optimieren, hat es sich bewährt, den vorgegebenen Zeitplan zu verändern, Schwerpunkte auf Aspekte wie Gruppenfindung sowie Erstellung gemeinsamer Verhaltensregeln in der Schule zu legen. Die investierte Zeit, etwa nach dem Lions-Quest-Programm, lohnt sich, denn die Schülerinnen und Schüler sind anschließend wesentlich besser in der Lage, in der neuen Situation zu lernen; Konflikte sind seltener und besser zu lösen.

Zusammenfassend heißt das, dass neben einem gut durchdachten äußeren Rahmen die situative Reaktion auf die momentanen Bedürfnisse entscheidend für eine möglichst optimale Gestaltung des Schulalltags ist. Das bedeutet, dass Kommunikationsformen und grundsätzliche Einstellungen innerhalb des Kollegiums und der Schulleitung geklärt sein müssen. Lehrerinnen und Lehrer brauchen den Freiraum, um Entscheidungen treffen zu können, die für ihre Klassen angemessen sind. Diese Entscheidungen müssen in die Schule hinein kommuniziert werden, damit es nicht zu Fehlentwicklungen kommt. Dies verhindert auch, dass eine einmal gefundene Rhythmisierung verkrustet. Der Lern- und Arbeitsrhythmus einer Schule muss selbst rhythmisiert werden, sich den Veränderungen von Schule und Gesellschaft anpassen. Insofern ist der Rhythmus einer Schule nicht bloße Organisationsform. Er ist Ausdruck einer Einstellung zum Lernen und zu den in der Schule arbeitenden Menschen.
Quelle: Den ganzen Tag – von Anfang an Überlegungen. Beispiele. Einblicke vom 1. Berliner Forum der Ganztagsgrundschulen am 17./18. März 2006
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Zusammengestellt: Sabine Schweder Fotos: Schweder Datum: 2.11.2006 © www.ganztaegig-lernen.de
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