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Alltag in "der" Schule !?

von Karlheinz Thimm

Anne E. ist im zweiten Jahr Lehrerin an einer Schule in einer großen Stadt im Osten Deutschlands, nicht an einer Förder- oder Hauptschule, sondern an einer Gesamtschule, nicht von einer Vielfalt ethnischer Herkunft betroffen. Sie ist Klassenleiterin in einer neuen siebenten Klasse. Ich skizziere im Zeitraffer die vier Jahre der Lerngruppenbegleitung und verdichte ihr Tagebuch zu einer Skizze. Entscheiden Sie selbst, ob und wo es Parallelen zu ihrer Realität, zu ihren Erfahrungen gibt. Und kann die Lehrerin als Modell dienen?

"1992: Sieben Mädchen und 17 Jungs. Riesenkerle darunter und schmächtige Stippies. Das sind sie also. Uff. Am dritten Schultag kommt eine alte Dame in die Schule. Zwei Schüler haben ihren Keller aufgebrochen, den Wein ausgetrunken und anschließend an Ort und Stelle wieder ausgepullert. Es sind meine. Die ersten handfesten Auseinandersetzungen auf dem Schulhof erbringen Ärger und Veilchen. Schon sehr bald sind Klagen über Unterrichtsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten da. Den Eltern habe ich meine Telefonnummer mitgeteilt. Diese wird rege in Anspruch genommen. Nach Zu- und Abgängen mache ich nach acht Wochen diese Rechnung auf: 24 Schüler, darunter acht Wiederholer, darunter acht mit vier oder mehr Leistungsausfällen, darunter zehn Schwänzer, darunter zwei ohne Leistungsausfälle, darunter sieben mit Erfahrung in psychologischer Beratung, darunter zwei aus schweren Trinkerfamilien, darunter zwölf aus neu zusammengesetzten Familien oder mit alleinerziehendem Elternteil, darunter viele, die an der Grundschule gelernt haben, ein Versager zu sein, darunter 24, die Anerkennung und Aufmerksamkeit um jeden Preis suchen.

Bitte kommen Sie nicht wieder ...

Ich führe sie zum ersten Wandertag ins Planetarium. Chaos auf dem Weg dahin. Jeder überquert die Straße, wie es ihm gefällt. Drei Ladendiebstähle, davon zwei rechtzeitig bemerkt und geklärt. Nach etwa zehn Minuten über die Milchstraße sitzt keiner mehr auf seinem Platz, alles wälzt sich irgendwo auf dem Boden unterm
Sternhimmel zu sphärischer Musik. Der Vorführer im Anschluss: Bitte kommen Sie nicht wieder. Auf dem Weg nach Hause bin ich schul- und jugendverdrossen. Ein Schüler legt mir seinen Arm um die Schulter und will mich trösten: "Ach, seien Sie doch nicht traurig, so sind wir eben."

"Manche Kinder haben in ihrem Leben schon Dinge erlebt, die man keinem Erwachsenen wünscht."

Das will ich nicht glauben. Ich arbeite. Für die Schüler, an den Schülern, selten mit den Schülern. Man muss sehr weit zurückgehen, um die Schüler abzuholen. Zeitlupentempo und Kleinschrittigkeit sind angesagt. Das Grundlagenwissen ist schmal. Ein Kollege: "Ich werfe hier Perlen vor die Säue." Ich: "Dann versuchen Sie es doch mit Kraftfutter." Der Musikunterricht ist oberschlimm. Ich nehme Musik und Klassenleiterstunde zusammen und verlege die Einheit auf den Nachmittag mit offenem Ende. Ich gehe zum freien Träger, der im Jugendclub Helliwood die Medienwerkstatt betreut. Mit Gruppenarbeit und einem sozialpädagogischen Betreuer geht es langsam voran. Ich bemerke sogar bei einigen Jungen Spaß an der Freude. Die Umgebung ist eher lässig. Das enthemmt manche, was schön ist, und andere enthemmt es noch mehr, was weniger schön ist. In die Rollenspiele werde ich einbezogen und darf die Moderatorin von "Herzblatt" spielen, einer Sendung, die ich noch nie gesehen habe. Sie soufflieren großzügig und genießen es, endlich mal mehr zu wissen als der Lehrer. Sie trainieren den Umgang mit der Kamera, führen auf der Straße Umfragen zu verschiedenen Themen durch. Die Schüler mögen die Helliwood-Stunden. Im ersten Halbjahr bekommen mehr als Zweidrittel Kontakt mit der Polizei. Im zweiten Halbjahr der siebenten Jahrgangsstufe gibt es Verweise. Ich bin auch ein bisschen erleichtert. An drei Schüler komme ich kaum ran. Die Jugendhilfe ist eingeschaltet. Wir bekommen Neue, dank Helliwood läuft die Integration gut. Nach der Pause durch die Osterferien ist wieder ein Bruch da und ich merke: Mit Vertrauen tun sie sich schwer. Im Mai machen wir zwei Wochen Projektarbeit: "Indianer" mit einer Reise nach Radebeul ins Indianermuseum. Der Clou aber ist der "echte Indianer" zum Anfassen, Jaime aus Bolivien, gefunden und bezahlt von einem freien Träger aus einem Modellprogramm. Vierzehn Tage steht er Rede und Antwort, sie interessieren sich nun auch für Columbus und Co. Dass er mit ihnen auch kocht, tanzt und musiziert und die Schüler original bolivianische Kleidung anprobieren und sich darin fotografieren, schafft Erlebnisse. Sie erinnern sich noch lange daran. Im Mai gibt es viele Gespräche im Jugendamt. Zwei wollen nicht mehr nach Hause. Manche Kinder haben in ihrem Leben schon Dinge erlebt, die man keinem Erwachsenen wünscht.

Gelegenheiten für Erfolge

Im Juni renovieren wir unseren Klassenraum. Nicht wenige Eltern helfen mit. Zum Schuljahresende treffen wir uns zum Grillfest. Einige Schüler haben Freunde eingeladen. Ich finde, das ist ein gutes Zeichen. Von 24 Schülern haben zwei ihre Schulpflicht erfüllt, drei erreichen das Klassenziel nicht, vier werden aus pädagogischen Erwägungen ohne angemessene Bildungsgrundlage versetzt. Neues Schuljahr, Jahrgangsstufe acht. Wieder habe ich 24 Schüler, fünf sind neu: ein Umzug, eine Strafversetzung, drei Wiederholer. Die Unterrichtsatmosphäre pegelt sich langsam auf erträglich ein, der zündende Funke springt aber nur punktuell über. Als es mal wieder Chaos gibt, schreibe ich allen Schülern Briefe. Zudem gehe ich Sonntags mit der Klasse wandern. Elf kommen mit, 35 Kilometer. Es soll nicht das letzte Mal gewesen sein. Die Zeitinvestition zahlt sich aus. Im März fahre ich auf Studienfahrt nach England. Ich erlebe Community education, Schule als offenes Haus für alle Generationen. Während die Kinder rechnen, tanzen Oma und Opa in der Aula, die Krabbelkinder werden von einer Fachkraft betreut, während die Mütter ihre Kenntnisse in Computertechnik auffrischen. All das zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Schließzeit der Schule ist bei Bedarf um Mitternacht  nach dem Filmabend für Interessierte. Dass Schule so funktioniert, ist auch die Leistung der freien Träger. Zurück in B. schaffe ich Gelegenheiten für Erfolge, die Schüler bekommen Noten zwischen eins und vier. Daraufhin rufen mich Eltern an, wann ihr Kind auf das Gymnasium kommt. Es ist schwierig, die Jugendlichen auf dem Teppich zu halten und ihnen die Lust am Fliegen nicht zu nehmen.

Ein bewegendes Erlebnis

Es kostet Kraft, jeden Tag mein persönliches Maximum zu investieren, ohne zu wissen, was herauskommt. Zur nächsten Klassenfahrt dürfen bis auf zwei alle mit. Ich habe sogar das Gefühl, mich etwas regeneriert zu haben. Am Schuljahresende bleiben von 24 Schülern 16. Vier erreichen das Klassenziel nicht, vier wechseln woanders hin, gehen ab. Neues Schuljahr, neunte Jahrgangsstufe. Das Praktikum läuft gut, besonders da, wo sich in kleinen Betrieben ein Meister oder Geselle kümmert. Ich bekomme wieder Impulse dafür, dem Einzelnen im Gespräch Respekt und Vertrauen zu erweisen, das unverwechselbare Individuum in der Gruppe zu entdecken. Ich brauche Zeit, die habe ich in der 9. Klasse. Mein Schulleiter schafft es, dass ich nur 20 Schüler betreue. Ein bewegendes Erlebnis gibt es, als ein Junge mich besucht, der zum Ende der siebenten Klasse in ein Heim ging. Er kommt mit seiner Mutter, stottert nicht mehr, schaut mich beim Erzählen an. Er will sich bedanken. Für alles.

Sehr bedingt teamfähig ...

Auf einer Gesamtkonferenz referiert ein Herr vom Siemens-Ausbildungszentrum über das Anforderungsprofil von Azubis. Meine Schüler entsprechen diesem Profil in keiner Weise. Sie sind nur sehr bedingt teamfähig, da sie immer glauben, ihr hart erkämpftes Selbstwertgefühl verteidigen zu müssen. Eine grundsätzliche
Leistungsbereitschaft ist da, aber an Ausdauer und geistiger und sozialstrategischer Beweglichkeit mangelt es. Eine grundsätzliche Lebenstüchtigkeit müssen Eltern schaffen, die spezielle die Schule. Mit beidem ist es nicht sehr weit her. Ein Höhepunkt ist die Kanufahrt mit der Schulsozialarbeiterin. Sie ist für uns alle und besonders für einige aus meiner Gruppe eine feste Größe geworden. Sabine kann zuhören und hat Zeit – auch für mich. Einige Schüler sind nun auch im Schülerclub dabei. Im letzten Schuljahr haben wir wiederum relativ wenige Schüler und können passabel arbeiten. Wir machen wieder eine Kanutour, unsere Sozialpädagogin Sabine ist oft da. Wir haben nur noch eine Schwänzerin, sie ist neu. Im Dezember ist Weihnachtskonzert im Planetarium, die Übriggebliebenen geben denen die Schuld für das damalige Remmidemmi in der Siebenten, die nun nicht mehr dabei sind. Die Weihnachtsfeier läuft stimmungsvoll, die Jugendlichen haben ihre Gefühle kultiviert und können mit Abneigungen tolerant umgehen.

"Na, sie werden doch von unseren Steuergeldern bezahlt."

Nach viel Training schaffen wir ein weiteres Erlebnis im Frühling. Unsere Schüler seilen sich vom Rathaus des Bezirks  einem Hochhaus  ab. Das Motto "Lasst uns nicht hängen!" soll öffentlichkeitswirksam auf Lehrstellenprobleme verweisen, aber die Schüler sehen es mehr als persönliche Mutprobe. Die Sozialpädagogin und ein freier Träger ermöglichen die Aktion. Es gibt nun auch eine acht Meter hohe Kletterwand an der Schule. Die letzte Reise nach Italien ist dann wieder so, dass ich große Erwartungen reduzieren und auf die Erde kommen muss. Es gibt Alkoholprobleme und kleinere Vorfälle. Der Kommentar der Schüler: "Na, sie werden doch von unseren Steuergeldern bezahlt." Aus ihrer Sicht bin ich ein notwendiges Übel, das kleinere vielleicht, ein Lebensabschnittsbegleiter, der auch für seine gewisse Lästigkeit Geld bekommt. Am Ende machen wir die Abschlussfeier, ich erhalte ein Fotoalbum. Die meisten sind doch irgendwo untergekommen, einige rufen mich an, andere kommen mal in der Schule vorbei. Untereinander halten sie wenig Kontakt. Nur von einem Mädchen weiß ich nicht, welchen Weg sie einschlug. Es waren einmal 34 Schüler, die ich in dieser Gruppe mehr oder weniger lange erlebte. 17 davon beendeten die 10. Klasse bei uns." (Vgl. RAA (Hrsg.) 1996)

Was macht Schule-Halten so störanfällig?

Eine erhebliche Zahl der so verschiedenen Jungen und Mädchen entzieht den in sich kreisenden und verfangenen Institutionen  auch der Schule  die Geschäftsgrundlage und das Leben. Viele "Kinder der Freiheit" (U. Beck) rebellieren womöglich gegen erlebten Stumpfsinn und als sinnlos wahrgenommene Pflichten. Alle Bildungs- und Erziehungsansprüche, Lerninhalte und teilweise auch Verhaltensnormen von Schule lebten traditionell aus Verweisen auf das spätere Leben. Diese Vorbereitungsübungen im Trainingslager auf das Eigentliche, was noch kommt, nehmen Jugendliche nicht mehr hin. Lehrende wissen nicht mehr so recht, ob sie widerständiges Schülerhandeln als legitime Rebellion oder "einfach als frech oder als Milieuschädigung oder als berechtigten Ausdruck kindlicher Lebensfreude werten sollen." (Brater in Beck (Hrsg.) 1997, S. 157) Jugend existiert im Plural. Junge Menschen haben ein unbeschwertes, freundliches, gleichgültiges, hedonistisches, aggressives, verzweifeltes und verzagtes Gesicht. Ein Teil der Kinder und Jugendlichen kann relativ verantwortungs- und pflichtenfrei, durchaus verwöhnt, jenseits von Schule eine sorgenfreie Konsumexistenz, ein "Prinzenleben" (H. Giesecke) führen. Andere verfügen über geringere Spielräume.

Erschwerten Lagen an vielen Schulen

Was Jugendliche zu bewältigen haben, ist abhängig vom Alter und Geschlecht, Wohnort und sozialer Herkunft, Belastungen und Ressourcen in ihren direkten Umwelten. Die Anforderungen stammen aus dem innerschulischen genauso wie dem außerschulischen Bereich. Folgende Faktorenbündel dürften als externe Erklärungen für die erschwerten Lagen an vielen Schulen eine erhebliche Rolle spielen:

• Das eigendynamische und kräftige Neben- und Gegeneinander der einzelnen Sozialisationsfaktoren (Familie und Schule, Medien und Konsum, Gleichaltrige und Jugendkultur mit Lebensstilangeboten).

• Die Schwächung des Weltaneignungs- und Wissenstransfer-Monopols von Schule durch Medien; die durch Video-Clip-Kultur geprägten Wahrnehmungsund Verarbeitungsweisen; der Transport von Gewalt und Egoismus als Mittel zur Lösung von Konflikten; medial erzeugte Sensationserwartungen auch für das eigene Leben.

• Die frühen und permanenten Leistungsanforderungen, gebunden an die Aufweichung der Mittel-Zweck-Relation in der "Alles-besetzt"-Gesellschaft; die Ausschluss- statt Zuweisungsfunktion von Schule.

• Die Attraktionen neben Schule durch Freizeitindustrie; junge Menschen als umworbene, selbstbewusste Marktteilnehmer in der Konsumentenrolle, korrespondierend mit einem Hunger nach Sinnlichkeit, nach unmittelbarer Erfahrung in einer gesellschaftlichen Hochkonjunktur von "Erleben", Lust und Gehen lassen.

• Eine Schwächung der familialen Orientierungskräfte und Haltewirkungen  durch Trennungen, Entwertung elterlicher Lebensentwürfe, Existenzbedrohung und Arbeitslosigkeit, Konkurrenz-, Konsum- und Erlebnisdruck sowie generationsbezogene Grenzverwischung und Rollenunsicherheit mit besonderer Überforderung in Benachteiligungsmilieus und bei Alleinerziehenden, aber auch in aufstiegsorientierten Szenen.

• Materielle Armut und Armutsrisiken, das bedeutet auch eine Bedrohung "der Mitte" neben "Fürsorgefällen" als "Randphänomen".

• Soziale und kulturelle Verarmung an Eigentätigkeits- und Verantwortungserfahrungen, Zeit-, Zuwendungs- und Widerstandsarmut.

• Der Wegfall von Rollenautorität in der Gesellschaft, die Liberalisierung des Umgangs zwischen den Generationen in Koppelung an ständige Aushandlungszwänge und persönliche Wirkungskreation.

• Eine unterschwellige Abwehr- und Kampfbereitschaft durch die Zunahme von sozialen und kulturellen Spannungsfeldern; eine erhebliche Selbstbehauptungs- und Geltungskonkurrenz in der Gleichaltrigengruppe; der Druck zur Erarbeitung von Berechtigung und Dazugehören mit psychischen Kosten und Scheiternsgefahr.

Kinder und Jugendliche benötigen und zwar auch in der Schule  Achtung und Zuwendung, Reibung und Herausforderung in der Begegnung. Sie sind angewiesen auf Sicherheit, auch Flucht- und Rückzugsmöglichkeiten. Überall, wo junge Menschen zusammen sind, suchen sie informelle Kontaktgelegenheiten, nicht zuletzt zwecks Selbstdarstellung. Sie wollen neue Erfahrungen, auch, um sich selbst zu erproben und sich die Welt experimentell anzueignen. Sehnsüchte nach Wirksamkeit, Erfolgen und Anerkennung sind gekoppelt an reale Bedürfnisse, Verantwortung zu übernehmen, gebraucht zu werden, nützlich zu sein.

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