Kommunikative Zwischenwelten

Über deutsch-türkische Jugendliche im Internet
Jugend unter Globalisierungsgesichtspunkten zu betrachten, ist für die deutschsprachige Erziehungswissenschaft relativ neu. Zwar wird in den letzten Jahren zunehmend häufiger gefordert, Fragen von Bildung, Sozialisation und Erziehung stärker in der Globalisierungsperspektive zu diskutieren. Immer noch muss aber festgehalten werden, dass die Erziehungswissenschaft Jugend vor allem als nationale Kategorie versteht. Auf diese Weise geraten auch globale Ausdrucksformen von Jugend und Jugendkulturen kaum oder gar nicht in den Blick.
Im Zuge einer zunehmenden kulturellen Globalisierung entwickeln sich kommunikative Zwischenwelten von Migrantenjugendlichen im Internet. Sie bringen zum Ausdruck, wie die Suche nach Sinn und Identität in Zeiten dialektischer Globalisierungsprozesse auf jugendspezifische Weise bewältigt werden kann. Diesen Zusammenhang enstehen die sogenannten „Ethnoportale“ im Internet. Die Migrantenjugendlichen erschließen sich diese Internetportale als Teil einer neuen kommunikativen Zwischenwelt, um sie als wichtige Ressource für den eigenen Identitätsaufbau zu nutzen.
Neue Art von Möglichkeitsgefüge
Ein wichtiger Anhaltspunkt dafür, dass sich mit den Online-Kommunikationsforen von deutsch-türkischen Migrantenjugendlichen im Internet eine besondere kommunikative Zwischenwelt entwickelt, ist die Beobachtung, dass die Bedeutung der Kommunikationsinhalte nicht allein durch die Orientierung der Jugendlichen an der Herkunfts- oder Ankunftskultur verständlich wird. Vielmehr scheint der Kommunikationsraum Internet auch als eine neue Art von Möglichkeitsgefüge realisiert zu werden, um dort eigene, hybride Identitäten ausdrücken bzw. mit anderen, gleichgesinnten Jugendlichen aushandeln zu können. Das, was in der neueren Migrationsdebatte oft als typisch für die Identitätsentwicklung der zweiten und dritten Generation von in Deutschland lebenden Migranten bezeichnet wird, nämlich der gleichzeitige Bezug auf (mindestens) zwei kulturelle Kontexte, erfolgt heute auch über die medialen Welten des Internets. Dies kann sich für türkische Jugendliche etwa darin zeigen, dass sie erst mit Hilfe der – nicht auf das lokale Lebensumfeld beschränkten – Kommunikationsforen von vaybee.de oder bizimalem.de mit anderen jungen Türken gleichen Alters und der türkischen Kultur konkreter in Kontakt kommen. Im Hinblick auf Gespräche über Alltagserlebnisse oder das politische Geschehen fühlen sie sich dort meist wohler als in „deutschen“ Foren, weil sie in der Kommunikation mit anderen Türken der zweiten und dritten Migrantengeneration mit ihren Meinungen und Einschätzungen besser verstanden werden.

Ein wichtiger Grund ist dafür, dass in den Foren, die eigene ethnische Herkunft und oftmals gleichzeitige Zugehörigkeit zur Türkei und Deutschland nicht als erklärungsbedürftig empfunden wird. Auf der Suche nach Gleichgesinnten mit türkischer Herkunft in Deutschland und Personen mit ähnlichen Alltagserfahrungen erschließen sich viele türkische Jugendliche erst in den Ethnoportalen den Weg zur ihrer türkischen Teil- Identität, ohne jedoch – dies ist zu betonen – Abschied vom deutschen Zugehörigkeitskontext zu nehmen. Während für die deutsch-türkischen Jugendlichen der Besuch von deutschen Kommunikationsforen eher zweckorientierten Charakter hat – um z.B. Lösungen für ein Computerproblem zu erhalten –, werden türkische Foren mehr als jugendkulturelle Räume zur Selbsterfahrung und Auseinandersetzung mit anderen genutzt.
Kai-Uwe Hugger, Universität Bielefeld
Zur Person Jg. 1967, Dr. phil., wissenschaftlicher Assistent an der Fakultät für Pädagogik der Universität Bielefeld. Arbeitsschwerpunkte: Sozialisation und Neue Medien, Online-Communities, Professionalisierung und Verberuflichung der Medienpädagogik Jugendmedienforschung.

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Zusammengestellt: Sabine Schweder Fotos: DKJS Datum: 12.11.2006 © www.ganztaegig-lernen.de
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