Die Serviceagentur Berlin – engagiert und berührt
von Cornelia Alban
In 14 Bundesländern arbeiten sie emsig, sind Ansprechpartner für Schulen vor Ort, bilden Schnittstellen zum Programmangebot der Bund-Länder-Kommission, transferieren Wissen, kooperieren, vernetzen, beraten... und... und: die regionalen Serviceagenturen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Seit Oktober 2004 startet die Berliner Serviceagentur durch.
„Sie können gerne vorbeikommen, auch nach 18.00 Uhr“, beendet Charlotte von Wangenheim eines der vielen Telefonate an diesem Nachmittag. Dabei ist im Augenblick gar keine Telefonsprechstunde, die liegt zwischen 10.00 und 13.00 Uhr. Und da geht es „wirklich heiß her“, berichtet die 45-jährige Sozialpädagogin. Das glaubt man ihr sofort. Die Nachmittage sind Kooperationspartnern und konzeptionellem Arbeiten vorbehalten, „da es in den Schulen ab 16.00 Uhr ruhiger wird“. Service bedeutet für sie, sich am Stundenplan der Partner zu orientieren und das eigene Zeitbudget danach auszurichten.

Allein und gemeinsam
Heute Morgen betreute die Ein-Frau-Serviceagentur eine russische Delegation zum Thema Schulentwicklung in Berlin. Das ist zwar eigentlich nicht ihre Aufgabe, da „bin ich für einen Kollegen eingesprungen“. Aber das gehört dazu, denn die Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie Berlin, der regionale Partner der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, bietet der Einzelkämpferin Arbeitsplatz, Zusammenarbeit und Denkanstöße. Mit dem Team des BLK-Programmes „Lernen für den Ganztag“ und den Ansprechpartnern und Servicestellen für Schülervertretungen und Elternarbeit kooperiert und teilt sie das Büro. Hier tagt gerade eine Arbeitsgruppe zum Thema Schülerselbstverwaltung. Mit den Thermoskannen-Kaffeeresten der russischen Delegation weichen wir in ein anderes Büro aus.
„Der Bereich Schülerpartizipation wird noch wichtiger für meine Arbeit, weil ich nicht mehr ausschließlich von Grundschulen, sondern jetzt auch von Gesamtschulen angesprochen werde“, quittiert Charlotte von Wangenheim zwischen zwei Telefonaten den Umzug. Spannend und wichtig sind zentrale Adjektive in ihrem Vokabular, sie prägen ihren Arbeitsstil. Sei es die Übernahme eines Warming-ups für eine Veranstaltung in drei Tagen, Anregungen für Multiplikatoren oder Werkstätten: Ihre Antworten am Telefon verströmen Energie, Zuversicht und Hilfsbereitschaft.
Der Blick von außen und von innen
Gelernt genau hinzuschauen, hat sie bei der Jugendhilfe, der Migrationsarbeit, der gemeinwesenorientierten Stadtteilarbeit, der kulturellen Bildungsarbeit. „Das hilft, die Konflikte zwischen Lehrern und Erziehern zu verstehen.“ Das Profil der gebürtigen Göttingerin prädestiniert sie für den Schwerpunkt der Serviceagentur Berlin, die Migrationsarbeit. Dieser Schwerpunkt ergab sich aus der Zusammenarbeit mit gebundenen Ganztagsschulen in sozialen Brennpunkten der Stadt. Alle gebundenen Grundschulen zu besuchen, hatte sie sich zu Beginn ihrer Tätigkeit vorgenommen. Das hat sie noch nicht ganz geschafft, dafür vielfältige Bedarfe erfragt und beobachtet. Auch aus den Offenen Ganztagsschulen kommen immer mehr Anfragen an die Serviceagentur.
Bei dem beeindruckenden Arbeitspensum und –spektrum taucht unweigerlich die Frage nach Verstärkung auf. Als ideale Ergänzung wünscht sich Charlotte von Wangenheim einen Kollegen, der als Lehrer über den Blick von innen für Organisatorisches wie auch Fachorientiertes verfügt. Denn trotz aller guten Kontakte sind für sie die Lehrerinnen und Lehrer die am schwersten zu erreichende Zielgruppe. Mit ihnen möchte sie intensiver ins Gespräch kommen.
Auch beim Thema Öffentlichkeitsarbeit sieht die Alleinkämpferin noch Entwicklungsbedarf. „Da ist eine Menge zu machen“, stellt sie fest. Die Werbung nach außen in eigener Sache möchte sie noch professioneller gestalten und pflegen. Doch tolle Internetauftritte oder aufwendige E-Mails kommen nach ihren Erfahrungen in den Schulen weniger gut an als gezielt Faxe an das Schulsekretariat zu versenden, um Informationen und Angebote der Agentur publik zu machen. Hier ist eine geeignete Kommunikationsmixtur zu entwickeln. Und das kostet Zeit.
Öffnung in den Kiez und über Ländergrenzen
Die Hauptstadtfrage lässt eine weitere Locke in den Schopf der Serviceagenturlerin wachsen. „Lustig“, findet die bekennende Berlinerin Anfragen von süddeutschen Kollegen, die Berlin als Ansprechpartner für die „servicestellenlosen“ Länder, Bayern und Baden-Württemberg, orten. Sie berät auch diese, wie die Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bundesländern hat sie aber in erster Linie mit regionalspezifischen Problemen zu tun. In Berlin machen vor allem der Zusammenprall zweier verschiedener Schultraditionen – Ost und West – das Ineinandergreifen und Aneinanderreiben, den Charme und die Last der Hauptstadtbürde aus. Hier erscheint die Öffnung der Schulen in den Stadtteil, in den umgebenden Sozialraum hinein besonders wichtig. Sozialraumorientierung hält Charlotte von Wangenheim für einen vielversprechenden Ansatzpunkt, um Integration und Bildungschancen für alle Kinder voranzutreiben.
Neben dem starken regionalen Verbund, in dem die Serviceagentur eingebettet ist, hilft der Austausch und die Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen über regionale Grenzen und politische Empfindlichkeiten hinweg. Aus Brandenburg, Göttingen und Bremen rufen die Kollegen am heutigen Nachmittag an. „Gern auch nach 18.00 Uhr“, lautet der immer freundliche Verweis für Anliegen, die mehr Zeit brauchen. Dazu gehört auch die Vorbereitung von Veranstaltungen, die die Agentur regelmäßig organisiert. „Sicher interessant, für Sie zu erleben“, lautet die Einladung zum Werkstattdialog, der inhaltlich zu dem Berliner Schwerpunkt Einbeziehung von Eltern mit Migrationshintergrund passt:
Was heißt denn hier Kultur?
Ein grauer Novembertag in Mitte. Eingeladen zum interkulturellen Dialog über Kultur an Berliner Ganztagsschulen hatten die Serviceagentur und das Antirassistisch-Interkulturelle Informationszentrum e. V., einer der vielen Kooperationspartner der Agentur. Nach dem Hinweis „den Begriff Kultur richtig zu wenden und vorsichtig zu verwenden“, denn „Kultur sei auch Kampf um Bedeutung“, diskutierte die kleine Gruppe engagiert und heftig. Auf einmal konnte man spüren, wie brisant die Migrationsarbeit in Schulen ist. Denn Verständnis für andere Kulturen zu entwickeln, meint auch, dass Lehrer und Lehrerinnen, Erzieherinnen und Erzieher nicht enttäuscht sind, „wenn türkische Jungen und Mädchen statt Fladenbrot Nutellaschnitten beim gemeinsamen interkulturellen Frühstück auspacken“. „Bitte keine Klagekultur“, fordert Charlotte von Wangenheim vom Dialog um mehr Verständigung statt Ausgrenzung.
Wichtig sind diese kleinen und großen Runden der theoretischen und praktischen Rückbesinnung für Agentur und Partner, rücken sie doch gemeinsames Erleben verbindend und anderes Denken wegweisend über den eigenen Standort hinaus ins Bewusstsein.
Alltag, nicht alltäglich
Mehr als zwei Jahre Berliner Serviceagentur, gut das Doppelte an Amtszeit, die eine andere „Berlinerin“, Angela Merkel hinter sich gebracht hat, haben Spuren hinterlassen. Und so gibt es Standards, Routinen, Fortbildung, Evaluation, Qualitätsmanagement und Supervision, die zum Erfolg ihrer Arbeit beitragen. Das ist auch gut so, und trotzdem lässt sich der Alltag von Charlotte von Wangenheim auch nach 800 Berliner Servicetagen in keine Schablone pressen. Pfeiler der Arbeit der Berliner Agentur sind Einzelberatung, Prozessbegleitung von Schulen, individuelle Anfragen von Eltern, Kindern und Beteiligten: ob Gewalt, Rassismus oder die Frage nach der besten Ganztagsschule für das Kind oder dem Musterkooperationsvertrag für außerschulische Partner.
„Leuchtturmschulen? Das funktioniert einfach nicht, Schulen in dumme oder kluge zu unterteilen.“ Der couragierten Berlinerin bleibt weder die berühmte Berliner Luft weg noch erstickt sie vom Andrang der Fragen. „Ich bin keine schnelle Streitschlichterin oder jemand, der die Lösung aus dem Ordner zaubert. Ich stelle lieber Fragen, zeige das Repertoire auf und öffne Türen.“
Der zweite Eckpfeiler stemmt das große Thema Kooperation/Netzwerk auf und schon leuchten die Augen und das Blinksignal am Telefon auf. Ihr Anspruch geht nicht spektakulär in die Breite, lieber will sie öffnen, „wo ein Tor schon ein bisschen Durchlass gewährt“. Hier ist keine Panzerknackerbande am Werk, sondern eine starke Berlinerin, die das Metier und ihre Bündnispartner kennt, lieber gebündelt Bestehendes fortentwickelt und pragmatisch zu entscheiden weiß.
Zukunft, besser heute als morgen
Um diese Jahreszeit, am späten Nachmittag, beginnt das schönste Kontinuum in Berlins Mitte. Mit der Dämmerung kommt der Wechsel, die Pause zwischen den Tag- und Nachtarbeitern. Ein wenig davon ist auch in der Chausseestraße zu spüren. Zeit über die Projektterminierung des nächsten Jahres hinauszuschauen.
Wenn Sie einen Wunsch an die Senatsschulverwaltung frei hätten? „Bei Schulgesetzen, Richtlinien, Verordnungen wünschte ich mir, dass darüber nachgedacht wird, wie sie in die Schulen hineingebracht, umgesetzt, gelebt werden können.“ Und die Erwartungen an ihre Arbeit? „Synergien zwischen Projekten aufspüren, konsequente Partizipation aller Gruppen, Öffnung von Schulen, Schülerpartizipation, Kita- und Vorschularbeit. Und ganz wichtig für mich, über neue Armut nachzudenken, Kinderarmut, dicke Kinder, enttäuschte Kinder, ich sehe, spüre sie, wenn ich in die Schulen gehe.“ Diese Gedanken berühren und machen nachdenklich, auch nach 18.00 Uhr.
Autor: Cornelia Alban Datum: 15.11.2006 © www.ganztaegig-lernen.de
|