Forschendes Lernen in der Lernwerkstatt

von Dr. Hartmut Wedekind
Über die Bedeutung der Projektarbeit für das individuelle, interessengeleitete und selbstständige Lernen der Kinder haben viele Autoren und Autorinnen geschrieben. Stellvertretend seien hier nur genannt John Dewey, Herbert Gudjons, Dagmar Hänsel und Karl Frey. Kilpatrick, ein Schüler von Dewey beschrieb Projektunterricht mit folgender trefflichen Definition. „Projektunterricht ist planvolles Handeln von ganzem Herzen, das in einer sozialen Umwelt stattfindet.“ (Kilpatrick 1935, S.163)
Projektarbeit einmal anders beginnen – Die Wir-Werkstatt als geeignete Methode
„Planvolles Handeln“ beschreibt die Tätigkeit einer Gruppe oder einer Person, die sich ein Ziel gesetzt hat und dieses schrittweise zu erreichen sucht, antizipiert, verwirft und den Prozess des Tuns analysiert, um weiter das selbst gesteckte Ziel zu erreichen. „Von ganzem Herzen“ bedeutet, dass die am Projekt Beteiligten sich mit der Aufgabe identifizieren, mit Interesse, Engagement und großer Motivation dabei sind und auch Verantwortung für ihr Tun übernehmen. „In einer sozialen Umwelt“ findet die Projektarbeit statt, weil in der Regel durch die gemeinsame Arbeit und unter Beteiligung aller die Ziele erreicht werden. Sozial, beschreibt in diesem Fall Gemeinnützigkeit und schließt auch nicht Konflikte und unterschiedliche Vorstellungen vom Tun aus. Was es ausschließen sollte ist, dass Konflikte nicht gelöst werden und dadurch das gemeinsame Ziel nicht in der angestrebten Qualität erreicht werden kann. (vgl.Wedekind 1993, S.5)
Die Beteiligung aller an der Realisierung der gemeinsamen Ziele setzt aber die Bereitschaft und die Fähigkeit jedes Einzelnen voraus, mitzuarbeiten, mitzudenken, mitzureden, mitzuplanen, mitzuentscheiden und mitzugestalten (vgl. Brückner 2001). Auf der Suche nach einem methodischen Instrumentarium, das Partizipation und die Bedingungen für erfolgreiches Partizipieren noch stärker in der Projektarbeit berücksichtigt, die persönlichen Bedürfnisse und Interessen der Beteiligten und vor allem ihre Kompetenzen, die sie für die Arbeit im Projekt mitbringen, wertschätzen, fand ich die im Folgenden kurz beschriebene interessante Großgruppenmethode. Wertschätzung ist die Basis und zugleich Bedingung für die gemeinsame Arbeit mit dieser Methode. Wertschätzung und Würdigung des Einzelnen bewusst als Grundprinzip in die Projektarbeit zu integrieren, erweitert die ohnedies großartigen pädagogischen Möglichkeiten der Projektarbeit und führt dazu, dass jedes Kind sich entsprechend seiner Kompetenzen und Bedürfnisse intensiv an der Arbeit beteiligen kann.
Die Großgruppenmethode Appreciative Inquiry

Appreciative Inquiry (im Folgenden AI genannt) ist eine Methode und Philosophie, die in den USA um 1994 von David Cooperrider und Dana Withnay „erfunden“ worden ist und seitdem wie „keine andere methodische Innovation ... in den letzten Jahren die Disziplin der Organisationsentwicklung mehr geprägt“ und eine „nahezu explosionsartige Verbreitung gefunden“ hat. „AI ist eine Großgruppenmethode, deren Herzstück wertschätzende Interviews sind – eine Bewegung zu positiver Veränderung hin.“ (Bonsen zur, Matthias; Maleh, Carole, 2001, S.11)
Neu und ungewöhnlich zugleich ist an der Großgruppenmethode, dass ein einfaches Interviewinstrument entwickelt worden ist, das inzwischen sehr erfolgreich im Organisations- bzw. Unternehmenskontext eingesetzt wird. Im Gegensatz zu traditionellen Verfahrender Organisationsentwicklung, die einseitig von der Analyse von Problemen ausgehen, wird hier die Organisation/Gruppe nicht als defizitäres System betrachtet. Wertschätzung ist Grundprinzip der Methode. Durch diesen positiven Fokus entsteht eine wertschätzende Atmosphäre, wird der Aufbau von Abwehrroutinen vermieden und ein positives Innovationsklima entwickelt. Ins Deutsche könnte man AI mit „Wertschätzende Erkundung“ übersetzen oder auch „Erkunden und entwickeln des Positiven“.
Die Wir-Werkstatt

4-Phasen-Prozess der Moderationsmethode Appreciative Inquiry
1. Discovery: Erkunden, Verstehen, Wertschätzen 2. Dream: Visionieren 3. Design: Gestalten 4. Destiny/Delivery: Umsetzen, Verwirklichen
Verlaufsschema

Grundphilosophie

Wir stärken das, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Die Wir-Werkstatt als geeignete Methode Kinder forschen. Ausgehend von der AI-Methode wurde die Wir-Werkstatt entwickelt. Speziell für das Projekt „Kinder forschen“ wurde sie leicht modifiziert und umgeschrieben. Die erste Phase dient dazu sich besser kennenzulernen. In einem Partnerinterview erkunden die Kinder, wann und wo sie sich schon einmal richtig wohl gefühlt haben, was sie sich vom Projekt erhoffen und was sie gern im Projekt bearbeiten möchten. Weiterhin erkunden sie, was der Interviewpartner schon gut kann und vor allem weiß. Nachdem das Interview abgeschlossen ist und die Partner sich gegenseitig porträtiert haben, erfolgt die Vorstellung der erkundeten Informationen. Die Partner berichten vor der Gruppe, was sie gegenseitig erfahren haben. Das Prinzip Wertschätzung des anderen ist Grundlage dieser Phase.
In der zweiten Phase arbeiten die Kinder in Kleingruppen. Sie sprechen über das Projekt und überlegen, welche Kompetenzen sie besitzen, die zur erfolgreichen Durchführung des Projektes gebraucht werden könnten. Jedes Kind schreibt in ein Visualisierungselement (Juwel) seine Kompetenzen auf. Im Anschluss an die Gruppenarbeit werden die Kompetenzen der gesamten Klasse vorgetragen. Nachdem die Kompetenzen bekannt gemacht wurden, die in der gesamten Klasse vorhanden sind, beginnt die dritte Phase. In dieser Phase werden Ideen und Vorhaben benannt, die in der folgenden Realisierung des Projektes umgesetzt werden sollen. Diese Phase kann auf unterschiedliche Weise gestaltet werden. Entweder werden – wie in der Wir-Werkstatt vorgeschlagen – mit Hilfe einer Traumreise die Ideen entwickelt und in Traumfängern festgehalten oder es wird mit der Mindmap-Methode oder anderen Methoden der Ideensammlung gearbeitet. Sind die Ideen und Vorstellungen entwickelt und geordnet, entscheiden sich die Kinder für eine konkrete Arbeitsgruppe.
In vielen Wir-Werkstätten konnte dabei beobachtet werden, dass die Gruppenbildung sehr sachorientiert und weniger unter Berücksichtung von bestehenden Freundschaften oder Sympathien verläuft. Die Kinder bringen sich in die Arbeit mit ihren Kompetenzen und unter Beachtung ihrer Wünsche und Interessen ein. Die im Vorfeld erfolgte Wertschätzung jedes einzelnen Kindes trägt zu dieser selbstbewussten Entscheidungsfindung bei und ist zugleich auch Garant für Engagement und Identifikation mit der selbst gewählten Aufgabenstellung innerhalb des Projektes. Aus Platzgründen beende ich hier die Kurzbeschreibung der Methode Wir-Werkstatt.
Zusammenfassend

... sei hier nur angemerkt, dass die Methode vielfältige Potenzen für die Entwicklung von Selbstbewusstsein und Ich-Stärkung besitzt und dazu beiträgt, neben der Realisierung der Projektvorhaben, ein Gemeinschafts-Bewusstsein zu entwickeln, welches verdeutlicht, dass die Leistung einer Gemeinschaft sich aus den Stärken jedes einzelnen Mitgliedes der Gemeinschaft ergibt. Je besser die unterschiedlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten jedes Kindes in die Realisierung der gemeinsamen Vorhaben einfließen, umso erfolgreicher kann ihr Vorhaben insgesamt umgesetzt werden.
Im Folgenden werden die ersten Seiten der Wir-Werkstatt vorgestellt. Insbesondere bei der Durchführung von Projekten kann mit diesen Seiten begonnen werden. Die Bearbeitung trägt dazu bei, dass eine wertschätzende Atmosphäre entsteht und Kinder die Möglichkeit haben, ihre Kompetenzen bezüglich des Projektthemas zu artikulieren.

Dr. Hartmut Wedekind ist Dozent für Allgemeine Grundschulpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin und hat an seinem Institut die Grundschulwerkstatt eingerichtet.
Die Broschüre „Eine Wir-Werkstatt“ kann unter www.dkhw.de oder beim Friedrich-Verlag unter der Bestell-Nr. 92015 bezogen werden.
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Zusammengestellt: Sabine Schweder Fotos: Schweder Datum: 17.12.2006 © www.ganztaegig-lernen.de
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