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Vom Brückenbau zwischen Museen und Schulen

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Erfahrungen mit dem Berliner Themenatelier

von Peter Winkels

Bücken baut man, um Gräben zu überwinden. Zwischen schulischen und außerschulischen Trägern kultureller Bildung hat sich seit den Siebzigerjahren ein tiefer Graben aufgetan. Die Bemühungen zur qualitativen Verbesserung der Schulen durch den Ausbau von Ganztagsschulen können helfen, diesen Graben nachhaltig zu überwinden. Beide Bereiche der kulturellen Bildung können von Kooperationen im Bereich der Ganztagsschulen profitieren. Die Begleitung des Themenateliers in Berlin brachte eine Reihe von Einsichten in Chancen und Risiken dieses Kooperationsprozesses – und einige Erkenntnisse über die Tragfähigkeit verschiedener Brückenkonstruktionen.

Fünf Ganztagsschulen – darunter eine Schule des Sekundarbereichs –und vier Kulturinstitutionen beteiligten sich am Berliner Themenatelier. Gemeinsam diskutierte man, ergänzend zur Durchführung der Projekte, vier Themenfelder, die aus den bisherigen Erfahrungen der Teilnehmer als besonders konfliktgeladen galten: Finanzierung, Struktur, Qualität und öffentliche Wirkung. Vor allem strukturelle Konflikte waren es, die die Arbeit im Themenatelier offenlegte. Und deshalb soll von diesen in erster Linie die Rede sein. Besonders hilfreich für die Herausarbeitung struktureller Probleme war die Vielfalt der verschiedenen Kooperationsträger.

Das MACHmit! Museum für Kinder im Prenzlauer Berg arbeitete mit der benachbarten Grundschule am Kollwitzplatz zusammen. Der alte Kräutergarten der St. Elias Kirche, in der sich das Museum befindet, stand im Zentrum eines stadtökologischen und raumplanerischen Projekts, das sich an den Vorgaben des Wahlpflichtunterrichts der fünften und sechsten Klassen in Berlin orientierte. Der Verein Kommunikation durch Kunst, von zwei Künstlerinnen gegründet, kooperierte mit zwei Grundschulen. Das erste Projekt – „Rundherum Arbeit!“ – mit der  Jens- Nydahl- Grundschule ist ein künstlerisches Rechercheprojekt.Die Schule hat durch eine Vielzahl von Kooperationen mit außerschulischen Partnern ein nachbarschaftsorientiertes Netzwerk geschaffen, das eine umfassende Bildungsarbeit über den Schulunterricht hinaus gewährleisten kann. Nach Aussagen der Direktorin kommen fast 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler aus Familien, die von sozialen Leistungen abhängig sind. Für die meisten Kinder gehört das Berufsleben nicht mehr zur Alltagserfahrung. Im Projekt erkundeten die Schülerinnen und Schüler durch selbst geführte Interviews mit Gemüseverkäufern, Polizisten, Reiseverkehrskaufleuten, Modedesignern u. v. a. die Arbeitswelt rund um das Kottbusser Tor in Kreuzberg.

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Die Interviews wurden von professionellen Filmemachern dokumentiert und von den Schülern präsentiert.
Das zweite Projekt führte der Verein in der Lemgo-Grundschule in der Nachbarschaft der Jens-Nydahl-Grundschule durch. Hier wurde die Theaterarbeit zweier Lehrerinnen mit bildkünstlerischen Mitteln unterstützt. Parallel zu den Proben der Theater AG bot eine Künstlerin des Vereins einen Bühnenbild-Workshop an. Das Jugendkunstzentrum Atrium unterhält seit Jahren eine enge Partnerschaft zur benachbarten, kunstbetonten Bettina-von-Arnim Gesamtschule. Mitarbeiter des Atrium sind zum Teil zugleich Lehrer der Schule – eine erprobte Kooperation, die sich das ambitionierte Ziel gesetzt hatte, eine Foto-Porträt-Reihe aller Schüler und deren Familien durchzuführen.

Größter außerschulischer Partner war das Ethnologische Museum in Berlin-Dahlem, welches als Mentorenprojekt ausgewählt worden war. Man wagte sich hier auf konzeptionelles Neuland. Gemeinsam mit dem Musiker Derya Takkali und seiner Band lud man Schülerinnen und Schüler der Neuköllner Hermann-Boddin-Grundschule zu einem besonderen musikethnologischen Projekt ein. Die Band des deutsch-türkischen Musikers übernahm die Proben einer Perkussionsgruppe der Schule, der „Boddin Beatz“. Band und Schülerensemble waren Bestandteil der Aktivitäten des Museums rund um die Fußballweltmeisterschaft. Sie arbeiteten auf einen gemeinsamen Auftritt im Museum hin. Besuche in der musikethnologischen Abteilung des Museums sollten die interkulturellen Erfahrungen der Schüler ergänzen.

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Für das Museum war die Kooperation mit einer Neuköllner Schule aus dem multiethnisch geprägten „Rollberg-Kiez“ besonders attraktiv. Man versucht, durch diese und ähnliche Kooperationen genau dort Wirkung zu entfalten, wo verschiedene Migrantengruppen das Berliner Stadtleben prägen. Dieses Bemühen ist zum einen Strategie zur Neupositionierung des Museums, zum anderen ist es auch im Zusammenhang mit der Diskussion über die Neubewertung ethnologischer Sammlungen, fern von Exotismus und kolonialer Sammlerleidenschaft, zu sehen. Die Sammlungen werden durch die multiethnische Realität der Stadt, in der sie gezeigt werden, in einen neuen Kontext gebracht.

Hier ist die Zusammenarbeit mit Schulen in von Migration geprägten Stadtteilen besonders wichtig: Den Schülerinnen und Schülern wird die hohe Wertigkeit, die fremden Kulturen durch die Sammlung ihrer Artefakte zukommt, verdeutlicht: Ein Aspekt der noch wichtiger erscheint als die Begegnung einzelner Schülerinnen und Schüler mit traditionellen kulturellen Leistungen ihrer Ursprungsländer, bzw. der ihrer Eltern. Das Museum hatte zu Beginn Probleme, den geeigneten Partner zu finden, und das Projekt stand deshalb unter großem Zeitdruck. Hinzu kommt, dass – wie alle anderen außerschulischen Partner des Berliner Themenateliers – auch das dem Verbund der Staatlichen Museen zugehörige Ethnologische Museum auf zusätzliche Projektgelder angewiesen ist, um neue Kooperationsformen zu entwickeln. Die Personalstruktur ist auf klassische museumspädagogische Arbeit ausgerichtet; für zusätzliches Personal müssen Projektgelder von außen akquiriert werden. In diesem Fall half neben der großen Erfahrung des Museums und der betreuenden Lehrerin im mühevollen Geschäft des Lobbying und Antragsschreibens auch die Bedeutung und Größe der Institution.

Das Mentorenprojekt des Ethnologischen Museums und der Hermann-Boddin-Grundschule zeichnete sich vor allem durch eine klar umrissene Projektstruktur aus:

• Es gab einen eindeutigen Arbeitsauftrag, nämlich den gemeinsamen Auftritt mit der Band als Teil der Konzertreihe „welt.meister“ des Museums zur Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Band und Schüler waren Partner bei einem Event, mit dem das Museum neue Besuchergruppen erschließen und sich für diese öffnen wollte.

• Es gab eine Zeitstruktur, die sich an den Erfordernissen des Projekts orientierte: Die Schule schaffte Raum für zusätzliche Proben über den Unterricht hinaus und machte einen Auftritt beim Berliner „Karneval der Kulturen“ als öffentliche Generalprobe möglich. Da nicht alle Musiker der Band an allen Proben beteiligt sein konnten, wurden die einzelnen Arbeitsschritte zwischen den Künstlern und der Lehrerin im Detail abgesprochen. So konnten einige Proben auch im Rahmen des regulären Musikunterrichts stattfinden.

• Es gab eine genau definierte Aufgabenverteilung. Das Museum übernahm die Projektleitung, kümmerte sich um die finanzielle Abwicklung, die Öffentlichkeitsarbeit und die Logistik des Abschlusskonzertes und bot mit seiner Sammlung Hintergrundmaterial für das Projekt. Die Schule stellte Schüler und Lehrer für Auftritte, Museumsbesuche und Proben frei, die Musiklehrerin übernahm zusätzliche Proben in Absprache mit der Band und half bei der Antragstellung für zusätzliche Mittel. Die Band schließlich entwickelte das musikalische Konzept für den Gastauftritt der Schülerinnen und Schüler.

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Die Projektstruktur zeigt ein interessantes Vermittlungsdreieck:

• Das Museum als projekterfahrener Veranstalter, zugleich als Verwalter eines Bildungsschatzes, für den neue Besucherschichten gesucht werden.
• Die Schule auf der Suche nach kultureller Bildung für Schülerinnen und Schüler, die durch traditionelle Bildungskonzepte nur noch schwer erreichbar sind.
• Die Künstler, die als Experten und Vorbilder die Schülerinnen und Schüler auf ihrem Weg begleiten und die künstlerische Qualität des Ergebnisses sichern.

Prinzipiell findet sich diese Struktur in vielen Projekten des Themenateliers wieder. Interessant war die Beobachtung, dass überall dort, wo ein Teil des Dreiecks seine Funktion nicht voll erfüllen konnte, sei es aus finanziellen, zeitlichen oder konzeptionellen Gründen, Qualitätsabstriche beim Projektergebnis festzustellen waren. So reichte in einem Fall der Projektetat nicht aus, um geeignete Künstler oder andere Experten für die Vermittlungsarbeit zu gewinnen. In einem anderen Fall fehlte die klare Aufgabenverteilung zwischen den Projektbeteiligten. Überall dort, wo Aufgabenverteilung, Zeitstruktur und Arbeitsauftrag zwischen den Beteiligten präzise definiert waren, konnten Krisen während des Projekts gemeistert, Arbeitsausfälle und Terminprobleme aufgefangen werden und die angestrebten Ziele erreicht werden.

Dabei entwickelte sich das Mentorenprojekt der Hermann-Boddin-Grundschule und des Ethnologischen Museums zu einer Zugmaschine für das Berliner Themenatelier. Die Aussicht, im Rahmen eines größeren Ereignisses Projektergebnisse außerhalb der Schule präsentieren zu können – in diesem Fall der Konzertreihe „welt.meister“ im Ethnologischen Museum -, setzte bei fast allen anderen Vorhaben zusätzliche Energien frei. So konnte das Museum neben dem Auftritt der Band noch den Raum für eine kleine mehrwöchige Ausstellung der Resultate aus den anderen Projekte bieten. Außerdem wurde das Projekt „Street Kicker“ aus dem Hamburger Theateratelier – eine Kooperation der Förderschule Bindfeldweg mit den Tänzern und Choreografen Lutz Mauk und Claudia Hammerer – zum Konzert und zur Eröffnung eingeladen.

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Der Zugewinn an öffentlicher Aufmerksamkeit und Kompetenz bei der Umsetzung größerer Events ist nur ein Vorteil der Kooperation größerer Kultureinrichtungen mit Schulen. Ein anderer Vorteil liegt in der Bindungskraft, die große Institutionen entfalten können. Sie gewinnen Künstler für Vorhaben, die von Schulen oder kleineren Partnern nicht angesprochen würden. Sie binden Schulen durch den Zugewinn an Prestige, den Kooperation hervorruft. Und sie können Projekte in eine längerfristige Strategie zur Umsetzung eigener Bildungsziele einbinden. Sieht man sich die verschiedenen Brückenmodelle an, die im Berliner Themenatelier zwischen außerschulischer und schulischer kultureller Bildung vorzufinden waren, dann wird vor allem die Bedeutung des letzten Aspektes – der eigenen Bildungsziele der außerschulischen Partner – klarer.

• Über die „Erlebnisbrücke“ machen sich Schulen auf den Weg ins Museum, weil sie ihren Lehrern und Schülern eine Ausnahmesituation bieten wollen, ein besonderes Erlebnis als unterstützende Maßnahme, um den Horizont der Schule räumlich und thematisch zu erweitern. Das Ereignis steht hier im Vordergrund. Das kann der obligatorische Museumsbesuch anlässlich eines Wandertages sein oder die gemeinsame künstlerische Aktion, wie im Falle des „Boddin Beatz“-Projekts.

• Die „Ergänzungsbrücke“ betreten Schulen dann, wenn es darum geht, den schulischen Unterricht mit ergänzenden, zusätzlichen Bildungsinhalten anzureichern. Das kann die Erweiterung des Kunstunterrichts durch Museumsbesuche sein, oder die Zusammenarbeit mit professionellen zeitgenössischen Künstlern. Das Museum mit wissenschaftlichen, künstlerischen und (im Falle von Museen zeitgenössischer Kunst oder Jugendkunstzentren) kreativen Potenzialen bietet den Ganztagsschulen ein breites Angebot. Das Kräutergarten- Projekt des MACHmit! Museums ist ein Beispiel für eine solche Ergänzung, die gerade im Wahlpflichtunterricht Wirkung entfalten kann.

• Die „Ersatzbrücke“ sei hier als Notbehelf erwähnt. Über sie wird ausfallender Kunst- oder Musikunterricht mit dem Einsatz von Künstlerinnen und Künstlern und der Kooperation mit außerschulischen Partnern kompensiert. Zwar verfügen Künstler und Museen über wichtige Kompetenzen, aber die notwendige Wissensvermittlung kann nicht vollständig durch Museumsbesuche und Projektarbeit abgedeckt werden. Darüber hinaus laufen Künstler, die über diese Brücke gehen, Gefahr im Schulalltag absorbiert zu werden.

• Die „Anderswobrücke“ führt an einen dritten Bildungsort neben Schule und Elternhaus. Ein Ort, an dem man Dinge erleben, lernen und begreifen kann, die anderswo nicht vorhanden sind. Hier kommen Schule und Museum mit jeweils eigenen Bildungskonzepten zusammen. Dazu ist es erforderlich, dass die Museen selbst definieren, was ihre Bildungsinhalte und Bildungsziele sind, um auch neue Zielgruppen zu erschließen, aber auch um dem schulischen Bildungsbegriff einen alternativen gegenüberzustellen. Die Erfahrung der Kontemplation, des freien Assoziierens, der Kreativität, der Wertschätzung des Originalen, des Fremden und des Abseitigen sind nur einige der Bildungsinhalte, die vor allem in der Kompetenz der Museen liegen. Damit eine solche Brücke entstehen kann, ist der Ausbau von Kooperationsprojekten zwischen Schulen und Museen wichtig. Über gemeinsame Projektarbeit kann gegenseitige Achtung der jeweiligen Bildungsziele und Bildungskompetenzen wachsen.

Peter Winkels

Serviceunternehmen
Next- Interkulturelle Projekte
Henrike Grohs und Peter Winkels GbR
Kulturmanagement

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Zusammengestellt: Sabine Schweder
Fotos: Schweder
Datum: 3. 01. 2007
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