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Brückenbauer auf dem Weg in die Zukunft!

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Die Serviceagentur «Ganztägig Lernen» Sachsen-Anhalt.

Dank SPIEGEL und anderen überregionalen Medien weiß man in Deutschland: In Sachsen-Anhalt gibt es richtige Problemschulen. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit, denn man findet dort zum Beispiel auch viele gute Ganztagsschulen. Seit 2005 arbeitet in Magdeburg die Regionale Serviceagentur „Ganztägig lernen“, die Schulen dabei hilft, Perspektiven für ihre Zukunft zu entwickeln, und die auch vor den Problemschulen nicht halt macht. Das ist zwar nicht ganz so spektakulär, wirkt aber dafür umso nachhaltiger. Ein Porträt von Christine Plaß.

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Leiterin der Regionalen Serviceagentur in Sachsen-Anhalt: Slylvia Ruge

Wenn man sie nach dem schönsten Erlebnis bei ihrer Arbeit fragt, müssen Brigitte Wischeropp und Kerstin Krekow nicht lange nachdenken. Die beiden sind jeweils mit der Hälfte ihrer Arbeitszeit Mitarbeiterinnen der Regionalen Serviceagentur Sachsen-Anhalt und mit der anderen Hälfte Lehrerinnen an der Karl-Marx-Schule Gardelegen und an der Johannes-Gutenberg-Schule Wolmirstedt. Die Karl-Marx-Schule Gardelegen gehörte zu einer der Schulen, über deren unhaltbare Zustände sogar in überregionalen Zeitungen berichtet wurde. Als der Ort des Schreckens daraufhin auf den Ganztagsbetrieb umstellte, war schnell klar, dass das allein nicht ausreichen würde, damit aus der Problemschule geprägt von Gewalt, Vandalismus, Gleichgültigkeit und Unzufriedenheit eine angesehene Bildungseinrichtung wird. Da kam die Schule auf die Idee, mit Hilfe der Serviceagentur eine Zukunftswerkstatt zu organisieren. Bei dieser Methode überlegen Schüler/innen, Eltern, Pädagog/innen und kommunale Vertreter gemeinsam, wie man die Schule so gestalten kann, dass sie Freude statt Verdruss macht. Klar, dass man dafür mehr als ein paar Stunden Zeit braucht und sich am besten außerhalb der alltäglichen Gegebenheiten auf die Reise in die Zukunft macht. Außerdem sind für eine Zukunftswerkstatt große Räume wichtig! Deshalb ist Sylvia Ruge von der Serviceagentur zum Bürgermeister gegangen. «Ich möchte, dass Sie uns einladen, und ich möchte, dass sie mitmachen», hat sie gesagt. Und das hat er dann auch gemacht

Vom Problemfall zur Sieben-Sterne Schule

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Von dem Netzwerk an Unterstützung – Mitarbeiterin der Serviceagentur, Kerstin Krekow mit dem Bürgermeister

Zehn Schüler/innen, sechs Lehrer/innen, der Schulleiter, die pädagogische Mitarbeiterin, der Sozialarbeiter, der Bürgermeister, die Gleichstellungsbeauftragte, der Vorsitzende des Kreiselternrats, der Elternsprecher, die Vorsitzende des Jugendzentrums Gardelegen e.V. kamen zusammen, um mit zwei jugendlichen Moderatoren von der Servicestelle Jugendbeteiligung in Halle, einer Designerin aus Magdeburg, Sylvia Ruge von der Serviceagentur „Ganztägig Lernen“ Sachsen-Anhalt und Moderatorin Julia Wendenkampf vom BUND Landesverband Sachsen-Anhalt Visionen für ihre Schule zu entwickeln. Dabei mussten sie sich allerdings als erstes mit der Realität konfrontieren. Vandalismus, Dreck, Lärm, schlechte Lernmittel, Frontalunterricht, Bürokratie, ein unruhiger Schulalltag. Die Liste der Kritikpunkte war lang. Wir sind abgestempelt, war das Gefühl, das die meisten Schülerinnen und Schüler der Karl-Marx-Schule in Gardelegen hatten. Negativ-Schlagzeilen in der Presse verstärkten die Perspektivlosigkeit. Klugerweise hatten die Schüler/innen auch einen Vertreter der Presse zur Zukunftswerkstatt eingeladen. In zwei Tagen erarbeiteten alle Teilnehmer Vorstellungen darüber, wie die Schule aussehen sollte, von der Planung eines Schülercafes, der Gestaltung von Klassenräumen bis hin zu einem Schulfest. Am nächsten Tag stand ein ganzseitiger Bericht über „Die Zukunft der Sieben-Sterne-Schule» in der örtlichen Zeitung. Aber auch in der Schule machten sich die ersten Entwicklungen schon kurze Zeit später bemerkbar, so wurde unter anderem eine alte Werkstatt ausgeräumt und ein Schülercafé errichtet.

Von dem Netzwerk an Unterstützung, das die «Außerschulischen» wie der Bürgermeister oder die Gleichstellungsbeauftragte mitbrachten, profitiert die Schule heute noch. So wird gerade ein Schulförderverein gegründet und demnächst ein Schüleraustausch über das Programm „Sokrates“ und mit der polnischen Partnerstadt auf den Weg gebracht. Für die beteiligten Schüler war die Zukunftswerkstatt eine einschneidende Erfahrung. Kerstin Krekow erzählt, dass ihr hinterher einige berichteten: «Ich habe mich getraut, was zu sagen. Ich wusste gar nicht, dass ich frei sprechen kann». Auch die erwachsenen Teilnehmer konnten etwas erleben: «Es geht einem das Herz über, wenn man sieht, wie Schüler und Lehrer gemeinsam lachen und an Dingen basteln“, schwärmt Sylvia Ruge.

Sehnsucht nach Verlässlichkeit

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Engagement für bessere Bildung ist in ganz Sachsen-Anhalt zu finden. „Es sind ganz viele Schulen, die etwas tun wollen“, hat Brigitte Wischeropp erfahren. Sie und ihre Kolleginnen in der Serviceagentur nehmen ein großes Interesse an der Frage wahr, wie Unterricht anders gehen kann. Viel wurde schon auf den Weg gebracht, so viel, dass sich manche Schulen inzwischen wieder nach mehr Ruhe sehnen, nach zuverlässigen Rahmenbedingungen, nach Strukturen, die langfristige Planungen ermöglichen. „Das wird aber erst in fünf Jahren der Fall sein“, vermutet Sylvia Ruge. Noch bringen immer wieder neue Vorschriften und Beschlüsse Unruhe in die Schule. Und noch herrscht Aufbruchstimmung. «Lehrerinnen und Lehrer machen die Erfahrung: Die Kinder brauchen eine veränderte Unterrichtskultur, und wir brauchen sie auch», berichtet die Lehrerin Brigitte Wischeropp.

Zurzeit hat Sachsen-Anhalt rund 100 Ganztagsschulen, vier davon gebunden, Tendenz steigend. „Viele Schulen befinden sich am Anfang und wählen meist die offene Form mit dem Ziel, irgendwann die gebundene Form zu erreichen», erklärt Kerstin Krekow.

Motor für Ganztagsschulen

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Mitarbeiterin der Serviceagentur: Brigitte Wischeroop

Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass die Serviceagentur bei der Schulentwicklung unterstützt: «Wir haben eine ziemlich gute Lobby in den Schulen», meint Sylvia Ruge. «Wir gelten als Ansprechpartner, die fachlich überzeugen, partnerschaftlich arbeiten und denen man vertrauen kann.» Ruge war die erste, die im März 2005 das Unterstützungssystem für Ganztagsschulen in Sachsen-Anhalt aufbaute. Im September 2005 kam die beratende Lehrerin Brigitte Wischeropp dazu. Kerstin Krekow ist seit September 2006 in der gleichen Funktion dabei. Höhepunkt und idealer Einstieg für die „Neuen“ war der jährlich im September stattfindende Ganztagsschulkongress in Berlin.

Von Anfang an hat Brigitte Wischeropp den Aufbau und die Betreuung des Netzwerks der Grundschulen Nord übernommen, das fach- und jahrgangsübergreifend arbeitet. Es sind 13 Schulen, die sich austauschen, andere Schulen besuchen und inzwischen ganz konkrete Vorstelllungen haben, was sie bei sich ändern wollen. „Die Schulen gucken sich das ab, was für ihre Schule am günstigsten ist, und versuchen das dann auch in Angriff zu nehmen.“ Wischeropp ist überzeugt: „Die praktische Anschauung ist am Allerbesten.“ Dabei legt die Serviceagentur aber auch viel Wert darauf, dass die theoretische Fundierung nicht zu kurz kommt.

Dafür stehen der Serviceagentur kompetente Partner zur Verfügung. Renate Girmes, Professorin für Erziehungswissenschaft und Didaktik an der Uni Magdeburg, ist eine wichtige Impulsgeberin. Auch über die Landesgrenzen hinaus gibt es enge Beziehungen und einen regen Austausch, beispielsweise mit der Serviceagentur Thüringen. Sehr geschätzt wird die fachliche Unterstützung der Werkstätten im Programm «Ideen für mehr! Ganztägig lernen.». Vor Ort sorgt die enge Anbindung an andere Vereine und Institutionen im Eine-Welt-Haus, wo die Serviceagentur ihre Räume hat, für Austausch und Informationsgewinn. Und – last but not least – ist einer der wichtigsten Partner die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS). So entstand die Serviceagentur aus einer Kooperation der DKJS mit der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e.V. (AGSA), die schon vor dem Ganztagsschulprogramm als Trägerin der DKJS-Regionalstelle vor Ort präsent war.

Für den Ganztagsschulverband Sachsen-Anhalt wäre die Schullandschaft ohne die Serviceagentur eine traurige Angelegenheit. Ihr Vorsitzender Helmut Thiel stellt fest: «Es ist unheimlich angenehm, wenn man so einen dynamischen Partner hat». Ganztagsschulen, davon ist er überzeugt, brauchen Unterstützung von außen und Lehrerinnen und Lehrer müssen selbst erst einmal lernen, im Team zu arbeiten. In der Serviceagentur, mit der der Ganztagsschulverband gemeinsame Kongresse und Fortbildungen veranstaltet, hat er einen Partner gefunden, der auch dann noch weiter arbeitet, wenn andere längst die Aktenordner zugeklappt haben. «Der Motor der Agentur ist Frau Ruge. Ich habe selten einen so klugen und vitalen Menschen kennen gelernt», schwärmt Thiel und erzählt wie er als Schulleiter der Ganztagsschule Johannes-Gutenberg-Sekundarschule von Sylvia Ruge beim Aufbau einer Schulpartnerschaft unterstützt wurde, die weite Kreise gezogen hat.

Dabei will Ruge durchaus nicht alles selbst machen. «Wir haben von Anfang an bedacht, wie wir mit wenig Ressourcen möglichst viel schaffen können», stellt sie klar. Als tragfähig haben sich Regionale Netzwerke erwiesen, in denen Schulen sich gegenseitig unterstützen und zu Akteuren ihrer Entwicklung werden. Der Gedanke, dass Ruge dabei irgendwann womöglich nicht mehr gebraucht werden könnte, lässt ihr kein graues Haar wachsen. Strukturen zu schaffen, die sich langfristig auch ohne die Agentur weiter entwickeln, war immer ihr Ziel.

Brückenbauer zwischen Schule und Arbeitswelt

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Für die Zukunft steht der Ausbau von Kooperationen auf dem Programm. „Wir haben uns im ersten Jahr viel mit Lern- und Lehrkonzepten beschäftigt, sind in den Unterricht hineingegangen und haben den erst einmal zu verändern versucht. 2007 wollen wir verstärkt nach außen gehen und mit Kooperationspartnern zusammenarbeiten», erklärt Ruge. Dabei liegt der ausgebildeten Kulturwissenschaftlerin besonders die kulturelle Bildung am Herzen. Schulen wüssten noch viel zu wenig, welche Möglichkeiten sie haben. So werde der Förderfonds Kultur in Schule und Verein  noch zu wenig genutzt. In Zukunft möchte die Serviceagentur Studenten dafür gewinnen, ein Konzept für Schulen zu entwickeln, wie sie mit Hilfe von Trägern diese Mittel sinnvoll einsetzen können. «Kulturelle Bildung ist Persönlichkeitsentwicklung, das ist das A und O», ist Ruge überzeugt. Dabei kennt sie viele Träger und Institutionen im Land aus eigener Berufserfahrung in der Erwachsenenbildung und in Jugendprojekten. Aber auch in der technischen und naturwissenschaftliche Bildung sieht die Leiterin der Serviceagentur viel Potenzial: «Sachsen-Anhalt ist das Land des Maschinenbaus. Hier gibt es Regionen, die noch gut funktionieren, wo Firmen florieren, aber auf Dauer kaputt gehen, wenn sie keinen qualifizierten Nachwuchs bekommen.» Deshalb setzt sie sich dafür ein, Brücken zwischen Schüler/innen und Firmen zu bauen.

Mit Schülerunternehmen für Schulentwicklung sorgen

Was liegt näher, als das über Schülerunternehmen zu gestalten? Am liebsten würde Ruge gleich mehrere technologieorientierte Schülerfirmen auf den Weg bringen. Zum ehemaligen Chemiestandort Bitterfeld, wo heute innovative Firmen angesiedelt sind, hat sie den Besuch von Schülern aus Schülerfirmen organisiert. Anderen Schülern, die selbst als Marketingleiter ihres Schülerunternehmens wirken, ermöglichte sie Einblicke in die Marketingkonzeptentwicklung der Schnapsbrennerei Abtshof in Magdeburg.

Das Bewusstsein von Lehrer/innen für Schülerunternehmen würde Ruge mancherorts auch ganz gern noch erweitern. Letztens lag ihr ein Antrag auf Förderung einer Schülerfirma auf dem Tisch, bei dem den Antragstellern entging, dass das Programm SCHÜLER UNTERNEHMEN WAS und nicht „Lehrerunternehmen» heißt. Anstatt den Antrag einfach abzulehnen, setzte sich Ruge mit den Verantwortlichen zusammen und überlegte mit ihnen gemeinsam, welche Fortbildungen sie brauchen, um Schülerunternehmen als Bestandteil von Schulentwicklung zu begreifen. «Das soll nicht nur eine Wirtschafts-AG sein», ist Ruge wichtig. Sie rät, Schülerfirmen verstärkt für die Ganztagsentwicklung zu nutzen, da dort Jahrgangs übergreifend, Team orientiert und selbstständig gelernt wird. Fast so wie in einer Zukunftswerkstatt.

Autorin: Christine Plaß
Fotos: Wolfgang J. Schreiter, Christine Plaß
Datum: 29.01.2007

 



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