Bewegte Schule

- ein integrativer Ansatz für die ganze Schule den ganzen Tag von Prof. Dr. Ralf Laging
Die Bewegte Schule ist seit etwa 10 bis 15 Jahren in Deutschland ein Ansatz, um mehr Bewegung in den Schulalltag zu bringen. Er geht zurück auf Initiativen aus der Schweiz (Illi u.a. seit Anfang der 1980er Jahre), die die bewegungsarme Schule und insbesondere das viel zu lange Sitzen kritisiert haben. Die Bewegte Schule versteht, unabhängig von Unterschieden in den einzelnen Konzepten, Bewegung als grundlegendes und integratives Moment von Unterrichten, Lernen und Leben in der Schule.
Schule ist ein Bewegungsraum, der Bewegung verlangt und der über Bewegung Gestalt bekommt. Schließlich stellt sich in einer bewegten Schule aber auch die Frage, wie bewegt eigentlich das Kollegium ist: Ist das Lehrerzimmer bewegungsfreundlich eingerichtet, bewegen sich die Lehrerinnen und Lehrer selbst genug und wie engagieren sich die Lehrenden für mehr Bewegung in der Schule? Wie muss sich nun eine Schule umgestalten, um zu einer ganztägigen bewegten Schule zu werden?
Hierzu sollen im Folgenden acht Bausteine vorgestellt werden. Die Priorität einzelner Bausteine, die Reihenfolge und die Umsetzungschancen sind von Schule zu Schule sehr unterschiedlich. Einige Bausteine sind vielleicht schon gut entwickelt, andere müssen begonnen oder neu belebt werden (vgl. das Themenheft der Zeitschrift sportpädagogik, Heft 2/2001).
1. Baustein: Bewegungsanlässe schaffen
Dieser Baustein spielt darauf an, dass Räume und Dinge so etwas wie einen Appell- Charakter haben, sie fordern Kinder auf, sich zu bewegen. In diesem Sinne geht es darum, das Schulgelände daraufhin durchzusehen, wo und mit welchen Geräten, Materialien und Einrichtungen Gelegenheiten zum Sich-Bewegen geschaffen werden können. Solche Bewegungsanlässe können z.B. sein:
• Körbe und Tore für Zielschuss- und Wurfspiele bzw. Ziele für Wurfgelegenheiten • Natürliche Geländeformen und -ausstattungen für Bewegungsaktivitäten zum Klettern, Rennen oder Versteckspielen • Balancierbalken, Trecker- und LKW-Reifen, bewegliche Balken, Bretter und Holzkisten u.a. • Rollgeräte für Asphaltflächen • Sand- und Erdflächen als Gelegenheiten für Murmelspiele oder Spiele mit natürlichen Materialien • Bäume als Male oder Markierungen für Fang- und Nachlaufspiele …
Anregungen können über selbst erstellte Spielebücher gegeben werden. Über eine Spielgeräteausleihe oder eine Klassenspielkiste in Schülerselbstverwaltung lassen sich bewegliche Kleingeräte und Materialien bereitstellen.
2. Baustein: Schulhof als Bewegungs- und Ruheraum

Neben der Einrichtung von zahlreichen informellen Bewegungsanlässen lassen sich mehr oder weniger klar strukturierte und funktional ausgewiesene Flächen auf dem Schulhof einrichten, die für Ballspiele, Kommunikation, Hüpf-, Fang- und Nachlaufspiele, Ruhe, Bewegungskünste wie Einradfahren und Jonglieren u.v.m. geeignet sind. Dabei sollen diese Funktionsflächen nach natürlichen Gegebenheiten oder künstlichen Ordnungen gegliedert sein. Unterschiedliche Bodenflächen, verschiedene Begrenzungen und Ausstattungen können diese Funktionsflächen bestimmen; so können sich Rasen, Asphalt, Sand, Erde, Mulch oder Pflastersteine abwechseln sowie Büsche, Bäume, Wälle, Hügel, Zäune u.a. die Bereiche begrenzen und Wege die Bereiche verbinden. Als Grundsatz sollte jedoch beachtet werden, dass vor jeder Möblierung von Flächen die Gestaltung des Bewegungsraumes dahingehend zu prüfen ist, ob nicht durch geringfügige Veränderungen an der Raumstruktur ein auffordernder Charakter zum Sich-Bewegen hergestellt werden kann.
3. Baustein: Bewegungsraum Schulgebäude

Eine bewegte Schulkultur kann nicht nur draußen auf dem Schulhof stattfinden. Auch das Schulgebäude wird zu einem Bewegungsraum. Beispielsweise kann dort, wo es der Platz zulässt oder die Prioritätensetzung im Sinne von mehr Bewegung erfolgt, ein Klassenraum zu einem Bewegungsraum ausgebaut werden. Die Einrichtung solcher Räume kann nach dem Prinzip der Bewegungsbaustelle (Miedzinski, 2000) mit Brettern, Würfeln Quadern, Strickleitern und Drehscheiben oder mit festen Installationen zum Klettern, Rutschen und Springen erfolgen. Im Schulhaus können auch Tischtennisplatten, Billardtische oder Fitnessgeräte aufgestellt werden, die nach vereinbarten Regeln genutzt werden dürfen. Aber nicht nur diese funktionsspezifischen Räume können das Schulhaus für mehr Bewegung öffnen, sondern auch die Gestaltung der Flure oder Foren zu Wandelhallen, in denen sich Kinder bewegen und aufhalten, andere treffen, Ruhe finden, Lerngelegenheiten aus Natur, Technik und Gesellschaft nutzen oder Geschicklichkeitsübungen durch vorhandene Kleingeräte (Jonglieren, kleine Wurfspiele) oder eine Kletterwand ausführen, tragen zu einem bewegungsaktiven Schulhaus bei.
4. Baustein: Bewegtes Lernen und Unterrichten
Das kognitive Lernen muss nicht immer im Sitzen stattfinden. Schulen oder einzelne Lehrerinnen und Lehrer, die ihren Unterricht für ein sinnerschließendes Lernen mit Bezug auf die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen öffnen, können die Bewegung in ihren Unterricht einbeziehen. Der Klassenraum enthält dann verschiedene Lernecken, Materialregale, einen Leseteppich, Spielnischen, Regale mit Lernhilfen usw. Die Kinder sind allein schon durch die Gestaltung des Klassenraumes als Lernlandschaft und/oder durch ein Stationenlernen auf Bewegung angewiesen. Viele Arbeiten aus den unterschiedlichen Lernbereichen wie Sprache, Natur und Technik, Gesellschaft, Ästhetik lassen sich durch ein bewegtes Be-Greifen besser leiblich durchdringen und das Wissen auch zu einem Körperwissen transformieren. Praktiziert werden vielfach auch so genannte Bewegungspausen, die den Unterricht mit gezielten Bewegungsübungen zur Wiederherstellung der Konzentrationsfähigkeit unterbrechen.
5. Baustein: Bewegtes Sitzen
Der herkömmliche Unterricht geht wie selbstverständlich davon aus, dass man am besten im Stillsitzen auf klassischen Stühlen lernt. Mittlerweile hat sich aber die Erfahrung herumgesprochen, dass man auch im Liegen lesen, manche Dinge besser im Stehen tun und ein häufiger Wechsel der Sitz- und Halteposition hilfreich sein kann. Dazu hilft es, das Sitzmobiliar flexibel zu halten und unterschiedliche Sitzgelegenheiten zu bieten: Bälle, Quader, Halbwalzen, Stehsitze usw. Das aktivdynamische Sitzen führt zu einem steten Belastungswechsel und damit zu einer natürlichen Beanspruchung des Halteapparats sowie zur Vitalisierung des Lernens. Beispiele gibt es dazu mittlerweile genug.
6. Baustein: Bewegter Schultag

Der Schultag gliedert sich klassisch in 45 Minuten-Einheiten und berücksichtigt nicht den rhythmischen Wechsel von Bewegung und Ruhe. Ein bewegter Schulalltag lässt sich aber nur realisieren, wenn der Ablauf rhythmisiert wird. So gibt es Schulen , die mit einer Gleitzeit beginnen, in der die Kinder Unterschiedliches tun können. Sie haben die Möglichkeit, Aufgaben zu bearbeiten oder mit anderen zu spielen, im Raum umherzugehen, sich zu unterhalten, Ruhe oder Bewegung zu suchen. Es folgt ein erster Unterrichtsblock, der sehr unterschiedliche Anforderungen erfüllen soll: konzentriertes und bewegtes Arbeiten im Wechsel, Individualisierung und Gemeinsamkeit, Bearbeitung im Frontalunterricht und in differenzierten Gruppen usw. Es schließt sich eine Frühstückspause mit ausgedehnter Bewegungs- und Spielpause bis zu 45 Minuten an. Im zweiten Unterrichtsblock wird stärker projektbezogen und in Vorhaben gearbeitet – eine Unterrichtsform, die ohnehin bewegt ist. Nach der Mittagspause von etwa 60 Minuten folgt an gebundenen Ganztagsschulen eine weitere Lernzeit bestehend aus Fachunterricht und Bewegungsangeboten sowie AGs (an offenen Ganztagsschulen eine Angebots- und Betreuungszeit).
7. Baustein: Bewegungsangebote, Spielfeste und Öffnung von Schule
Mit Blick auf den außerschulischen Differenzierungsprozess von Sport- und Bewegungsaktivitäten lassen sich AGs anbieten, in denen die Kinder ihren Interessen folgend Bewegung wahrnehmen können (z.B. Ballspiele, Abenteuerturnen, Basketball, Zirkuskünste, Ringen und Raufen u.a.). Darüber hinaus können Schulsport- und Bewegungsfeste als schulische und auch schulübergreifende Veranstaltungen im Sinne der Öffnung von Schule mit klassischen Wettkämpfen oder auch als Spiel- und Bewegungsfeste mit gemeinsamen Spielen, Geschicklichkeitsübungen, Jonglieren oder Streetballspiele oder auch Tanzaufführungen u.v.m. organisiert werden.
8. Baustein: Bewegter Sportunterricht
Sportunterricht wird in einer bewegungsaktiven Schule als Auseinandersetzung mit bewegungsthematischen Situationen verstanden. Die Aufgaben thematisieren zunächst keine sportlichen Techniken, sondern bestimmte Bewegungsabsichten, deren Realisierung zwar Techniken erfordern, die jedoch eine Folge von Bewegungsabsichten sind. So geht es beim Bewegungsfeld Turnen zum Beispiel um die Erschließung der Bewegungsabsicht „Springen“, was bedeutet, das Bewegungsproblem des Abhebens vom Boden, des Fliegens und beispielsweise des stützenden Überquerens eines Gerätes in Erfahrung zu bringen, zu variieren, zu differenzieren und eine eigene Lösung zu suchen. Ein bewegter Sportunterricht ist an der Selbstaktivierung der Lernenden orientiert, Eigeninitiative und Selbsttätigkeit sind gefragt und sollen den Unterricht durchziehen. Ein erfahrungsorientiertes Lernen ist einer durchgreifenden Belehrung vorzuziehen. Gut geeignet sind auch so genannte Wunschsportstunden, in denen die Lernenden die Initiative übernehmen. Hier zeigen sich zwischen dem Pflichtunterricht und den außerunterrichtlichen Aktivitäten durchaus wechselseitige Ergänzungen oder Erweiterungen.
Bewegungsalltag fördern
Die Bausteine sollen – nach und nach entwickelt – einen Beitrag zur Verbesserung eines bewegungsaktiven Lebensstils leisten, so wie dies mittlerweile aus den empirischen Studien zum Bewegungsumfang von Kindern gefordert wird. Diese Ergebnisse zeigen, dass wir den lebensweltlichen Alltag von Kindern stärkerreflektieren und herausfordernde Räume für Bewegungsaktivitäten eröffnen müssen. Der Blick muss auf die Räume in der Schule, auf die Wege zwischen Schule und Wohnung und auf das Wohnumfeld selbst gelenkt werden. Daher bieten sich vor allem in der Ganztagsschule integrative Konzepte an, die Bewegung zum Alltag werden lassen, auf dem Schulhof, auf Erkundungsgängen, im Unterricht, in der Freizeitgestaltung und in Sport- und Spielaktivitäten. Dabei müssen die selbstorganisierten informellen Bewegungsmöglichkeiten mehr gestärkt werden. Kinder und Jugendliche müssen lernen, sich Räume aktiv bewegungsorientiert zu erschließen; dafür brauchen sie Gelegenheiten – auch in der Schule – Schule ist nicht nur eine Lern- und Lebensraum, sondern auch und vor allem ein Bewegungsraum.

Prof. Dr. Ralf Laging Barfüßerstr. 1 Zi 02-014 Tel.: 28-23758; Fax: 28-23899 E-Mail
Sprechstunde: Dienstags, 11-12.30 Uhr Donnerstags, 13-14.00 Uhr (während des Semesters)
Arbeitsschwerpunkte:
- Bewegungspädagogik/Bewegungsdidaktik - Bewegte Schule - Ganztagsschule - Spiel- und Bewegungsräume von Kindern - Bewegungsbezogene Schulforschung - Pädagogische Bewegungslehre - Grundthemen des Bewegens
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Zusammengestellt: Schweder Fotos: Schöttke Datum: 9.02.2007 © www.ganztaegig-lernen.de
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