Initiative "Eigenverantwortliche Schule" in Niedersachsen

Seit den großen Untersuchungen ist deutlich: Auch in Niedersachsen ist die Schule nicht gut genug, um für junge Menschen der richtige Schlüssel zur Welt zu sein. Darum ist Niedersachsen bestrebt, die Qualität der Schulen zu verbessern.
Bisher wurden dazu u. a. organisatorische Voraussetzungen geschaffen, neue Grundsatzerlasse für die Schulformen erarbeitet und zentrale Abschlussprüfungen sowie Standards als Zielmarken der Arbeit in der Schule eingeführt. Jetzt geht es um die Qualitätssteigerung in Schule und Unterricht. In der Gewissheit, dass Kinder und Jugendliche ihr Leben selbst in die Hand nehmen wollen, Lehrerinnen und Lehrer ihre Arbeit selbst verantworten wollen, Eigenverantwortung Kreativität weckt und Leistung fördert, dies für Einzelne wie auch für Institutionen gilt, Schule sich entwickeln muss, um ihre Qualität zu verbessern und sie ihre Ergebnisse und Erfolge verantworten und nachweisen kann, sollen künftig alle Schulen ihre Qualität in eigener Verantwortung entwickeln können.
Auf Eigenverantwortung setzen
Deshalb setzt Niedersachsen auf die Eigenverantwortung von Schulen als Basis einer neuen Steuerung des Schulwesens. Die zweite Säule ist die künftige Schulinspektion, die nach festgelegten Kriterien und nach einem transparenten Verfahren die Schule als Ganzes von außen in den Blick nimmt und ihr Rückmeldung über die festgestellten Stärken und über die Bereiche gibt, die noch verbesserungsbedürftig sind. Zur neuen Steuerung gehört schließlich, dass mit der Auflösung der Bezirksregierungen die Schulaufsicht in Niedersachsen neu geordnet und in diesem Zusammenhang auch das Unterstützungssystem neu konzipiert wird.
Durch Erweiterung der Gestaltungsspielräume, die Gestaltung klarer Verantwortlichkeitsstrukturen und eine angemessene Unterstützung sollen Eigenverantwortliche Schulen zukünftig besser in der Lage sein, die Qualität des Unterrichts und der schulischen Arbeit eigenverantwortlich und nachhaltig zu verbessern, insbesondere mit den Zielen: die Verantwortung für die individuelle Lernentwicklung und die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler wahrzunehmen, das selbstständige Lernen und eigenverantwortliche Handeln der Schülerinnen und Schüler zu fördern, die Qualität und die Quote der Abschlüsse zu steigern, die Wiederholer- und Abbrecherquoten zu senken, dazu vor allem die Qualität der Arbeit der Lehrkräfte zu verbessern und damit die Zufriedenheit aller an Schule Beteiligten zu erhöhen.
Lernde Organisation

Zu den grundlegenden konzeptionellen Überlegungen zur Eigenverantwortlichen Schule gehört ihre Entwicklung zu einer Lernenden Organisation. Eine Lernende Organisation wird von der Erkenntnis ihrer Mitglieder getragen, dass sie ihren Erfolg nachhaltig nur dann steigern kann, wenn jedes ihrer Mitglieder als Einzelperson und alle gemeinsam als Gesamtheit ständig dazu lernen, alle Maßnahmen, Aktivitäten und Prozesse ständig verbessern wollen und dabei alle relevanten Aspekte von Qualität berücksichtigen. Dazu gehören: das vorbildliche Führungshandeln der Schulleitung, die Beteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Personalentwicklung, der gewissenhafte Umgang mit Partnern und Ressourcen, die Orientierung an den Schüler/innen, ihren Eltern und an den Abnehmern in Betrieben, Unternehmen und Einrichtungen, die Ergebnisorientierung hinsichtlich der Abschlüsse und Qualifikationen, die Festlegung lang- und kurzfristiger Ziele, die Orientierung an den schulischen Prozessen in Unterricht und Organisation und die ständige Optimierung des Bildungs- und Erziehungsprozesses
Basis aller Aktivitäten der lernenden Schule ist ein gemeinsames Qualitätsverständnis, wie es der Orientierungsrahmen "Schulqualität in Niedersachsen" vermittelt. Ihre Arbeitsweise ist durch einen kontinuierlichen Qualitätsentwicklungsprozess charakterisiert.
Eigenverantwortliche Schule

Der Begriff der „Eigenverantwortung“ zielt auf die aktuelle, nicht nur das deutsche Schulsystem in hohem Maße prägende Dezentralisierungstendenz als politisch gewollte Verlagerung von Kompetenzen auf untere Ebenen. Das funktionale Äquivalent dieser Zurücknahme staatlicher Regelungsmacht ist die Verstärkung aller Formen der Evaluation als Prozess der Bestandsaufnahme, Analyse und Bewertung schulischer Arbeit. Der in diesem Rahmen vollzogene Wandel von einer Kontext- und Prozess zu einer Wirkungsorientierung geht derzeit einher mit einer Ausweitung vor allem externer Evaluationsmaßnahmen, z. B. in Form zentral gestellter und ausgewerteter Tests und Prüfungen im Verlauf und zum Abschluss von Schullaufbahnen. Dies ist eine staatliche Reaktion auf lokal gewählte autonome Lösungswege, um die Vergleichbarkeit in einem ohnehin föderalen System zu gewährleisten. Eigenverantwortung und Evaluation stehen als Elemente der aktuellen Schulentwicklung im Spannungsfeld von Freiheit und Kontrolle.
In diesem Kontext bewegt sich das deutsche Schulsystem eher unsicher und tastend. In anderen Ländern ist man bei der Gestaltung dieses Spannungsverhältnisses erheblich weiter, so z. B. in England, Frankreich und den Niederlanden. Auf deren Erfahrungen im Umgang mit Schulprogrammen im Kontext der länderspezifischen Gesamtkonzepte zur Qualitätsentwicklung und -sicherung möchte ich kurz verweisen und diese im Rückbezug auf die deutsche Situation zur Diskussion stellen. Zentrales Merkmal der englischen Bildungsverwaltung ist nach dem Bildungsreformgesetz von 1988 die Umverteilung von Kompetenzen der Zentralregierung, der lokalen Bildungsbehörden, Schulträger, Schulen und der Eltern, denen durch das so genannte „Open Enrolement“ die freie Schulwahl ermöglicht wurde.
Bei ihrer Entscheidung für eine Schule können sich Eltern an regelmäßig veröffentlichten Prüfungsergebnissen orientieren. Dies führt zusammen mit der Pro-Kopf-Finanzierung der Schulen zu einem gewollten scharfen Wettbewerb nach marktähnlichen Prinzipien, so dass sich Schulen – wollen sie bestehen – eigenverantwortlich um die Kontrolle und Verbesserung ihres Niveaus kümmern müssen. Eine erhebliche Einschränkung schulischer Eigenverantwortung bewirkte auf der anderen Seite die Einführung eines nationalen Curriculums mit darin formulierten Die Ergebnisse der vor einiger Zeit durchgeführten TIMSS-Studie zur Beurteilung der mathematisch-naturwissenschaftlichenLeistungen von Schülern im internationalen Vergleich haben gerade im Zusammenhang mit der Schulstrukturdebatte so manchen Bildungspolitiker aus dem Tiefschlaf aufgeschreckt.

Mindestanforderungen an Lernziele und deren Erreichung werden durch ein landesweit einheitliches Test- und Prüfungssystem während und am Ende der Schulkarriere kontrolliert. Kontext-, Prozess- und Wirkungssteuerung wurden somit gleichermaßen verstärkter externer Kontrolle mittels direkter bildungsadministrativer Aufsicht sowie weitgehend sich selbst steuernder, aber dennoch verordneter Marktkräfte unterstellt. Da vor allem diese marktähnlichen Prinzipien schnell in die Kritik gerieten, bemüht man sich inzwischen um eine Korrektur des Systems: durch die Mitteilung so genannter „Valueadded“- Informationen zur Berechnung des Lernfortschritts anhand von Testergebnissen sowie durch „Benchmark“-Informationen, die den Vergleich von unter ähnlichen Umständen arbeitenden Schulen ermöglichen. Auf der Grundlage dieser Rückmeldungen zum aktuellen Leistungsstand in verschiedenen Reports müssen Schulen in Form eines „Target-Setting“ Ziele zur Qualitätsverbesserung formulieren und diese jeweils nach zwei Jahren mit dem tatsächlich erreichten Leistungsstand öffentlich vergleichen. Die Prüfungs- und Testergebnisse selbst und das „Target-Setting“ als schulischer Umgang mit den Ergebnissen sind neben der Analyse von z. B. Unterrichtsmethoden oder des Schulklimas zudem Gegenstand regelmäßiger Schulinspektionen.

Isabell van Ackeren, Jahrgang 1974, Dr. phil., ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe "Bildungsforschung/Bildungsplanung" an der Universität Duisburg-Essen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Schulleistungsvergleiche und Qualitätsentwürfe im internationalen Vergleich, Indikatorenforschung sowie Kooperationsprojekte zwischen Schule und Wissenschaft.
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Datum: 02.03.2007 © www.ganztaegig-lernen.de
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