Mit geschärftem Blick für Ganztagsschulen

– Porträt der Serviceagentur Hessen
Hessen will Ganztagsschulen im ganzen Land. Deshalb hat die Regierung ein Programm eingerichtet, das in die Fläche wirkt. «Ganztagsschule nach Maß» soll dafür sorgen, dass in Zukunft jeder Schüler und jede Schülerin eine Schule mit Ganztagsangebot in erreichbarer Nähe findet. Gut erreichbar ist bereits jetzt die Serviceagentur «Ganztägig Lernen» in Hessen. Nicht nur, weil sie gleich an zwei Standorten in Frankfurt und Kassel berät, sondern vor allem deshalb, weil sie dort ansetzt, wo Schulen Unterstützung brauchen.
Ein Porträt von Christine Plaß
Heute ist ein besonderer Tag für die Hessische Serviceagentur «Ganztägig lernen», sie hat zur jährlichen Auftaktveranstaltung 63 Schulen eingeladen, die im nächsten Jahr die pädagogische Mittagsbetreuung aufnehmen werden. Rund 100 Schulleiter/innen und Lehrer/innen sind gekommen. Mittagsbetreuung, das heißt: An mindestens drei Tagen in der Woche steht Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung und ein pädagogisches Angebot bis 14.30 Uhr oder länger bereit.

Schon mal klasse
Das alles zu organisieren, ist auch Aufgabe von Peter Schwärzel, Schulleiter einer Grundschule. Wie die anderen, die nach Frankfurt zur Auftaktveranstaltung gekommen sind, hat er gerade ein Referat von Wolfgang Vogelsaenger gehört, der selbst Schulleiter ist und zum Team der Werkstatt «Unterricht und Förderkonzepte» im Programm «Ideen für mehr! Ganztägig lernen.» gehört. Am Beispiel der Georg-Christoph-Lichtenberg Gesamtschule in Göttingen erklärte er, was eine gute Ganztagsschule ausmacht. «Die ist zwar überhaupt nicht vergleichbar mit meiner Schule, aber ich konnte trotzdem viel mitnehmen», freut sich Schwärzel. «Ausgesprochen praxisorientiert», beschreibt er den Vortrag und meint: «Das fand ich schon mal klasse.» Er fühlt sich von seinem Schulamt hervorragend unterstützt, kann aber noch Informationen gebrauchen. Heute Nachmittag will er sich über Organisation und rechtliche Grundlagen informieren. Es ist der meist besuchte Workshop des Tages; die Verantwortlichen in den Schulen haben viele Fragen. Im Workshop «Partizipation in der Grundschule» ermutigt Achim Kessemeier die Kollegen, Schüler/innen mitbestimmen zu lassen. «Kinder entwickeln dabei ein Bewusstsein dafür, dass sie wichtig sind», hat Kessemeier erfahren. Kolleg/innen von ihm sind bereit, andere Grundschulen bei der Entwicklung von bewährten Partizipationsmethoden zu beraten. Großen Anklang findet auch die Publikation «Partizipation in der Grundschule», die die Serviceagentur Hessen gemeinsam mit den Schulämtern Kassel und Frankfurt und der Grundschule Fuldatal-Simmershausen herausgegeben hat. Konkret sind darin Mitmachprojekte, Ideenwerkstatt und Mediation für Kinder beschrieben, Kontaktadressen und Hinweise auf Fortbildungen zusammengetragen.
Künftige Kooperationspartner wie der Hessische Musikschulverband und die Hessische Sportjugend haben im Gang ihre Stände aufgebaut, um mit den Verantwortlichen in den Schulen ins Gespräch zu kommen. Mit dabei ist auch Abena Bernasko, die Beauftragte für Elternpartizipation. Sie ist engagiert in der kulturellen Elternarbeit, einem Schwerpunkt, den die Serviceagentur Hessen weiter ausbauen will. Denn Partizipation ist mittlerweile unverzichtbarer Bestandteil des Arbeitsalltags der Serviceagenturmitarbeiter/innen. Bereits im letzten Jahr arbeitete eine Jugendliche in der Serviceagentur, in diesem Jahr werden sich zwei Schülerinnen die Stelle teilen. Sie entwickeln Angebote für Kinder und Jugendliche und helfen dabei, sie zu realisieren. Ihr wichtigstes Mittel ist die Mobile Zukunftswerkstatt (MOBIZ), die Schüler/innen und Lehrer/innen dabei unterstützt, gemeinsam Visionen für ihre Schule zu entwickeln und Ideen in die Tat umzusetzen. Als Kreisschülersprecherin und Landesschulsprecherin sind beide aktiv in der Schülerarbeit und bringen dort ihre Begeisterung für Ganztagsschulen ein, so vertreten sie den Ganztagsschulschwerpunkt auf dem Schülerkongress.
Wo bitte geht‘s zur nächsten Ganztagsschule?

«Unser Kerngeschäft ist die Schulberatung», erklärt Stephanie Welke, Mitarbeiterin der Serviceagentur in Frankfurt. Selten steht ihr Telefon still. Eltern fragen: Wo ist die nächste Ganztagsschule? Schulleiter, die Probleme mit dem Kollegium haben, bitten um eine Beratung, Umweltverbände und andere potenzielle Kooperationspartner suchen Kontakt zu Ganztagsschulen.
Menschen zusammenzubringen gehört zu Stephanie Welkes Stärken. Sie hat eine Zusatzqualifikation als Fachwirtin für soziale Dienstleistungen und war lange in der freien Kinder- und Jugendarbeit tätig. Bevor sie zur Serviceagentur kam, kümmerte sie sich darum, Jugendhilfe und Schule in einem Stadtteil Frankfurts zusammenzubringen. «Beide Institutionen arbeiteten mit derselben Zielgruppe, aber nicht miteinander», beschreibt sie die Ausgangssituation. Inzwischen hat sich ein reger Austausch entwickelt, kommt das Projekt auch ohne ihre Hilfe aus: «Das hat sich gut entwickelt und verstetigt», erklärt Welke.
Mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, bei der Welke angestellt ist, arbeitet die Serviceagentur Hessen in vielerlei Hinsicht zusammen; eins der aktuellen Projekte ist o.camp, ein gemeinsames Programm der DKJS und des Hessischen Kultusministeriums für Jugendliche, die in der 8. Klasse versetzungsgefährdet sind. In den Osterferien sollen an 3 Standorten Intensivunterricht in Mathe, Englisch und Deutsch und die Vermittlung von allgemeinen Lernstrategien und Methodentrainings dazu beitragen, dass weniger Schüler/innen ohne Abschluss die Schule verlassen. Auch der Austausch mit den Serviceagenturen Ganztägig lernen in den anderen Ländern ist Welke wichtig: «Es ist immer wieder schön zu sehen, dass wir alle an einem Strang ziehen», erzählt sie. Die unterschiedlichen Bedingungen in den einzelnen Ländern erschweren zwar den Vergleich und das Übernehmen bewährter Mittel aus anderen Ländern, trotzdem haben sie sich einiges abgucken können. Von den Brandenburgern beispielsweise haben die Hessen das Konzept der Referenzschulen übernommen. Es unterstützt Schulen, die andere Schulen beraten. Mit der Serviceagentur in Rheinland-Pfalz arbeitet Hessen im Partizipationsschwerpunkt eng zusammen, beide orientieren sich an dem in Rheinland-Pfalz entwickelten Angebotskatalog.

«Insgesamt herrscht in der ‚Ganztagsschulbewegung‘ Aufbruchstimmung. Was mir an der Arbeit am meisten gefällt, ist, dass wir es mit Menschen zu tun haben, die etwas verändern wollen», freut sich Welke. In den zwei Jahren, in denen die Serviceagentur Schulen berät, haben die vier Mitarbeiterinnen die vielfältigen Sorgen und Nöte, Chancen und Bedürfnisse von Ganztagsschulen in Hessen kennen gelernt. «Wir sind angesiedelt zwischen Kultusministerium und Schulen», erklärt Stephanie Welke. Mit fundierten Angeboten und Besuchen vor Ort hat die Serviceagentur Vertrauen geschaffen. Bereits jetzt qualifiziert die Agentur außerschulische Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen in den Schulamtsbezirken, eine Arbeit, die noch verstärkt werden soll. Die Schulen haben die Serviceagentur als Organisation kennen gelernt, die sie unterstützt und ihnen nicht zusätzlich Arbeit macht.
Für jeden Schüler eine erreichbare Ganztagsschule

In Hessen haben die politisch Verantwortlichen entschieden, mit dem Ganztagsschulangebot in die Fläche zu gehen. Möglichst viele Schulen sollen mit der pädagogischen Mittagsbetreuung den Schritt hin zur Ganztagsschule machen. Hessens Ministerpräsident Roland Koch möchte, dass es bis 2015 an allen Schulen ganztägige Angebote gibt. Zurzeit sind es 470 von rund 2000 Schulen in ganz Hessen, die über den Vormittag hinausgehen, darunter 35 offene und 40 gebundene Ganztagsschulen. «Etwa Dreiviertel der Schulen mit pädagogischer Mittagsbetreuung wollen mehr als das anbieten», schätzt Welke.
Hessen ist ein Land mit großen regionalen Unterschieden. Die Situation von Schulen in den Ballungszentren im Rhein-Main-Gebiet, in Frankfurt, Darmstadt oder Wiesbaden ist mit der in ländlichen Gebieten kaum vergleichbar. Ist in den Städten vor allem die Integration von Migranten eine Herausforderung, so mangelt es auf dem Land zuweilen an Kooperationspartnern. In einigen Gebieten fahren die Busse so ungünstig, dass die Kinder und Jugendlichen damit nicht mehr nach Hause kommen, wenn sie bis zum Nachmittag bleiben.
Mit geschärftem Blick auf Schulen

«Klein anfangen und nicht aufgeben», rät Cornelia Lehr. Sie arbeitet als beratende Lehrerin in der Serviceagentur und war von Anfang an dabei. Außerdem ist sie mit einer halben Stelle an einer Integrierten Gesamtschule beschäftigt. Ihre Kollegin Barbara Zeizinger antwortet auf die Frage, welche Botschaft sie Schulen vermittelt: «Die Vision nicht verlieren und das Selbstbewusstsein haben, sich Hilfe zu holen». Sie ist seit 1975 im Schuldienst und bringt viel Erfahrung in Schulentwicklung mit. Zeizinger schätzt an der Arbeit in der Serviceagentur besonders, dass sie dabei viele Menschen kennen lernt, die einen Blick von außen auf Schule haben. Das hat auch ihren eigenen geschärft. Die zweite Sozialpädagogin im Bunde ist Hildegard Gastreich, die Frau im Norden Hessens, in der Zweigstelle Kassel. Die Serviceagentur aufzubauen hat den Dreien viel Spaß gemacht. Dass sie immer noch gern zusammenarbeiten, merkt man ihnen an. Sie kennen sich nicht nur mit Schulentwicklung aus, sie wissen inzwischen auch viel übereinander. Dass Zeizinger Lyrik schreibt, verrät Lehr hinter vorgehaltener Hand, während über Lehr berichtet wird, dass sie sehr schön Geige spielt. Welke hat zwei Kinder in der Grundschule und ist als Trainerin für Selbstverteidigungskurse für Frauen und Mädchen aktiv. Von Hildegard Gastreich wissen die Damen, dass sie in ihrer Freizeit stundenlang durch den Wald läuft.
Am Abend treffe ich noch einmal Peter Schwärzel. Was hat der Tag für ihn gebracht? «Nicht alles wurde beantwortet. Ich habe jetzt andere Fragen», seufzt er. «Aber ich weiß nun wenigstens, dass ich sie stellen muss.» Auch andere Teilnehmer/innen gehen nicht fraglos glücklich, aber dafür ein bisschen neugieriger nach Hause. «Man bekommt hier ganz viele Ideen», freut sich eine Teilnehmerin. Der Stand, auf dem die Mitarbeiterinnen der Serviceagentur Broschüren, Informationsmaterialien, Arbeitshilfen und Publikationen belegt haben, ist ruckzuck abgeräumt. So viel ist sicher: Das Angebot der Serviceagentur kommt an.
Autorin: Christine Plaß Fotos: Christine Plaß Datum: 18.04.2007 © www.ganztaegig-lernen.de
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