"Engagierte Bildung – Bildung mit Engagement? Bildung, Schule und Bürgerengagement in Ostdeutschland"

Fachtagung in Halle, 04.05.2007 bis zum 05.05.2007
Anspruch und Ziel der Fachtagung ist es, Wege und ihre Potenziale aufzuzeigen, um bürgerschaftliches Engagement als Bildungsziel in der Schule zu verankern, die Schule zum Gemeinwesen hin zu öffnen, sie in die lokale Bürgergesellschaft einzubetten und zu einem lokal und partnerschaftlich orientierten Lernzentrum weiter zu entwickeln. Es ist ein zentrales Anliegen, durch die Zusammenarbeit von Schule und Gemeinwesenarbeit Kindern und Jugendlichen vielfältige Perspektiven aufzuzeigen, ihnen Chancen zu ermöglichen und darüber hinaus auch Wege für ihre Zukunft zu ebnen.
Die Fachtagung ist konzipiert vor dem Hintergrund der besonderen Situation in den ostdeutschen Bundesländern und der aktuellen Diskussion um ein umfassendes Lern- und Bildungskonzept, das die unterschiedlichen Bildungsinstitutionen, Bildungsorte, Bildungsaufgaben und Bildungsprozesse in ein neues Verhältnis bringt, das Kindern und Jugendlichen optimale Bildungs- und Teilhabechancen bietet, sie auf die Bewältigung von Anforderungen des Alltags und der Zukunft vorbereitet und für eine gelingende Lebensführung rüstet. Dabei gilt es, Bedingungen struktureller Veränderungen in Ostdeutschland – auch in den ländlichen Regionen – zu berücksichtigen.
Quelle: Bildungsklick
Stimmen von der Fachtagung „Engagierte Bildung- Bildung mit Engagement?“

von Victoria Schmidt
Im Mittelpunkt der zweitägigen Fachtagung, vom 4.-5. Mai, stand die besondere Situation der ostdeutschen Bundesländer und die aktuelle Debatte um ein umfassendes Lern- und Bildungskonzept, das Kindern und Jugendlichen optimale Bildungs- und Teilhabechancen eröffnet. In zahlreichen Foren wurden verschiedene Themen diskutiert, beispielsweise „Demokratie und Partizipation in der Schule“. Dr. Rolf Thorsten Kramer des Zentrums für Schul- und Bildungsforschung an der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg eröffnete das Forum mit einer Studienanalyse zum Thema Partizipation an Schulen. Dabei wurde klar, dass Partizipation an Schulen nach wie vor zu gering ausgeprägt ist, obwohl zahlreiche Studien beweisen, dass diese das Schulklima verbessert und die Selbstständigkeit der Schüler enorm steigert. Trotz dieser Ergebnisse dürfe Dr. Rolf Thorsten Kramers Auffassung nach eine völlige Gleichberechtigung oder Auflösung der Hierarchie an Schulen nicht passieren, da zu viel Partizipation auch misslingen und zu Enttäuschung führen kann. Diese These wurde jedoch auch kritisiert. Sigrid Meinhold- Henschel von der Bertelsmann Stiftung war fest überzeugt von dem Selbstkonzept der Jugendlichen, „da alle empirischen Untersuchungen zeigen, dass junge Menschen sich beteiligen wollen und Kinder viel früher mitbestimmen können als man glaubt“. Daher seien Erwachsene dazu verpflichtet Ihnen die Chance dazu zu geben. Auch Dr. Claudia Streblow von der DKJS wünscht sich mehr gemeinsame Verantwortungsübernahme, und ist durch zahlreiche Erfahrungen, die sie durch Projekte mit und für Jugendliche gemacht hat, fest davon überzeugt, dass Jugendlichen im Stande sind auch ohne Hilfe von Erwachsenen Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Franziska Kietzmann von der regionalen Servicestelle in Halle plädierte für eine Fehlerkultur, bei der man ausprobiert und aus Fehlern lernt anstatt in den alten Strukturen zu verharren. Diese akzeptierte Fehlerkultur herrsche bereits seit einigen Jahren im Bereich der Jugendbeteiligung, und habe zu vielen positiven Ergebnissen geführt. Ein Punkt der viel Zustimmung erzeugte war die von Sigrid Meinhold – Henschel erwähnte Festlegung der Qualitätsstandarts an Schulen. Dazu gehöre vor allem mehr Transparenz und eine klare Definition des nun allzu häufig erwähnten Begriffes Partizipation. Zum Abschluss resümierte Prof. Dr. Edelstein : „Unser Schulsystem unterscheidet sich kaum von dem was vor 250 Jahren geherrscht hat. Es muss sich von Grund aus ändern und der heutigen Zeit anpassen.“
Vorgestellt aus dem Tagungskonzept des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement
Zukunftsfähigkeit der demokratischen Gesellschaft

Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme sind wichtige Voraussetzungen für die Zukunftsfähigkeit der demokratischen Gesellschaft und den gesellschaftlichen Zusammenhalt, mithin als ein wichtiges Kriterium für das, was wir heute als Bildung (mit)diskutieren. Wenn ein modernes Bildungsverständnis heute nicht nur kognitives Wissen, sondern auch soziales Lernen und Kompetenzen wie Kommunikations-, Kooperations- und Teamfähigkeit, Empathie und soziales Verantwortungsbewusstsein umfasst, dann – so die These – hat gerade Schule erhebliche Bedeutung und Verantwortung für die Herausbildung von Engagementbereitschaft und -motivation sowie zivilgesellschaftlicher Handlungsstrukturen. Die Vermittlung kognitiver Wissensbestände bildet jedoch – trotz eines breiten Erziehungs- und Bildungsauftrags – nach wie vor den Kernbereich des schulischen Alltags. Die Entwicklung sozialer Kompetenzen und die Ausprägung von Gemeinsinn werden bislang als Bestandteil des schulischen Auftrags erst ansatzweise in den Blick genommen. Wenn dieser Aspekt gegenüber der reinen schulischen Wissensvermittlung jedoch ein stärkeres Gewicht erhält, kann Schule – gerade auch in Kooperation mit Dritten – viel dazu beitragen, dass in der nachwachsenden Generation Bereitschaft und Fähigkeiten zur Übernahme von Verantwortung für das Gemeinwesen und zur aktiven Beteiligung an der Gestaltung des sozialen, kulturellen und politischen Lebens entwickelt werden. Dabei können auch Prozesse der kognitiven Wissensvermittlung in der Schule gestärkt werden.
Lern- und Erfahrungsräume eröffnen

Es ist von entscheidender Bedeutung, bürgerschaftliches Engagement als Element von Schulentwicklungsprozessen verstärkt Geltung zu verschaffen. Ansätze einer „civic education“ in der Schule können Lern- und Erfahrungsräume eröffnen, um „Bürgerschaftlichkeit“ „zu lernen“. Solche Räume ermöglichen es, Engagementfelder und -formen kennen zu lernen, selbst ein Engagement auszuprobieren, Engagementrollen einzuüben und dabei soziale und bürgerschaftliche Kompetenzen zu erwerben. Bürgerschaftliches Engagement lässt sich dabei einerseits als Bildungsfaktor bzw. -ziel andererseits als wichtiger Bildungsort beschreiben. Engagement und die dabei stattfindenden informellen Bildungsprozesse z.B. in Projekten, Vereinen und Initiativen eröffnen Möglichkeiten für ein informelles Lernen in lebensweltlichen Zusammenhängen, für ein gemeinsames Problemlösen zusammen mit anderen. Dabei steht der Erwerb von Wissen in engem Zusammenhang mit der Aneignung bürgerschaftlicher Kompetenzen. Wissen wird dadurch intensiver und nachhaltiger vermittelt; Teamfähigkeit und Verantwortlichkeit sind Teil des Lernvorgangs. Einem so verstandenen, umfassenden Anspruch von Bildung kann die Schule allein nicht gerecht werden. Es ist vielmehr geboten, schulische und außerschulische Bildungspotenziale bei der Gestaltung von Bildungsprozessen neu aufeinander zu beziehen. Formelle – also arrangierte und mit konkreten Lernerwartungen verbundene – Bildungsprozesse wie etwa im Unterricht gilt es mit solchen informeller Art, die weniger geplant und in der Regel auch außerhalb des Schulgebäudes stattfinden, zu verknüpfen. Ein neues, integriertes Bildungskonzept muss die üblich gewordene Arbeitsteilung und Spezialisierung der pädagogischen Institutionen neu definieren, traditionelle Rollenverständnisse und Zuweisungen überwinden und die pädagogischen Lern- und Bildungsprozesse miteinander verzahnen. Dies bedeutet, das Zusammenspiel von Schule, Kinder- und Jugendhilfe, Familie sowie vielfältiger weiterer gesellschaftlicher Akteure und Bildungsgelegenheiten neu zu bestimmen und damit die Bedingungen für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in öffentlicher Verantwortung zu modernisieren. Mit der Öffnung der Schule gegenüber ihrem Umfeld und dem Gemeinwesen verbindet sich die Chance, die Schule stärker in die lokale Bürgergesellschaft einzubetten. Ein bürgerschaftliches Leitbild von Schule verankert den Gedanken der Engagementförderung und des Lernens von Engagement in ihrem konzeptionellen Selbstverständnis. Es zeigt sich offen für Mitgestaltung und Mitbestimmung durch die Schülerinnen und Schüler. Ein solches Leitbild qualifiziert sich aber auch durch eine stärkere Orientierung gegenüber dem schulischen Umfeld bzw. dem Gemeinwesen.
Gemeinwesenorientierte Schule

Strategien einer „äußeren Öffnung“ beteiligen Eltern in höherem Maße an schulischen Entscheidungen, fördern die Gründung von Eltern(förder-)vereinen und unterstützen Engagementbereitschaft und Verantwortungsübernahme der Eltern. Modelle und Konzepte einer „gemeinwesenorientierten Schule“ nutzen und integrieren Kompetenzen und Ressourcen des schulischen Umfeldes aus Jugendarbeit, Sport, Kultur, Bildung, gewinnen Spezialisten aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, aber auch ortsansässigen Betrieben und Unternehmen und binden diese in die Gestaltung von Unterricht und des schulischen Lebens ein. Damit werden Engagementpotenziale des Gemeinwesens in Schule verankert, Unterricht durch das Einfließen von Praxiswirklichkeit erfahrungsorientiert, das außerunterrichtliche Leben durch vielfältige Angebote und Aktivitäten interessant und attraktiv, die Schule durch Möglichkeiten der Mitgestaltung und Mitbestimmung demokratisiert.
Besonderheiten und Herausforderungen in den ostdeutschen Bundesländern
Die aktuelle Situation in den ostdeutschen Bundesländern ist maßgeblich geprägt durch eine im Vergleich zum Bundesdurchschnitt überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit und empfundene Perspektivlosigkeit, insbesondere unter Jugendlichen. Es wandern vor allem die jungen Menschen mit höherem formalen Bildungsabschluss und höherer Sozialkompetenz und Motivation aus ländlich geprägten Regionen ab. Neben den wirtschaftlichen Problemen führt dies in vielen Kommunen und Landkreisen auch zu einem Wandel der Gemeinwesenstruktur: Überalterung, Schrumpfung regionaler Infrastruktur, Wegfall von zivilgesellschaftlichen Verantwortungsträgern, Verlagerung des privaten gesellschaftlichen Engagements auf das Wochenende usw. Aus diesen Entwicklungen erwachsen weit reichende Probleme und Herausforderungen für das lokale Gemeinwesen. Mangelndes Demokratiebewusstsein bei Jugendlichen, Intoleranz und ein latenter Rassismus sind Themen, die die öffentliche Debatte in Ostdeutschland prägen.
Die lokalen und kommunalen Strukturen der Jugendarbeit und Jugendbildung, die Bürgermeister und kommunalen Entscheidungsträger in den ostdeutschen Bundesländern sind allein kaum in der Lage, in ausreichendem Maße auf diese alarmierende Situation zu reagieren. Deshalb kommt der Schule in Kooperation mit Trägern der Jugendarbeit und anderen Akteuren im Gemeinwesen eine besondere Bedeutung für die Aktivierung bürgerschaftlichen Engagements zu. Aus Studien wissen wir, dass Jugendliche gesellschaftliches Engagement nicht grundsätzlich ablehnen.
Zivilgesellschaftliche Akteure vor Ort sind ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt beim Auf- und Ausbau einer demokratischen Bürgergesellschaft. Und Schule hat hier eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, denn bürgerschaftliches Engagement ist auch ein entscheidender Bildungsfaktor! Bislang ist es – so die These – trotz vieler guter Beispiele und Ansätze zivilgesellschaftlicher Verantwortungsübernahme noch nicht gelungen, ein breites Verständnis von der Notwendigkeit bürgergesellschaftlicher Verantwortlichkeit in einem starken Gemeinwesen zu entwickeln. Die Tagung will daher eine Beitrag dazu leisten, gute Beispiele der Engagementförderung sichtbar zu machen, für ihre Nachahmung zu werben und so Impulse für den weiteren Aufbau und Erhalt von demokratischen Strukturen im Gemeinwesen in Ostdeutschland zu geben.
Das gesamte Tagungskonzept zum Nachlesen und Ergebnisse aus den Workshops finden aie auf den Seiten des Bundesnetzwerkes für bürgerliches Engagemnt öffnen
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Datum: 10.05.2007 © www.ganztaegig-lernen.de
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