
Das virtuelle Klassenzimmer einer Ganztagsschule

Ein Portrait von Hilde Frye
Seit einem halben Jahr stehen zwei siebten und einer neunten Klasse des Hamburger Goethe-Gymnsiums – dass, wie fast alle Hamburger Schulen, unter chronischem Platzmangel leidet – völlig neue Räume zur Verfügung. Es sind die virtuellen Räume der Internetplattform Schola-21. Vor allem in der Projektarbeit soll Schola-21 helfen, Klassenraum-, Schul- und Ländergrenzen zu überwinden. Diese Plattform wurde von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und der Stiftung Mercator GmbH entwickelt.
Dass es auf den Seiten keine Werbung gibt, gefällt Maya eigentlich ganz gut: “Man wird nicht so abgelenkt .“ Judy findet es „cool“, sich für die Projektarbeit nicht mehr mit den anderen aus der Klasse verabreden zu müssen. So kann sie zuhause am Computer arbeiten, wann sie will und „dann stelle ich meine Sachen in den Ordner von Schola-21. Jeder kann sie sich angucken oder damit weiterarbeiten.“ Und Angelina hat noch einen weiteren Vorteil dieser neuen Arbeitweise entdeckt: „Jetzt können meine Eltern nicht mehr sofort meckern, wenn ich am Computer sitze. Ich mache ja Schularbeiten!“ Der pädagogische Wert des Projektlernens liegt vor allem darin, dass Fragen aus der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler den Ausgangspunkt bilden und Antworten in der realen Welt gesucht werden.
Durchgehend geöffnet

Frank Berend ist Lehrer am Goethe-Gymnasium und hat mit zwei siebten Klassen Erfahrungen mit Schola-21 gesammelt. Das erste Projekt hieß „Reiche Stadt – arme Kinder“ und wurde von den Schülern fächerübergreifend in Deutsch, Geschichte und Mathematik bearbeitet.
„Projektarbeit“, sagt Frank Berend, „ist gar nicht so einfach.“ Sie sei das Gegenteil von Frontalunterricht und als erstes müssten die Schüler dafür „raus in die Welt gehen.“ Sie sammeln Erfahrungen, denken darüber nach und dann wird darüber gearbeitet. Das Wesentliche daran sei, so der Pädagoge, dass die Schüler ihr Tun reflektieren müssen. „Denn einfach nur machen, das reicht nicht!“ Und auch wenn das mal schiefgehe, habe selbst das Nachdenken über die möglichen Gründe noch einen Lerneffekt. Immer vorausgesetzt, dass die zusammengetragenen Ergebnisse zu jeder Zeit für alle sichtbar dokumentiert werden. Bei der klassischen Projektarbeit werden sie in, für alle zugängliche, Ordner abgelegt, an die Tafel geschrieben, auf Plakaten illustriert oder einem Publikum präsentiert. Schola–21 ist Raum, Tafel und Ordner in einem. Es ist ein stets aufgeräumter, elektronischer Versammlungsraum mit durchgehenden Öffnungszeiten und bietet unzählige Möglichkeiten wie Terminkalender, E-Mail, Pinnwand, Foren, Chat... Frank Berend: „Schola-21 ist nicht grundsätzlich etwas Neues, sondern es ist ein neues Werkzeug, um sich zu organisieren. Die Organisations-Strukturen, die man vorher schon hatte, sind übertragen worden auf ein neues Medium. Das ist wie ein organisierter und supervisierter blog.“
Ein Arbeitsgerüst

Wesentlicher Vorteil dieses Mediums seien die Möglichkeiten der Vernetzung auch mit Externen, wie mit Firmen oder Behörden, mit denen die Schüler im Rahmen ihrer Projektarbeit in Kontakt kommen. Früher stand der Ordner im Klassenzimmer und nur Schüler und Lehrer konnten da ran. Jetzt kann auch jemand, der nicht zur Schule gehört, etwa in einer Firma oder Behörde, etwas zum Projekt beisteuern. Doch bei aller Offenheit ist Schola-21 keine freie homepage im weltweiten Netz, sondern nach wie vor ein geschützter Arbeitsraum der Schule. Externe brauchen eine Zugangsberechtigung. Wie zum Beispiel beim aktuellen „Trickfilm-Projekt“ der siebten Klasse. Erst recherchierten die Schüler vor Ort bei einer Trickfilm-Company. Danach stellte die Firma wichtige Infos und einige ihrer Tools in den virtuellen Klassenraum. Schülerin Jennifer: „Das hilft uns beim Entwerfen, Modellieren und Zeichnen eigener Trickfilm-Figuren. Und zeigt auch, wie wir mit den Figuren kleine Filme drehen. Die fertigen Filme stellen wir dann bei Schola rein.“
Der zweite Vorteil von Schola-21 gegenüber klassischer Projektarbeit liegt für Frank Berend darin, dass dem Lehrer Arbeit abgenommen wird. „Die einzelnen Phasen, die man während eines Projektes durchläuft, hat schola als didaktisches Arbeitsgerüst im Programm. An diesem Gerüst kann man sich hervorragend entlanghangeln, es bietet Orientierung im gesamten Projektverlauf und erhöht damit die Qualität.“
Dass der Lehrer damit auch seine Arbeitsweise publik macht und möglicherwiese seine Rolle verändert, sieht Frank Berend überhaupt nicht negativ. Eher im Gegenteil: „Es entfallen die Zusammenkünfte, um über die Organisation der Arbeit zu sprechen. Außerdem kann ich mich jederzeit einklinken, kann mir anschauen, welcher Schüler wie gearbeitet hat und erteile auch online Aufgaben. Wir gewinnen also wertvolle Unterrichtzszeit. Denn Internet-Arbeit bedeutet ja nicht, dass in der Klasse ein Projekt gestartet wird und dann trifft man sich vier Wochen später und alles ist fertig.“
Computer als Tagebuch

Oliver Lück und seine Schüler bei der Arbeit im virtuellen Klassenzimmer: "Neue Differenzierungsräume!"
Rechnergestützes Arbeiten ist für die meisten Schüler schon ein fester Bestandteil des Schulalltags. Aber durch Schola-21, so die Beobachtung von Frank Berend, sei die Motivation, damit zu arbeiten, noch gestiegen. Simone, eine Klassenkameradin von Maya und Jennifer, findet vor allem das „Tagebuch“ gut. Während der Projektarbeit wurde regelmäßig eingetragen, was sie und ihre Gruppe gemacht haben und vor allem, welche Aufgaben erledigt wurden. „Man hat das Gefühl, wirklich was geleistet zu haben.“ Und Charleen hat während des Projektes „Reiche Stadt – arme Kinder“ viele Informationen bekommen, für die sie sich normalerweise nicht interessiert hätte. Sie führte mit ihrer Gruppe im Hamburger Sozialamt eine Befragung durch und konnte die Fragebögen mit Hilfe von schola zügig auswerten. Zum Abschluss des Projekts hat sich die Klasse sogar noch um eine Teilnahme am Wettbewerb der „Bundeszentrale für politische Bildung“ beworben.
Manchmal abgelenkt
Natürlich, das geben alle befragten Schüler/Innen zu, sei die Versuchung groß, während der Arbeit am Computer, zwischendurch auch mal bei MSN, MTV ober ebay vorbeizuschauen. Aber, so Frank Berend, Erwachsene lassen sich schließlich genau so leicht von der Arbeit ablenken. Entscheidend für ihn ist, dass die Schüler wissen, das ab einem bestimmten Zeitpunkt im Projekt geguckt wird, ob sie auch was gemacht haben. Generell gilt, dass diese eigenverantwortliche Arbeitsform vom Schüler eine hohe Selbstkompetenz verlangt. Die fällt leistungsstarken Schülern meistens leichter als den Schwächeren. „Wenn jemand neugierig ist und Fragen hat, läßt er sich nicht so leicht ablenken.“ Erfreulich ist, dass der Umgang mit schola-21 völlig problemlos ist. Wenn es Probleme gab, dann mit dem – noch – unzureichenden Server der Schule. Die Benutzeroberfläche von schola-21 sei selbsterklärend und auf einem ästhtisch hohen Niveau, findet Berend, und das fördere konzentriertes Arbeiten. „Die schmeißen sich nicht an uns ran,“ meinen die Schüler. „Keine Werbung, keine bunten Icons, kein Geflimmer, alles schön ruhig.“ Und auch die Zusammenarbeit mit dem Sponsor O2 habe sich als erfreulich erwiesen. Da wurde keine Schleichwerbung betrieben. „O2 will die Schulen im Bildungsbereich unterstützen und uns gegenüber sind die nicht unanständig geworden,“ sagt der Projektleiter. Im Gegenteil: Einige Schüler des Gymnasiums konnten bei O2 sogar ihr Berufspraktikum absolvieren.
Mehr als nur surfen

Mittelstufenkoordinator Frank Berend (rechts) in Diskussion mit Kooperationspartner Mathias Johannes von O2 – Germany
Nach einem halben Jahr Erfahrung mit schola-21 würde Frank Berend jederzeit wieder ein Projekt mit Hilfe dieser Internet-Plattform durchführen. Nicht nur, weil es die Arbeit erleichtert und die Organisation vereinfacht, sondern vor allem, weil die Schüler zunehmend lernen, dass man mit dem Computer mehr kann, als nur Konzerttickets zu kaufen oder auf den Seiten von HSV und Gucci zu surfen. Dank Schola-21 haben sie erkannt, dass der Computer ein Arbeitswerkzeug ist wie Schere, Tesafilm oder Taschenrechner. Die Schüler mögen zwar einige Kniffe mehr draufhaben im Umgang mit dem Computer als so manch Erwachsener. Und youtube, myspace und web 2.0 haben die Computernutzung noch mehr demokratisiert. Aber die Qualität wurde damit nicht unbedingt verbessert. Deshalb sieht Frank Berend auch den Auftrag der Schule darin, Schülern zu vermitteln, dass der Computer ein „gewaltiges Instrument ist, um intellektuell und auch wissenschaftlich zu arbeiten.“
Investition in nachwachsende Generation

Björn Steffen (rechts) von der Regionalen Serviceagentur Hamburg ist bei der Einweihung der "neuen" Räume dabei und bestärkt das Kollegium
Damit in Zukunft möglichst noch mehr Schüler am Goethe-Gymnasium die Möglichkeit haben, online zu arbeiten und sich neue Räume zu erschließen, verhandelt Schulleiter Egon Tegge zur Zeit mit der Hamburger Schulbehörde über die technischen Voraussetzungen für eine neue Glasfaseranbindung. Damit könnten die Klassenzimmer untereinander vernetzt werden, man müsse dann endlich nicht mehr um einen Platz im Computerraum kämpfen. Aber, so der Schulleiter, die Behörde selber stecke zur Zeit in einem Umwandlungsprozeß und wäre nicht in der Lage, den „wirklich hochqualifizierten Kollegen in den Schulen auch optimale Bedingungen zu schaffen.“ Vor fünf Jahren übernahm Egon Tegge die Leitung der Schule. Davor war er Personalratsvorsitzender in der Schulbehörde. Sechs Jahre habe er da am „Sorgentelefon von 4000 Gymnasiallehrern gesessen“ und weiß, warum so vieles nicht funktioniert: „Schule wird nicht betriebswirtschaftlich gesehen. Sie wird nicht als Investition in die nachwachsende Generation begriffen.“
Noch Plätze frei

Schulleiter Egon Tegge
Weil aber Schulleitung und Kollegium des Goethe-Gymnasiums das sehr wohl begriffen haben, nimmt man sich an dieser Schule die Freiheit, soviel wie möglich selber zu gestalten. Vor zwei Jahren wurden sie Ganztagsschule. Und während die Schulbehörde mit ihren Zukunftsplänen noch schwankt zwischen den Extremen von zentraler bis schülerorientierter Organisation, wird in Hamburg-Lurup gehandelt. Die Stunden für Wahl-Pflichtkurse werden da, wo erforderlich, flexibel gestaltet. So können Schulsportmannschaften und Orchester entstehen, die, nach amerikanischem Vorbild, auch mal am Wochenende zu einem Wettbewerb reisen, ihre Schule repräsentieren und dafür in der Woche dann weniger Stunden haben. Begabte Schüler werden in speziellen enrichment-Kursen wie Schreibwerkstatt oder Mathezirkel gefordert, schwächere in Hausaufgaben-Gruppen gefördert. Immer wieder über den Tellerrand gucken, auch das halten Egon Tegge und sein Kollegium für wichtig. Durch die Hamburger Serviceagentur bekommen sie Kontakt zu anderen Schulen. Es helfe sehr zu sehen, wie andere Schulen Probleme lösen, sagt Egon Tegge. Und umgekehrt: Kürzlich waren sie in München und die Kollegen dort waren dankbar für den Hinweis mit der durchfinanzierten Klassenrats-Stunde: Von der 5. bis zur 10. Klasse gibt es in Hamburg wöchentlich dieses Ritual. „Das ist gut angelegtes Geld,“ meint Egon Tegge, „wir haben deutlich weniger soziale Probleme.“ Dennoch: Das Team vom Goethe-Gymnasium hat noch einen langen Weg vor sich. Wie er aussehen kann und was sich die Schule für die Zukunft wünscht, brachte Egon Tegge in seiner Rede für den Abitur-Jahrgang 2005 zum Ausdruck: „...vielleicht ist neben Ihnen auch ein virtueller Platz von jemandem frei, von einem oder einer, an die Sie sich erinnern und die es nicht geschafft haben, weil der Staat, unsere Schule und unsere Gesellschaft nicht das nötige Kleingeld hatten, die angemessene Förderung und Unterstützung zu gewähren. Wir sollten alle gemeinsam daran arbeiten, dass spätestens, wenn Sie Ihre Kinder am Goethe-Gymnasium anmelden, eine solche Bildungspolitik der Vergangenheit angehört. Es ist noch Einiges zu tun und wir bauen da auf Sie, dass wir gemeinsam dieses Zukunftsprojekt angehen.“
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Text: Hilde Frye Datum: 23.05.2007 © www.ganztaegig-lernen.de
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