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Zur Arbeit der finnischen Schulkuratorinnen und -kuratoren

von Kirsti-Maija Jokela, Bezirkskuratorin des Schulamtes der Stadt Helsinki

In Finnland sind Städte und Gemeinden laut Kinderschutzgesetz und zugehöriger Verordnung dazu verpflichtet, für eine ausreichende Anzahl an Schulpsychologen und Schulkuratoren zu sorgen. Die Kuratorinnen und Kuratoren sollen vor allem in der Schule eingesetzt werden und sich mit ihrem Fachwissen an der Planung und Entwicklung von Unterricht und Erziehung beteiligen. Voraussetzung für die Kuratoren-Tätigkeit ist ein höheres Hochschulexamen und ein Studium im Fach Sozialarbeit.

Die ersten Schulkuratoren und -psychologen begannen ihre Arbeit in den Schulen Helsinkis vor über 30 Jahren: 1966 startete ein Pilotprojekt und seit 1974 ist die Kuratoren-Tätigkeit fester Bestandteil an den Schulen. In einigen Städten und Gemeinden unterstehen die Kuratoren dem Sozialamt, in Helsinki gehören sie administrativ zum Schuldezernat, und zwar zur Abteilung „Schülerfürsorge und Schülerwohlbefinden“. Ihr Vorgesetzter im Schuldezernat ist der Leitende Kurator, der die Arbeit aller Kuratoren der Stadt leitet und koordiniert. Die Schulpsychologen gehören zur gleichen Abteilung, haben aber einen eigenen Vorgesetzten. Das Schuldezernat in Helsinki hat gegenwärtig 44 Psychologen- und 47 Kuratorenstellen, die den Stadtbezirken entsprechend in sieben Bezirksgruppen eingeteilt sind.

Ich selbst gehöre zur Leitungsgruppe der Kuratoren und bin der Bezirksgruppe Nordost zugeordnet, die eng mit anderen Verwaltungsbereichen zusammenarbeitet, beispielsweise mit den Bereichen Kinderschutz, Tagesbetreuung, Jugendarbeit und mit dem Gesundheitswesen, etwa den psychiatrischen Polikliniken und Familienberatungsstellen. Mein Arbeitsplatz befindet sich in einer Gemeinschaftsschule mit insgesamt etwa 470 Schüler/innen; davon sind etwa 120 in den Klassen 1–6, etwa 320 in den Klassen 7–9 und die restlichen 30 nehmen am vorbereitenden Unterricht für Immigranten teil oder lernen in spezifischen Klassen für behinderte Kinder.

Vor 20 Jahren gab es nur eine Handvoll Kuratoren an den Schulen. Inzwischen haben 96 Prozent der Grundschüler/innen die Möglichkeit, sich an einen Kurator oder eine Kuratorin zu wenden, die in der Regel bis zu drei Schulen betreuen.

Die Schulen, in denen ich 1984 als Kuratorin zu arbeiten begann, setzten vorher weder Kuratoren noch Psychologen ein. Deshalb mussten sich z.B. die Schulkrankenschwestern nicht nur mit gesundheitlichen, sondern auch mit psychischen und sozialen Problemen der Schüler/innen beschäftigen. Auch die Lehrer/innen hatten nicht nur für guten Unterricht sorgen, sondern ein komplexes Aufgabengebiet zu bewältigen, da sie sich mit sämtlichen Fragen und Problemen ihrer Schüler/innen auseinandersetzen mussten; sie hatten oft aber weder entsprechende Möglichkeiten noch das nötige Wissen oder die Zeit, um sich mit den Ursachen der Probleme näher zu befassen. Schüler/innen mit Anpassungs- und Lernschwierigkeiten wiederholten in der Regel die Klasse („Sitzenbleiben“), brachen die Schule ab, wurden in Sonderklassen einer Hilfsschule versetzt oder erhielten Unterricht in speziell eingerichteten Klassen für Problemschüler/innen.

In den darauffolgenden Jahren wurden die sonderpädagogischen Ressourcen an den Schulen vergrößert, sodass die hilfebedürftigen Schüler/innen mit internen organisatorischen Maßnahmen betreut werden konnten. Zur Unterstützung der Lehrer/innen wurden so genannte ‚Schulhelfer’ eingesetzt. An unserer Schule wurde auch ein spezielles Team „Schülerfürsorge” eingerichtet, damit sich die verschiedenen Mitarbeiter/innen der Schule über ihre Schülerinnen und Schüler im Gespräch austauschen können. Die Gruppe wird vom Direktor der Schule geleitet, trifft sich einmal in der Woche und nahm bereits an verschiedenen Weiterbildungsveranstaltungen teil, zum Beispiel zu den Themengebieten Lernprobleme oder Drogenmissbrauch. Bei bestimmten Themen – wie zum Beispiel Rauchen und Drogen – ist geplant, die Schüler/innen noch stärker in den Diskussionsprozess und die Aufklärungsarbeit einzubeziehen.

Im Rahmen der Schülerfürsorge werden Schulkurator, Schulpsychologe, Schulkrankenschwester und Schularzt unterstützend und betreuend tätig, wobei der Fokus der Maßnahmen auf jenen Schüler/innen liegt, die am stärksten der Hilfe bedürfen.

Die Tätigkeitsziele werden den Werten und Zielstellungen des Unterrichts entsprechend festgelegt:

  • Die Kinder und Jugendlichen sollen ihren Voraussetzungen entsprechend lernen.
  • Die Kinder und Jugendlichen werden dabei unterstützt, sich zu ausgeglichenen Persönlichkeiten zu entwickeln.
  • Es soll darauf hingewirkt werden, dass sich die Kinder und Jugendlichen in der Schule wohl und sicher fühlen.
  • Es wird eine Kultur der gegenseitigen Achtung und der positiven Wechselwirkung gefördert.

Die Grundsätze der Arbeit der Schulkuratoren und Schulpsychologen lauten:

  • Alles wird vertraulich behandelt.
  • Gemeinschaftsgeist, Interaktion und Zusammenarbeit in der Schule sind von großer Bedeutung.
  • Der Blickwinkel der Familie der Kinder und Jugendlichen wird berücksichtigt.
  • Die Kinder und Jugendlichen werden angehört, wenn es um ihre eigenen Angelegenheiten geht.
  • Die aktive Beteiligung der Kinder und Jugendlichen wird gefördert.
  • Die Unterstützung der Eltern und eine Zusammenarbeit mit dem Elternhaus ist sehr wichtig.
  • Die Förderung sollte möglichst früh einsetzen, Prophylaxe steht im Vordergrund.
  • Die Kuratoren und Psychologen sollten immer anzutreffen sein und in der alltäglichen Umwelt der Kinder und Jugendlichen arbeiten.
  • Die Kooperation mit anderen Verwaltungseinheiten ist unverzichtbar.
Die Schulpsychologen und -psychologinnen sind für die psychologische Untersuchung und Beratung der Schüler/innen verantwortlich, einschließlich der Fragen, die mit Lernproblemen und dem allgemeinen psychischen Wohlbefinden zusammenhängen. Sie arbeiten nicht nur mit anderen Verwaltungsbereichen, sondern häufig auch eng mit den Kuratoren zusammen, da sich die beiden Berufsgruppen in ihrem speziellen Fachwissen gut ergänzen können.

Kuratoren und Kuratorinnen werden in den Schulen als Fachleute für Sozialarbeit eingesetzt. Sie prüfen, ob es den Schüler/innen gut oder schlecht geht und ob ihre grundlegenden Bedürfnisse – also zum Beispiel gute Ernährung, ausreichende Ruhe und Betreuung – befriedigt werden; sie stellen somit fest, wo die konkreten Probleme der Schüler/innen in diesen Bereichen liegen – in der Schule, aber auch in der Familie und im Freundeskreis.

Während das psychologische Betreuungsangebot in Helsinkis Schulen bisher nur für Schüler/innen der Klassen 1–6 realisiert werden konnte, sind die Kuratoren für die Klassen 1–9 zuständig. Die Schüler/innen suchen die Psychologen und Kuratoren entweder aus eigenem Antrieb auf, oder aber sie folgen dem Rat ihrer Eltern, Lehrer/innen oder anderer Mitarbeiter/innen der Schule.

Bei der Arbeit der Kuratoren mit den Schüler/innen

  • wird die Gesamtsituation eines Schülers/einer Schülerin festgestellt, indem diese/r, seine/ihre Eltern und Lehrer/innen gehört werden.
  • werden den Schüler/innen unterstützende Gespräche angeboten.
  • wird Zusammenarbeit praktiziert; es werden auch Familiengespräche zwischen dem Schüler/der Schülerin und den Eltern arrangiert.
  • erfolgt eine schulinterne Zusammenarbeit; allen Beteiligten, die konkret mit dem Schüler/der Schülerin zu tun haben, werden Konsultationen angeboten.
  • wird bei Bedarf vorbereitet, dass der Schüler/die Schülerin in eine Sonderklasse versetzt oder aber zu Hause unterrichtet wird.
  • wird bei Bedarf dafür gesorgt, dass der Schüler/die Schülerin außerhalb der Schule weiter untersucht oder behandelt wird.
  • erfolgt eine vielfältige Zusammenarbeit mit den verschiedensten Verwaltungsbereichen.

Innerhalb der Schule beteiligen sich die Kuratoren und Kuratorinnen als Fachleute der Sozialarbeit an der Planung und Entwicklung von Unterricht und Erziehung.
Selbstverständlich müssen sie ihr Fachwissen ständig auffrischen und erweitern.

Erfahrungsbericht: Einige Gedanken zur Arbeit als Kuratorin

Der gesellschaftliche Wandel spiegelt sich auch in der Schule sehr deutlich wider. In den letzten zwanzig Jahren, in denen ich als Kuratorin tätig war, gab es einschneidende Veränderungen in der Gesellschaft: Die traditionellen Familienstrukturen und Erziehungsmethoden haben sich gewandelt. Der gewachsene Einfluss der Medien ergänzt elterliche und schulische Erziehung. Die Entwicklung zur Informationsgesellschaft hat den Schulunterricht verändert. Es wird vorrangig vom Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule gesprochen: Die Schule unterstützt die Eltern stärker bei ihrem Erziehungsauftrag und soll dazu beitragen, dass ausgeglichene, tolerante und gebildete Persönlichkeiten für die Zukunft heranwachsen. In der Schule werden Methoden für das Lernen im Team entwickelt, um bei der Gruppenarbeit die Fähigkeiten der Schüler/innen zur sozialen Interaktion zu stärken und Defizite in diesem Bereich aufzudecken.

An der Schulentwicklung ist positiv zu bewerten, dass die Schülerinnen und Schüler ihr Wissen in den einzelnen Unterrichtsfächern und ihren schulischen Erfolg insgesamt selbst einschätzen müssen. Durch die erlernte Fähigkeit zur Selbstbeurteilung werden die Schüler/innen schon in den unteren Klassenstufen in die Lage versetzt, ihre Situation besser zu erfassen; das trifft insbesondere auch auf Schüler/innen zu, die Probleme mit dem Lernen oder mit dem Schulbesuch haben.

Ein weiterer positiver Aspekt ist die neu hinzugekommene Möglichkeit, persönliche Bildungspläne aufzustellen. Das bedeutet, dass für einen Schüler oder eine Schülerin individuelle Ziele für das Lernen und den Schulbesuch festgelegt werden. Dieser Bildungsplan wird vom jeweiligen Schüler bzw. der jeweiligen Schülerin mit Eltern und Lehrer/innen – bei Bedarf auch mit einem Kurator – gemeinsam erarbeitet.

Kuratoren arbeiten an den Schulen überwiegend mit Schüler/innen, die Verhaltensauffälligkeiten und Motivationsprobleme zeigen, häufig im Unterricht fehlen und gegen die Regeln verstoßen. An zweiter Stelle stehen Schüler/innen, die Probleme mit ihren sozialen Beziehungen haben. Bei ihrer Tätigkeit müssen sich die Kuratoren auch mit Problemen innerhalb der Familien (z.B. Erziehungsschwierigkeiten, Drogenkonsum, Scheidungsfolgen) und emotionalen Problemen der Schüler/innen (z.B. Ängste, Depressionen) befassen. Die Arbeit der Kuratoren an den Schulen wird als prophylaktische Tätigkeit betrachtet; die dabei anfallenden Kosten sind für die Gesellschaft erheblich geringer als andere Betreuungsleistungen für Kinder und Jugendliche. Weitere wichtige Vorteile liegen in der großen Nähe zu Schüler/innen und ihren Eltern, in der Möglichkeit eines frühen Eingreifens und der professionellen Unterstützung von Schüler/innen in ihrem alltäglichen Umfeld.

Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass Eltern und Schüler/innen sich vor allem wünschen, dass auf ihre Probleme eingegangen wird. Und es wurde deutlich, dass sich Eltern aus allen sozialen Schichten hilfesuchend an Kuratoren wenden. Die Arbeit an den Schulen verlangt von den Kuratorinnen und Kuratoren vielseitige Interaktions- und Verhandlungsfähigkeiten, und zwar im Umgang mit Vertretern unterschiedlichster Altersgruppen, verschiedener Kulturen und Berufe. Erforderlich ist zudem ein hohes Maß an Kontaktfähigkeit sowie die Kompetenz, unterschiedliche Interessen in verschiedenen Interaktionssituationen berücksichtigen zu können. Kuratoren müssen ausdauernd sein und langfristig denken, da positive Ergebnisse häufig erst nach längerer Zeit sichtbar werden. Ihre Arbeit kann jedoch entscheidenden Einfluss auf die Zukunft und das Leben der Schüler/innen und ihrer Familien haben.

An den Grundschulen Helsinkis leisten die Lehrer/innen gute, vielseitige Unterrichts- und Erziehungsarbeit und es gibt funktionierende Schulgemeinschaften, die zum Wohlbefinden der Schüler/innen beitragen – das zeigt, wie erfolgreich die Arbeit auf dem Gebiet der Schülerfürsorge ist.

Es ist zwar immer schwierig, Erfolge zu messen, wenn es um Hilfemaßnahmen für Menschen geht. Ein Erfolgsindikator für die Kuratorentätigkeit könnte aber z.B. das Erreichen eines Schulabschlusses sein.

Im Jahr 2003 erhielten an unserer Schule alle Schüler/innen der neunten Klasse ihr Abschlusszeugnis – mit Ausnahme eines Schülers, der aufgrund häufigen Fehlens im Unterricht die notwendigen Vorausetzungen nicht erfüllte. Nach Gesprächen mit allen Beteiligten, umfassender Analyse der Situation und der Ursachen, wurde mit dem Schüler, seinen Eltern und verschiedenen Fachleuten der Schule ein individueller Bildungsplan erarbeitet und Fragen der weiteren Ausbildung besprochen. Mit Hilfe intensiver Betreuung eines Sonderpädagogen erhielt der Schüler im nächsten Jahr nicht nur sein Abschlusszeugnis, sondern er konnte die Schule in der berufsvorbereitenden 10. Klasse sogar fortsetzen.

Gute Ergebnisse dieser Art können aus Sicht der Kuratoren und Psychologen zum größten Teil auf die gute Zusammenarbeit von Experten verschiedener Berufe zurückgeführt werden – auch wenn die Ergebnisse trotz guter Zusammenarbeit und größter Anstrengungen natürlich nicht immer so gut ausfallen.

Helsinkis Vizestadtdirektor Ilkka Christian Björklund wies in seiner Rede bei der Festveranstaltung anlässlich des 30. Jahrestages der Schaffung von Kuratorenstellen in den Schulen auf etwas Wichtiges hin: Das gute Abschneiden der finnischen Schüler/innen bei den PISA-Studien ist zu einem großen Teil auf die gut funktionierende Schülerfürsorge an den Schulen zurückzuführen. Als langjährige Kuratorin wurde mir auf wohltuende Weise bewusst, dass die Arbeit der Schulkuratoren und -psychologen nicht nur Erfolge zeigt, sondern auch von allen Seiten sehr geschätzt wird.

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