Grußwort von Eva Luise Köhler

Als Schirmherrin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung freue ich mich, Sie auf dem 4. Ganztagsschulkongress des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in Kooperation mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung willkommen zu heißen.
"Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun."
Dieses Zitat von Johann Wolfgang von Goethe umschreibt das Ziel dessen, was wir heute und morgen erreichen wollen. Es geht darum, dass Sie von Ihrem Wissen und Ihren unterschiedlichen Expertisen profitieren, dass Sie miteinander aktiv werden, miteinander nach Formen des guten Gelingens suchen.
Ich betone dabei das Miteinander so sehr, weil es – wohl nicht nur in meinen Augen – diesen Kongress zu etwas ganz Besonderem macht. Bereits im Vorfeld haben viele von Ihnen in kleinen wie großen Gruppen zum diesjährigen Kongressprogramm gearbeitet. Sie haben über Inhalt und Form diskutiert, neue Mitstreiter angesprochen und für die Sache begeistert. Ja, es wurde sogar gespielt, um für die heute Nachmittag stattfindenden Foren geeignete Arbeitsformen zu erproben. So entstand in den vergangenen Monaten ein Netzwerk ganz unterschiedlicher Akteure aus Schulen, Verwaltungen, Jugendhilfeeinrichtungen und aus vielen anderen Bereichen.
Der Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen in Deutschland hat sich zu einem zentralen gesellschaftlichen Thema entwickelt. Zu einem Thema, das längst nicht mehr ausschließlich in pädagogischen Fachzirkeln oder Elternrunden zu Hause ist, sondern mittlerweile viele unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen und Institutionen bewegt. Das diesjährige Motto "Ganztagsschulen werden mehr. Bildung lokal verantworten." ist also folgerichtig und konsequent.
Ein besonders mitreißendes Engagement durften wir gerade auf der Bühne erleben. Die Schülerinnen und Schüler der Berliner Hermann-Boddin-Grundschule aus dem Bezirk Neukölln proben nicht nur mit dem türkischen Musiker Derya Takkali, das Projekt kooperiert auch mit dem Ethnologischen Museum in Berlin. Mehr als 30 verschiedene Nationen besuchen diese Schule, die in einem von vielen sozialen Herausforderungen geprägten Viertel gelegen ist. Und es ist eine Kunst, allen vertretenen Kulturen Gehör zu verschaffen und sie für einen wertschätzenden Umgang miteinander zu sensibilisieren.
Die Schülerinnen und Schüler fuhren daher mehrmals ins Ethnologische Museum nach Berlin-Dahlem und lernten dort viel über Weltmusik und Weltkulturen – auch und vor allem über ihre eigenen Ursprungskulturen. Darüber hinaus proben sie intensiv seit fast zwei Jahren zusammen mit den erwachsenen Profi-Musikern von Derya´s "Sana Bana Band" und feierten bereits gemeinsame Erfolge: So traten sie u.a. zusammen auf dem hier in Berlin alljährlich gefeierten Karneval der Kulturen auf.
"Derya & die Boddin Beatz" sind ein hervorragendes Beispiel dafür, wie ein großes Museum, engagierte Musiker aus der Nachbarschaft und eine Schule eine Bildungslandschaft schaffen können, die den ihnen anvertrauten Kindern vielfältige Erfahrungsräume eröffnet. Erfahrungsräume, die ihnen ansonsten vielleicht verschlossen blieben. Denn neben der Musik geht es um viel mehr: Um das Entdecken eigener musikalischer Fähigkeiten, um das soziale Miteinander sowie um das Verständnis für andere Kulturen und die eigene Kultur, kurzum: um das Schärfen von Gehör und Wahrnehmung für sich selbst wie für die Belange anderer gleichermaßen.
Ich weiß, dass es inzwischen viele solcher Initiativen gibt und nicht wenige von Ihnen an ähnlichen Projekten beteiligt sind. Es sind Beispiele wie das Neuköllner Projekt, die auch andere anstoßen, etwas zu bewegen und ich finde, es hat nochmals einen kräftigen Beifall verdient!
Unterstützung fand das Projekt übrigens im Programm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen.", oder genauer gesagt, in seinem Themenatelier "Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen". Das Themenatelier selbst als ein Baustein des Ganztagsschulprogramms ist dabei ebenfalls ein gelungenes Kooperationsbeispiel. Es wird nämlich von der "PwC-Stiftung Jugend – Bildung – Kultur" gemeinsam mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung gefördert. Und da die Projekte dieses Themenateliers allesamt kleine Schätze sind, wurde jüngst sogar eine Ausweitung der Themenateliers durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung beschlossen. So können nicht nur die eben gehörten kleinen und großen Musiker weiter zusammen lernen und spielen: Künftig werden auch Film-, Foto- und Ausstellungsprojekte in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen hinzukommen.
Vorhin ist bereits der Begriff der "Bildungslandschaft" gefallen, den ich folgend in ein Bild fassen möchte: Das ehemals zarte Pflänzchen "Ganztagsschule", das manche womöglich sogar für Unkraut gehalten haben, hat binnen der vergangenen Jahre starke und weit verzweigte Wurzeln geschlagen. Seine Triebe sind kräftig, im Saft stehend, und die Knospen haben sich bereits vielerorts zu bunten Blüten entwickelt. Um aber aus diesen Pflanzen eine Landschaft zu gestalten, bedarf es mehr. Eine Landschaft will gepflegt sein. Ein Architekt legt Wege und Plätze an, ein Gärtner sucht weitere Blumen, Sträucher und Bäume aus, so dass sie sich gegenseitig in Länge und Wuchs ergänzen und ein harmonisches Ganzes ergeben. Und es bedarf anderer, die die alltägliche Pflege übernehmen.
Mit einer Bildungslandschaft verhält es sich genauso. Auch sie muss sorgsam angelegt, von Personen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Professionen gepflegt und entwickelt werden, und eine Monokultur ist hier fehl am Platze. Bildungslandschaften ermöglichen vielmehr einen Übergang von einem Denken in geteilten Zuständigkeiten hin zu gemeinsamer Verantwortung aller für die Bildung Verantwortlichen. Sie stehen für einen qualitativen Sprung von kleinteiliger, projektbezogener und oft unverbundener Netzwerkarbeit zu einem lokal verantworteten Gesamtkonzept für die Bildung in einer Region. Und dies gelingt, wenn zum Beispiel neue Ideen in der kommunalen Verwaltung aufgegriffen und Instrumente für die Zusammenarbeit von Schulverwaltung und Jugendhilfe entwickelt werden. So würde eine gute Grundlage für zukünftige Kooperationen geschaffen.
Und es geht um die soeben beschriebene Vielfalt: Schulen, Kindertageseinrichtungen wie Einrichtungen der Jugendhilfe, Vereine und viele weitere zivilgesellschaftliche Organisationen können nun zu einem Gesamten gestaltet werden. Dabei müssen die Kinder und Jugendlichen selbst als Landschaftsplaner mit eingebunden sein. Genauso wie auch ihre Eltern: Denn sie wissen oft viel besser, was jenseits der formalisierten Bildungsangebote im Familienalltag gebraucht wird. Das beste Argument für ihre Mitarbeit ist, dass ein verlässliches, förderndes und transparentes Bildungssystem für ihre Kinder der entscheidende Zukunftsfaktor ist.
Ganztagsschulen sind ein Schlüssel bei der Entwicklung von lokalen Bildungslandschaften. Sie stellen nicht nur flexible und anregende Bildungs- und Betreuungsangebote bereit, sondern sie können auch den Rahmen, das Feld bieten für ein fruchtbares Zusammenwachsen der verschiedenen Einzelinstitutionen. Ich konnte bereits heute morgen einige Kooperationsbeispiele aus einzelnen Ländern bei meinem Rundgang durch die Ausstellung sehen, die ich Ihnen nur ans Herz legen kann.
Um Bildungslandschaften aufzubauen, braucht es allerdings Zeit und Engagement über das "Normalmaß" hinaus. Wege, die man zusammenlegen wollte, erweisen sich möglicherweise als Sackgassen, so dass sie umgelenkt werden müssen. Und es bedarf Geduld. Denn wie ein afrikanisches Sprichwort sagt: "Das Gras wächst nun mal nicht schneller, wenn man daran zieht."
Ich wünsche Ihnen nun zwei spannende und inspirierende Kongresstage, an denen Sie neue Erkenntnisse, Ideen und Menschen kennen lernen. Nehmen Sie etwas mit von hier, das Ihnen bei Ihrer Arbeit vor Ort hilfreich ist. Denn eines ist klar: Wir alle sind die Gestalter und Gärtner dieser Landschaften. Vielen Dank!
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