Alle in einem Boot

Wie Schülerclubs auf neue Ideen kommen und Schule verändern Eine Reportage von Christine Plaß
Eigentlich hatte die Zeltstadt am Röblinsee in Fürstenberg an der Havel ihre Mission erfüllt. Drei Wochen lang hatten siebte Klassen der Oberschule Blankenfeld-Mahlow dort gemeinsam das neue Schuljahr begonnen, in Projekten gelernt und sich zusammen gerauft. Doch dann kam Matthias Stiller, Lehrer an der Oberschule Blankenfelde-Mahlow und Mitarbeiter bei kobra.net im Team der Serviceagentur Ganztag auf die Idee, Schülerclubs aus ganz Brandenburg in die Zeltstadt einzuladen. «Es soll auch eine Wertschätzung sein für die Arbeit, die die Schülerclubs und ihre Betreuer leisten», erklärt Andrea Blaneck, die den Workshop organisiert hat. Sie kümmert sich als Mitarbeiterin der Serviceagentur Ganztag Brandenburg um mehr Partizipation von Kindern und Jugendlichen an Ganztagsschulen. Dabei liegen ihr besonders die Schülerclubs am Herzen. In Schülerclubs werden Schülerideen Wirklichkeit, bestimmen Schüler/innen über die Regeln der Zusammenarbeit, wird Verantwortung für die Schule übernommen. An diesem Wochenende haben sich 13 Schüler/innen und sieben Begleiter/innen von fünf Schülerclubs für den Workshop begeistern lassen. Logisch, dass dabei auch Spiel und Spaß auf dem Programm standen.
Es ist Mitte September, der Wind fegt über die kleine Zeltstadt am Röblinsee. Leicht fröstelnd vom Frühstück im Freien beginnen die Teilnehmer/innen den zweiten Tag des Workshops. Aus Berlin sind Ivo und Vincent – zwei jugendliche Experten in Sachen Schülerbeteiligung vom SV Bildungswerk – gekommen, um mit ihnen Ideen für Schülerclubs zu erarbeiten und die nächsten konkreten Schritte zu planen. Aber erst mal wollen sie wissen, was die Teilnehmer vom ersten Tag mitgenommen haben. «Wir haben uns darüber ausgetauscht, was es in einem Schülerclub so alles gibt», erklärt Janin (15 Jahre). Dabei sind sie die Checkliste für Schülerclubs durchgegangen, die die Serviceagentur Ganztag zur Verfügung stellt und auf der alles steht, was für einen Schülerclub wichtig ist. Heute werden sie ganz ohne ihre Betreuer Ideen für ihren Schülerclub entwickeln. Vincent und Ivo haben eine «total praktische Methode» mitgebracht, um Ideen zu formulieren. «Überlegt mal, was ihr an eurer Schule verändern und was ihr im nächsten Jahr machen wollt», fordert Vincent die Teilnehmer auf. Es dauert nicht lange, da hängen mehr als ein Dutzend Ideen auf bunten Zetteln an einer eigens dafür aufgespannten Wäscheleine im alten Bootshaus. Sie lauten «Lehrerfreie Zone», «Karaoke», «mehr freiwillige Schüler im Schülerclub», «Fußball auf dem Pausenhof» oder «mehr Parties».
Ideen auf den Weg bringen

Im zweiten Schritt setzen die Mitglieder eines Schülerclubs die Idee, die ihnen am besten gefallen hat, in einen konkreten Plan um. Es darf geschrieben, gemalt und gebastelt werden. Janin von der Mühlendorf-Oberschule Teltow und ihre Mitschülerin überlegen sich ein Konzept für den zehnten Geburtstag ihres Schülerclubs. «Das ist ein Jubiläum, das man feiern muss», ist Janin überzeugt. Und Spaß macht es ja auch. Swantje (13 Jahre), Odette (12 Jahre) und Franzi (12 Jahre) vom Schülerclub «La Casita» der Gesamtschule Belzig haben gleich mehrere Ideen: Von einem Wettbwerb für die Koch-AG über Club-T-Shirts bis hin zum Spendenlauf für Unicef. Lucas (13 Jahre), Mücke (15 Jahre) und Kevin (14 Jahre) vom Brücker Schülerclub haben ihr Anliegen unter dem Label A.T.O. auf den Punkt gebracht: Anti-Trainigsraum-Organisation. Den anderen erklären sie es so: In ihrer Schule werden Schüler in den Trainingsraum geschickt, die sich nicht an die Grundregeln halten und den Lehrer beim Unterricht oder andere Schüler beim Lernen stören. Ungerecht und uneffektiv finden die Jungs vom Schülerclub es, dass einige Schüler häufig und sofort dort landen, während andere vorgewarnt werden oder unbehelligt bleiben, obwohl sie sich nach Meinung der Jungen auch nicht an die Regeln halten. Zudem, erklärt Mücke, gebe es inzwischen schon mehrere Schüler, die sich freuten wenn sie im T-Raum wären, weil sie dann keinen Unterricht mitmachen müssten.
Hans (16 Jahre) und Fabian (15 Jahre) vom Schülerclub der Oberschule Werder haben sich aus Amerika eine Idee abgeguckt: Führerschein von der Schule aus. Sie beklagen, dass viele Eltern es sich nicht leisten könnten, ihren Kindern den Führerschein zu finanzieren, da soll die Schule einspringen und Verträge mit einer Fahrschule machen, so dass die Farhrstunden um 50 bis 60 Prozent günstiger werden. Die Idee tragen die Jungen schon länger mit sich herum, von dem Wochenende am Röblinsee nehmen sie trotzdem vieles mit. «Ich freu mich, wenn einer ne Idee hat, und man die umsetzen kann», sagt Hans.

Einer, der viel fragt, ist Florian Schmidt (20 Jahre). Er macht gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Serviceagentur Ganztag in Brandenburg, kommt frisch aus der Schule und bringt als ehemaliger Landesschülervertreter Kontakte zu Schülerinitiativen mit. «Das ist eine große Bereicherung für uns in punkto Schülerbeteiligung», freut sich Andrea Blaneck. Ihr ist es wichtig, mit Schülerorganisationen in Kontakt zu kommen, um die Partizipation von Schülerinnen und Schülern in der Ganztagsschule zu unterstützen. «Für Schulleitungen ist das nicht immer vordringlichstes Thema, da stehen oft viele andere Themen vornan», hat sie erfahren. Dabei sollte Partizipation eigentlich ein Querschnittsthema jeder Schule sein: Von der Unterrichtsgestaltung bis hin zu Organisation von Schule wollen Schülerinnen und Schüler mit entscheiden.
Fürs Zuhören bekommen Vincent und Ivo ein dickes Lob. «Ich fand es heute viel besser als gestern, wo einer nen Vortrag ohne Punkt und Komma gehalten hat», meint Hans. Janin findet es gut, «dass wir mal ohne Betreuer überlegen konnten». Und Franzi lobt: «Heute konnten wir mal was selber machen und nicht nur zuhören». Aber auch Ivo und Vincent sind voll des Lobes für die Teilnehmer/innen, die ungewöhnlich unterschiedliche Ideen entwickelt haben und trotz großen Alters- und Erfahrungsunterschieds miteinander klar kommen. «Man merkt, dass sich die Kids mit ihrer Schule auseinander gesetzt haben und wissen, wo die Probleme sind», hat Ivo erfahren.
Voneinander lernen

Marlis Schimnick ist Lehrerin an der Oberschule Blankenfelde-Mahlow, die auch Konsultationsstandort ist, was bedeutet, dass sie andere Schulen auf dem Weg zur guten Ganztagsschule unterstützt. Als Betreuerin für den Schülerclub steht sie einmal die Woche nachmittags zur Verfügung. Ihr Wochenende hat sie gern für den Schülerclub geopfert: «Wenn ich hier als Lehrerin mitfahre, erweitert sich mein Gesichtskreis. Ich habe im Austausch mit anderen wirklich gemerkt: Wir sitzen alle in einem Boot, es gibt überall ähnliche Probleme, und alle brauchen eine hohe Motivation, es auch auszuhalten, wenn Dinge nicht gleich gelingen.»
Ivo und Vincent helfen, dass die Dinge gelingen. Sie ermutigen, einzelne Schritte zu notieren. Manchen fällt es schwer, ihre Ideen auch aufzuschreiben. Im Austausch mit ihrer Betreuerin kommt die Anti-Trainingsraum-Organisation auf die Idee, ein Gespräch mit der Schulleitung zu führen. Silvia Schulze regt auch an, das Thema bei der Schulkonferenz einzubringen. «Der Trainingsraum ist ein schönes Instrument für Lehrer, die sich keine Gedanken machen wollen, wie sie mit Störenfrieden umgehen können», stellt Silvia Schulze fest. Als Sozialpädagogin steht sie zwischen den Fronten. Ihren Schülerclub kann sie verstehen, aber auch die Lehrer, die sich nicht anders zu helfen wissen. «Wir können uns vorstellen, hier noch mal mit externer Moderation zu unterstützen», bietet Andrea Blaneck an. Denn die Beteiligung von Schüler/innen ist kein Kinderspiel und muss gewollt und durch entsprechende Methoden ermöglicht werden.

Die Jubiläumsparty hat mittlerweile konkrete Formen angenommen. Von der Musik bis hin zum Aufräumen sind die Aufgaben verteilt. Braucht man eigentlich Texte für Karaoke?, will die Betreuerin wissen. Brauchen wir eine Geburtstagstorte?, fragen die Mädchen. Silvia Schulze von der Oberschule Brück steuert den Tipp bei, eine mit Foto backen zu lassen. Längst wird sich im Bootshaus auch zwischen den Schülerclubs ausgetauscht und Unterstützung angeboten.
Im Freien hat sich der Schülerclub «La Casita» mit seinen Betreuerinnen zusammengesetzt. «La Casita» bedeutet «kleines Haus» und soll den Zusammenhalt der Schüler/innen ausdrücken. Zu ihm gehören die jungen Siebklässlerinnen, die gerade mal drei Wochen in der neuen Schule sind und sich gleich für den Schülerclub engagieren. Lehrerin und Betreuerin Katrin Kämmerer lobt, wie die Schülerinnen das Wochenende genutzt und «ganz intensiv zugehört haben». Sie ist begeistert von den Ideen der Mädchen: «Die lassen sich alle umsetzten», ist sie überzeugt.
Gegen den Strom
Die Arbeitsphase am Vormittag neigt sich dem Ende zu, Andrea Blaneck ist zufrieden: «So viele tolle Ideen». Manche können über den Workshop hinaus Unterstützung gebrauchen. «Wir werden in Kontakt bleiben und an der einen oder anderen Stelle gucken, was wir noch anbieten können», verspricht sie.
Auch Ivo und Vincent bieten Hilfe an. «Solche Seminare sind immer gut, um Berührungsängste abbauen», weiß Ivo. Dann erzählt er den Teilnehmern von den Unterstützungsmöglichkeiten der Servicestelle Jugendbeteiligung und des SV Bildungswerks. Er verweist auch auf die Programme der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, wie zum Beispiel «Youth Bank», bei dem Jugendliche für kleine und große Projekte Unterstützung erhalten.
Am Nachmittag werden sie erfahren, wie es ist, gegen den Strom zu paddeln. Eine Kanutour auf dem Röblinsee steht auf dem Programm. Der Wind, der ihnen ins Gesicht bläst, ist stürmisch und kalt. Da ist Durchhaltevermögen und Teamwork gefragt. «Das schweißt zusammen», weiß Matthias Stiller. Und alle sitzen im selben Boot.
Datum: 10.10.2007 © www.ganztaegig-lernen.de
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