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Integrative Schule

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Anregungen durch Standpunkte zur Integration mit Bezug auf die Ganztagsschule von der Landesschülervertretung in NRW

Situation heute

„Ungenügend“ – Diese Note hat das deutsche Schulsystem 2007 von dem UNO Sonderberichterstatter Muñoz für Bildung bekommen. Leider kam dieses Urteil für SchülerInnen- und LehrerInnenverbände nicht sonderlich überraschend. Hatte doch bereits das von der OECD initiierte „Program for international student assessment“ (PISA) die gleichen Aussagen über das deutsche Schulsystem getätigt wie der Sonderberichterstatter:

In Deutschland entscheidet immer noch die soziale Herkunft eines Kindes über die Zugangschancen zu Bildung und somit über seine Voraussetzungen, in die Gesellschaft integriert zu werden. So liegt deutschlandweit die Wahrscheinlichkeit, dass ein Beamtenkind ein Gymnasium besuchen wird, sechsmal höher als bei einem Facharbeiterkind.

Ebenso benachteiligt sind, laut der PISA-Studie von 2000, Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund: Gerade einmal 10 % von diesen erreichen die Hochschulreife (deutsche Jugendliche 25 %) und der Anteil der Hauptschulabschlüsse ist bei MigrantInnen mit 40 % erschreckend groß (deutsche Jugendliche 20 %). Wer hier immer noch ein Integrationsproblem in Deutschland abstreitet, kann noch nicht begriffen haben, dass die Förderung des Potenzials junger Menschen die einzige Basis für eine funktionierende und sich weiterentwickelnde Gesellschaft ist.

Diese Förderung gestaltet sich in Deutschland ganz besonders schwierig: Das dreigliedrige Schulsystem der Bundesrepublik, das SchülerInnen im Alter von 10 Jahren in die angeblich entsprechende Schublade steckt, forciert die soziale Selektion. Nicht nur, dass die Mehrheit der PädagogInnen bestätigt, dass in diesem Alter die Entwicklung eines Kindes noch nicht abzusehen ist, auch ist schon prinzipiell die Einteilung von Kindern und Jugendlichen in drei Klassen von Menschen äußerst fraglich. Dass die Struktur von Schule nicht nur aus idealistischen Gründen überdacht werden muss, zeigte ebenfalls die PISA-Studie des Jahres 2000. Sie bescheinigte, dass bei gleich intelligenten SchülerInnen mit gleicher sozialer Herkunft bezüglich ihrer Lesekompetenz ein Lernrückstand von 1½ Jahren zu verzeichnen ist, wenn sie eine Hauptschule statt eines Gymnasiums besuchen.

Bei all diesen Fakten bleibt letztlich nur die Frage offen, warum die Verantwortlichen in der Bundesrepublik mit unglaublichem Elan an den verstaubten Strukturen des dreigliedrigen Schulsystems festhalten. Manch einer mag sich fragen, ob es unter „Denkmalschutz“ steht, da die Dreigliedrigkeit des Schulsystems, ebenso wie einige andere morsche Gebäude aus der Kaiserzeit stammt. Entspricht soziale Selektion folglich der deutschen Tradition? Oder sehen die bürgerlichen Eliten in dem hierarchischen System die Interessen ihrer Kinder besser gewahrt? Beides mögen Beweggründe der Politikerinnen und Politiker sein, jedoch ist nichts davon eine Legitimation, Kindern und Jugendlichen ihr Recht auf Bildung und Chancengleichheit zu verwehren.

Gemeinsamer Unterricht

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Experten sind sich einig, dass das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland antiquiert und überholt ist. In fast keinem anderen Land wird so früh selektiert wie hierzulande. Wir fordern eine integrierte Ganztagsschule als Regelschule. Dabei lernen und leben behinderte als auch nicht behinderte, leistungsschwache sowie leistungsstarke und immigrierte SchülerInnen gemeinsam. Länder, die auf solche heterogenen Lerngruppen setzen, haben bei internationalen Tests wie PISA die ersten Plätze belegt. Doch wurde nicht nur ein besserer Lernerfolg in gemischten Lerngruppen festgestellt, sondern auch ein gesteigertes Maß an Toleranz und sozialem Miteinander bewiesen. Die individuellen Talente der SchülerInnen könnten außerdem dazu genutzt werden, ein gegenseitiges Voneinanderlernen zu fördern.

Die Einteilung in „gute“ und „schlechte“ SchülerInnen kann so nicht länger hingenommen werden, da alle Kinder in bestimmten Bereichen Begabungen haben, es kommt nur darauf an, wie diese gefördert werden. Das dreigliedrige Schulsystem schließt eine solche individuelle Förderung grundsätzlich aus, weil schon ein Defizit in einem sogenannten „Hauptfach“ zu einer Abschulung führen kann, die wiederum eine mangelnde Bildung in allen Bereichen bedeutet. Hierbei wird das Potenzial der SchülerInnen verschwendet und ihnen keine Chance gegeben, sich optimal zu entwickeln.

Ganztagsunterricht

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Schule ist für Kinder und Jugendliche nicht nur Lern- sondern auch Lebensraum. Sie pflegen dort die meisten ihrer sozialen Kontakte und lernen in und mit einer Gruppe von MitschülerInnen zu leben. Folglich muss das Schulleben auch lebenswert gestaltet werden. Dies ist allein in einem umfassenden Ganztagsangebot möglich, da nur hier Raum für kreative, sportliche, soziale und musische Angebote ist. Diese sind notwendig, um die individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen zu gewährleisten. Außerdem lassen sich durch Nachmittagsangebote die sozialen Kompetenzen der älteren SchülerInnen stärken, wenn sie beispielsweise Sportgruppen mit jüngeren SchülerInnen betreuen. Schließlich wird Schule erst zum Lebensraum, wenn die Schülerinnen und Schüler die Angebote selbst mitgestalten können.

Eine 2007 veröffentlichte Studie des Instituts für internationale pädagogische Forschung hat gezeigt, dass die 15% der SchülerInnen, die heute schon in den Genuss von Ganztagsangeboten kommen, ihr Familienleben als ausgeglichener empfinden als andere Kinder und Jugendliche. Die Ganztagsschulen stellen für Eltern eine enorme Entlastung dar, da sich viele Eltern mit der Hilfe bei den Hausaufgaben zeitlich und inhaltlich überfordert fühlen. Dieses Problem entfällt bei Ganztagsschulen, da sie durch ihr Nachmittagsangebot Eltern bei der Balance von Beruf und Familie unterstützen. Die weit verbreitete Befürchtung, Ganztagsschulen würden dazu beitragen, dass das Leben der Kinder sich weniger in der Familie abspielt, konnten die Forscher nicht bestätigen: Sie fanden heraus, dass Kinder die Ganztagsangebote nutzen, sogar mehr Zeit mit ihren Eltern beim gemeinsamen Hobby oder beim gemeinsamen Zusammensitzen verbringen.

Obwohl es zum pädagogischen Auftrag von Schulen gehört, einen gesunden Lebensstil zu vermitteln, ist in Deutschland jedes fünfte Kind und beinahe jeder zweite Erwachsene übergewichtig. Dass die bloße Theorie am Vormittag über „gute und schlechte“ Lebensmittel nicht ausreichend ist, zeigen diese erschreckenden Statistiken nur zu deutlich. Solch einer dramatischen Entwicklung kann mit einem gemeinsamen und vor allem gesunden Mittagessen entgegen gewirkt werden. Die Themen Gesundheit, Hygiene, Ernährung und Körperbewusstsein sollten beispielsweise Bestandteile des Unterrichts oder von Projekten sein.

Das wichtigste Argument für Ganztagsunterricht ist jedoch, dass er die einzige Möglichkeit bietet, die in der bürgerlichen Gesellschaft gegebenen sozialen Ungleichheiten im Bezug auf Bildungschancen abzumildern. Wie die oben genannten Fakten belegen, ist die soziale Herkunft und der Bildungstand des Elternhauses entscheidend für die schulische Laufbahn des Kindes. Je länger Kinder zusammen Zeit in der Schule verbringen, desto weniger ausschlaggebend sind die sozialen Faktoren.

Notensystem

Das bisherige Notensystem mit seinen Ziffernnoten von „1" bis „6" bzw. von 0 bis 15 Punkten ist abstrakt und subjektiv. Die unterschiedliche Vorstellung von der Bedeutung einzelner Noten bei LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen macht das System ungerecht und undurchsichtig. Eine besonders krasse Ausdrucksform findet das Notensystem in den jüngst wieder eingeführten Kopfnoten. Dabei werden Sozialverhalten und veraltete preußische Tugenden wie Fleiß und Pünktlichkeit bewertet, um den psychischen Druck zur Konformität auf die SchülerInnen zu verschärfen. Außerdem sind Kopfnoten ein Mittel, um künftigen Arbeitgebern die Auswahl von Bewerbern zu erleichtern und nehmen damit einer Vielzahl von SchülerInnen die Perspektive auf einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz.

Wir fordern deshalb die Abschaffung jeglicher Ziffernnoten und die Hinwendung zu alternativen Bewertungsmethoden. Solche wären zum Beispiel die schon mehrfach erprobten Rückmeldungssysteme in Form von schriftlicher oder mündlicher Bewertung der persönlichen Fortschritte in so genannten „Portfolios“.

Unterrichtsmethoden

Allgemein bekannt ist, dass der heute übliche Frontalunterricht bei LehrerInnen als auch bei SchülerInnen wenig beliebt ist. Er spiegelt die verstaubten Methoden des preußischen Schulsystems wieder, in dem die Aussagen des Lehrers zum Gesetz werden und eine einseitige Beziehung der Abhängigkeit und Hörigkeit zwischen LehrerInnen und SchülerInnen entsteht. Deshalb fordert die LSV NRW die Abkehr von den üblichen Paukstunden im 45-Minuten-Takt, und eine Hinwendung zu verschiedensten alternativen Lernmethoden. Es ist schließlich davon auszugehen, dass jedeR SchülerIn andere Lerntechniken als Zugang zu den Unterrichtsinhalten bevorzugt; weshalb das Erlernen verschiedener Lerntechniken essenziell für die Förderung der individuellen Fähigkeiten eines Kindes ist.

Der Schwerpunkt muss hierbei auf die Förderung des selbstbestimmten Lernens gesetzt werden. Es muss bei SchülerInnen allgemein ein Bewusstsein geschaffen werden, dass es sich bei Kindern und Jugendlichen nicht um unmündige Wesen handelt, sondern sie sehr wohl selbst in der Lage sind abzuwägen, welche Inhalte sie grade bearbeiten möchten ohne insgesamt Themen zu vernachlässigen.

Des Weiteren sollten die Unterrichtsinhalte weit über die heute üblichen hinausgehen. Das politische Tagesgeschehen sollte Einzug in die Klassenräume halten. Es ist wichtig, dass die SchülerInnen Nachrichten verstehen und nachvollziehen können. In der Schule muss ihnen geholfen werden, die Zusammenhänge zu verstehen und ihre Fragen und Sorgen müssen beantwortet und ernst genommen werden. Die SchülerInnen sollten befähigt werden, sich eine eigene kritische Meinung zu bilden. Schließlich gehört es doch auch zum erzieherischen Auftrag von Schule, Kinder und Jugendliche zu mündigen Bürgern anstatt zu unpolitischen Schafen zu erziehen. Aber auch Fähigkeiten wie (Selbst)Kritik, Kreativität, Problemerkennungs- und Problemlösungskompetenz, soziale Kompetenz, Eigenständigkeit und Teamfähigkeit, Umgang mit Sprache und (neuen) Medien sollten neben den fachspezifischen Unterrichtsinhalten einen höheren Stellenwert in der Schule bekommen.

Wer ist die LSV NRW?
Die LandesschülerInnenvertretung NRW (kurz: LSV NRW) vertritt die Interessen der knapp 3 Millionen Schülerinnen und Schüler des Landes Nordrhein-Westfalen. Grundlage ihrer Arbeit sind die NRW-Schulgesetze. Sie mischt sich in landespolitische Diskussionen ein und unterstützt Schülervertretungen an Schulen und auf Bezirksebene. Sie setzt sich zusammen aus Schülerinnen und Schülern aller Schulformen und bietet Interessierten die Möglichkeit, die Arbeit der LSV NRW mitzugestalten.

 

Datum: 6.11.2007
© www.ganztaegig-lernen.de



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