Für eine demokratische Schule

Von Dr. Cornelia Alban
Das ist eines der Ziele, das sich das Bildungswerk für Schülervertretungsarbeit (SV-Bildungswerk) ins Programm geschrieben hat. Es wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) im Rahmen des Programms „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“ unterstützt. Die Aktiven des SV-Bildungswerks haben sich in ihrer Zeit als Schülervertreter umfangreiche Expertise in allen Bereichen der Bildungspolitik erarbeitet und fundierte Erfahrungen in der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Projekten erworben. Dieses Wissen und Methodenkenntnisse möchten sie an engagierte Schülerinnen und Schüler weitergeben.
Von Bayern nach Berlin-Kreuzberg
Vincent Steinl, Initiator, Vorstandsmitglied und Aktiver des Bildungswerks öffnet die Tür zum Büro, das sich mit der breiten Straßenfront gut als ein Ladenlokal für Bildungsarbeit auf dem Präsentierteller eignet. Der gebürtige Bayer mit bemerkenswert wenig heimischem Dialekt blickt auf eine Karriere in der Schülermitverwaltung zurück: vom Schülersprecher, über Bezirks- und Landesschülervertretung bis hin zum Vorstandsmitglied in der Bundesvertretung durchlief er alle Stationen der Gremienarbeit.
War mit dem Abitur 2006 für ihn Schluss mit dem Engagement in der Schülerpartizipation? Nein, im Gegenteil. Die Idee, bundesweit ein Netzwerk für Schülerinnen und Schüler zu bieten, die gebündelte Kompetenz und Unterstützungsangebote abrufen können sowie von der Erfahrung Ehemaliger profitieren, war ein Grund des 21-Jährigen das SV-Bildungswerk zu gründen und nach Berlin zu ziehen. „Denn hier befinden sich die Institutionen, mit denen wir zusammenarbeiten ... und zusammenarbeiten wollen“, fügt er lächelnd hinzu.
Ein weiterer Grund vom Süden in den Nordosten zu wechseln, war das Studium. „Ich wollte unbedingt nach der Schule sofort studieren und weiterlernen.“ Der Reformstudiengang Techniksoziologie an der Technischen Universität Berlin entspricht seiner Neigung zu soziologischen Themen, und er wird kombiniert mit einem technischen Nebenfach, in Vincents Fall Architektur. Eine gelungene Mischung, die hervorragend zu seinen Aktivitäten in der Bildungsarbeit passt.
Wurzeln weitertragen

Was macht eigentlich das SchülerInnenstitut? „Das gibt es noch, wir sprechen jetzt vom Schülerinstitut 2“, klärt Vincent Steinl. Dies weist jedoch nicht auf die Dominanz eines Geschlechtes hin. Die jugendlichen Schülerforscherinnen und –forscher sind nach wie vor mit beiden Geschlechtern vertreten, „wobei die Frauen wesentlich tougher sind – in der Forschungsarbeit“, macht der Student geschlechtsspezifische Unterschiede aus.
Begonnen hatte das SchülerInneninstitut im Frühjahr 2005, das mit dem Kongress in Nürnberg 2006, auf dem die Forschungsergebnisse publiziert wurden, einen vorläufigen Abschluss fand. In ihm untersuchten Schülerinnen und Schüler mit wissenschaftlichen Methoden Schülerprojekte, deren Anliegen es ist, Schule von innen heraus zu verändern. In Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Bayerischer Schülerinitiativen (NeBS) und der DKJS im Programm „Lebenswelt. Jugend leistet sich Gesellschaft“ hatte die Landesschülervertretung Bayern e. V. die Trägerschaft für das Projekt. Und damit ist auch Vincent Steinl wieder im Spiel, Mitglied und Initiator des ersten Teams der Schülerforscherinnen und -forscher.
Schülerbeteiligung bewegt

Vincent Steinl (rechts)
Neun Forscher und Forscherinnen, fünf zu erforschende Projekte, ein Hauptamtlicher, zwei Vertreter der DKJS, ein Büro, 153227 Zugkilometer, sieben Orte in Bayern von Augsburg bis Würzburg, 15000 Euro..., das sind die beeindruckenden Daten des damaligen Pilotprojektes. Die Forscherinnen und Forscher der ersten Runde sind immer noch aktiv, wenn sich auch durch Abitur oder Studium die Interessen verlagert haben.
Doch die Idee „Schüler und Schülerinnen forschen“, können und wollen das, erwies sich als tragfähig und wurde durch den Neu-Berliner weiterentwickelt. „Wir haben erlebt, dass die Schüler aus der Peer-Perspektive zu anderen Forschungsfragen und anderen Erkenntnissen als die normale Wissenschaft kommen. Wir haben überlegt mit wissenschaftlichen Methoden, die Lebenswelt, den Sozialraum der Jugendlichen genauer unter die Lupe zu nehmen und das Format zu verbreitern“, berichtet Vincent Steinl.
Das Motto des 4. Ganztagsschulkongresses „Ganztagsschulen werden mehr. Bildung lokal verantworten“ regte zu einer Ausschreibung über das Thema lokale Bildungslandschaften an. „Das ist ja eigentlich ein schwierig zu fassender Begriff: lokale Bildungslandschaften. Das fordert ja geradezu die Frage heraus: Was ist das?“ Einer Frage, der sich seit dem Sommer 2007 zwei Forscherteams in Düren und München widmen. Die Entscheidung für Düren, einer Stadt mit 90.000 Einwohnern in einem ländlich strukturierten Umfeld, mit überschaubarem Bildungsangebot, fiel bewusst. Ebenso wie die Wahl für München, einer Großstadt mit einem unübersichtlichen Bildungsangebot, „damit die Forschungsergebnisse für Räume mit ähnlichem Charakter übertragbar sind“, begründet der Student.
Lernen von hier nach dort

Die sieben Dürener Forscherinnen und Forscher, Elftklässler im Alter zwischen 16 und 18 Jahren, gingen als Erste an den Start. Pünktlich zum Kongress erschien ein Film mit obigem Titel, der die Forschungsarbeit der Gruppe dokumentiert. „Damit wollten wir für das Anliegen des 2. Schülerinstituts werben“, berichtet Vincent. Wie schon beim ersten Team folgte der Ausschreibung eine kurze Einführungsphase in sozialwissenschaftlicher Methodik, die Lorenz Seibl, ein Student der Sozialwissenschaften in München, leitete. Er unterstützt die Schülerinnen und Schüler in Düren und München als Tutor auch in den anschließenden Feld- und Auswertungsphasen.
Eine Erfahrung des ersten SchülerInneninstituts zeigt, dass eine kontinuierliche Begleitung des Prozesses notwendig ist. „Nicht, dass Sie denken, dass die Schüler nicht selbstständig forschen könnten. Im Gegenteil, ich habe mich gewundert, wie schnell sie die Methoden umgesetzt und da mit Fragen nachgehakt haben, wo ich das auch getan hätte“, engagiert sich der Münchner Coach. „Aber es ist wichtig, dass sie nicht nur die Einführung mitnehmen, sondern bis zum Schluss dabeibleiben.“ Für ihn selbst ist entscheidend, dass er schon während seines Studiums Gelerntes weitergeben und Theorie in Praxis umsetzen kann. „Das ist eine enorme Chance, während des Studiums nicht in Kneipen jobben zu müssen, obwohl die ja jede Menge sozialwissenschaftliche Betrachtung ermöglichen, sondern das praktisch erproben zu können, was man studiert.“
Eine weitere wichtige Erkenntnis aus der ersten Runde war, die jugendlichen Forscher nicht zu sehr mit Logistik, Organisation und Abwicklung des Vorhabens zu belasten. Hier nimmt Vincent wiederum eine Schlüsselposition ein. Er koordiniert und managt die Forscherteams, die aus Mitteln des Transferprogramms „Lebenswelt“ durch die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung unterstützt werden. Auch wenn er stolz ist, mittlerweile Excel-Tabellen und einen Finanzplan erstellen zu können, sieht er seinen eigentlichen Mittelpunkt als Ideengeber, Innovator und Motivator.
Forscher fragen

Was ist eine Bildungslandschaft? Wo gibt es was? Was gibt es für wen? Wer sorgt für Vernetzung? Wer finanziert das Ganze? Ist unsere Bildungslandschaft gerecht? Sieben Schülerforscherinnen und -forscher bombardieren mutig Entscheidungsträger und Schüler in Düren mit Fragen, so zeigt es der Film. Von der Integrationsbeauftragten, Bibliothekarin, dem Musikschulleiter hin zum Bürgermeister und Minister reicht die bunte Palette von Interviewpartnern. Die Dürener Gruppe hat sich für eine Mixtur aus quantitativen und qualitativen Erhebungsmethoden entschieden: eine Umfrage , halbstandardisierte und qualitative Interviews durchgeführt. Mit dem Ziel, eine Karte über die Bildungsangebote Dürens zu erstellen und diese nach Ende des Forschungsvorhabens möglichst in allen Klassenzimmern Dürens auszuhängen. Ein Fazit des abschließenden Forschungsberichtes ist: Die Bildungslandschaft Düren erhält eine grüne Karte, es gibt sie und sie bietet was. Rot sieht das Forscherteam, was den Bekanntheitsgrad des Angebotes betrifft. Da müssen die Dürener Bildungsträger noch mehr tun, um zu punkten.
Von der Biografie zur Landschaft
Mit einer anderen Forschungsfragestellung beschäftigt sich das Münchner Team, das im Oktober dieses Jahres mit der Arbeit begann: Inwieweit wirken sich unterschiedliche Bildungsbiografien von Schülerinnen und Schüler auf die Wahrnehmung, Nutzung und Akzeptanz von Bildungsangeboten aus? lautet die zentrale Fragestellung der drei Schülerforscher. Stadteilbezogen führen sie in acht Schulen persönliche Interviews mit Jugendlichen. „Diese Gruppe arbeitet ausschließlich mit qualitativen Methoden. Ich denke, dass ist für Schüler einfacher und liegt ihnen wesentlich mehr“, meint Vincent Steinl. Für die Idee des Schülerinstituts ist es jedoch enorm wichtig, dass wir keine Form oder ein Design vorgeben.“ Einfacher war in München auch die Rekrutierung des Forscherteams, das sich aus engagierten Jugendlichen des münchner schülerbüros zusammensetzt. Einem Schülerprojekt, das schon vom SchülerInneninstitut 1 erforscht wurde.
Denn außer der Motivation, „egostrategisch etwas dazuzulernen, was man in der Schule nicht vermittelt bekommt, ist die Triebkraft, Ideen einzubringen, aktiv zu werden“ eine wesentliche Gelingensbedingung für den Forschungsprozess – und für Partizipation. Dabei weiß Vincent Steinl aus langjähriger Erfahrung, „dass es nicht einfach ist, engagierte Jugendliche aus dem Hut zu zaubern“. Und Coach Seibl hängt die Messlatte ebenfalls tiefer, wenn es darum geht, bisher noch nicht aktive Schülerinnen und Schüler zu schulen. „Da muss ich mit der Begrifflichkeit einfach weiter unten anfangen.“
Zukunft – alle für eines

In Vincents Vision einer demokratischen Schule mit basisdemokratischen Strukturen ist eine Schülervertretung überflüssig. Aber bis es soweit ist, hat das SV-Bildungswerk noch Kalenderjahre voller Arbeit vor sich. Als Nächstes ist ein Umzug nach Mitte geplant. Von der dann räumlichen Nähe zur Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik erhofft der Bildungsworker Synergieeffekte. Für das Schülerforscher-Projekt ist eine Werkzeugkiste, ein Methodenkoffer in Vorbereitung. Ein Angebot für Lehramtsstudierende, um die Schülermitwirkungsgremien angehenden Lehrern publik zu machen, rangiert ebenfalls weiter oben auf der Agenda des SV-Bildungswerkes, die ein dichtes Arbeitsprogramm beinhaltet.
Und wann ist für Sie Schluss? Da lächelt der junge Bildungsarbeiter ein wenig wehmütig: „Trotz meines Alters habe ich mir schon Gedanken gemacht, wann ich aufhören muss, weil ich nicht mehr dicht genug an der Zielgruppe bin. Ich denke, Ende des nächsten Jahres steht ein Generationenwechsel an.“ Die Aussicht auf ein Abschiednehmen von dem viel geliebten Anliegen, Schülervertretung zu unterstützen, scheint ihn zu berühren.
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Die DVD „Lernen von hier nach dort“ kann hier bestellt werden öffnen
Datum: 21.12.2007 © www.ganztaegig-lernen.de
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