Elternarbeit

in Wilhelmsburg vielsprachig und phantasievoll
Interview mit Monika Plötzke, Schulleiterin der Schule an der Burgweide in Hamburg-Wilhelmsburg
Nur ein schmaler Kanal trennt den Flachbau der Schule an der Burgweide von der Hochhaus-Siedlung auf der anderen Seite der Straße. Die meisten Schüler und Schülerinnen der Integrativen Regel-Schule wohnen in diesen schmucklosen Betonbauten. Ihre Eltern kommen aus Afghanistan und Albanien, aus der Türkei und aus Russland, insgesamt mischen sich 25 Nationen in der Schule. 85 Prozent der Schüler kommen aus Migrantenfamilien. Sehr viele Mütter sind Analphabeten, viele Eltern sprechen wenig oder kein Deutsch. Auf den Elternabenden erscheinen oft nur drei bis vier Eltern, Schul-Elternversammlungen mit 10 bis 15 Eltern gelten als gut besucht. Die Kommunikations-Barriere wurde zu einem noch größeren Problem, als die Schule zu Beginn des neuen Schuljahrs 2007 zur Ganztagsschule wurde. Wie kann man, fragten sich Schulleitung und Kollegium, den Eltern die Neuerungen erklären, wie kann man sie einbinden in den Veränderungsprozess? Björn Steffen, Leiter der Serviceagentur Ganztägig Lernen, vermittelte der Schule eine Beraterin für Interkulturelle Kommunikation. Mit deren Hilfe entwickelte die Schule neue Wege der Verständigung: Sie produzierte eine vielsprachige CD mit Informationen für die Eltern, und sie bildete sogenannte Kulturmittler unter den Eltern aus.
Frau Plötzke, manch einer möchte nicht in Ihrer Haut stecken - Sie scheinen hier alle Probleme auf einmal zu haben: lernschwache und verhaltensauffällige Kinder, dazu die immensen Sprachprobleme mit den Eltern.
Monika Plötzke: Als ungewöhnliche Anhäufung von Problemen kann ich das nicht sehen. Wir sind das, was man eine integrative Regelschule nennt und davon gibt es einige in Hamburg. An solchen Schulen werden Schülerinnen und Schüler nicht ausgesondert, sondern nach anderen Unterrichtskonzepten unterrichtet. Bei uns arbeiten Lehrer und Lehrerinnen im Team mit Erziehern, Sonderpädagogen und Sozialpädagogen zusammen. Der Unterricht ist offen und individualisiert. Das heißt, bei uns lernt nicht jedes Kind das Gleiche, sondern wir helfen, den jeweils nächsten Schritt zu tun. Und das auf allen Ebenen: Wir haben einen Psychomotorik-Raum, einen Entspannungsraum, in den Klassen ist Platz für Bewegung, wir haben eine Schreib- und Druckwerkstatt, wo die Schülerzeitung entsteht.
Und das finden die Eltern der Schülerinnen und Schüler alles prima.
Monika Plötzke: O nein, dieses Konzept zu vermitteln ist manchmal nicht ganz einfach. Wir arbeiten ja seit 30 Jahren mit Migranten-Eltern zusammen und wissen daher, welche Vorstellungen von Schule viele Eltern mitbringen: stundenlang still am Tisch sitzen und im Chor nachsprechen, was der Lehrer vorsagt. Die Lehrer verbringen unendlich viel Zeit damit, sich verständlich zu machen. Wir können zwar theoretisch Dolmetscher von der Behörde anfordern, aber für alle Sprachen gibt’s die ja gar nicht. Manchmal springt dann unsere türkische Sekretärin oder der russische Hausmeister ein.
In welchen Fällen?
Monika Plötzke: Wenn wir beispielsweise sagen, dieses Kind hat extreme Lernschwierigkeiten, es braucht Ergotherapie oder Krankengymnastik oder muss vielleicht nur zum Ohrenarzt gehen. Und dann meinen die Eltern, es muss einfach mehr lernen, setzen es vor irgendein Buch „Das Wissen der 4. Klasse“ oder so ähnlich und lassen ihr Kind das abschreiben. Das bringt natürlich überhaupt nichts.
Verstehen Sie denn immer, warum ein Kind sich so und nicht anders verhält?
Monika Plötzke: Auch da gibt es viele Missverständnisse. Wenn beispielsweise ein Kind am Tisch rumhampelt oder auf dem Stuhl rumhängt, denken wir, es hat Haltungs-Schäden oder ist motorisch gestört. Dabei kennt es das von zu Hause einfach nicht, da man dort wie im Heimatland auf dem Fußboden lebt. Oder: Nimmt ein Kind einem anderen immer wieder Stifte oder Radiergummi weg, kriegt es Ärger. Dabei verhält es sich schlicht so wie zu Hause, wo, kulturell verankert, in einer gemeinsamen Wohnung alles allen gehört. . Über diese Alltags-Schwierigkeiten hinaus haben Sie nun den Eltern ein ganz neues Schulkonzept nahe gebracht, das Ganztägige Lernen.
Monika Plötzke: Den Anstoß für das, was wir dann gemacht haben, hat Björn Steffen von der Agentur Ganztägig Lernen gegeben. Wir hatten die Agentur näher kennen gelernt im Rahmen des thematischen Netzwerkes. Das war eine Hospitationsreihe, bei der wir uns in verschiedenen Ländern über Ganztägiges Lernen informiert haben. Björn Steffen hatte nun die Idee, dass wir uns zunächst an die Beratungsstelle Interkulturelle Erziehung im Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung wenden sollten. Und von dort haben wir dann – über einen Projektantrag - eine Beraterin, Latifah Kühn, bekommen.
Und diese Beraterin hat sich dann um Dolmetscher gekümmert.
Monika Plötzke: Nein, nein, ganz anders! Oder – warten Sie – vielleicht kann man das doch so nennen! Also, Frau Kühn hat uns zunächst mal über sehr vieles aufgeklärt, was wir trotz unserer langjährigen Erfahrung so nicht wussten. Über das Besondere von Kollektivkulturen etwa oder über mündliche Kulturen, in denen die Dinge ganz anders tradiert werden. Bald war uns klar: Wir müssen unsere Eltern anders erreichen als über die traditionellen Elternabende und über schriftlichen Mitteilungen. Das Stichwort hieß: Kulturvermittler schaffen. Eltern, die ein bisschen Interesse zeigen, sollten so ausgebildet werden, dass sie sich verantwortlich fühlen und die notwendigen Informationen in ihrem jeweiligen Kulturkreis weitergeben.
Wie haben Sie diese Eltern, Ihre Kulturmittler, gefunden?
Monika Plötzke: Wir haben eine Liste gemacht mit 20 Eltern, von denen wir wussten, dass sie gut Deutsch sprechen. Die haben wir angerufen und tatsächlich sind auch 15 zu einem Abend mit Frau Kühn gekommen. Die Eltern haben unheimlich viel gefragt, und zum Schluss hatten wir das gute Gefühl: Die wissen jetzt Bescheid darüber, was wir wollen. Diesen Eltern haben wir dann unsere CD mitgegeben.
Diese CD war ja Teil Ihres Projektes mit Frau Kühn, sie hat die CD mit Ihrer Hilfe produziert. Was ist darauf zu hören?
Monika Plötzke: Es ist immer derselbe Text, der von Frau Kühn in Deutsch und von jeweils einem Kind und einem Erwachsenen in Türkisch, Französisch, Farsi – einem afghanischen Dialekt – , Russisch und Albanisch gesprochen wird. Wir erklären darin unser Schulkonzept, erläutern, warum wir Wert legen auf die persönliche Entwicklung des Kindes, auf sein Sozialverhalten und seine Beteiligung an den demokratischen Strukturen unserer Schule: den Klassenrat, die monatliche Kinderkonferenz. Seit diese CD unter den Eltern kursiert, sind die Elternabende viel besser besucht! Das Ganze war eine gute Vorbereitung für die Elternversammlung im Mai, auf der wir alle Eltern über die kommende Ganztagsschule informiert haben.
Kamen zu dieser Elternversammlung auch mehr Eltern als sonst?
Monika Plötzke: Es waren so viel wie noch nie: 85 Eltern! Wir hatten diesmal die Einladung ganz anders gestaltet, nämlich mit Bildern von Schülern. Wir haben Sprachentische gemacht in der Aula, an denen jeweils unsere Kulturvermittler und Eltern saßen sowie Lehrer, die Fachfragen beantwortet haben. Es gab Essen von dem Anbieter, der auch das Mittagessen für die Schüler liefern sollte. Denn das Essen ist ja ganz wichtig: die einen essen kein Rind, die anderen kein Schwein, die dritten gar kein Fleisch – die Eltern sollten sehen, dass es für jeden etwas gibt. Außerdem konnten sie durch alle Räume gehen: Im Psychomotorik-Raum haben die Schüler vorgeturnt, in der Werkstatt haben sie Steine geklopft, in der Schreibwerkstatt geschrieben und gedruckt.
Woher wissen Sie, dass das die Eltern überzeugt hat?
Monika Plötzke: Es kamen ganz viele positive Rückmeldungen. Eine Mutter, die zu Beginn viele Ängste geäußert hatte, kam zum Schluss und sagte, sie wolle gerne mitarbeiten. Und das tut sie nun auch – als Küchenkraft! Andere Eltern wollen im Rahmen des Ganztags-Betriebs einen Farsi-Kurs an der Schule organisieren, auch Türkisch soll angeboten werden. Den Eltern war vorher gar nicht klar, dass wir solche muttersprachlichen Kurse überhaupt nicht ablehnen, im Gegenteil! Wie gesagt: Wir müssen viel voneinander lernen.
Das alles scheint Sie gar nicht gestresst zu haben.
Monika Plötzke: Das wäre übertrieben, aber es geht gerade noch. Das liegt daran, dass die Arbeit hier sinnvoll und zufriedenstellend ist. Ich komme jeden Tag gerne hierher – auch wenn ich oft auf dem Zahnfleisch nach Haus gehe. Wissen Sie, die Kinder sind so dankbar, sie wissen, dass sie hier Anregungen kriegen, die sie sonst nicht bekommen. Sie sind hier gut aufgehoben – und das merken sie.
Interview: Annette Garbrecht im Auftrag der Regionalen Serviceagentur Hamburg
Datum: 16.02.2007 © www.ganztaegig-lernen.de
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