„Du brauchst Ideen für einen sinnvollen Ganztag!“

Stefan Siefert, Annette Jung, Sabine Heinbockel Dokumentation der Prozessbegleitung einer Grundschule in der Umwandlung zu einer gebundenen Ganztagsschule
Ein Schwerpunkt der Serviceagentur Bremen ist Prozessbegleitung für Schulen, die Ganztagsschule werden oder sind – wir verstehen diese Arbeit als Teil von Schulentwicklung, die nicht nur auf die organisatorischen Belange abhebt, die bei einer Umwandlung in den Ganztagsbetrieb oft im Vordergrund stehen, sondern in der es um „Entwicklung guter Schule“ geht. In Bremen ist Ganztagsschule in der Primarstufe in der gebundenen Form inzwischen die Regel; es gibt demzufolge nicht nur die Chance, sondern auch die Notwendigkeit, elementare „Bausteine“ von Schule neu zu gestalten. Welchen Beitrag eine externe Begleitung in diesem Gestaltungsprozess haben kann und welche Komponenten von Beratung sich als hilfreich und zielführend erweisen, ist Thema dieses Textes.
Anhand des Beratungsprozesses, der über einen relativ langen Zeitraum in einer Grundschule in Bremen durchführt wurde, können Verlauf, Erfolg und Zielerreichung im Einzelnen beschrieben und reflektiert werden. AutorInnen dieses Textes sind die ProzessbegleiterInnen Annette Jung und Stefan Siefert sowie Sabine Heinbockel von der SAG Bremen. Eingeflossen sind Evaluationsergebnisse, Auswertungsgespräche und eine Befragung der Schulleitung der begleiteten Schule.
Der Zweck ist neben der Dokumentation eines Beratungsprozesses das Herausarbeiten zielführender Beratungs-Komponenten, die auch bei der Beratung/Begleitung anderer Schulen hilfreich sein können.
Zahlen und Fakten
Bei der begleiteten Schule handelt es sich um eine vierjährige Grundschule mit etwa 260 Kindern und 16 Lehrkräften, von denen gut 2/3 Teilzeitverträge haben. Die Schule liegt in einem Bremer Stadtteil mit eher bildungsorientierten Eltern und einem Anteil von ca. 20% von Kindern mit Migrationshintergrund. Ca. 30% der Kinder leben in „unvollständigen“ Familien. Neben dem Regelunterricht gab es im Halbstagsbetrieb eine AG-Schiene in Kooperation mit Sportvereinen sowie die Angebote der verlässlichen Grundschule. Die Schule wird die erste GTS-Grundschule des Quartiers. Im näheren Einzugsbereich liegen 3 weitere Grundschulen. Von den weiterführenden Schulen ist eine bereits eine GTS.
“ Wie wir werden, was wir wurden“
Das Kollegium der Schule hatte im Jahre 2004 einen Antrag auf Umwandlung zu einer gebundenen Ganztagsschule gestellt. Dieser Antrag wurde in der Bildungsbehörde nicht bearbeitet, da zu dieser Zeit in Bremen nur offene Ganztagsschulen im Primarbereich genehmigt wurden. Das Thema war also für die Schule nach diesem Entscheid vom Tisch. Die Schulleitung, die diesen Antrag vertreten hatte, ging ein Jahr später in Pension; eine neue Schulleitung kam im 2006 an die Schule. In dieser Neuanfangsphase erfuhr das Kollegium im April 2006 aus der Tagespresse, dass die Behörde den „alten“ Antrag nun doch genehmigt habe und der Standort ab dem nächsten Schuljahr eine Ganztagsschule sein würde.
Der naheliegende städtische Hort sollte geschlossen werden und die dortigen MitarbeiterInnen die Wahl bekommen, in eine andere Kindertageseinrichtung zu wechseln oder (unter Wahrung ihrer Vertragsrechte) in die Schule zu wechseln. Das Hortgebäude sollte als Schulerweiterung genutzt werden. Über das Projekt TransKiGs bestanden zwar bereits Kontakte zu den MitarbeiterInnen der Kita, da aber weder die Schule noch die KiTa selbst aktiv eine Umwandlung zur Ganztagsschule zum jetzigen Zeitpunkt betrieben hatten, kam der Beschluss auch für die KiTa ganz unvermittelt.
Typische Komponenten einer Schule
Diese Ausgangslage weist bereits einige typische Komponenten auf, die zumindest in Bremen häufiger Auswirkung auch auf den Beratungsprozess haben: Die Entscheidung, welche Schule Ganztagsschule wird, hängt von vielen Einflussfaktoren ab, unter denen der (erklärte) Wille von Schulleitung und Kollegium nur einer unter anderen ist; dies hat zur Folge, dass leicht der Eindruck entsteht, nicht „Herrin des Verfahrens für die eigene Schule“ (so formulierte es eine Bremer Konrektorin einmal) zu sein, sondern „wieder einmal“ überraschenden Entscheidungen „von oben“ ausgesetzt zu sein. In der Wirkung auf den Umwandlungsprozess kann dies zu mehr oder weniger massiven Widerständen führen, es geht in erster Linie nicht mehr um das Anliegen „Ganztagsschule“, sondern um einen unfreiwilligen Handlungsdruck, der immer (subjektiv und oft auch objektiv) ungelegen, weil ungefragt kommt. Die – und hier passt die Vokabel leider gut – Betroffenheit der Kindertagesstätten von der Entscheidung eines anderen Ressorts lässt sich unmittelbar nachvollziehen: Schließung, Verlust der Autonomie, unfreiwilliger Wechsel des Arbeitgebers – und dies alles nicht aus Gründen, die mit der eigenen Arbeit zu tun haben, sondern die als Spardruck oder – um es pointiert zu formulieren – als „feindliche Übernahme“ wahrgenommen werden. Wie sich solches Erleben auf die Kooperationsbereitschaft auswirkt, muss nicht näher ausgeführt werden. Eltern waren in den Meinungsbildungsprozess nicht einbezogen; auch für sie kam die behördliche Entscheidung unvermutet. Das spielt auch deshalb eine große Rolle, weil Ganztagsschulen in Bremen Anwahlschulen sind.
Prozessbegleitung und mehr
Im Juni 2006 nahm die Schulleitung (im Folgenden: SL) mit der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Kontakt auf. Im Erstgespräch wurden die Bedarfe erhoben, erste Bestandteile des Planungsprozesses benannt, mögliche Hilfen dazu identifiziert. Als besonderes „PLUS“ konnte herausgearbeitet werden, dass es tatsächlich Zeit für einen neuen Leitbildprozess zur Ganztagsschule gab. Die Schulleitung wollte die Prozessbegleitung für einen strukturierten und terminierten Planungsprozess und die Unterstützung bei der Entwicklung der Ganztagskonzepts. Zudem sollten Kolleg/innen und Eltern motiviert und „mitgenommen“ werden, um ein überzeugtes JA zur Ganztagsschule gemeinsam zum Auftakt zu bekommen. Es wurde vereinbart, den Umwandlungsprozess mit zwei externen BeraterInnen zu begleiten. Dieses von der Serviceagentur Bremen gestellte Tandem bestand aus einer Supervisorin und einem Schulmanagementexperten, die beide zudem als Pädagogische MitarbeiterIn an einer Bremer Ganztagsschule arbeiten. Der gesamte Prozess sollte dokumentiert werden und es wurden regelmäßige Feedbackgespräche mit der Agentur verabredet.
Bedarfe und Beratungsdesign
Die beiden BeraterInnen führten mit der SL zwei Vorgespräche durch, um die Bedarfe der Schule und den vorhandenen Kenntnisstand zum Thema Ganztag zu eruieren. Es wurde deutlich, dass das Kollegium zwar nicht ablehnend, aber teilweise äußerst skeptisch der Entwicklung zur GTS gegenüberstand. Der Kenntnisstand zu den Fragestellungen des Ganztags ist mit Ausnahme der SL im Kollegium als sehr gering anzusehen. Eine Ausnahme stellt die veränderte Unterrichtspraxis dar. Es wurden an der Schule schon in der Vergangenheit innovative Lehrmethoden praktiziert. Als ein Ergebnis dieser Gespräche wurde vereinbart, eine eintägige Auftaktveranstaltung mit dem Lehrerkollegium am ersten Präsenztag nach den Sommerferien durchzuführen. Hier stand die Arbeit mit dem Kollegium im Mittelpunkt.
Die Schulleitung hatte Präsenzzeiten eingeführt, was viele Auseinandersetzungen und durchaus auch Widerstand erzeugte. Es gab also genug „Futter“ und Diskussionsbedarf. Weiterhin sollte es Informationsveranstaltungen für Eltern (Elternforen) sowie einen Teamtag für die neuen sozialpädagogischen Fachkräfte geben. Folgender Handlungsplan wurde vereinbart:
08/06 Auftakt: Präsenztag mit dem bestehenden Kollegium 09/06 Steuergruppencoaching 11/06 Moderation von Konferenzen 12/06 Leitbildentwicklung 01/07 Elternforum1 für die Eltern der Schüler aus den Jahrgängen 1-3 01/07 Elternforum2 für die Eltern der ab Schuljahr 07/08 03/07 Leitbildentwicklung (Weiterführung): Planungstag 04/07 Elternforum3 : Infoveranstaltung zum Stand der Planungen 07/07 Teamtag mit den sozialpädagogischen Fachkräften 08/07 Abschluss: Präsenztag mit allen LehrerInnen und sozpäd. Fachkräften
Dazwischen fanden die verabredeten einzelnen Treffen mit SL zur Zwischenauswertung und Information statt.
Das Beratungsdesign
Das Beratungsdesign zu diesem Zeitpunkt weist folgende Komponenten auf:
- Auftakt, in dem es um die pädagogischen Inhalte, eine gemeinsame Vision, das Aufzeigen der Möglichkeiten in der gebundenen Form des Ganztags ging.
- Angebote für unterschiedliche Zielgruppen: Für jede einzelne Zielgruppe gibt es nach dem gemeinsamen Start zunächst spezifische Angebote, die dann wiederum einen gemeinsamen Abschluss, eine Zusammenführung erfahren.
o Schulleitung und Steuergruppe o Lehrerkollegium o Sozialpädagogische Fachkräfte o Eltern
- Handlungsplan, der sicherstellt, dass die einzelnen Maßnahmen sinnvoll und systematisch aufeinander bezogen sind.
- Prozessorientierung durch Rückmeldeschleifen, die Reflexion und ggf. Anpassung der einzelnen Bausteine sicherstellt.
- Zeitplan, der Durchführung und Zielerreichung terminiert.
In der Bewertung lässt sich feststellen: einige der besonderen Wertigkeiten einer externen Begleitung bei Schulentwicklungsprozessen zeigen sich hier deutlich: der Überblick über den Gesamtprozess, die Sicherstellung eines systematischen (und systemischen) Prozesses, ein fundiertes Feedback und Feedforward, alles das sind Ressourcen, die durch den „Blick von außen“ und die professionelle Distanz zum Geschehen (nicht unmittelbar verwickelt sein, alle Belange im Blick haben können etc. bei gleichzeitig hoher Empathie für die Abläufe und Bedarfe der Schule) zu Gute kommen. Im Planungsprozess und in der folgenden Durchführung zeigte sich, dass die BeraterInnen durch ihre eigenen Kompetenzen und regelmäßige Feedbackgespräche mit der Serviceagentur diese Prozessqualität sicher stellten.
Aus Sicht der Schulleitung haben sich als Erfahrung aus diesem Prozess für das eigene Steuerungsverhalten zwei Komponenten bewährt: zum einen das Beibehalten einer klaren Linie, die auch gegen Widerstände und Rückschläge nicht aufgeweicht wurde; zum zweiten der Hinweis auf bereits sichtbare Erfolge und Fortschritte, mit denen die KollegInnen überzeugt und motiviert werden konnten.
Durchführung
Präsenztag mit dem Kollegium Zur Vorbereitung auf den Präsenztag wurde vor den Ferien ein 30- seitiger Reader mit ausgewählten Texten zur GTS-Entwicklung verteilt mit der Bitte, diesen bis zum Präsenztag durchzulesen. Dieser Bitte wurde weitestgehend entsprochen. Diese „Hausaufgabe“ sollte die Teilnehmenden bereits im Vorfeld einstimmen auf die komplexe Thematik von Ganztagsschule, sodass die tatsächliche Veranstaltung auf eine zu große Input-Orientierung verzichten konnte. Die Bedeutung des Themas, das inhaltlich ernst genommen wurde durch diese „Theorie-Arbeit“, erfuhr eine Würdigung. Die 8-stündige Veranstaltung am Präsenztag nach dem Ferien war ihrer Anlage nach konsequent rhythmisiert: durch einen Wechsel von Input-, Arbeits-, Entspannungs-, und Reflektionsphasen sollten einige „Essentials“ ganztägigen Lernens für alle selbst konkret erfahrbar werden.
Entsprechend der Kenntnisse des Kollegiums wurden im Inputteil Beispiele gelungener Ganztagsschulen mit dem Film „Treibhäuser der Zukunft“ von Reinhard Kahl präsentiert. Die verschiedenen Bereiche von GTS wurden herausgearbeitet und systematisiert. Daraus entstanden drei Arbeitsgruppen:
- Räume/Mensa + Marketing
- Freizeit und Kooperationen im Stadtteil
- Veränderte Unterrichtspraxis und Rhythmisierung
Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen waren die Grundlagen für die Handlungspläne zur weiteren Umsetzung. Die Arbeitsatmosphäre war von Aufbruchsstimmung geprägt. Das Feedback am Ende des Tages war durchweg positiv. Es wurde vereinbart, dass die Arbeitsgruppen in der gleichen Besetzung weiterarbeiten, ihre Ergebnisse auf einer Konferenz vorgestellt und abgestimmt werden. Aus Sicht der BegleiterInnen war bei der konkreten Auswertung des Präsenztages als Erkenntnis neben den positiven Ergebnissen für die weitere Beratung wichtig
- In der Zeit zwischen dem Bekanntwerden der Umwandlungspläne und den Sommerferien hätten mehr Kollegiumsmitglieder an Besichtigungstouren zu anderen Bremer Ganztagsgrundschulen teilnehmen müssen, um einen besseren Kenntnisstand zu haben.
- In einem Fortbildungsplan hätten einzelne LehrerInnen (z.B. Steuergruppenmitglieder) sich ein Spezialwissen für einzelne Teilbereiche aneignen können, um noch mehr als „Experten“ die verschiedenen Arbeitsgruppen zu unterstützen.
- Die Arbeitsatmosphäre war insgesamt sehr produktiv. Bei dem Thema Arbeitszeiten wurde dann aber deutlich, dass sich der Arbeitsalltag für alle Kollegen verändert und ein Umdenken erfordert. Hier gab es die ersten, konkreten Beschwerden und Bedenken seitens einiger LehrerInnen, die die Bereitschaft, nach 14.00 Uhr noch zu unterrichten, nicht mitbrachten.
- An dem Thema Rhythmisierung muss unbedingt weitergearbeitet werden.
Aus Sicht der Schulleitung war es durch Arbeit der ProzessbegleiterInnen an diesem Tag gelungen, die Möglichkeiten von Ganztagsschule positiv deutlich zu machen und die KollegInnen zu motivieren. Als sehr entlastend für die Schulleitung ist hervorzuheben, dass andere Personen für den Ablauf des Tages, den Verlauf der Diskussionen, die Ergebnissicherung verantwortlich waren und auch den Input leisteten, so dass für die Schulleitung die Möglichkeit entsteht, inhaltlich Teil des Prozesses zu sein.
Für das Beratungsdesign bzw. die konkrete Gestaltung eines solchen Planungstages zeigt sich
- die Einstimmung durch die positiven Beispiele, die auf Grund der „Hausarbeit“ schon auf einen theoretischen Erfahrungshintergrund trafen,
- das aktive Arbeiten in einem rhythmisierten Design,
- das Vorbild des Beratungstandems (Mann/Frau, Schulnähe/ Überblickswissen) als sehr überzeugendes Beispiel für die Stärken von Teamarbeit,
- Ergebnisse, die konkret an den erarbeiteten Bedarfen orientierten und die Weiterarbeit sicherstellten –
sind zielführende und erfolgreiche Komponenten.
Steuergruppencoaching
Die Steuergruppe wurde bereits vor dem Diskussionsprozess um die GTS eingesetzt. Die Mitglieder sollten sich auf verschiedene Arbeitsgruppen aufteilen, diese Gruppen „am Laufen halten“ und die Ergebnisse kommunizieren. Fazit der BeraterInnen:
- Die Zusammensetzung der Steuergruppe orientierte sich hauptsächlich an den verfügbaren Zeitressourcen der Mitglieder (Vollzeit- oder ¾ Kräfte) und weniger an der verschiedenen Interessensschwerpunkten oder Strömungen.
- Eine Aufgabenklärung z.B. als Entlastung der SL bzw. als echtes Steuerinstrument erfolgte nicht.
- Die Mitglieder nahmen diese Aufgaben nur sehr begrenzt wahr. Die Einsetzung der Steuergruppe mit der Auswahl der Mitglieder und Festschreibung ihrer Funktionen hätte Teil des Beratungsprozesses sein müssen!
Die Schulleitung würde in der Rückschau mit den Erfahrungen nach einem Jahr bei der Wahl der Steuergruppenmitglieder ebenfalls andere Gesichtspunkte mitdenken. Auf der anderen Seite gilt es immer auch einen Weg zu finden, bei dem KollegInnen sich nicht zu belastet fühlen.
Es bestätigt sich die zentrale Bedeutung der Steuergruppe und es wird deutlich, dass Entscheidungen, die am Beginn eines Veränderungsprozesses getroffen werden, einen nachhaltigen Einfluss auf den Prozess haben. Für die Beratung kann das nur heißen, auf diese Relevanz hinzuweisen und Schulleitungen zu ermutigen, das Thema Steuergruppe sehr sorgfältig zu behandeln.
Moderation der Beschlusskonferenzen
In dieser Konferenz stellten die drei AGs ihre bisher gewonnenen Ergebnisse dem Plenum vor. In allen Gruppen besteht weiterhin dringender Handlungsbedarf. Die SL informierte zum Schluss das Kollegium über die vorgesehene Raumgestaltung und bauliche Veränderungen an der Schule. Dies löste bei Kollegen Widerstände und Unmut aus, da sie sich am Entscheidungsprozess nicht beteiligt fühlten. Durch die Moderation gab es den Raum, dass beide Seiten ihre Meinung äußern konnten, ohne sich sofort miteinander „zu verhaken“, wodurch die Spannung wieder sank und ein Weiterarbeiten möglich wurde. Durch die externe Moderation konnte das Problem, dass auf der Beziehungsebene vorhanden war, relativ gut gehandhabt werden und von den Sachfragen abgekoppelt werden. Das ist immer dann von besonderem Vorteil, wenn die Beteiligten normalerweise viele Rollen gleichzeitig erfüllen müssen. Die „Meta-Ebene“ der Moderation entlastet bei der Wahrnehmung der Rollen (Schulleitung, Steuergruppenmitglied, Personalvertretung o.ö.), bei der Ent-Koppelung von persönlichen und sachorientierten Konflikten und schlicht bei der Gewährleistung eines geordneten Gespächsverlaufs.
Leitbildentwicklung
Die Leitbildentwicklung wurde von einem externen Refenten (ein Experte für Corporate Identity) durchgeführt. Die Ergebnisse wurden im Schulprogramm eingearbeitet. Der Zeitpunkt für diese Tagesveranstaltung war aus Sicht der Schulleitung ausgesprochen günstig: das Erarbeiten eines Bildes der neuen Schule betonte Gemeinsamkeiten, ließ wieder erkennen, zu welchem Zweck die „Umbauten“ gemacht werden, hob die Sinnhaftigkeit des Prozesses für alle sichtbar wieder in den Vordergrund. Die Stimmung im Kollegium erfuhr erneut eine positive Wendung, die Motivation für die gemeinsame Schulentwicklung war wieder spürbar gestärkt.
Die Prozessbegleitung merkt zum Leitbildprozess dagegen eher kritisch an, er sei zu früh durchgeführt worden: die Phase, in der sich das Kollegium zu diesem Zeitpunkt befand, war von Suchbewegungen in Richtung Ganztag geprägt. Demzufolge sind die Leitgedanken, die sich in der Praxis von Ganztagsschulen einstellen, im Leitbild noch nicht ausreichend berücksichtigt. Für die Schulleitung bleibt auch in der Reflexion wichtig festzustellen, dass die AGs vor dem Leitbildworkshop ohne untereinander Austausch zu haben in die verschiedensten Richtungen arbeiteten . Zum Teil gab es auch innerhalb der AGs unterschiedlichste Vorstellungen. Vor diesem Hintergrund war das Leitbild und die Formulierung des Schulprogramms unverzichtbar – als gemeinsames „Dach“.
Elternforen
Die Schließung des Hortes war für einige Eltern Anlass, ihrem Ärger bei einer Beiratssitzung Luft zu machen. Die Informationsdefizite und Ängste bezüglich den Zielen, Bausteinen und Inhalten von Ganztagsschulen wurden im Elternforum 1 bearbeitet. Dazu war ein Elternvertreter einer anderen Bremer Ganztagsschule eingeladen. Mit einem Powerpointvortrag, der in abgewandelter Form auch beim Präsenztag zum Einsatz gekommen war, wurden die gröbsten Missverständnisse ausgeräumt. In diesem Forum saßen zumeist Eltern, deren Kinder ab dem kommenden Schuljahr in den additiven Bereich kamen. Ihre Erfahrungen mit dem Hort waren positiv. Ihre Befürchtungen waren, dass die schulische Betreuung schlechter sein werde als im Hort. In dieser Auffassung wurden sie von den HortmitarbeiterInnen, die der Ganztagsschule gegenüber aus persönlichen Gründen negativ eingestellt waren, unterstützt.
- Das Elternforum1 war eine Infoveranstaltung, wie alle Schulen sie für die zukünftigen Erstklasseneltern anbieten. Natürlich wurde auch hier der Hauptteil der Fragen auf die Ganztagselemente abgestellt.
Da Ganztagsschulen per se Anwahlschulen sind, ist es interessant, dass sich bei den verbindlichen Anmeldungen nur 6 Eltern des Schulbezirks gegen die GTS entschieden haben, jedoch 22 Kinder aus den benachbarten Schulbezirken speziell zur GTS angemeldet wurden.
- Das 2. Elternforum hat die Schule ohne Begleitung durchgeführt. Es diente der Darstellung des Standes der Entwicklung – vorgestellt wurden die Umbaupläne durch das Architekturbüro, SfB und GBI. Alle Elternforen wurden gut besucht. Es wurde sehr kontrovers – z.T. recht hitzig diskutiert.
Fazit der BeraterInnen: Trotz umfänglichen Informationen auf den Elternforen über die Ausgestaltung der Ganztagsschule kursierten in der Elternschaft auch nach dem Start immer wieder Gerüchte, die die Einstellungen gegenüber der Schule negativ beeinflussten. Es fehlte von Seiten der Schule regelmäßige Informationen über den Stand der Angebote, die Ausgestaltung der additiven Zeiten am Nachmittag, dem neuen Personal etc. Dies liegt zum Teil an der Überlastung der SL in dieser „heißen“ Organisationsphase, mangelnder Planbarkeit durch sich widersprechenden Aussagen der Behörde, sowie deutlicher Widerstände in der verfassten Elternschaft. Zwar waren Elternvertreter zu allen Sitzungen in der Vorbereitungszeit eingeladen, dies wurde aber nur sehr zögerlich wahrgenommen. Es wäre zu überlegen, ob eine Auftaktveranstaltung ähnlich der mit dem Kollegium nicht speziell für Eltern in einem für diese Gruppe entsprechendem Zeit- und Arbeitsrahmen hätte stattfinden müssen.
Die Schulleitung bewertet die Elternforen als ganz hervorragende Idee und ein absolut geeignetes Format zur Einbeziehung und Information von Eltern.
Teamtag mit den sozialpädagogischen Fachkräften
Aufgrund verschiedener Faktoren die nicht in der Verantwortung der Schule lagen, konnten die Einstellungen nicht frühzeitig genug erfolgen, so dass diese Veranstaltung ausfallen musste. Das eigentliche Ziel wäre ein erstes Kennenlernen und die Konstituierung als Team gewesen. Diese Ziele wurden dann in den Präsenztag mit dem Gesamtkollegium integriert.
Präsenztag mit dem Gesamtkollegium
Genau ein Jahr nach dem ersten Präsenztag, am ersten Schultag als Ganztagsschule, fand wieder eine ganztägige Fortbildungsveranstaltung statt. Das vorrangige Ziel dieses Tages war es, die neue Berufsgruppe der sozpäd. Fachkräfte im Kollegium zu integrieren. Die übliche Erfahrung an anderen GTS ist die Tatsache, dass einer der größten Konfliktpunkte in der Zusammenarbeit dieser beiden unterschiedlichen Berufsgruppen liegt. Zu Beginn des Tages war eine angespannte Atmosphäre zwischen allen Beteiligten spürbar. Die SL stand unter dem Druck, dass die Teamfindung stattfinden musste, die LehrerInnen sahen sich mit völlig neuen Arbeitsbedingungen konfrontiert und für die sozialpäd. Fachkräfte waren sowohl die KollegInnen als auch der Arbeitsplatz völlig neu. Zudem fand dieser Tag gegen den Widerstand vieler (Teilzeit-) KollegInnen auf Anweisung der Schulbehörde statt.
Um in dieser Schule ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen, wurde an den Urteilen und Vorurteilen gegenüber der anderen Berufsgruppe gearbeitet. Dieser Einstieg ermöglichte dreierlei:
- eigene (Vor-)Urteile konnten für beide Seiten offen gelegt werden
- statt verschwiegener Vorbehalte konnten eigene Befürchtungen und Erwartungen formuliert werden
- Parallelen in Urteilen und Befürchtungen verwiesen auf Gemeinsamkeiten und deuteten die Basis von gemeinsamer Arbeit zumindest an
Um ein gemeinsames Arbeiten nicht nur theoretisch zu beleuchten, wurde im Anschluss in 3 Gruppen an den Themen:
- Doppelbesetzungen
- Haus/Schulaufgaben
- Mittagessen/Mittagsband
gearbeitet. Entwicklung gemeinsamer Standards, persönliches Kennenlernen und Wahrnehmung unterschiedlicher Standpunkte und Herangehensweisen konnten so interprofessionell bearbeitet werden. Ein weiterer Punkt war die konkrete Teamfindung, welche Lehrkraft mit welcher sozpäd. Fachkraft zusammenarbeiten wird. Am Ende des Tages gab es durchaus ein kollektives Miteinander und die Jahrgangsteams hatten sich gefunden.
Fazit der BeraterInnen: Nach der Planung der Eckpunkte der Schulorganisation in den vorangegangenen Sitzungen stellte diese Veranstaltung den zentralen Baustein für die Entwicklung der Schule dar. Nach den Erfahrungen vieler Ganztagsschulen steht und fällt der Erfolg als GTS mit der Zusammenarbeit im Gesamtkollegium.
Für die Schulleitung bestätigt sich bei der Rückschau auf diesen Präsenztag, wie wichtig ein gewisses Beharrungsvermögen ist. Dazu sind verschiedene Aspekte erforderlich: die eigene Überzeugung, die eigene Linie, persönliche „Ankerpunkte“, die das Durchhalten erleichtern und nicht zuletzt die eigene Stärkung durch kollegialen Austausch, professionelles Feedback, Supervision, die Beratung mit erfahrenen SchulleiterInnen, die gleiche Ziele und Ideale haben und nicht zuletzt die Bestätigung durch sich einstellende Erfolge.
Informationstreffen mit der Schulleitung
Zwischen den einzelnen Veranstaltungen gab es einige Treffen mit der SL, um entweder die Veranstaltungen vorzubereiten oder weitere Informationen und Anregungen zu geben und um Veranstaltungen zu reflektieren. Dabei haben sich zwei Formen gezeigt: die erste waren bereits vereinbarte Treffen, die dem Feedback und der Nachsteuerung dienten; die zweite Form waren bedarfsabhängige, eher spontan zu Stande kommende „Nachbereitungstreffen“, die einem ad hoc-Bedarf Rechnung trugen. In welchem Ausmaß diese Treffen stattfinden, hängt stark von der Kapazität und Bereitschaft der ProzessbegleiterInnen ab; an dieser Stelle spielt der Kontrakt über Art und Umfang der Beratung eine große Rolle. Im Spannungsfeld zwischen schnell entstehenden und sich verändernden Bedarfen und einer klaren Beratungslinie, die den Überblick und die Distanz wahrt, gilt es auszuloten, wie diese Komponenten zu handhaben sind.
Fazit in der Gesamtschau: „Es ist richtig schön geworden – jetzt muss noch das Grün im Innenhof sprießen!“
Sicht der Begleiter: Die Schule verfügte über ein komplexes Paket an Unterstützung. Trotz schwieriger Startbedingungen und vielen Querelen im Kollegium ist die Begleitung erfolgreich gewesen, die Arbeitsweise und –inhalte waren passend. Die verabredeten Ziele sind umfassend erreicht worden.
Sicht der Schulleitung: Es gab drei „Knackpunkte“: die Beiratssitzung, das 1. Elternforum und eine Konferenzmoderation. An diesen Stellen hätte der Prozess ernsthaft kippen können. Durch die Prozessbegleitung wurden diese Klippen nicht nur erfolgreich umschifft, sondern konnten auch positiv gewendet werden. Die Leitbildarbeit mit einem anderen Zugang und einem anderen Experten bündelte noch einmal zu einem guten Zeitpunkt „lose Enden“, die Elternforen sind eine tolle Einrichtung für die Eltenbeteiligung. Die Entlastung durch die Externen, die Expertise aus anderen Ganztagsschulen und die Kontinuität der Unterstützung waren überaus hilfreich. „Mehr davon“ wäre noch schöner – als Wunsch formulierte die Schulleitung, es müsse für das erste Jahr GTS eine noch intensivere Prozessbegleitung möglich sein – neben anderen wünschenswerten Unterstützungsangeboten durch die Bildungsbehörde (Beratung bei Raumgestaltung, Planungssicherheit etc.).
Aus SAG – Sicht: Die begleitete Schule hatte, anders als viele Schulen, relativ viel Zeit, um die Planung zur Umgestaltung „aus einem Guß“ zu gestalten. Dadurch wurde es möglich, einen systematischen Unterstützungsprozess zu entwickeln, der in relativ kurzer Zeit sehr viele Komponenten umsetzen konnte. Durch den „Meta-Blick“ der ProzessbegleiterInnen wurde der Überblick und die Sinnhaftigkeit der einzelnen Komponenten immer wieder in Erinnerung gerufen. Gerade für die Schulleitung war dies eine zentrale Unterstützung. Für die Arbeit mit Kollegium und sozialpädagogischen Fachkräften hat sich als positiv herausgestellt, dass die ProzessbegleiterInnen
- ein „gemischtes Doppel“(Mann/Frau)
- selbst aus einer Ganztagsschule (Bremer Praxisbezug)
- unterschiedlicher Profession (PädagogIn / Berater)
waren. Das Arbeiten mit „Feedbackschleifen“ war wichtig für die Qualitätssicherung und Nachsteuerung. Bei der Prozessbegleitung ist unbedingt auf einen „sauberen Kontrakt“ zu achten, in dem der Umfang der Unterstützung, die vereinbarten Ziele , die Maßnahmen und die jeweiligen Verpflichtungen/Verantwortlichkeiten von allen festgelegt sind. Die ProzessbegleiterInnen begleiten den Prozess, sie sind nicht für die Schulentwicklung selbst verantwortlich – das obliegt der Schulleitung. Ein Schulleitungscoaching ist so gesehen ein unverzichtbarer Bestandteil von Prozessbegleitung im Zuge von Schulentwicklungsprozessen, der als solcher auch explizit definiert sein sollte.
Die Bedeutung einer gemeinsamen Vision von „guter Schule“ für alle mit der Ganztagsschule Befassten – die SchülerInnen, LehrerInnen, PädagogInnen, Eltern, außerschulische Partner – ist ein ganz wichtiger Faktor bei der Motivation und Sinnstiftung. Hier Zeit und „Input“ zu investieren, um mit allen ein gemeinsames Bild der künftigen Ganztagsschule zu entwickeln, lohnt wirklich. Das, was an dieser Stelle übergangen, ausgeblendet, verkürzt wird, zeigt sich in jedem Fall an anderer Stelle als „Baustelle“. Die unterschiedlichen ExpertInnen (Schulleitungen, LehrerInnnen, Externe etc) an der richtigen Stelle befragt, „mitgenommen“ sowie den Gesamtprozess systematisch und beweglich zugleich im Blick haben und gestalten – Zutaten für eine erfolgreiche Schulentwicklungsarbeit.
Datum: 13.03.2008 © www.ganztaegig-lernen.de
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