Lernen braucht Partizipation

In deutschen Schulen dominiert lehrerzentrierter, fragend entwickelnder und/oder vortragender Frontalunterricht. Diese Form des Unterrichts birgt Schwierigkeiten und Probleme. Ich hasse Frontalunterricht. Deswegen lerne ich auch nicht gerne. Allerdings machen mir kritische Statements als Hausaufgaben Spaß. Es sollten überhaupt mehr kritische Themen im Unterricht behandelt werden.
Frontalunterricht sucht Schüler auf dieselbe Weise anzusprechen und akzeptiert somit nicht unterschiedliche Denkweisen und Wissensstände der Schüler. Dies stellt hohe Anforderungen an die Schüler, die sich der Redens-, Denk- und Arbeitsweise der Lehrkraft anpassen und gleichzeitig Inhalteaufnehmen müssen. Sie müssen Durststrecken überwinden, in denen Dinge erklärt werden, die sie selbst schon verstanden haben und Phasen der Überforderung, in denen Dinge erklärt werden, die sie nur mit Mühe nachvollziehen können. Beides fordert Geduld oder Widerspruch.
Ob der hohe Aufwand lohnt, bleibt fraglich...
Diese Form des Unterrichts verlangt Disziplin, Anpassung und Unterordnung von Schülern. Denn zumindest, solange die Lehrkraft den Schülern nicht transparent macht, warum sie gerade was, wie erklärt, heißt es das Handeln der Lehrkraft zu akzeptieren und nicht zu stören. Auf Seiten der Lehrkräfte ist dies nicht anders. Vorträge, ob fragend entwickelnd oder reine Vorträge, bedürfen der Vorbereitung und eines Abgleichs mit der Zielgruppe, um Erfolge zu erzielen. Abgesehen von der Vorbereitung ist der Unterricht anstrengend für eine Lehrkraft. Sie steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, hat keinen Moment des Rückzugs. Sie muss den Inhalt des Unterrichts allein gestalten und für Aufmerksamkeit und Disziplin der Schüler sorgen.
Ob der hohe Aufwand lohnt, bleibt fraglich. Schüler können während der Vorträge problemlos abschalten, sich zurücklehnen und nichts mehr zum Unterricht beitragen oder mitnehmen. Dieses Verhalten wird durch Über- und Unterforderung erzeugt, die Unzufriedenheit mit dem Unterricht auslösen, weil Bedürfnisse nicht angesprochen werden.
Gleiches gilt für Lehrkräfte.
Fragend entwickelnder Unterricht lässt nur eine Überprüfung des Gelernten bei den wenigen zu Wort kommenden Schülern zu. Der Erfolg von Frontalunterricht wird meist zu hoch eingeschätzt. Dass Schüler doch nicht alles verstanden haben, was die Lehrkraft monologisiert hat, verdeutlicht der wiederkehrende Lehrersatz: „Aber ich habe das doch letzte Stunde alles schon erklärt.“ Es bleiben zwei Optionen, den Lernerfolg an dieser Stelle zu erhöhen: Entweder man erwartet von Schülern die Disziplin und von Lehrern die Belastungsfähigkeit, den Frontalunterricht erfolgreich zu machen, oder man ändert die Unterrichtsmethoden. Frontalunterricht wird schon durch seine Struktur niemals die mögliche individuelle Förderung von Schülern erreichen und ist Unterrichtsmethoden, bei denen Schüler aktiver mitwirken, unterlegen.
Die Unterscheidung zwischen partizipativen und nicht partizipativen Unterrichtsformen ist im Prinzip nicht möglich, da Mitwirkung von Schülern in jedem Unterricht stattfindet. Schließlich ist die bloße Anwesenheit schon eine Form der Teilhabe. Allerdings lassen sich qualitative und quantitative Unterschiede in der Mitarbeit von Schülern in unterschiedlichen Unterrichtsformen feststellen. Warum mehr Partizipation auch im Unterricht Sinn macht, möchten wir durch den Vergleich partizipativer Unterrichtsformen mit dem lehrerzentrierten, fragend entwickelnden und/oder vortragenden Frontalunterricht aufzeigen.
Was Schüler interessiert, wissen nur sie am besten.

Der erste mögliche Ansatzpunkt von Teilhabe am Unterricht ist bereits die Wahl von Inhalt und Methodik des Unterrichts. Sind die Inhalte des Unterrichtes so gewählt, dass sie Schüler interessieren, schafft dies eine grundsätzliche Lernmotivation für die Themen. Was Schüler interessiert, wissen nur sie am besten. Für Unterrichtsmethoden gilt dasselbe. Methoden, die bei den Schülern gut ankommen, haben auch die entsprechende Resonanz. Partizipation in der Schule meint nicht, dass Entscheidungen nur noch von Schülern, sondern auch mit den anderen Beteiligten getroffen werden. Folglich wird über Unterrichtsinhalte gemeinsam entschieden. In diesem Prozess kann die Lehrkraft ihre Position transparent machen und Verständnis für ihre Herangehensweise bei den Schülern erzeugen, was den Unterricht konfliktfreier werden lässt. Die Ziele einer Unterrichtseinheit werden offen gelegt und motivieren die Schüler. „Ich finde es toll, dass die Lehrer an unserer Schule mit sich reden lassen. Sie sollten allerdings noch mehr auf die Meinungen der Schüler eingehen“, meint Lina (17 Jahre) und wir schließen uns an.
Die Lehrkraft wird die eigene Position einbringen, diese mit Argumenten untermauern und Einfluss auf die Inhalte und Methoden nehmen. Dennoch sollte sie darauf achten, die Ansichten der Schüler zu akzeptieren und keinen Unterricht an den Schülern vorbei zu machen. Denn dies schafft Unzufriedenheit und Konfliktpotenzial und mindert die Lern- und Lehrmotivation der Beteiligten.
Die Lehrkraft hat den mit Abstand größten Gesprächsanteil ...
Der lehrerzentrierte, fragend entwickelnde und/oder vortragende Frontalunterricht lässt grundsätzlich nur eine geringe Partizipation der Schüler zu. Die Lehrkraft hat den mit Abstand größten Gesprächsanteil, die Mitwirkung der Schüler findet nur durch Zuhören, Stören oder Melden statt. Andere Unterrichtsmethoden ermöglichen und fordern mehr Beteiligung der Schüler. Dies hilft ihnen, Folgen des Frontalunterrichtes zu mildern oder gar aufzuheben. Durch stärkere Partizipation von Schülern sind nicht mehr Vorträge zu halten, die möglichst viele ansprechen. Die Schüler können selbstständig nach Wissensstand und Bedürfnissen Inhalte erarbeiten. Es werden andere Sozialkompetenzen im Umgang miteinander, Teamfähigkeit und eigenes Lernengagement gefordert. Dies sind sinnvolle Lernziele, deren Erfüllung in den meisten Bildungs-, Lehr- und Rahmenplänen und Schulgesetzen von Schule erwartet wird.
Partizipative Lernformen erlauben auf die individuelle Lernprozesse einzugehen, aber auch sich einen Gesamtüberblick zu verschaffen und den laufenden Prozess zu reflektieren. Eine Überprüfung des Gelernten findet in der Regel durch die Veröffentlichung der Ergebnisse von Arbeitsgruppen oder Individuen an die gesamte Lerngruppe oder durch die individuelle Reflektion des Gelernten statt. Beide Überprüfungen haben Vorteile gegenüber den Möglichkeiten des Frontalunterrichtes. Die Bekanntgabe der Ergebnisse in der Gruppe gibt individuellen Lernprozessen einen Wert, der über das Lernen für sich selbst hinausgeht. Gruppenarbeit ermöglicht, die verschiedenen Aspekte eines Themas oder weiterer Themen gleichzeitig behandeln und vertiefen zu können.
Außerdem lernen Schüler durch Präsentationen, sich selbst darzustellen (Selbstbewusstseinsstärkung) und Vorträge zu halten (Rhetorik und Visualisierung). Individuelle Reflektion beinhaltet eine konkrete Evaluation des Lernprozesses der einzelnen Schülergruppen. Stärken, Schwächen und Erfolge des Einzelnen werden sichtbar. Konzepte für partizipatives Lernen gibt es in der Didaktik zuhauf.
JUGENDLICHE GESTALTEN GANZTAGSSCHULE Sascha Monville, Benjamin Mosebach, Marc Schmieder ISBN 3-9810519-0-4
Datum: 25.03.2008 © www.ganztaegig-lernen.de
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