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Argumente für Ganztagsschule

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Auszüge aus der Handreichung zur Qualitätsentwicklung in Ganztagsangeboten niedersächsischer Ganztagsschulen

Seit 2003 ist in Niedersachsen eine große Anzahl von Halbtagsschulen in Ganztagsschulen umgewandelt worden. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig: Die Ergebnisse der PISAStudien, die zur Verfügung gestellten Mittel für Sachinvestitionen sowie die Intensivierung der Debatte um die Kinderbetreuung haben zu Diskussionsbeiträgen in den Schulen, bei den Erziehungsberechtigten und bei Schulträgern geführt.

In den Begründungen für den Wunsch, aus der bestehenden Halbtagsschule eine Ganztagsschule zu entwickeln, treten an den Schulstandorten unterschiedliche Argumentationslinien auf; dabei sind vier Hauptrichtungen auszumachen:

  1. Ein wesentliches Argument für den Weg von der Halbtagsschule zur Ganztagsschule ist der Hinweis auf die in der Ganztagsschule vermehrt zur Verfügung stehende Schulzeit. In dieser zusätzlichen Zeit wird die Chance gesehen, den Umfang schulischer Vermittlungsprozesse auszuweiten und auf diesem Wege die Ergebnisse schulischer Arbeit zu verbessern.

  2. Der Wunsch nach Umwandlung einer Halbtagsschule in eine Ganztagsschule wird an einzelnen Standorten auch mit der Vorstellung nach der Einführung einer neuen Lernkultur begründet. Aus dem Umwandlungsprozess und aus der zusätzlich zur Verfügung stehenden Zeit soll wirkliche Lernzeit werden und es soll die Entwicklung anderer Organisationsformen, Unterrichtsformen und Methoden erwachsen und in der Folge die Ergebnisse schulischer Arbeit erweitert und verbessert werden.

  3. Eine andere Argumentationslinie stellt sozial- bzw. familienpolitische Argumente in den Mittelpunkt; die Möglichkeit einer ganztägigen Betreuung von Kindern und Jugendlichen wird somit als eine Aufgabe der Gesellschaft beschrieben, die von der Schule wahrzunehmen sei. Die Notwendigkeit der ganztägigen Betreuung wird im Wesentlichen mit der Berufstätigkeit der Erziehungsberechtigten begründet.

  4. Eine Notwendigkeit der Einrichtung einer Ganztagsschule wird in dem Umstand gesehen, dass es Kinder und Jugendliche gibt, die Defizite z.B. im Lernen, im angemessenen Verhalten, in den Ernährungsgewohnheiten und insgesamt in der Bewältigung ihres Lebens haben. In diesem Zusammenhang werden Bevölkerungsgruppen oder Vertreter von Lebensformen genannt, deren Kindern allein durch die Zugehörigkeit zu der beschriebenen Gruppe erhebliche Defizite im Bereich des Lernens und des Verhaltens unterstellt werden und für die der Besuch einer Ganztagsschule somit dringend angeraten sei. Innerhalb dieser Argumentationslinie wird eine Ganztagsschule als staatliche Erziehungs- und Sozialisationsinstitution verstanden, mit deren Hilfe Fehlentwicklungen in allen Lebensfeldern bei Kindern und Jugendlichen begegnet werden könne und die somit einen gelungenen Familienersatz biete.
Qualitätsansprüche an die Ganztagsangebote

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Die Konzentration auf nur eine der genannten Argumentationslinien bei der Entwicklung des pädagogischen Konzeptes und bei seiner Umsetzung führt zu einer Verengung der Sichtweise auf die Möglichkeiten und Notwendigkeiten und hat eine einseitige Ausrichtung der Arbeit der Ganztagsschule, in der Folge eine mangelnde Akzeptanz und sogar ihr Scheitern zur Folge. Der Versuch, im pädagogischen Konzept und in der Arbeit der Ganztagsschule alle Ansprüche aus allen vier Argumentationslinien sogleich vom Start der Ganztagsschule zu erfüllen, muss zu einer Überforderung der Ganztagsschule und der darin arbeitenden Personen und auf diesem Wege auch zum Scheitern des Vorhabens führen.

Ein gelungenes pädagogisches Konzept einer Ganztagsschule enthält Elemente aus jeder der vier Argumentationslinien und wird gleichzeitig für den Einzelschulstandort ausgewählte, besonders bedeutsame Aspekte hervorheben und auf die Umsetzung der Ansprüche besonders eingehen. Aus der längeren Aufenthaltsdauer in der Schule erwächst für die Schule die Verantwortung, in dieser zusätzlichen Zeit qualitativ hochwertige Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen und auch festzulegen, in welchen Bereichen sie welchen Ansprüchen an die Ganztagsschule genügen will. Die zusätzlich in der Schule verbrachte Zeit muss für die Schülerinnen und Schüler zum Teil zu einer wirklichen Lernzeit werden und zu einem anderen Teil für Essen, Entspannung, Spiel und Kommunikation genutzt werden.

Befreiung von Zeitdruck

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Die zusätzliche Zeit steht nicht unter dem Zwang, in definierten Zeitabschnitten vorgegebene Ergebnisse des Lernprozesses für alle Schülerinnen und Schüler zu erreichen und in vielen Ganztagsschulen auch nicht unter dem Zwang zur Teilnahme. Aus dieser Situation ergeben sich besondere Chancen, aber auch besondere Verpflichtungen für die Gestaltung der Ganztagsangebote. Die Befreiung vom Zeitdruck und in vielen Ganztagsangeboten auch die Befreiung von der Verpflichtung, in gleichen Zeiteinheiten mit allen Schülerinnen und Schüler ein vergleichbares Lernergebnis zu erreichen, bietet die Chance, eine begabungsgerechte und individuelle Lernentwicklung der Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken.

Im Rahmen von individuell gestalteten Lernprozessen können Schülerinnen und Schüler die Verantwortung für den Lernprozess und für das Ergebnis dieses Prozesses übernehmen und auf diesem Wege Erfolge erleben und Motivation für den nächsten Lernschritt aufbauen. Die gewonnene Zeit kann genutzt werden, um Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern und Eltern Gelegenheit zu geben, gemeinsam die Verantwortung für den Zuwachs und die Sicherung der Ergebnisse der Lernprozesse zu übernehmen. Die Übernahme einer gemeinsamen Verantwortung erfordert für jeden Verantwortungspartner eine Reflexion seiner Anteile an der Gesamtverantwortung und stärkt damit die Arbeit der Schule über die Ganztagsangebote hinaus.

Ganztagsschulen bieten neue Lernkultur

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Eine zusätzliche Chance für die Entwicklung einer veränderten Lernkultur durch die Ganztagsangebote liegt in einer in vielen Angeboten verwirklichten Freiheit zur Auswahl von Inhalten. Ganz besonders die Ganztagsschule mit ihren zeitlichen Freiräumen soll ein Ort für Lernprozesse sein, bei denen die Kinder und Jugendlichen auswählen können. Auswählen aus Angeboten unterschiedlicher Personen, unterschiedlicher Institutionen und aus unterschiedlichen inhaltlichen Ausrichtungen. Die Ganztagsschule kann ein Raum sein, in den das Leben mit seiner Vielfalt eintritt und in dem die Schülerinnen und Schüler individuelle Lernerfahrungen im sozialen und im inhaltlichen Bereich erleben können. Die Ganztagsschule kann Gelegenheiten bieten, die bei Kindern vorhandene Neugier zufrieden zu stellen und sie muss dazu beitragen, dass Kinder, denen die Neugier abhanden gekommen ist, wieder wissensdurstig werden. Außerschulische Partnersind in besonderer Weise geeignet, den Gedanken der Individualisierung des Lernprozesses in die Schule zu tragen, weil der Gedanke des "kollektiven, gleichschrittigen" Lernens und Arbeitens in anderen Lebensbereichen als dem der Schule nicht ausgeprägt ist.

Vor dem Hintergrund dieser grundsätzlichen Gedanken ist die Errichtung von Schulen, die in sehr großem Umfang mit außerschulischen Kooperationspartnern zusammen arbeiten, nicht in erster Linie ein preiswertes Modell der Ganztagsschule, sondern auch ein Modell der Veränderung der Lernkultur. Wesentlich ist, dass die Partner Inhalte einbringen, die über den üblichen Lernstoff der Schule hinausreichen. Die Kinder haben somit Gelegenheiten zu individueller Entfaltung in den Bereichen, in denen sie stark sind und zu neuen Einsichten und Lernergebnissen in den Feldern, in denen sie Schwächen verspüren.

In der zusätzlichen Zeit, die Schülerinnen und Schüler in der Ganztagsschule verbringen, liegen neben den Chancen auch neue Verpflichtungen für die Schule. Die Freiwilligkeit der Teilnahme der Schülerinnen und Schüler an zusätzlichen Angeboten, die wesentlich vergrößerte Möglichkeit einer Auswahl der Inhalte und die Befreiung von Zeitdruck bei der Gestaltung des Lernens verändern die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer und die der Schülerinnen und Schüler im Lernprozess. Lehrerinnen und Lehrer unterbreiten zusätzliche Lernangebote, die von den Schülerinnen und Schülern angenommen werden können, aber nicht angenommen werden müssen. In freiwillig von Schülerinnen und Schülern angenommenen Lernangeboten muss zwischen den Beteiligten ein Konsens über die Sinnhaftigkeit des gemeinsamen Handelns erzeugt werden, damit das gemeinsame Vorhaben zu einem Ziel gelangen kann, das von allen akzeptiert worden ist. Innerhalb des Prozesses bedarf es immer wieder der Vergewisserung über das gemeinsame Ziel oder der gemeinsamen Veränderung der Zielvorstellungen. Diese Situation weicht von der im Pflichtunterricht ab, ist daher an vielen Schulen neu und bedarf daher der besonderen Aufmerksamkeit.

Anspruch auf Gesundheit

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In der neuen Situation liegt gleichzeitig die Möglichkeit, Ergebnisse und Erfahrungen mit diesen Verfahren der gegenseitigen Vergewisserung über die Zielvorstellungen des gemeinsamen Handelns auch auf Unterrichtssituationen des Pflichtunterrichts zu übertragen. Kinder und Jugendliche erleben die Ganztagsschule nicht nur in der Rolle der Lernenden, sondern sie verbringen die zusätzliche Zeit in der Schule als Persönlichkeiten mit dem berechtigten Anspruch auf Gesundheit. Diese ist dabei umfassend und ganzheitlich zu definieren als ein Zustand, in dem man sich physisch, geistig und sozial völlig wohl fühlt. Die daraus abzuleitenden Aufenthaltsbedingungen haben in der Ganztagsschule eine weit größere Bedeutung als in der
Halbtagsschule; der Schule und dem Schulträger erwachsen aus den berechtigten Ansprüchen besondere Aufgaben, denen in den einzelnen Ganztagsschulen in standortgerechter und altersgerechter Form zu entsprechen sind. Die Ganztagsangebote müssen einen Beitrag dazu leisten, den Akteuren – dazu gehören Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, das nichtlehrende Schulpersonal und die Eltern – ein hohes Maß an Verantwortung über ihre Gesundheit im oben beschriebenen Sinne zu ermöglichen und sie damit zu stärken.

Die Bedeutung der Ganztagsschulentwicklung und der Bezug zum Niedersächischen Orientierungsrahmen für Schulentwicklung verdeutlicht das nachfolgende Dokument. Als aktuelle Diskussionsgrundlage, die den Orientierungsrahmen um ganztagsspezifische Beispiele erweitert, haben wir dieses Dokument als Eröffnung einer Reihe von Veröffentlichungen und Dokumentationen gewählt, die die Ganztagsentwicklung fördern soll.

Qualität in Ganztagsangeboten niedersächsischer Ganztagsschulen

Datum: 29.03.2008
© www.ganztaegig-lernen.de



Themen
Praxis & Materialien
Serviceagenturen
Schulentwicklung

 

Wie gelingt Qualität in Ganztagsschulen?
Was müssen gute Ganztagsschulen können? Das Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung arbeitet an einem Qualitätsrahmen, der bundesweit für Ganztagsschulen relevant sein soll. von Ralf Augsburg öffnen


Vorläufiger Qualitätsrahmen
für Ganztagsschulen

Entwurf der IFS-Werkstatt
„Entwicklung und Organisation von Ganztagsschulen“
für den Dialog mit Praxisexpertinnen und Praxisexperten
März 2007 öffnen



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Gründe für die Ganztagsschule

Ganztagsschulen als Haus des Lernens – Kinder und Jugendliche benötigen ein Mehr an pädagogisch gestalteter Lernzeit, Anregung und Förderung sowie Gelegenheiten für soziales Lernen und psychosoziale Zuwendung. Prof. Heinz-Günther Holtappels
öffnen

 Interessant für die Länder

Qualitätsentwicklung in den Ländern

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Durch Mitwirkung der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung konnten aus Materialien der Kultusministerien der Länder und durch das Wissen der Mitarbeiter der Serviceagenturen  länderspezifische Qualitätsrahmen für Ganztagsschulen entwickelt werden. öffnen